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Philipp Reinartz im Interview

Der Krimiautor über seinen neuen Thriller "FREMDLAND"

Reinartz, Philipp
© Franka Lee

»Fremdland« ist der zweite Band über den eigenwilligen Ermittler Jerusalem »Jay« Schmitt. Wie viel »Jay« steckt in Ihnen?

Ich suche auch gerne nach perfekten Lösungen und mache mir lange Gedanken über ein Problem. Aber ich bin bei weitem nicht so zurückgezogen, menschenscheu und genial wie Jay. Also sagen wir: Ungefähr 37%.

Als Journalist und Geschäftsführer einer Berliner Ideenschmiede beschäftigen Sie sich viel mit gesellschaftlichen Trends und Diskursen. Fließt Ihre Arbeit in Ihre Bücher mit ein?

Indirekt ja. Wenn man beruflich nah am Puls der Zeit ist und mitbekommt, was die Menschen im Land bewegt und vermutlich in Zukunft bewegen wird, ist das für das Schreiben hilfreich. Außerdem bringen mich meine verschiedenen Jobs als Schriftsteller, Hochschuldozent, Redner, Berater, Moderator mit immer anderen Menschen in Kontakt. Und ich bin stark davon überzeugt, dass man Charaktere besser beschreiben kann, wenn man sich in sie hineinfühlen kann. Als Schriftsteller muss ich ein leidenschaftliches Plädoyer zum Thema Gerechtigkeit sowohl aus Sicht eines arbeitslosen Künstlers schreiben können als auch aus Sicht des Commerzbankchefs – ohne meine eigene Ansicht preiszugeben.

In diesem Band wird eine junge Familie aus dem Senegal zum Opfer, außerdem wird die dunkle Vergangenheit von Jerusalem Schmitts Mordkommission thematisiert. Eignen sich Krimis besonders gut, um moralische Konflikte und gesellschaftliche Probleme anzusprechen?

Kriminalromane und Thriller haben ja meistens Verbrechen zum Inhalt, somit sind moralische Konflikte vorprogrammiert. Moderne Erzählungen setzen sich zudem über die klassische Gut-Böse-Dichotomie hinweg, zeigen also den Menschen hinter dem Täter. So auch »Fremdland«, wo ich durch die Geschichte des senegalesischen Flüchtlingspaars Mo und Aissa im Berlin der Neunziger der Frage nachgehe: Wie kann Gewalt entstehen und wohin kann sie führen?

»Fremdland« ist sehr komplex, nichts ist wie es scheint. Wie behalten Sie beim Schreiben den Überblick über den Plot und die Charaktere?

Die Kriminalromanreihe um Jerusalem Schmitt ist in der Tat vielschichtig: In filmschnittartig kurzen Kapiteln wird zwischen verschiedenen Zeitebenen gesprungen, anfangs nicht zusammengehörig scheinende Geschichten finden zusammen. Geschehnisse von früher und heute sind miteinander verwoben und bieten durch Perspektivwechsel Twists für den Leser, der erst nach und nach erfährt, wer auf welcher Seite steht. Ich nutze verschiedene, vor allem digitale Tools, um das für mich zu strukturieren – von Excel bis Trello.

Es kommt zu einem rasanten Katz-und-Maus-Spiel. Ähnlich wie bei einem Schachspiel gegen sich selbst, müssen Sie sich in Jäger und Gejagten, Täter und Ermittler gleichzeitig einfühlen. Wie gelingt Ihnen das?

Ein Stück weit muss man sich als Autor meiner Meinung nach tatsächlich in verschiedene Personen spalten können und die Welt dann radikal aus deren Sicht sehen. Das ist manchen unerklärlich, aber hat bei mir schon immer gut funktioniert. Als Kind habe ich Anleitungen von Brettspielen manchmal so gelernt, dass ich ein Testspiel mit mehreren Spielern im Kopf durchgespielt habe. Und wenn ich mir als Spieler A eine Geheimtaktik überlegt hatte – sobald ich Spieler B war, wusste ich davon nichts mehr.

Was hat Sie zu der Geschichte von »Fremdland« inspiriert und wie haben Sie für Ihren neuen Thriller recherchiert?

Die politische Lage, das Schwarz-Weiß-Denken vieler am Diskurs Beteiligter – das hat mich stark beschäftigt, während ich am Plot für »Fremdland« gearbeitet habe. Mir war jedoch schnell klar, dass ich vom Hier und Jetzt abstrahieren will und eine vergangene Geschichte erzählen möchte. So bin ich auf die Neunziger Jahre, den Hamburger Polizeiskandal, die damalige Lage im Senegal gestoßen. Die Recherche war nicht einfach: Wer kennt zum Beispiel heute noch Rechte und Pflichten von Flüchtlingen aus einem vorübergehend nicht sicheren Herkunftsland Mitte der Neunziger? Zum Glück hatte ich hilfsbereite Experten. Wie die ehemaligen Berliner Mordkommissare Detlef Knoll und Gerd Hasse. Den Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl, Bernd Mesovic. Die stellvertretende Leiterin der Abteilung Leitungsunterstützung und Grundsatz beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Katrin Hirseland. Den ehemaligen senegalesischen Fußballnationaltrainer Peter Schnittger. Oder den Youtube-Nutzer ziererwelle, dessen 90-minütiger Hobbyfilmerstreifzug durch das Berlin von 1995 ein wertvolles Dokument der Alltagsgeschichte einer Zeit ist, zu der es noch keine 80 Millionen Hobbyfilmer in Deutschland gab.

Ihre Wahlheimat Berlin spielt auch dieses Mal eine wichtige Rolle. Was macht Berlin so spannend für Sie?


Berlin spielt eine Rolle, aber ist trotzdem nur Kulisse und nicht im Zentrum des Romans – das überlasse ich den vielen Regionalkrimis. Meine Charaktere müssen nicht ans Brandenburger Tor und ich brauche auch keinen launischen Taxifahrer. Ich zeige die Hauptstadt vor allem in all ihren Widersprüchen. Das Berlin der Verlierer und Gewinner. Der Zurückgebliebenen und Vordenker. Der Kleinen und Großen. Der Ruhigen und Lauten. Vom Wedding bis in den Grunewald, vom Archiv-Chaos bis zum Predictive-Policing, vom Parkdealer bis zum Strippenzieher. Vom Haus am See bis zu den Betonwüsten.

Fremdland Blick ins Buch

Philipp Reinartz

Fremdland

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