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Rachel Rhys im Interview zu ihrem Buch »Das Versprechen der Freiheit«

Wussten Sie, dass Rachel Rhys schon einmal überfallen wurde?

Eine kurze Biografie:
Mein Vater war Anthropologe, weshalb wir an verschiedenen abgelegenen Orten wohnten. Ich wurde in Nigeria geboren und ging ein Jahr in Sierra Leone und ein weiteres Jahr in Kalifornien zur Schule. Ich studierte Amerikanistik an der Universität (in der Zeit, in der man noch nicht für seinen Abschluss bezahlen musste, als die Leute noch nach Interesse studierten und nicht, um später einen gut bezahlten Job zu bekommen und ihr Studentendarlehen zurückzahlen zu können!). Ich hatte verschiedene Jobs – als Englischlehrerin in Spanien und als Sekretärin. Dann arbeitete ich viele Jahre als freiberufliche Journalistin, bis sich die Printmedien in meiner Umgebung auflösten und ich zum Glück zum Romanschreiben wechseln konnte. Ich lebe in London mit meinem Partner und drei (vermeintlich) erwachsenen Kindern und unserem neurotischen Rettungshund Doris.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Schriftstellerin zu werden?
Ich glaube nicht, dass man sich wirklich dafür entscheidet, Schriftsteller zu sein. Entweder man ist es oder nicht – von Kindheit an. Die Frage lautet eher, wann man sich darauf festlegt, denn das Schreiben von Büchern erfordert viel Zeit und emotionale Energie. Ständig kämpft man gegen eine Stimme im Kopf an, die sagt: »Wieso glaubst du, dass du das kannst?«. Das Komische: Mittlerweile schreibe ich meinen elften Roman und die Stimme ist immer noch da.

Wo finden Sie die Inspiration für Ihre Romane?
Überall. Das wahre Leben ist immer seltsamer als die Fiktion, darum basieren meine Ideen für Geschichten oft auf Zeitungsartikeln. Oder ich greife auf eine Erfahrung zurück, die in mir ein bestimmtes Gefühl auslöste, zum Beispiel nachts in der U-Bahn festzusitzen. Dem füge ich dann die Frage hinzu »Was wäre, wenn?«. Was, wenn jemand in einem der Wagen einen anderen erkennt – jemanden, der lange unterdrückte traumatische Erinnerungen auslöst? Die meisten meiner Bücher basieren auf der Frage »Was wäre, wenn?«.

An welcher Geschichte schreiben Sie gerade?
Erst gestern habe ich meiner Lektorin ein Manuskript gegeben und befinde mich daher gerade in dieser fürchterlichen, nervenaufreibenden Phase des Wartens auf das erste Feedback. Es ist wieder ein historischer Roman, geschrieben unter meinem Pseudonym Rachel Rhys. Er spielt im Jahr 1948 und handelt von einer Hausfrau aus einem Vorort, die im vom Krieg zerrütteten England in einer unglücklichen Ehe gefangen ist und aus heiterem Himmel von einem Unbekannten einen Anteil an einer Villa an der französischen Riviera erbt. Der Roman handelt von ihren Versuchen zu entschlüsseln, wer dieser geheimnisvolle Mann war und was sie ihm bedeutete. Dabei muss sie sich mit der Feindseligkeit seiner Witwe und seiner erwachsenen Kinder herumschlagen. Das alles spielt in der glamourösen, glitzernden und vergnügungssüchtigen Welt der Riviera.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren? Und warum?
Mir gefallen Schriftstellerinnen wie Shirley Jackson und Daphne du Maurier, deren Bücher den dunklen Teil der menschlichen Psyche untersuchen. Andererseits mag ich auch zarte, elegante Bücher von Autorinnen wie Elizabeth Strout und Anne Tyler, die darüber schreiben, was es heißt, fehlerhaft, aber menschlich zu sein und nach Möglichkeit das Beste aus dem zu machen, was das Leben zu bieten hat. Meine liebsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen gehen mit ihrem Schreiben gern ein Risiko ein – Kate Atkinson, Hilary Mantel und Julie Myerson.

Welche Bücher haben Sie kürzlich gelesen?
Ich habe gerade Vor dem Fall von Noah Hawley fertiggelesen, ein exzellenter Thriller mit etlichen Charakteren. Ich habe auch die beiden Thriller von Liz Nugent gelesen: Die Sünden meiner Väter und Der Teufel in dir. Sie ist eine sehr talentierte irische Krimiautorin. Außerdem habe ich gerade die neueste, hervorragende Killer Women-Anthologie gelesen.

Wie lautet Ihre Lebensphilosophie?
Wenn du willst, dass etwas passiert, musst du es selbst anpacken. Warte nicht darauf, dass jemand kommt und es für dich macht.

Was tun Sie, wenn Sie nicht gerade schreiben?
Bearbeiten, bewerben, Verlagsfragebögen ausfüllen ... Oder meinen Sie neben der Arbeit? Gibt es ein Leben neben der Arbeit? Nun, ich gehe mit meiner Hündin Gassi und versuche, Konfrontationen mit allem zu vermeiden, was sie als Bedrohung empfindet – dazu gehören Menschen mit Hüten oder Regenschirmen, Menschen, die merkwürdig geformte Gegenstände tragen, Katzen, Plastiktüten in den Ästen von Bäumen usw. Ich gehe auch gern ins Kino, am liebsten tagsüber. Und ich lese VIEL.

Fünf Dinge über Sie, die wir noch nicht wussten …
1. In einer Bank in Madrid wurde ich einmal mit vorgehaltener Waffe überfallen.
2. Ich weiß jetzt, wie die Antwort auf die Frage lautet »Wie würdest du reagieren, wenn dich jemand mit einer Waffe ausraubt?«: »Hysterisch kichern«.
3. Mein erster Roman wurde veröffentlicht, als ich 47 war – es ist nie zu spät!
4. Ich spielte früher Horn.
5. Ich lebte vier Jahre lang in Spanien und mein Spanisch ist immer noch grottenschlecht!

Über das aktuelle Buch

Wie würden Sie Ihren Roman mit einem Satz beschreiben?
Aufrüttelnd, realitätsfern – ein Roman über einen Mord auf einem Passagierdampfer, der am Vorabend des Zweiten Weltkriegs von London nach Sydney fährt.

Was hat Sie zu dem Roman inspiriert?
Das Versprechen der Freiheit wurde von einem selbst veröffentlichten Buch inspiriert, das ich im Haus meiner Mutter entdeckte. Es waren die persönlichen Memoiren von einer Frau namens Joan Holles, eine Freundin meiner Mutter, die 1938 im Rahmen des Assisted Passage Scheme nach Australien reiste, um als Hausangestellte zu arbeiten. Sie führte ein Tagebuch über die Reise, das sie später abtippte und für Familie und Freunde kopierte. In diesem Tagebuch beschreibt sie das Leben an Bord des Schiffes in allen Einzelheiten: Was die Passagiere trugen, was sie aßen, welche Musik sie hörten, welche Cocktails sie tranken und welche exotischen Orte sie besuchten. Bei der Lektüre erfasste mich ein aufgeregtes Kribbeln, weil ich wusste, dass es ein hervorragender Schauplatz für einen Roman wäre. Was, wenn auf diesem Schiff etwas Schreckliches passieren würde?

Welcher ist Ihr Lieblingscharakter im Roman und warum?
Ich liebe Lily, meine Protagonistin. Sie ist jung, naiv, aber immer fair und hat große Lust auf Abenteuer. Aber die Figur, die ich am liebsten schrieb, war Eliza Campbell, weil sie so herausragend ist, und sie sagt alles, was ihr durch den Kopf geht, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob sie jemanden beleidigen könnte (das genaue Gegenteil von mir – ich schreibe meine Tweets oft zehn- oder zwanzigmal um, weil ich niemanden versehentlich vor den Kopf stoßen will).

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Im Laufe des Buches hält das Schiff an verschiedenen Orten und die Passagiere gehen auf Erkundungstour. Einige dieser Orte wurden in Joan Holles‘ ursprünglichem Tagebuch beschrieben, sodass ich mir ein Bild davon machen konnte. Es gibt jedoch ein Kapitel in der Mitte des Buches, in dem die Passagiere mit dem Bus fahren, um in Kairo zu übernachten und die Pyramiden zu besuchen. Im Originaltagebuch kommt das nicht vor, da sich Joan den Ausflug nicht leisten konnte, aber ich konnte nicht umhin, es einzufügen, und war fasziniert von der berauschenden Mischung aus Geschichte, Mysterium, uralten Flüchen, Dekadenz und Cocktails. Allerdings war es – gelinde gesagt – eine Herausforderung, an meinem Londoner Schreibtisch im Jahr 2017 zu versuchen, einen Besuch der Pyramiden in den späten 1930er-Jahren zu beschreiben.

Welcher Art von Leserschaft, glauben Sie, wird Ihr Buch gefallen?
Ich würde Das Versprechen der Freiheit als historischen Kriminalroman beschreiben. Das Buch würde daher jeden ansprechen, der gern in eine andere Epoche eintauchen, ein Geheimnis enthüllen oder in andere Länder und Welten reisen möchte.

Gibt es andere Bücher, die Sie mit Ihrer Arbeit vergleichen würden?
In Großbritannien haben Rezensenten gesagt, dass der Roman wegen der Ära der 30er-Jahre und des Krimielements des »verschlossenen Raums« einen Hauch von Agatha Christie hat: Wir wissen von Anfang an, dass jemand an Bord des Schiffes stirbt, aber wir wissen nicht, wer oder warum.

Möchten Sie Ihren Leserinnen und Lesern noch etwas mitteilen?
Liebe Leserinnen und Leser,
ich möchte Sie an Bord der Orontes von London nach Sydney begrüßen, die am 29. Juli 1939 in See stechen wird.
Auf dem Schiff befindet sich Lily Shepherd, eine junge Frau aus armen Verhältnissen, die mit staatlicher Unterstützung nach Australien reist, um als Hausangestellte zu arbeiten. Zum ersten Mal in ihrem Leben kommt Lily mit Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten in Kontakt – von Juden, die vor den Nazis fliehen, über Passagiere aus der ersten Klasse bis zu dem einen oder anderen Prominenten.
Es wird eine Reise der Gegensätze. Auf der einen Seite steht der Glamour der 30er-Jahre – Maskenbälle, Kleider, Cocktails und exotische Orte. Wir halten in Pompeji, Kairo und Ceylon. Auf der anderen Seite herrscht auch ein Gefühl der Klaustrophobie. All diese Fremden sind für lange Zeit in der sengenden Hitze zusammen, ohne sich aus dem Weg gehen zu können.
Im weiteren Verlauf der Reise kommt es unweigerlich zu Spannungen –in politischer und sexueller Hinsicht. Jeder an Bord hat Geheimnisse, und jeder läuft vor irgendetwas davon. Somit ist das Schiff wie ein schwimmender Dampfkessel.
Wenn wir am 4. September 1939 in den Hafen von Sydney einlaufen, werden zwei Passagiere tot sein, der Krieg ist erklärt und nichts wird mehr so sein wie zuvor.
Rachel Rhys

Das Versprechen der Freiheit Blick ins Buch

Rachel Rhys

Das Versprechen der Freiheit

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