Unerhört romantisch! Eine Liebesgeschichte in Rom

Letty hat für ihr zartes Alter schon viel durchgemacht, als sie London verlässt und in die Heimatstadt ihrer Großmutter flieht. Auch Alf ist als Fremder in Rom gestrandet und lebt ziellos in den Tag hinein. In der lauten und leidenschaftlichen Stadt begegnen sich die beiden im Italienischkurs und können die Augen nicht voneinander lassen. Sie ist zerbrechlich und still, er lebhaft und selbstbewusst. Auch wenn sie eine Muttersprache teilen, fehlen ihnen die richtigen Worte füreinander. Erst im Tanz findet das ungleiche Paar eine Sprache, die es verbindet. Doch bevor sich ihre Liebe entfalten kann, werden beide von dem eingeholt, was sie hinter sich lassen wollten.

Jetzt bestellen:

Paperback
eBook
Hörbuch CD (gek.)
Hörbuch Download (gek.)
€ 16,00 [D] inkl. MwSt. | € 16,50 [A] | CHF 22,90* (* empf. VK-Preis)
€ 12,99 [D] inkl. MwSt. | € 12,99 [A] | CHF 16,00* (* empf. VK-Preis)
€ 16,00 [D]* inkl. MwSt. | € 16,50 [A]* | CHF 22,90* (* empf. VK-Preis)
€ 10,95 [D]* inkl. MwSt. | € 10,95 [A]* (* empf. VK-Preis)

»Only you« - die LESEPROBE

ALF


Alf lebt mittlerweile seit fast einem halben Jahr in Rom, doch die Art, wie die Sonne auch die schäbigsten Gebäude erstrahlen lässt, hebt noch immer seine Laune. Er ist auf dem Weg zur Sprachenschule, doch er schlendert gern an Orten vorbei, die schon in einer Stunde von Touristenmassen überfüllt sein würden. Es kommt ihm vor wie ein Privileg, als befände er sich allein in einem Freizeitpark. Erst der lange, langsame Anstieg durch die schicke Wohngegend, bis die Straße auf eine riesige vertrocknete Grasfläche trifft, den Circus Maximus. Dann eine von Bäumen gesäumte Straße zwischen Palatin und Caelius, zwei der sieben Hügel Roms, hinauf. Und plötzlich steht man vor dem Kolosseum. Es erstaunt ihn immer wieder, dass das Gebäude einfach so dasteht, so berühmt, dass es unmöglich real sein kann. Gold vor Blau. Im Morgenlicht sind die Farben so klar und leuchtend wie auf den Postkarten an den Souvenirständen, die gerade ihr Tagesgeschäft beginnen. Er macht ein Foto und postet es auf Instagram mit dem Gruß: Buongiorno! #Roma #Rom #colosseo #bella #schön.

Alf scrollt durch seinen Feed und hält inne, als er ein Foto von seinen breit lächelnden Großeltern entdeckt. Cheryl, seine Großmutter, trägt eines ihrer alten Turnierkleider, die Alf stets an einen Cupcake erinnern, denn die vielen Tüllschichten lassen den Rock von allein stehen, auch ohne dass Cheryl in ihm steckt. Das Kleid ist leuchtend pink, das Mieder mit silbernen Paillettenwirbeln verziert. Sein Großvater Chris trägt einen weißen Frack mit weißer Krawatte. Die Unterschrift lautet: Hört nicht auf zu tanzen! #langsamerfoxtrott #niezualtzumtanzen.

Alf ist noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff gewesen, aber er weiß, dass man dort in Kabinen wohnt. Tausende davon sind wie in einem Wohnblock übereinandergestapelt. Unvorstellbar, dass es dort einen Schrank gibt, der ausreichend Platz für solche Tanzkostüme bietet. Die anderen älteren Herrschaften, die ihren Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff verbringen und sich nichts ahnend für ein kleines Tänzchen auf die Tanzfläche wagen, tun ihm leid, denn sie haben das Pech, mit Cheryl auf demselben Schiff zu reisen. Mit ihrem Kleid fegt sie raschelnd jeden nicht perfekt koordinierten Tänzer aus dem Weg und kann es sich dabei nicht verkneifen, im Vorbeiwirbeln auch noch Anweisungen zu erteilen. »Lassen Sie den Mann führen!« »Halten Sie den Kopf hoch, nicht wie eine welke Blume in der Vase!«

Alf »likt« das Foto, ohne zu wissen, ob seine Großmutter sich freuen oder ärgern wird. Sieht sie sich seine Posts überhaupt jemals an? Sie »likt« sie nie. Wahrscheinlich fürchtet sie, ihm damit so etwas wie Zustimmung zu signalisieren.

Wie wohl das Wetter in Blackpool ist? Wenn er an zu Hause denkt, sieht er jedes Mal die Promenade vor sich, auf die der Regen niederprasselt. Das Wasser zinnfarben, die Wolken so grau, dass man kaum sagen kann, wo der Himmel aufhört und das Meer anfängt. Doch das liegt nur daran, dass am Tag seiner Abreise genauso ein Wetter war. Wenn die Sonne scheint, ist Blackpool so schön wie jede andere Stadt.
Doch nicht so schön wie Rom. Was er an Rom liebt, sind die Überraschungsmomente. Man geht durch eine Straße – ganz hübsch, aber nichts Besonderes –, und dann steht dort auf einmal eine Kirche mit Turm und Ziegeldach, so alt, dass sie aussieht wie aus einem Filmset. Oder eine Mauer aus unzähligen schmalen Ziegelsteinen, die lange vor der Erfindung moderner Technik gebaut wurde und dort seit zweitausend Jahren steht.

Als er sich einen Weg durch die mit Kopfstein gepflasterten Straßen des Monti sucht, um dem Verkehr auf der Hauptstraße zu entgehen, lockt ihn aus jeder Bar der Duft von frischem Espresso, aber er muss pünktlich sein. Vor Unterrichtsbeginn muss man einen Sprachtest absolvieren, anschließend wird man einer Klasse zugeteilt. Man muss nichts schreiben, nur das richtige Kästchen ankreuzen, hat ihm die nette Empfangsdame versichert, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.

Hinter ihm hupt jemand, um ihn von der Straße zu scheuchen, und ein alter Fiat Cinquecento fährt vorbei. Der knatternde Motor klingt wie ein Moped, als er den Berg hinauffährt. Aus dem Radio tönt Pharrell Williams’ »Happy« – ein fröhlicher Start in den Tag. Jive, denkt Alf, und seine Füße zucken automatisch im Takt, bis der Wagen nach rechts abbiegt und die Musik sich entfernt.

Alf hat keine Ahnung von italienischer Grammatik, darum kreuzt er in dem Multiple-Choice-Test einfach an, was sich für ihn am besten anhört. Anschließend schickt man ihn zum Leiter der Schule, der seine mündlichen Sprachkenntnisse testet. Die Tür zum Büro ist geschlossen. Drinnen hört er, wie ein Mann langsam auf Italienisch Fragen stellt und eine Frau leise und zögerlich antwortet. Dann wird ein Stuhl zurückgeschoben, und schneller als erwartet geht die Tür auf, und die junge Frau, die herauskommt, starrt Alf an, als hätte er gelauscht.

Dass sie atemberaubend schön ist und mit nach außen gerichteten Fußspitzen wie eine Tänzerin auf die Treppe zugeht, bringt ihn nur noch mehr aus dem Konzept.

»Buongiorno!« Der Direktor winkt ihn in sein Büro.

Nach Alfs Erfahrung besteht die italienische Kommunikation vor allem aus Gesten. Er hat Italiener dabei beobachtet, wie sie sich unterhalten. Selbst wenn sie allein am Handy sprechen, bewegen sie die Hand, um eine Aussage zu unterstreichen oder ihre Überraschung oder Verzweiflung zum Ausdruck zu bringen. Sally und Mike, mit denen er sich eine Wohnung teilt, sind schon deutlich länger in Rom als er und sprechen viel besser Italienisch, doch es ist Alf, der immer für seine Sprachkenntnisse gelobt wird, weil er seinen Körper einsetzt. Der Schuldirektor ist weniger beeindruckt. Alfs Aussprache gefällt ihm zwar, aber Grammatikkenntnisse sind so gut wie gar nicht vorhanden. Er reicht ihm ein Papier mit der Nummer eines Klassenzimmers ganz oben im Gebäude.

In der Klasse sind noch sieben andere Schüler. Sechs von ihnen versuchen gerade, sich mit den wenigen Brocken Italienisch, die sie schon können, zu unterhalten. Die junge Frau, die er unten gesehen hat, sitzt allein und konzentriert sich auf ein Wörterbuch Italienisch-Englisch. Sie trägt ein langärmeliges graues T-Shirt, das zwei- oder dreihundert Pfund gekostet haben könnte, denn an ihr würde auch der billigste Fummel elegant aussehen, und zerrissene Jeans. Doch anders als bei den Mädchen zu Hause, bei denen das weiße Fleisch durch die Löcher quillt, sitzt die Hose bei ihr locker und wird nur von ihren Hüftknochen gehalten. Die Risse gewähren Blicke auf die schlanken nackten Beine darunter.

Der einzige noch freie Platz ist der neben ihr. Als Alf sich auf den Stuhl setzt, rückt sie ihren etwas ab.
Die Lehrerin heißt Susanna und hält vier schmale goldfarbene Bändchen hoch, mit denen ein pasticcerie die Tabletts voll winziger Törtchen umwickelt, die die Italiener sonntags mit zum Essen bei ihren Familien nehmen. Sie hält sie in der Mitte fest und bedeutet den Schülern, nach vorn zu kommen und sich jeder ein Ende zu nehmen, dann lässt sie los. Nun halten je zwei Schüler zusammen ein Band.

»Introduzioni!«, verkündet sie und zeigt auf ein paar italienische Begrüßungen, die sie aufs Whiteboard geschrieben hat.
Die Paare halten brav ihre Bändchen in den Händen und lächeln unsicher, bis Alf das Schweigen bricht.
»Ciao!«, sagt er zu der schönen jungen Frau, die er erfreulicherweise erwischt hat. »Come ti chiami?« Als hätte er ihnen damit die Erlaubnis erteilt, geraten die anderen nun ebenfalls in Bewegung, wiederholen seinen Gruß, und mit leichtem Hüsteln und beschämtem Lachen erwacht der Klassenraum zum Leben.

»Mi chiamo Letty«, antwortet die junge Frau.
»Kurzform von Violet«, erklärt sie.
»Piacere«, sagt er.
»Come ti chiami?« , fragt sie ihn.
»Alf«, sagt er. »Einfach Alf.«
Sie fragt, woher er komme.
»Inghilterra«, antwortet er.
»Zwei Engländer! Keine gute Idee!«, schaltet sich die Lehrerin ein und fordert sie auf, die Partner zu wechseln.


LETTY


Sie sind zu acht in der Klasse und wechseln weiter die Partner, bis jeder jeden kennengelernt hat. Masakasu ist Japaner, Paola und Carla kommen aus Kolumbien, Jo ist Norweger, Angela Österreicherin, Heidi ist aus der Schweiz und Alf aus England. Seinem Akzent nach zu urteilen, stammt er aus dem Norden.

Letty fragt sich, ob ihr Italienisch jemals flüssig genug sein wird, um herauszufinden, was diese ungleichen Menschen wie Strandgut in diesem dunklen Klassenzimmer zusammengetrieben hat – in einer quasi leeren Sprachenschule im April in Rom. Welche Geschichten haben sie hergeführt? Und werden sie ihre erfahren wollen? Wenn ja, was soll sie ihnen erzählen? Wenn sie wollte, könnte sie eine völlig andere Version von sich erschaffen.

Letty sieht zum Fenster. Der strahlende Sonnenschein, der noch nicht den Weg ins Klassenzimmer gefunden hat, lässt die Aussicht wie eine Postkarte wirken: ein Flecken violetter Bougainvillea, geometrisch angeordnete schräge Terrakottadächer und kugelförmige grünschwarze Baumkronen. Ein klarer blauer Himmel.
Ich bin in Rom, denkt sie. Hier kenne ich niemanden, und niemand kennt mich.
Sie sieht, dass sie das goldene Band unbewusst wie einen Ring um ihren Finger gelegt hat. Die Lehrerin spielt ihnen eine Aufnahme von Italienern vor, die sich gegenseitig nach der Telefonnummer fragen. Die Schüler müssen mit ihrem Sitznachbarn abgleichen, was sie verstanden haben.

Letty tauscht sich mit Heidi aus, einer freundlichen Schweizerin in den Dreißigern. Werden sie gleich wohl auch üben müssen, sich gegenseitig nach ihren Kontaktdaten zu fragen? Letty hat ein neues Telefon, einen neuen Vertrag. Die einzigen Kontakte darin sind die ihrer Familie. Sie ist sich noch nicht einmal sicher, ob sie ihre Nummer schon auswendig kennt und ob sie sie überhaupt weitergeben will. Sie könnte sich einfach eine ausdenken.

Doch sich etwas auszudenken kann die Dinge kompliziert machen.

Als die Gruppe in der morgendlichen Kaffeepause das kreisförmige Treppenhaus hinunterschlendert, zieht aus dem Café im Untergeschoss der Duft frischer Backwaren herauf.

Letty bestellt sich einen Cappuccino, sieht jedoch zuerst auf ihre Armbanduhr, denn ihre Großmutter Marina hat ihr auf ihre typisch bestimmte Art erklärt, dass kein Italiener nach zwölf Uhr noch seinen Kaffee mit Milch trinke. Ragù – bei ihnen zu Hause nie »Bolognese« genannt – muss drei Stunden vor sich hin köcheln und wird mit Tagliatelle serviert, nicht mit Spaghetti. Käse und Fisch passen nicht zusammen.

Sie sieht, dass ihre Klasse sich nach Geschlechtern aufgeteilt hat. Die Männer sitzen an einem Tisch und essen Croissants. Die Frauen haben sich nichts zu essen gekauft, nur Kaffee oder frischen Orangensaft. Nach einigen halbherzigen Versuchen, Italienisch miteinander zu sprechen, kehren sie zu Englisch zurück, das sie alle einigermaßen beherrschen.

Zurück im Klassenraum, teilt die Lehrerin sie in zwei Gruppen auf, in denen sie sich über ihre Heimatländer austauschen sollen. Letty ist sich nicht sicher, ob sie im richtigen Kurs gelandet ist. Vielleicht ist das nicht die passende Unterrichtsmethode für sie? Es fällt ihr schwer, Sätze auf Italienisch zu bilden, ehe sie sich sicher ist, dass sie korrekt sind. In dem Eingangstest wird sie nur sehr wenige Grammatikfehler gemacht haben, aber in der mündlichen Prüfung hat sie sich schwergetan. Vermutlich war es bei den meisten anderen in der Klasse umgekehrt. Masakasu ist zum Beispiel recht dominant im Gespräch, weil er einige italienische Verbindungswörter wie vielmehr und allerdings beherrscht, sodass man ihn nur schwer unterbrechen kann.

»Tokio ist wunderschön, aber es gibt ziemlich viele Autobahnen.« »Japanisches Essen ist gut.« Alle scheinen ihr eigenes Land sehr positiv zu sehen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass sie sich noch nicht so gut kennen. Letty fände es unhöflich zu sagen, dass sie ihr Land momentan nicht sehr möge. Und es würde ihre sprachlichen Fähigkeiten übersteigen, diese Aussage zu begründen, sollte jemand weitere Fragen stellen. Als sie an der Reihe ist, sagt daher auch sie, dass London schön sei. Es gebe viele Museen und einen breiten Fluss.
»Sind die Londoner freundlich?«, fragt Paola.
Letty weißt nicht, wie man auf Italienisch sagt »Nicht so freundlich wie die Italiener«. Darum sagt sie nur: »Ja.« Sie fragt sich, warum Paola über ihre Antwort lacht, doch dann wird ihr klar, dass ihre Antwort ziemlich unhöflich geklungen hat. Ihr ist bewusst, dass die Leute sie oft für sehr reserviert halten, obwohl sie das gar nicht sein möchte.

Am Ende des Vormittagsunterrichts lässt der Engländer, Alf, sich viel Zeit, um Stift und Notizbuch einzuräumen, sich einen Pullover über das weiße T-Shirt zu ziehen und seinen Rucksack vom Boden zu nehmen. Letty spürt, dass er darauf wartet, dass die anderen den Raum verlassen, weil er sich mit ihr unterhalten will, vielleicht sogar vorschlagen wird, zusammen zu Mittag zu essen. Er ist ungefähr in ihrem Alter und strahlt eine gewisse Selbstsicherheit aus mit seinem zerzausten Surferlook und dem offenen Lächeln, doch seine Aufmerksamkeit ist das Letzte, was sie will. Schnell packt sie ihre Sachen zusammen und schaut auf ihre Armbanduhr, als hätte sie einen Termin, dann eilt sie aus dem Klassenzimmer und die Treppe hinunter.

Draußen ist es herrlich sonnig, auch wenn die Luft recht kühl ist. Letty beschließt, zu Fuß zu ihrer Wohnung zurückzugehen. Sie ist erst seit einem Tag in Rom, aber bereits dreimal gewarnt worden, sich ja vor den Gaunern am Bahnhof Termini in Acht zu nehmen – erst von ihrem Vermieter, dann am Empfang in der Schule und von ihrer Lehrerin. Als sie sich durch das Bahnhofsgedränge schiebt, bieten ihr zwei merkwürdig aussehende Fremdenführer ihre Dienste an, und sie wird von einigen Roma-Frauen mit Babys auf dem Arm angesprochen, die ihr klagend die Hände entgegenstrecken.

Letty fühlt sich schlecht dabei, die Frauen zu ignorieren, aber so ganz allein in der Stadt muss sie auf sich aufpassen. Als sie mit entschlossenen Schritten an ihnen vorbeigeht, weichen sie zurück. Vielleicht halten sie sie für eine Italienerin.

Draußen auf dem Vorplatz scheinen die Busse und Straßenbahnen aus allen Richtungen förmlich Jagd auf sie zu machen, doch als sie schließlich in eine Seitenstraße abbiegt, herrscht plötzlich fast unheimliche Stille. Einige Restaurants bieten Tagesmenüs zu vernünftigen Preisen an, aber sie hat keine Lust, sich allein dort hinzusetzen, während übereifrige Kellner um sie herumtanzen. Darum kauft sie sich stattdessen an einem Obststand eine Banane und eine Flasche Wasser, und als es ihr gelingt, die ganze Aktion auf Italienisch zu meistern und sogar die richtigen Münzen hinzugeben, triumphiert sie innerlich.

Die Piazza Vittorio Emanuele ist von einst eleganten Kolonnaden umgeben, die jetzt mit Graffiti besprüht sind. Wo früher reiche Leute im Schatten flanierten, schlafen heute Obdachlose in schmutzigen Schlafsäcken auf zusammengefalteten Kartons. Letty überquert die viel befahrene Straße und betritt den Park, wo die limonengrünen Blätter der hohen Bäume im Wind tanzen. Eine umzäunte römische Ruine in einer Ecke ist zum Zeltlager geworden; um ein bisschen Sonne zu tanken, wurden bunte Decken auf die Steine gelegt. Jugendliche rattern mit ihren Skateboards über Wege und Stufen und vollführen akrobatische Tricks. Letty setzt sich auf eine Bank, isst langsam die Banane, trinkt das Wasser und beobachtet aufmerksam das Treiben um sich herum.

In ihrer Hosentasche vibriert das Handy. Mit Sicherheit eine WhatsApp von ihrer Mutter, die wissen will, wie es ihr geht. Letty will nicht, dass die blauen Haken erscheinen, die ihrer Mutter verraten, dass sie die Nachricht gelesen hat. Nicht bevor sie sich etwas mehr in der Stadt angekommen fühlt. Sie sieht auf ihre Uhr. Es ist noch nicht mal drei. Zwei Uhr in England. Erstaunlich, dass Frances es geschafft hat, sich so lange zu beherrschen.

Die Zeit vergeht langsam, wenn man allein ist, und Letty fühlt sich, als wäre sie schon weit länger in der Stadt als nur dreißig Stunden. Sie kann sich nicht entscheiden, ob das gut oder schlecht ist. Ein ganzer Monat liegt vor ihr, eine sonnige Ewigkeit, in der sie ihr Leben ordnen kann, doch sie fürchtet, dass das angenehme Gefühl, allein zu sein, in kalte Einsamkeit kippen könnte.
Sie wählt einen neuen Weg durch eine von Bäumen gesäumte Straße zurück zu ihrer Wohnung. Nachdem sie den Großteil ihres Lebens in London verbracht hat, hat sie ein Gespür für die atmosphärischen Veränderungen in einer Stadt entwickelt. Die Straße, durch die sie nun geht, ist still, fühlt sich aber nicht bedrohlich an. Dennoch sieht sie sich gelegentlich um, ob ihr auch niemand folgt.

In einem kleinen Supermarkt kauft sie eine mit Frischhaltefolie auf ein gelbes Styroportablett geklebte Hühnerbrust, einen Beutel Salat und eine Zitrone. Sie meint, eine Flasche Olivenöl in der Wohnung gesehen zu haben, als sie gestern Abend in der Küche angekommen ist. Der Vermieter hatte ihr kurz die Küche gezeigt, die Schränke geöffnet und gesagt: »Hier alles für Kochen, ja?«

Nach einigen Metern kommt sie auf eine stark befahrene zweispurige Straße. Gegenüber steht, etwas zurückgesetzt, die beeindruckende Barockfassade einer Kirche, und davor ein Touristenbus. Letty bleibt am Rand einer Gruppe von Amerikanern stehen und lauscht deren Reiseführer, der erklärt, dass es sich hier um die Santa Croce in Gerusalemme handele, eine der sieben Pilgerkirchen Roms.

Letty folgt der Gruppe hinein, setzt sich vor den Altar und betrachtet das mandelförmige Christusmosaik in der Kuppel der Apsis. Welches Adjektiv würde wohl am besten den leuchtend blauen Hintergrund beschreiben? Ist das Kobaltblau? Ein Wort, das sie nur geschrieben kennt. Himmelblau klingt besser, aber ist das überhaupt eine Farbe?

Sie sieht das Gesicht ihrer Großmutter vor sich, wenn die gehört hätte, dass Letty in Rom als Erstes eine Pilgerkirche besucht hat. Sie stellt sich vor, wie Marina sich in ihrem seidenen Morgenrock ruckartig im Bett aufgerichtet hätte, hinter ihr an der Wand ihre vier geliebten viktorianischen Drucke römischer Damen.

Hat ihre Großmutter diese Kirche als Kind besucht? Hat sie einen winzigen Teil ihrer DNA als Relikt ihres Besuches an einer Kirchenbank zurückgelassen? Hat Marina zu dem unglaublich strahlend goldenen Jesus in diesem blauen Himmel hinaufgeblickt? Oder spürt sie die Anwesenheit ihrer Großmutter vielleicht nur, weil sie gerade an sie denkt? Wieder vibriert das Telefon in ihrer Hosentasche. Sie sieht erst nach, als sie draußen ist.

Jetzt hat sie zwei Nachrichten von Frances. Die erste lautet nur: Alles in Ordnung? Die zweite: Geht es dir gut? Sie schreibt zurück.Alles gut. Ich rufe dich später an.

Die Wohnung, die Letty gemietet hat, ist in der Realität sogar schöner als auf den Fotos bei Airbnb. Eine der Wände besteht nur aus Glas und bietet einen weiten Blick nach Westen. Im Vordergrund sieht man ein Stück der antiken Aurelius-Mauer, dahinter die Kathedrale San Giovanni in Laterano. Wenn Letty ein Fenster öffnet und den Kopf nach rechts dreht, kann sie in der Ferne den Petersdom sehen und links die blassvioletten Umrisse ferner Berge. Doch sie ist vorsichtig und steht mit einem Fuß weit von der Scheibe entfernt, da sie ihr nicht ganz zutraut, sie vor einem Sturz aus dem zehnten Stock zu bewahren.

Vom Sofa aus betrachtet Letty den Sonnenuntergang. Enteneierblaue und -graue Streifen sind von pinkfarbenen Tönen durchzogen – vom feurigen Korallenrot des Horizonts bis hin zum zarten Zuckerwatterosa der höchsten Wolken.
Als es um sie herum fast dunkel ist, stellt Letty fest, dass sie, eingelullt von dem unablässigen Verkehrsrauschen, eine ganze Stunde lang fasziniert das Schauspiel am Himmel verfolgt hat. Jetzt nimmt sie aus einer der umliegenden Wohnungen das tiefe Wummern eines Basses wahr und hört, dass jemand in der Küche hantiert und brutzelt. Sie mag das Gefühl, allein zu sein und zugleich zu wissen, dass andere Menschen um sie herum sind. Knoblauchschwaden erinnern sie daran, dass sie etwas essen muss. Sie brät die Hühnerbrust in Olivenöl an, füllt den Salat aus dem Beutel auf einen Teller und presst Zitronensaft darüber. Langsam isst sie ihr Mahl, kaut und schluckt systematisch, während sie die letzten glutroten Reste des Lichts am Himmel verschwinden sieht. Dann wäscht sie ab. Schließlich ruft sie ihre Mutter an.

»Ich habe diesen Spruch mit dem ausgeflogenen Küken noch nie gemocht«, erklärt Frances, als hätte Letty sie mit diesem Satz begrüßt. Dabei hat sie nur gefragt: »Wie geht es dir?«
»Ich bin doch nie eine Glucke gewesen, oder? Wobei ich natürlich für das Federkleid zuständig war.«

Ein Leben in der Werbung hat dazu geführt, dass Frances stets mit Worten jongliert, als würde sie einen Slogan testen. Oder vielleicht war sie schon immer so und hat sich darum für diese Branche entschieden. Letty hat keine Ahnung.

»Ich habe den ganzen Tag versucht, das Haus auf Vordermann zu bringen«, fährt Frances fort. »Morgen kommt jemand, um es sich anzusehen. Ivo hat natürlich überhaupt nichts gemacht. Dieses ganze Zeug. Ich überlege ernsthaft, ein neues Haus ganz aus Glas zu kaufen ohne irgendwelchen Stauraum. Was meinst du?«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ivo das gefällt«, bemerkt sie.
»Nein«, sagt Frances.
Klingt ihre Mutter verbittert oder sehnsüchtig? Würde sie tatsächlich gern in einem Glashaus leben? Letty weiß es nicht.

Ihre Eltern verkaufen das Haus, in dem sie ihr ganzes Eheleben verbracht haben. Alle sind davon ausgegangen, dass sie das Haus nach Marinas Tod erben würden. Doch wie sich herausstellte, hat Lettys Großmutter nie ihr Testament geändert. Lettys Vater Ivo, Marinas jüngerer Sohn, hat das Thema seiner Mutter gegenüber stets gemieden und sie nie direkt darauf angesprochen, und so gehört das Haus, das immer das Haus von Lettys Familie gewesen ist, jetzt zur Hälfte Rollo, dem älteren Bruder ihres Vaters. Oder vielmehr das, was nach Abzug der Erbschaftssteuer noch übrig bleibt, wie Frances oft bemerkt. Das dürfte allerdings eine Menge sein, denn in dieser Gegend werden Ein-Zimmer-Wohnungen für über eine Million Pfund gehandelt, und das Haus ist groß genug, um daraus fünf zu machen. Nichtsdestotrotz kommt es Letty schrecklich ungerecht vor, dass Frances das Haus verlassen muss, für dessen Instandhaltung sie jahrelang aufgekommen ist, einschließlich eines komplett neuen Daches.

Die ständige Spannung zwischen ihren Eltern ist einer der Gründe, warum Letty dort wegmusste.
»Na ja, egal«, sagt Frances und stößt einen tiefen Seufzeraus. »Wie ist deine Unterkunft?«
Ihre Mutter klingt so ungewohnt niedergeschlagen, dass Letty ihr nicht von dem Riesenfenster erzählen mag, bei dessen Aussicht sie sich glücklich und frei fühlt.
»Ganz okay«, sagt sie. Es folgt eine lange Pause.
»Ich habe gerade zu Abend gegessen«, sagt Letty schließlich.
»Huhn mit Zitrone und einen Beutel Salat. Ganz in der Nähe ist ein Supermarkt.«
»Salat aus einem Beutel in Italien! Wer hätte das gedacht?«, sagt Frances. Dann besinnt sie sich. »Gut, dass du in der Nähe was zum Einkaufen gefunden hast.«
Auf einmal ist es Letty zu anstrengend, dieses Gespräch weiterzuführen.
»Ich muss noch Hausaufgaben machen«, sagt sie.
»Okay, dann lass ich dich in Ruhe.«
»Also, bis dann.«
Als Letty das Gespräch beendet, schmeckt sie eine vertraute bittersüße Mischung aus Schuld und Erleichterung.

Außerdem von Kate Eberlen im Diana Verlag erschienen:

»Miss you«

Eine Sekunde lang treffen sich ihre Blicke, doch bevor sie sich anlächeln oder ein paar Worte wechseln können, ist der Moment schon wieder vorbei. Von da an beginnt für Tess und Gus eine Reise, die sich Leben nennt. Große und kleine Augenblicke warten auf sie, Kummer und Freude. Doch beide ahnen, dass sie Wege gehen, die sie nicht glücklich machen. Weil ihnen das Entscheidende fehlt. Was sie nicht wissen: Tess und Gus sind perfekt füreinander, und obwohl sie sich längst begegnet sind, haben sie es nicht bemerkt. Wann ist der alles entscheidende Moment für die große Liebe endlich da?

Neugierig geworden? >> Mehr über »Miss you« in unserem SPECIAL zum Buch – inklusive London-Spaziergang mit Autorin Kate Eberlen und leckeren italienischen Rezepten aus dem Roman!

Jetzt bestellen

Taschenbuch
eBook
Hörbuch CD (gek.)
Hörbuch Download (gek.)
€ 9,99 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (* empf. VK-Preis)
€ 9,99 [D] inkl. MwSt. | € 9,99 [A] | CHF 12,00* (* empf. VK-Preis)
€ 14,99 [D]* inkl. MwSt. | € 15,50 [A]* | CHF 21,90* (* empf. VK-Preis)
€ 9,95 [D]* inkl. MwSt. | € 9,95 [A]* (* empf. VK-Preis)

Unser Service-Angebot für Sie:

Jetzt ein Buch Buy local Für das Wort und die Freiheit #FreeWordsTurkey