Alex North im Interview

Alex North im Interview zu seinem Roman »Der Kinderflüsterer«

Möchten Sie etwas über sich erzählen?
Ich bin 1976 im englischen Leeds zur Welt gekommen. Dort habe ich Philosophie studiert, nach dem Abschluss an der Fakultät für Soziologie und Sozialpolitik gejobbt, als Postgraduate-Betreuer für Genderstudien gearbeitet sowie eine Forschungsgruppe unterstützt, die den Wert ehrenamtlicher Betreuungsleistungen für die Gesellschaft untersucht. In all den Jahren habe ich insgeheim immer schreiben wollen, und darauf habe ich mich irgendwann dann auch voll konzentriert. Ich wohne bis heute in Leeds, inzwischen mit meiner Frau und unserem neunjährigen Sohn und zwei außergewöhnlich freundlichen Katzen.

Was hat Sie dazu bewogen, Schriftsteller zu werden?
Das habe ich immer schon werden wollen. Meine Eltern haben bei mir schon früh die Liebe zu Geschichten geweckt und mich dazu ermuntert, eigene zu schreiben, als ich irgendwann älter wurde. Wir waren nicht gerade gut betucht, aber ich weiß noch, dass es bei uns daheim hieß: »Für Bücher ist immer Geld da.« (Und wenn das gerade mal nicht der Fall war, gab es immer noch die Bibliothek, in der ich als Jugendlicher viel Zeit verbracht habe.) Ich weiß noch, dass ich mit elf Jahren mal durch einen Mathetest gerauscht bin und mir gedacht habe: Ist schon okay, ich will sowieso Schriftsteller werden.

Wo finden Sie die Inspiration für Ihre Bücher?
Ideen kommen von überallher, auch wenn ich nicht einer jener Autoren bin, die ständig mehrere Eisen im Feuer oder künftige Geschichten schon in der Schublade haben. Ich nehme mir einen Roman nach dem anderen vor, aber selbst da ringe ich lange mit mir, was es denn als Nächstes werden soll … Im Grunde lässt es sich aber auf einen Auslöser reduzieren: »Irgendwas passiert mit mir.« Eine Leseerfahrung. Ein zufällig mit angehörtes Gespräch. Eine Nachrichtenmeldung. Irgendwas, was in mir die Frage nach dem »Was wäre, wenn« aufwirft. Dann dauert es noch eine Weile, ehe ich mir darüber klar werde, was tatsächlich für eine Geschichte daraus erwachsen soll.

An welcher Geschichte arbeiten Sie derzeit?
Ich bin recht abergläubisch, wenn es darum geht zu erzählen, woran ich gerade arbeite … Daher nur so viel: Es handelt sich um einen Roman, der dem Der Kinderflüsterer halbwegs ähnelt – um einen Thriller, der sich teils um ein älteres Verbrechen dreht und ein paar – wie ich finde – ziemlich gruselige Details enthält.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren, und warum?
Diese Frage kann ich unmöglich beantworten – sie ist fast schon unfair! Diana Wynne Jones, Stephen King und Dean R. Koontz haben mich früher schwer beeindruckt; als ich älter war, war ich ein großer Fan von Michael Marshall Smith und Graham Joyce. Von Mo Hayder. Sarah Pinborough. Mick Herron. Die Frage nach dem Warum ist umso schwerer, aber ich glaube, dass es in jedem Fall hauptsächlich die Erzählstimme ist – das Gefühl, dass der jeweilige Autor eine Geschichte erzählt, die nur er selbst erzählen kann, und das auch nur auf seine ureigene Weise. Ich mag Autoren aufgrund ihrer Erzählstimme und Vorstellungskraft – ganz egal, wohin beides sie führt.

Welche Bücher haben Sie gerade erst gelesen?
Ich arbeite derzeit so konzentriert an meinem nächsten Roman, dass ich das Lesen in letzter Zeit fast schon eingestellt habe – da steht mir einiges bevor, wenn ich fertig bin. Aber zuletzt habe ich mit großem Vergnügen Steve Cavanaghs Thirteen und auch den Folgeband, Twisted, gelesen. Und ich finde C. J. Tudor wahnsinnig talentiert! Der Kreidemann hat mich aus den Socken gehauen, und ich bin sehr gespannt, was sie als Nächstes vorlegt.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?
Ich habe Philosophie studiert, insofern sollte ich auf diese Frage eigentlich eine bessere Antwort haben … Aber obwohl das wahrscheinlich nicht gerade die beste Herangehensweise ans Leben ist, stammt eins meiner derzeitigen Lieblingszitate von Nietzsche: »Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.« Das gefällt mir sehr. Und es passt zu meiner Art zu schreiben, die immer mit haufenweise Entwürfen und Korrekturen einhergeht, bis ich im ursprünglichen Chaos zu guter Letzt eine Geschichte erkenne.

Was tun Sie, wenn Sie nicht gerade schreiben?
Ich schreibe immer – oder zumindest denke ich darüber nach. (Ich glaube fest daran, dass ins Leere zu starren auch zum Arbeiten dazugehört.) Darüber hinaus lese ich gern, sehe mir Filme an, höre Musik, gehe ins Fitnessstudio. Die restliche Zeit gehe ich gern, so oft ich kann, raus und spreche mit Leuten, die mir zufällig über den Weg laufen. Ich sitze im Pub oder im Coffeeshop und schreibe – und dort treffe ich dann immer eine Menge spannender Leute. Manchmal sogar, wenn ich gar niemanden treffen will.

Fünf Dinge, die wir nicht von Ihnen wissen
Da bleibe ich lieber mysteriös … Früher oder später kommt ohnehin alles über mich ans Licht.

Fassen Sie Ihren Roman bitte in einem einzigen Satz zusammen.
Der Kinderflüsterer handelt von einem verwitweten Vater und seinem Sohn, die in ein kleines Dorf ziehen, um dort noch mal ganz neu anzufangen, dann aber den Weg eines Serienmörders kreuzen, der es auf verletzliche Kinder abgesehen hat.

Was hat Sie zu diesem Buch inspiriert?
Als ich mit der Arbeit am Der Kinderflüsterer anfing, wusste ich nur, dass ich einen Spannungsroman über Väter und Söhne schreiben wollte; von dem kleinen Jungen aus dem Buch wusste ich da immer noch herzlich wenig. Was mich aber immer schon fasziniert hat, sind die gruseligen Dinge, die Kinder manchmal sagen, ganz ohne es gruselig zu meinen – und eines Tages, nachdem wir selbst gerade umgezogen waren, erwähnte mein damals vierjähriger Sohn allen Ernstes, er wolle mit einem gewissen »Jungen im Boden« spielen. Zum Glück war diese Phase nach einem Nachmittag auch schon wieder vorbei. Doch im selben Moment beschloss ich, dass der Junge aus meinem Roman imaginäre Freunde haben sollte und dass einige von ihnen mit der Zeit immer furchteinflößender werden sollten. Von da an hat sich die Geschichte quasi von allein entwickelt.

Haben Sie in Ihrem Roman eine Lieblingsfigur, und warum mögen Sie sie am liebsten?
Ich mag sie alle – natürlich mit gewissen offenkundigen Ausnahmen. Ich finde es enorm wichtig, dass man sich, so gut es geht, mit all seinen Romanfiguren identifizieren kann. Immerhin sind sie alle Helden ihrer ureigenen Geschichte. Im Der Kinderflüsterer mag ich allerdings Jake am liebsten, den kleinen Jungen, um den sich alles dreht. Aus seiner Perspektive zu schreiben hat Spaß gemacht, ich war fast schon ein bisschen verknallt in ihn und wollte letztlich nur noch, dass er mit heiler Haut davonkäme. Ich hoffe, den Lesern geht es da ähnlich.

Welche Szene war für Sie am schwersten zu schreiben?
Ehrlich gesagt hat es von A bis Z einfach nur Spaß gemacht! Die langweilige Antwort auf diese Frage ist wohl, dass nicht vereinzelte Szenen schwer zu schreiben sind, sondern dass – zumindest mir – die komplette Struktur viel schwerer fällt, denn die muss funktionieren; jeder einzelne Handlungsstrang muss sich weiterentwickeln und sich dann an den richtigen Stellen mit anderen überschneiden. Es gibt in dem Roman eine Szene, in der eine Kinderleiche gefunden wird – und an dieser Stelle war ich vermutlich am vorsichtigsten. Ich habe mir alle Mühe gegeben, nicht allzu drastisch zu werden, und das bis zu einem Punkt, da die Leiche selbst kaum mehr erwähnt wird. Stattdessen sind da bloß Figuren, die um eine grässliche Leerstelle kreisen, mit der sie sich kaum befassen wollen. Ein schwarzes Loch in ihrer Welt. Ich fand, so ließ sich das Grauen am allerbesten transportieren.

Welche Sorte Leser wird Ihrer Ansicht nach Ihren Roman gut finden?
Ich hoffe doch, alle Leser, die einen guten Thriller zu schätzen wissen. Das wäre die eine Ebene, auf der es hoffentlich funktioniert. Andererseits gäbe es da ja auch noch diesen starken emotionalen Unterbau, insofern sollte der Roman auch all denen gefallen, die zu einer Spannungsgeschichte auch einen Hauch Gefühlsdrama zu schätzen wissen.

Gibt es Bücher, mit denen Sie Ihren Roman vergleichen würden?
Das ist nicht einfach; als Autor bin ich für diese Frage aber auch nicht die beste Adresse. Statt jetzt bloß Bücher aufzuzählen – einige meiner frühen Testleser haben Das Schweigen der Lämmer erwähnt, Stephen King und den Film The Sixth Sense – Vergleiche, die mir eindeutig schmeicheln.

Möchten Sie Ihren Leser/-innen noch etwas mitteilen?

Ein donnerndes »Hallo« an all meine deutschsprachigen Leserinnen und Leser! »Der Kinderflüsterer« hat mir beim Schreiben ungemein viel bedeutet, trotzdem habe ich irgendwann nur noch davon geträumt, ihn irgendwann fertig zu kriegen, damit ein, zwei Leute ihn zu lesen bekämen. Dann jedoch waren die Reaktionen schlicht überwältigend – und ich konnte es kaum fassen. Ich freue mich riesig und fühle mich zutiefst geehrt, dass mit einem Mal Leute überall auf der Welt den »Der Kinderflüsterer« lesen, und bin gespannt, was Sie davon halten. Ich hoffe, der Roman gefällt Ihnen! Danke Ihnen vielmals, dass Sie ihm eine Chance geben!

Ihr
Alex North

Der Kinderflüsterer

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