Anna Vovsova, Josef und Li, Banner big, Heyne fliegt

SPECIAL zu Anna Vovsova »Josef und Li«

Der Zauber der tschechischen Erzählkunst

von Victoria Schlederer

Die 1985 geborene Victoria Schlederer lebt in Wien und ist freie Journalistin und Autorin. Ihr ebenfalls in Prag spielender Roman Des Teufels Maskerade ist im Heyne Verlag erschienen.


Der Landkarte meiner Kindheit gemäß lag die Heimat der Geschichten irgendwo in der tschechischen Republik. Ich war sechs oder sieben Jahre alt und hatte endgültig, unwiderruflich die Kunst des Lesens zu meiner ganz besonderen Passion erhoben, als ich sie entdeckte: Die Heimat der Geschichten, Tschechien, beherbergte nicht nur das beschauliche Dorf, in dem ein schlauer Kater allerlei Abenteuer erleben konnte, und den schier unüberwindlichen Turm der Prinzessin Jasnenka, sondern auch das Städtchen, das in den Schwänken und Tragödien meiner eigenen Familie eine so entscheidende Rolle spielte. Bald war die Heimat der Geschichten auch das stolze, hunderttürmige Prag, die Goldene Stadt, von der ich mit stummer Ehrfurcht in einem Sagenbuch gelesen hatte, bald das Prag der švejkschen Schelmenstreiche. In Tschechien fügten sie sich ineinander, die Staffel, die mich bezauberten, amüsierten und ängstigten, in denen ich mich doch wieder und wieder verlor. Hier wanderte Kater Mikeš durch das Gässchen, in dem meine Großmutter wohnte, hier wachte eine stolze Kriegerkönigin hoch auf dem Burgberg über ihre Stadt – und Vorsicht war geboten, denn vor den Toren schliefen die Drachen.
Es versteht sich von selbst, die Heimat der Geschichten, sie blieb nicht lange das Zentrum meiner persönlichen Kartographie. Das Dörfchen Hrusice geriet mir in Vergessenheit, die Stadt meiner Großeltern bekam einen Namen, Prag wurde mir mehr als die Summe seiner Mythen und Legenden, ich lernte Hašeks tragikomische Satire zu schätzen und die Bildsprache und Vielschichtigkeit der tschechischen Märchenfilme – welche Kindheit kennt sie nicht? – zu bewundern; kurz, die Heimat der Geschichten wurde erwachsen.
Und dennoch war und blieb Tschechien für mich das Land der Geschichten, schon lange bevor ich bemerkte, dass ich mit diesem Gefühl keineswegs allein war, dass die Mehrheit meiner narrativen Schätze, meiner vielgeliebten Fiktionen sich ungemeiner Popularität erfreuten, dass sie sehr vielen Kindern vor und mit und nach mir Portal waren, sind und sein würden in phantastische Gefilde und erträumte Vergangenheiten.
Die ersten Lieben, wie literarisch sie nun sein mögen, sie prägen uns. Vielleicht gedenken wir ihrer mit Nostalgie und einem kleinen Lächeln, vielleicht erkennen wir in ihnen die Grundfesten, auf denen viele spätere Lieben erstehen; vielleicht vergessen wir die Geschichten im Detail und bewahren uns nur ihren Zauber. Und mir blieb eben dieser Zauber. Immer wieder unternahm ich meine Streifzüge in die tschechische Literatur, erschloss mir große Werke und kleinere, fand Obskures und Populäres, legte mir, Buch um Buch, Erzählung um Erzählung meinen Pfad durch das Land der Geschichten.
Ich war sechzehn, als ich endlich zum ersten Mal nach Prag kam, und ausgerüstet mit einem Übermaß an Fiktionen. Die tschechische Phantastik hatte es mir immer noch angetan mit ihrem reichhaltigen Hintergrund an alten Sagen und Legenden; im starken Kontrast dazu begann mich gerade Milan Kunderas Werk zu faszinieren.
Ich hatte mir Mühe gegeben, mir wenigstens die Vergangenheiten meines fiktiven Prags in all seinen Facetten, all seinen Schattierungen nach Kräften zu erschließen. Ich lauschte Dvoráks »Rusalka«, während ich die Geschichten von Kleinseitner Alltäglichkeiten las.
Ich fand (und finde immer wieder) eine Stadt, die mir fremd war und ist und in manchen Grundzügen und beliebigen Details andererseits sehr vertraut. Ich finde Winkel, in denen Fiktionen und Wahrheiten der Vergangenheit leben, und ich finde Geschichten – Geschichten der Gegenwart, Geschichten der Zukunft. Mir begegnen Geschichten, die mir nicht gehören, und Geschichten, die sich in meinen persönlichen Erzählschatz fügen wollen; auch Geschichten, die ich selbst erzählen kann.
Ich habe die Geschichte der tschechischen Literatur selbst immer – das heißt, seit meine Liebe zu ihr mich zum Studium der Slawistik bewegt hatte – als Geschichte der Begegnungen empfunden. Der Begegnungen zwischen Sprachen und der Begegnungen zwischen Identitäten, zwischen Ideen. Der Begegnung von Gegenwarten und Vergangenheiten, von Mythos und Historie. Begegnungen, die erschaffen, und Begegnungen, die verletzen. Begegnungen zwischen Bekanntem und Fremdem.
Das Kind, das ich war, wollte fremd und doch zuhause sein in seiner Heimat der Geschichten. Es wollte dem Unbekannten begegnen in kühnen Träumen und Fantasien und es wollte sich und seine Familie, die eigene Geschichte, wiederfinden in den Erzählungen der Vergangenheit.
Josef und Li von Anna Vovsova ist ein Buch der Begegnungen und der Zukunft. Es ist die Geschichte zweier Kinder, ihrer Freundschaft und ihres Bestrebens, ihre eigenen Lebenswelten zu entwerfen; und es ist eine Geschichte der Heimaten, die wir finden – in Ländern, in Menschen und in Fiktionen.