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SPECIAL zu Tommi Kinnunen - "Wege, die sich kreuzen"

Vom Mut, anders zu sein

In seinem preisgekrönten, epochal-opulenten Familienroman stellt Tommi Kinnunen eine Frage, auf die wir alle eine Antwort finden müssen: Was darf ich aufs Spiel setzen, um glücklich zu werden?

In den einsamen Norden Finnlands, wo die Mitternachtssonne das Moos zum Glühen bringt und die dunklen Winter so frostig sind, dass die Euter der Kühe einfrieren – dorthin entführt uns Tommi Kinnunen in Wege, die sich kreuzen. In einem Städtchen, das inspiriert ist von Kinnunens Heimatort Kuusamo, wohnt das Ehepaar Lahja und Onni zusammen mit Lahjas Mutter Maria und der Schwiegertochter Kaarina. Kunstvoll verwebt der Autor die Schicksale dieser Menschen, deren Träume größer sind als die Möglichkeiten, die das Leben offeriert.

Tommi Kinnunen erzählt eine universelle Familiengeschichte über drei Generationen hinweg, die das ganze 20. Jahrhundert mit all seinen Erschütterungen umspannt und in der sich die europäischen Zeitläufte milieugenau spiegeln. Die Kriege; gleich zwei Mal muss die Familie fliehen; nachdem die Nazis das Städtchen dem Erdboden gleichgemacht haben, leben sie jahrelang in Erdhütten; Verletzungen, Hunger, Armut – bis dann endlich in den 1960erjahren der Wohlstand auch in diese karge Gegend am Polarkreis kommt. Kinnunen lässt uns spüren, wie die Zeiten sich einschreiben in die Menschen, in ihre Körper und den Geist. Und wie die Menschen um ihr Glück, um die Erfüllung ihrer Sehnsüchte ringen – und zu scheitern drohen an gesellschaftlichen Konventionen. Nicht alle vier finden den Mut, den eigenen Weg zu gehen. Eine setzt alles aufs Spiel. Auch das Leben anderer.

Der Roman beginnt und endet im Jahr 1996. Nach dem Tod ihrer Schwiegermutter Lahja findet Kaarina auf dem Dachboden einen Brief, der eine entsetzliche Wahrheit ans Licht bringt. Er erzählt von einer Familientragödie, die ihre Schatten auf Kaarinas eigenes Leben geworfen – aber schon viel früher mit Lahjas Mutter Maria ihren Anfang genommen hat.

Maria ist eine willensstarke junge Frau, die ihre Selbstständigkeit über alles stellt. Als Hebamme verdient sie unter schwierigen Umständen ihr eigenes Geld und kauft sich nicht nur als erste Frau ein Fahrrad – damals, um 1900, eine Sensation! –, sondern entscheidet sich, ihre Tochter allein großzuziehen; nicht einmal den Namen des Vaters gibt sie ihr preis.

Mit Marias dezidierter Unabhängigkeit kämpft ihre Tochter Lahja ein Leben lang. Zwar macht sie wie ihre Mutter ihre Leidenschaft zum Beruf und wird Fotografin. Aber anders als Maria kann sie sich ein erfülltes Leben nur mit einem Mann an ihrer Seite vorstellen. Der Erste, in den sie sich verliebt, lässt sie mit Kind sitzen. Dann heiratet sie Onni, der das Kind an Vaters statt annimmt und sie in ihren Plänen unterstützt, das erste Fotoatelier im Ort zu eröffnen. Doch eines kann ihr Onni nicht geben: körperliche Nähe. Ihre Enttäuschung macht sie bitter – und nach Jahren der unterdrückten Gefühle lässt sie sich zu einer grausamen Tat hinreißen. Nie spricht sie darüber, nie kann ihr jemand vergeben.

»Das Leben ist ein großes Haus mit vielen Türen. Jeder wählt seine eigene Tür, um es zu betreten, und keine davon ist die richtige oder die falsche.«



Erst nach Lahjas Tod deckt ihre Schwiegertochter Kaarina das Geheimnis dieses Familiendramas auf und setzt dem Schweigen, das sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht, ein Ende.

Man kann sein eigenes Leben nur deuten, wenn man von den Erfahrungen seiner Vorfahren weiß. Aber immer wenn der individuelle Lebensentwurf den Erwartungen der Gesellschaft entgegensteht, legt sich das Schweigen über die Familien – und genau darum geht es Tommi Kinnunen in diesem tiefgründigen Roman. Und das Besondere dabei, da sind sich Kritiker wie Leser einig: Er zeichnet seine Figuren in all ihrer Ambivalenz, hat Verständnis und Mitgefühl für sie, auch wenn sie die gesellschaftlichen Fesseln zu sprengen versuchen und für das Glück ihr eigenes und das Leben anderer riskieren.

Wege, die sich kreuzen besticht aber nicht nur durch die Menschenkenntnis, die dieser Autor beweist, sondern auch durch die meisterliche Konstruktion. Tommi Kinnunen versinnbildlicht sein Thema eindrucksvoll durch eine Erzähltechnik des Weglassens. Abwechselnd führt er die Leser in die jeweiligen Perspektiven seiner vier Charaktere. Das erlaubt es ihm, eine Szene mit nur wenigen Pinselstrichen zunächst anzudeuten, um sie später wieder aufzunehmen und von einer anderen Figur zu Ende erzählen zu lassen. Großartig konstruiert – und durchweg überraschend«, bescheinigt ihm die niederländische Zeitung NRC Handelsblad.

»Tommi Kinnunen ist eine echte Entdeckung!«, schreibt ein Kritiker der dänischen Jyllands-Posten, der wie so viele europäische Rezensenten voll des Lobes für dieses preisgekrönte Buch ist, das in Finnland wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste stand. Tommi Kinnunen hat schon mit seinem Debüt einen unvergesslichen Roman vorgelegt, der beweist, dass man ihn zu den großen europäischen Schriftstellern zählen muss.

Aus dem Finnischen von Angela Plöger

Mit Tommi Kinnunen betritt ein großer Erzähler die literarische Bühne

Tommi Kinnunen
© Suvi-Tuuli Kankaanpää © WSOY, Finnland
Tommi Kinnunen, 1973 im nordfinnischen Kuusamo geboren, arbeitet als Finnisch-Lehrer in Turku, im Südwesten des Landes. Wege, die sich kreuzen, 2014 im Original erschienen, ist sein erster Roman. Das Buch war ein großer Leser- wie Kritikererfolg und führte die finnische Bestsellerliste wochenlang an. Der Roman wurde vielfach ausgezeichnet und war für den Europäischen Literaturpreis und den renommierten Finlandia-Preis nominiert. Die Jury des Finlandia-Preises lobte das Buch als »ein eindrucksvolles Plädoyer für die Würde des Menschen«. Wege, die sich kreuzen erscheint in über 20 Ländern, und die Kritiker sind sich einig: Mit diesem Debüt hat sich Tommi Kinnunen einen Platz in der europäischen Gegenwartsliteratur erschrieben.

»Mein Werkzeug war nicht die Kamera, sondern es waren die Worte.«

Kuusamo, Anfang der 1950er Jahre
Tommi Kinnunen über die Entstehung seines Debütromans

Ich entstamme einer Fotografenfamilie aus dem nordfinnischen Kuusamo; 1924 gründete meine Großmutter das erste Fotogeschäft am Ort. Worüber in unserer Familie auch gesprochen wird, woran wir uns auch erinnern – es dauert keine fünf Minuten, da holen wir die Fotoalben hervor: »Schau her, deine Schwester hat ganz die Augen des Großonkels. Siehst du, hier ist das Haus noch nicht abgerissen. Hast du schon gewusst, dass das erste Auto von Opa ein Studebaker war?« Meiner Familie habe ich es zu verdanken, dass für mich die Welt aus lauter Bildern besteht, dass ich die Vergangenheit nicht nur aus Büchern kenne, sondern sie sinnlich erfahren darf.
Tommi Kinnunens Urgroßmutter, die als Hebamme gearbeitet hat, 1944
Die Keimzelle meines ersten Romans Wege, die sich kreuzen sind diese Familienfotos. Ich wurde auf ein Bild im Album meiner Großmutter aufmerksam, das junge Praktikantinnen im Jahr 1920 in einem Fotoatelier zeigt. Das Foto ist mit wenig Ambition geknipst, an den Rändern überbelichtet und in der Mitte zu dunkel. Doch man erkennt darauf ein Detail aus dem Berufsalltag des Fotografen, das normalerweise nicht gezeigt wird: die Retuschiertische. Ich blätterte in anderen Alben und fand weitere interessante Aufnahmen. Von jedem blieb mir irgendein Detail in Erinnerung: das Fahrrad meiner Großmutter, die als Hebamme gearbeitet hat und bis zu hundert Kilometer zu den werdenden Müttern radeln musste; das am Kriegsende niedergebrannte Kuusamo, nur die Schornsteine ragen aus der Trümmerlandschaft heraus; die Erdhütten, in denen die Familie noch viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt hat. Um all diese Motive herum begannen sich Geschichten zu spinnen. Für einen Moment wurde aus mir ein Fotograf. Allerdings war mein Werkzeug nicht die Kamera, sondern es waren die Worte.
Tommi Kinnunens Großvater; 1950/51 wurde die im zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche in Kuusamo wieder aufgebaut
Ich habe nur an den Wochenenden im Sommerhaus geschrieben. Mangels Fernseher, Radio und Internet leisteten mir die eingescannten Fotos und unausgegorenen Gedanken Gesellschaft. Doch ganz allmählich fügten sie sich zusammen und wuchsen zu einer großen Erzählung heran. Bei der Überlegung, ob ich eine Romanfigur Fotografin werden lassen sollte, zögerte ich. Würde man den Text dann als Biografie meiner Familie lesen? »Egal, mit welchem Beruf du deine Figuren ausstattest, irgendjemand wird darin immer eine authentische Familiengeschichte sehen«, stellte meine Mutter fest. Deshalb beschloss ich, all die Einzelheiten beizubehalten, die mir von klein auf so vertraut waren.

Wege, die sich kreuzen erzählt die Geschichte einer Familie über hundert Jahre hinweg. Sie ist inspiriert von meiner eigenen Familie, ihren Freunden und Nachbarn, den Menschen am Polarkreis – es ist ein Roman, in dem sich viele Menschen glauben wiederzuerkennen. Sie melden sich bei mir und erzählen von ihrem Großvater, für den das Leben sich nicht glücklich gestaltete. Die unverheiratete Großtante konnte mit ihrer Freundin zusammenleben, aber der Onkel des Opas musste sich erhängen. Einmal sprach mich ein Kriegsinvalide an und berichtete, dass er sich damals an der Front verliebt habe, jedoch Angst vor der Liebe gehabt hatte. Jetzt sei es zu spät, sich zu dieser Liebe zu bekennen. Ich staune, wie viel Unausgesprochenes in jeder Familie steckt. Wege, die sich kreuzen erzählt genau diese Geschichten, über die geschwiegen wird.

Aus dem Finnischen von Angela Plöger

Wege, die sich kreuzen

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