SPECIAL zu Wulf Dorn

Wulf Dorn zu seinem neuen Roman »Kalte Stille«

Eine Tonbandaufzeichnung, die in abrupter Stille endet – unerträglicher Stille. Mehr ist Jan Forstner von seinem kleinen Bruder Sven nicht geblieben. Vor dreiundzwanzig Jahren ist Sven spurlos verschwunden. In derselben Nacht verunglückte auch sein Vater. Beide Fälle konnten nie aufgeklärt werden. Als Jan gezwungen ist, an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren, holt ihn die Vergangenheit wieder ein. Ein mysteriöser Selbstmord führt ihn zu einem schrecklichen Geheimnis.

Buchempfehlung zu »Kalte Stille«

Die unerträgliche Last der Stille

Einen geliebten Menschen zu verlieren ist bitter, grausam und zerstörend. Mitfühlende Worte des Trostes erleichtern nach einem solchen Schicksalsschlag den Weg zurück in die Normalität des Alltags. Was aber, wenn immer noch quälende Ungewissheit an einem nagt, man verzweifelt auf Antworten hofft, die niemand geben kann? Wie dann die klaffende Wunde schließen, die das Schicksal gerissen hat? In dieser Art traumatisiert, ist man nur einen Schritt davon entfernt, den Verstand zu verlieren.

Nahe am Abgrund
Genau das droht dem jungen Psychiater Jan Forstner zu passieren, denn er hat das plötzliche und niemals geklärte Verschwinden seines kleinen Bruders während seiner Jugend nie überwunden. Sven Forstner verschwand vor vielen Jahren in einer unheimlichen Nacht, die Trauer und Tod nach sich zog.
Jan Forstners Rolle in dieser Tragödie ist nicht ganz unbelastet. Das Gewissen des Mannes, der inzwischen pädophile Straftäter behandelt, ist noch immer schwer beladen mit Schuld und dem Gefühl, die Familie zerstört zu haben. Schließlich war er es, der seinen jüngeren Bruder in jener Nacht mit in den Park genommen hatte. Der Junge verschwand in einem Moment der Unachtsamkeit, und zurück blieb nur eine Kassette, auf der Jan Forstner die Geräusche der Nacht aufnehmen wollte, um sie später zu analysieren.
Diese Kassette existiert noch heute und begleitet den Arzt seitdem durch sein Leben. Die Tonaufzeichnung gibt nur lähmende Stille wider, die kurz von der Stimme des Bruders unterbrochen wird, der gerne nach hause gehen möchte. Jan Forstners ist zerrissen von dem Wunsch nach Aufklärung, der Angst vor der endgültigen Gewissheit und der Sehnsucht nach Vergebung.

Rückkehr in die Vergangenheit
Mit dem außergewöhnlichen Thriller, dessen Titel „Kalte Stille“ den Seelenzustand seines Protagonisten widerspiegelt, hat der Ulmer Autor Wulf Dorn (Jahrgang 1969) seinen zweiten, heiß ersehnten Roman vorgelegt, der nach dem Erfolg des Erstlingswerkes „Trigger“ in Handlung und Personen abermals überzeugt.
Schauplatz auch dieses Buches ist das fiktive und beschauliche Örtchen Fahlenberg, wo Jan Forstners ureigener Alptraum begann und in „Kalte Stille“ seine Vollendung oder Erlösung finden wird.
Forstner kehrt nach einem beruflichen Eklat an den Ort seiner Kindheit zurück: Während eines psychiatrischen Gesprächs war er einem Gewaltverbrecher an die Kehle gegangen und hätte den Mann beinahe schwer verletzt. Nun ist er zurück an dem Ort, an dem der grausame Zerfall seiner Familie begonnen hat.
Kurze Zeit nach dem ungeklärten Verschwinden seines Bruders war sein Vater, ebenfalls Psychiater, tödlich verunglückt, und die schwer traumatisierte Mutter hatte einige Wochen später den Freitod gewählt.
Inzwischen ist Forstner Mitte Dreißig und frisch geschieden, denn seine Frau kam mit seiner seelischen Zerrissenheit nicht mehr zurecht.

Ein schwieriger Neubeginn
Forstner meidet das Haus seiner Eltern und zieht stattdessen beim Nachbarn Marenburg ein, der ebenfalls eine tragische Geschichte zu verarbeiten hat. Trotz der schmerzhaften Konfrontation mit der Vergangenheit startet Forstner beherzt einen Neuanfang und beginnt in der Waldklinik zu arbeiten, die sein Vater als angesehener und renommierter Psychiater geleitet hatte.
Dr. Fleischer, ein Freund und Kollege von Forstner Senior, riskiert viel, als er den stigmatisierten und suspendierten jungen Arzt dort einstellt. Doch dem Sohn seines so tragisch verstorbenen Kollegen gibt der medizinische Grandseigneur von Fahlenberg gerne eine zweite Chance und lässt ihn in der Psychiatrie arbeiten.
Jan Forstner macht sich engagiert an die Arbeit, doch er wird auf Schritt und Tritt mit seiner unglücklichen und schuldbeladenen Vergangenheit konfrontiert und trägt schwer an dieser Last.

Schicht um Schicht zur Wahrheit
Auf dem Weg zur Arbeit muss Forstner eines Tages mitansehen, wie eine ehemalige Patientin seiner Klinik Selbstmord begeht. Die Freunde der jungen Frau sind jedoch sicher, dass diese niemals freiwillig den Tod gesucht hätte. Forstner wird misstrauisch und beginnt, in den Patientenakten der Klinik zu recherchieren. Immer tiefer dringt er dabei in die Vergangenheit der Stadt, seiner Nachbarschaft und seiner Familie ein und muss schließlich erkennen, dass zwischen dem Verschwinden seines kleinen Bruders, dem Unfalltod des Vaters und dem Suizid der jungen Frau in der Gegenwart ein tödlicher Zusammenhang besteht ...
In den Begegnungen mit den Patienten, den Angestellten der Klinik und den Menschen der Stadt, die Teil seiner Geschichte sind, enthüllt sich ihm langsam aber sicher das gesamte Ausmaß der Tragödie, die die Familie Forstner beinahe vollständig auslöscht hat. Die psychisch labile Tochter des Nachbarn Marenburg war ebenfalls Patientin der Klinik gewesen und starb auf mysteriöse Weise in der Nacht vor Svens Verschwinden. Mit Hilfe der mutigen Carla Willer, einer Freundin der toten Patientin, und mit Unterstützung von Marenburg gelingt es Jan, den Täter hinter all den schrecklichen Verbrechen aufzudecken. Doch nicht nur er schwebt dabei in tödlicher Gefahr ...

Ein Meisterwerk
Wulf Dorn spannt den Leser in seinem Thriller „Kalte Stille“ sehr geschickt auf die Folter. Er inszeniert ein ausgeklügeltes Katz-und-Maus-Spiel, das man als begeisterten Leser nur zu gern mit sich spielen lässt. Falsche Fährten, hoch spannende Handlungsstränge und lebensnah gezeichnete Figuren machen das Buch zu einem faszinierenden und rasanten Leseerlebnis, das sich mühelos mit der US-amerikanischen Konkurrenz messen kann.
Über allem ragt dabei die tragische und sympathische Hauptfigur Jan Forstner heraus, der in seiner Verletztheit tief berührt und dessen rastlose Suche nach dem grausamen Geheimnis seiner zerstörten Familie bewegend und gleichzeitig atemlos spannend ist. Wie Jan Forstner sein Leben aus den Tiefen des Elends in einem seelischen Kraftakt in Richtung Hoffnung bewegt, zeigt die wahre Kunst des Autors.
Ein Buch voller faszinierender Gegensätze, die es außergewöhnlich und einzigartig machen: Tempo und Gemächlichkeit, Einsamkeit und erdrückende Nähe, lähmende Stille und laute Schreie in Todesangst. „Kalte Stille“ ist ganz ohne Frage ein Meisterwerk!
Bianca Reineke
Bossey, September 2010

Kalte Stille

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