OGOTTOGOTT - Wie glaubt man und wenn ja, warum?

Ups – Gott ist weg! Jan-Christof Scheibe ist der Glaube abhanden gekommen und er vermisst ihn. Also sucht er nach Wegen aus seiner religiösen Beziehungskrise. Aber wer kennt eigentlich den Weg zum großen Boss? Die Pfarrerin, der Guru, der Tauchlehrer oder doch Google-Plus? Als Stuntman des Glaubens stellt sich Scheibe seinen Zweifeln am Nichtglauben und stürzt sich in die Abgründe der Weltreligionen. Kein Pilgerpfad ist seinem scharfen Verstand zu schmal, kein Beichtstuhl seinem Witz zu heiß. Ein Buch über den sinnlosen Sinn der spannenden Suche nach Gott – kompakt, kenntnisreich, nachdenklich und überaus witzig.

Jan-Christof Scheibes Bühnenprogramm OGODDOGODD erhielt begeisterte Kritiken

OGOTTOGOTT, GOTT IST WEG!

Ich habe da diesen alten Kumpel. Wir zwei kennen uns
schon seit Ewigkeiten, meine ersten Erinnerungen an
ihn reichen tatsächlich zurück bis in den Kindergarten.
Und irgendwie war er immer da, wenn ich ihn brauchte.
Oft hat er mir geholfen, wenn es Krisen gab, zuletzt
beim Tod meines Vaters. Gar nicht unbedingt mit neunmalklugen
Ratschlägen, eher durch seine Präsenz und
die Fähigkeit zuzuhören. Ich konnte mich auf ihn verlassen,
er war irgendwie immer dabei. Auch wenn es was
zu feiern gab, wie die Geburt meiner Tochter. Zugegeben:
Manchmal war er auch wochenlang gar nicht zu erreichen,
hatte nicht mal die Mailbox an. Aber plötzlich
lief man sich zufällig wieder über den Weg. Oft haben
wir einfach nur so dagesessen, an der Elbe, mit einem
Glas Wein in der Hand, haben ins Wasser geguckt oder
in den Sternenhimmel und Fragen an das Universum
gestellt. Aber in letzter Zeit erreiche ich ihn leider irgendwie
gar nicht mehr. Die alte Nummer scheint jedenfalls
nicht mehr zu stimmen. Und jetzt: Wo finde
ich ihn? Vielleicht mit einer Kontaktanzeige?
»Nicht mehr ganz junger Mann, 54, Sternzeichen
Löwe, sucht einen alten Freund. Er hieß
Gott, oder so. Erinnere mich nicht an sein Aussehen,
aber an eine gute Zeit und beiderseitige
Zuneigung. Zu mir: Ich bin gerade ein wenig
orientierungslos. Und auch nicht sicher, ob ich
eine feste Bindung wirklich wieder will. Aber ich
schließe das bei gegenseitiger Sympathie nicht
grundsätzlich aus.«
Ja, so ist das: Ich wollte mich nach längerer Zeit mal
wieder bei IHM melden und musste leider feststellen:
ER ist nicht mehr da! Gott, das war für mich lange Zeit
wie meine Haftpflichtversicherung: Beide habe ich in
meinem Leben bisher nie ernsthaft in Anspruch genommen,
aber es war trotzdem unglaublich beruhigend
zu wissen, dass sie da sind. Für alle Fälle.
Die Haftpflichtversicherung habe ich noch. Aber IHN
habe ich anscheinend irgendwo verloren auf dem Weg
zum Erwachsenwerden. Ich habe leider überhaupt keinen
Draht mehr zu IHM! Religion funktioniert augenscheinlich
nicht wie die Mitgliedschaft beim ADAC: Wagen
springt nicht an, kurzes Telefonat und wenig später
schwebt ein Gelber Engel zu dir herab, um dir Starthilfe
zu geben. Ich scheitere schon beim spirituellen Anruf!

ABER JETZT FEHLT MIR ETWAS.

WARUM ICH IHN ZURÜCK HABEN W ILL

Glauben »funktioniert« –
Vom Osterhasen-Prinzip des Lebens
Glauben ist eine Fähigkeit! Das kann nicht jeder. Glaube
ist eine Begabung, so wie die Kunst, mit der Zunge eine
Rolle zu machen. Ich hätte sie gerne, diese Fähigkeit. Ich
beneide Menschen, die buchstabengetreu das glauben
können, was in der Bibel steht: dass Moses das Rote
Meer geteilt hat, Jesus vom Heiligen Geist in die Jungfrau
Maria eingepflanzt wurde usw.
Ich würde schon gerne glauben, mein Problem ist:
Ich benutze ab und zu ... mein Gehirn! Und um im Gehirn
Platz für den Glauben zu haben, muss man andere
Dinge ausblenden! Zum Beispiel die Realität. Manche
können das. Die können einfach mal nicht denken und
Spaß haben. Dann gehen die aufs Oktoberfest, stellen
sich auf die Bierbänke und gröhlen: »So ein Taaaag, so
wunderschöööön wie heuteeee«, »10 nackte Friseusen«
oder »Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer«. Das muss
schön sein und wahnsinnig entspannend, wenn man
das kann, den quengeligen Hirni einfach mal an der
Garderobe abzugeben. Falls er mich zum Beispiel mal
wieder bei meinem Sexgenuss stört. Denn ich bin zwar
nicht Albert Einstein, aber für richtig sensationellen,
ausdauernden Sex dann wahrscheinlich doch tendenziell
etwas zu hirnbetont. Und für richtig sensationellen,
ausdauernden Glauben anscheinend leider auch!

Was ich extrem bedauerlich finde, denn: Glauben funktioniert!
... glaube ich. Nicht unbedingt in der Form,
dass da oben eine göttliche Instanz sitzt, die Gebete
erhört oder wegen Formfehlern ablehnt, die Lizenzen
für den Eintritt ins Paradies vergibt oder den Antragsteller
in die Hölle abschiebt. Nein, was ich meine ist:
Glauben funktioniert als das Prinzip einer positiven Affirmation.
Ich bin der festen Überzeugung, dass Gebete
tatsächlich einen guten Einfluss auf das Leben haben.
Weil sie das Bild einer positiven Wendung, einer Lösung
für ein bestehendes Problem entwerfen – auch wenn
die Abwicklung der Angelegenheit danach an eine höhere
Instanz abgegeben wird, und die Verantwortung
somit nicht mehr in den Händen des Betenden liegt.
Aber das Prinzip scheint zu funktionieren. Bilder oder
Vorstellungen in unseren Köpfen können sogar körperliche
Reaktionen hervorrufen! Spitzensportler gehen
– von Mentaltrainern geschult – ihre spezifischen Bewegungsabläufe
vor jedem Wettkampf im Kopf mehrfach
durch, und diese Methode hat in den Muskeln spür- und
nachweisbare Effekte.
Gehirnforscher haben darüber hinaus festgestellt, dass
unser Gehirn länger braucht, einen Satz zu verstehen,
wenn darin eine Negation vorkommt. Ein Satz wie:
»Ich möchte auf keinen Fall die schwere Abschlussprüfung
nicht bestehen« verwirrt unser Unterbewusstsein.
Wenn ich aber stattdessen sage: »Ich sehe mich
selber, wie ich diese Prüfung bestehe«, dann wird man
mit einer gewissen Sicherheit und ohne Selbstzweifel
in die Sache hinein gehen. Coaches verdienen sich mit
sogenannten »Motivationsseminaren« eine goldene
Nase. Ein Gebet ist im Prinzip nichts anderes. Nur viel
billiger. Okay, wenn man von der Kirchensteuer mal
absieht. »Lieber Gott, gib, dass ...«, und dann formuliert
man, wie man es gerne hätte. Das positive Bild,
die Lösung des Problems entsteht im eigenen Kopf
und hat daraufhin im wahren Leben auch eher eine
Chance.

Ein weiteres Argument für Glauben ist: Er macht das
Leben leichter! Ich persönlich bin geneigt, hinter der
Entstehung der Welt und des Lebens tatsächlich einen
Sinn zu vermuten und eine schöpferische Kraft. Egal ob
es sich hierbei jetzt um eine Wesenheit wie Gott handelt,
was immer man darunter genau verstehen mag
oder nur um ein freundliches und grundsätzlich Leben
bejahendes Prinzip. Mir geht es auf jeden Fall besser
damit, wenn ich erst einmal vom Positiven ausgehe.
Zum Beispiel davon, dass unsere Welt und all das bunte
Leben darin nicht durch einen Zufall entstanden, sondern
im übertragenen Sinne »gewollt« ist. Was bedeuten
würde, dass wir Menschen eben »Wunschkinder«
sind und nicht nur ein kleines ungewolltes Malheur
nach einem kosmischen One-Night-Stand.

Das heißt jetzt nicht, dass man wieder an den Weihnachtsmann
glauben soll oder an den Osterhasen. Aber
an das »Osterhasen-Prinzip«! Und das geht wie folgt:
Begegne dem Leben positiv, betrachte es als Geschenk!
Gehe einfach mal davon aus, dass an jedem Tag irgendwo
tatsächlich etwas Schönes für dich versteckt
sein könnte! Indem du sozusagen an den »kosmischen
Osterhasen« glaubst und dich dadurch auf einer permanenten
Eiersuche befindest.

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