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SPECIAL zu Daniel Barenboim »Klang ist Leben«

Musik als Schlüssel zur Erkenntnis

Eine Rezension von Roland Große Holtforth

Als der 1942 in Buenos Aires geborene Daniel Barenboim fünf Jahre alt war, nahm er seinen ersten Klavierunterricht: bei seiner Mutter. Sein erstes Konzert gab er zwei Jahre später in seiner Geburtsstadt. Daniel Barenboim war ein Wunderkind. Und das Wunder, das damals von ihm für den Rest seines Lebens Besitz ergriff, war die klassische Musik. So ist der Titel seines neuen Buches, „Klang ist Leben“, weniger das Ergebnis einer philosophischen Reflexion, sondern vielmehr Ausdruck einer Erfahrung, die, in dieser Intensität machen zu dürfen, nur wenigen Menschen beschieden ist.

Im Spiegel der Musik
Hervorgegangen ist dieser Band aus den so genannten Norton Lectures, einer Vortragsreihe, zu der die amerikanische Harvard University Daniel Barenboim im Herbst 2006 eingeladen hatte. Er nutzte die Gelegenheit, um seine Gedanken über den Zusammenhang von Musik und Leben weiterzuentwickeln. Sie speisen sich aus der tiefen Überzeugung, dass wir mit Hilfe der Musik „etwas über uns selbst, unsere Gesellschaft, die Politik – kurz gesagt etwas über uns als Menschen erfahren können.“ Für Barenboim ist Musik also nicht nur ein wichtiger Aspekt menschlichen Lebens, sondern auch ein Schlüssel zu seinem Verständnis.

Substanz und Tempo
Aber wie lässt sich dieser Schlüssel anwenden? Barenboims Antwort lautet: durch Analogien. Er verweist etwa auf die „unauflösbare Verbindung zwischen Tempo und Substanz“, die im Leben und in der Musik gleichermaßen bestehe. So sieht er einen Grund für das Scheitern des Osloer Friedensprozesses zwischen den Palästinensern und Israel auch darin, dass „das Verhältnis von Inhalt und Zeit – von Substanz und Tempo – nicht stimmte. Die Gespräche wurden viel zu hastig vorbereitet, doch nachdem sie dann begonnen hatten, kamen sie viel zu langsam voran und wurden zu häufig unterbrochen, was die Aussichten auf Erfolg verschwindend gering werden ließ.“

Das West-Eastern Divan Orchestra
Alles andere als zufällig ist an dieser Stelle der Bezug auf den Nahost-Konflikt. Er ist nicht nur ein bestimmendes Thema dieses Buches, sondern hat sich für den Autor selbst zu einer Art zweiter Lebensaufgabe entwickelt. Sein wichtigstes „Instrument“ ist dabei das West-Eastern Divan Orchestra, das Barenboim 1999 gemeinsam mit dem – mittlerweile verstorbenen – palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said ins Leben gerufen hat. In diesem Orchester treffen sich jeden Sommer junge Menschen aus Israel, Palästina und den arabischen Ländern, um gemeinsam miteinander zu musizieren. Wenn Barenboim von den abenteuerlichen Vorbereitungen auf ein Konzert in Ramallah oder der Arbeit des Orchesters an einem Werk Wagners – ausgerechnet Wagners! – erzählt, spürt man, wie sich musikalische Leidenschaft und humanitäres Engagement des Autors miteinander verbinden. Es sind diese Passagen, in denen man am besten begreift, was Barenboim meint, wenn er von der Analogie zwischen Musik und Leben spricht – etwa im Hinblick auf vielstimmige Kompositionen: „Dass man die Individualität des anderen akzeptieren und ihm seine persönliche Freiheit lassen muss und kann, ist eine der wichtigsten Lehren, die wir aus der Musik zu ziehen haben.“

Wider die Konsumentenbeschallung
Ein weiteres wesentliches Anliegen Barenboims ist es, dass die Voraussetzungen für eine angemessene Wahrnehmung von Musik überhaupt erst geschaffen werden. Denn ihre Kraft erschließt sich nur dem, der gelernt hat, wie man hört. Mit geradezu missionarischem Eifer fordert er die Aufwertung der musikalischen Erziehung und geißelt zugleich die allgegenwärtige Konsumentenbeschallung oder den Missbrauch von Musik in der Werbung. Sein eindrücklichstes Beispiel ist hier sicherlich der Spot eines US-amerikanischen Toilettenherstellers, der mit einer Passage aus Mozarts „Requiem“ für seine Produkte warb.

Nicht zuletzt an Stellen wie diesen wird deutlich, was für Barenboim die Formel „Klang ist Leben“ bedeutet. Der Klang, von dessen erschließender Kraft sein Buch handelt, ist sicher nicht irgendein Geräusch. „Klang“ ist das Resultat einer Begegnung von Komponist, Interpret und Zuhörer. Der Begriff bezeichnet verinnerlichte Musik und versteht diese als Teil einer menschlichen Kultur, die über die so genannte abendländische weit hinausreicht.

Roland Große Holtforth
(Literaturtest)
Berlin, August 2008