Interview mit Annette Wieners

Annette Wieners im Interview zu ihrem Roman »Das Mädchen aus der Severinstraße«

Wussten Sie, dass Annette Wieners Geschichten schreibt, seitdem sie einen Stift in der Hand halten kann?

Möchten Sie uns etwas über Ihren Werdegang erzählen?
Ich bin in Paderborn aufgewachsen, habe in Münster studiert und nebenher viel gejobbt, um schnell auf eigenen Füßen zu stehen. Nach der Uni habe ich als Journalistin bei Fernseh- und Radiosendern in München und Hannover gearbeitet, es war eine aufregende Zeit. Dann, in den 90er Jahren, wollte ich sesshafter werden. Ich wechselte zum WDR nach Köln, bekam aber bald auch ein Stipendium, mit dem ich als Journalistin die Philippinen bereisen durfte.
Zurück in Deutschland entstand schließlich die Mischung, die heute noch gilt: Ich schreibe Romane und bin außerdem im Radio zu hören.

Würden Sie uns ein wenig über sich erzählen – Ihre Hobbies, Lebenssituation, Ihren Traum vom Glück, was Sie ärgert, welche Gabe Sie gerne besäßen …?
Was Sie zuerst über mich wissen sollten: Es kann passieren, dass wir uns eines Tages begegnen und ich an Ihnen vorbeilaufe, ohne zu grüßen. Bitte ärgern Sie sich nicht! Solche Situationen kennen selbst meine Verwandten und Freunde, ich kann mir Gesichter schlecht merken, und wenn ich müde oder in Eile bin, ist es manchmal arg.
Ziemlich gut erkenne ich Personen an ihrer Art, sich zu bewegen, und praktischerweise vergesse ich selten einen Namen. Winken Sie mir also ruhig zu!
Und am besten übernehmen Sie dann auch die Führung. In Städten verlaufe ich mich leicht. Mein Orientierungssinn funktioniert am besten in der freien Natur, am allerbesten auf dem offenen Meer, wo rechts und links alles ähnlich aussieht. Beim Segeln, selbst im Sturm, können Sie mir vertrauen. Ich weiß jederzeit, wo Norden ist, als hätte ich einen Kompass im Herzen. Bleiben Sie gerne im Boot, ich finde den Hafen, auch wenn er im Nebel liegt, und
bringe uns nach Hause.
Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich in meinem Leben alles so lassen, wie es im Augenblick ist. Ich liebe meinen Alltag und möchte oft die Zeit anhalten.
Wobei es natürlich interessant wäre, einmal nach vorn zu springen und 100 Jahre in die Zukunft zu blicken. Wie die Welt dann wohl aussieht und wie die Menschen inzwischen miteinander umgehen?
Ich finde es bedauerlich, vom allgemeinen Geschehen eines Tages abgeschnitten zu werden, dann nämlich, wenn ich ins Gras beißen muss. Ich wüsste so gern, wie es auf diesem Planeten weitergeht.

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Ich schreibe Geschichten, seitdem ich einen Stift halten kann. Ich kenne keine Angst vor dem weißen Blatt, sondern suche immer wieder dieses Spezialgefühl am Tisch. Eine Geschichte schreiben zu dürfen, schenkt mir unendliche Ruhe.
Nervös werde ich erst, wenn der Text fertig ist. Wenn das Geschriebene offen auf dem Tisch liegt und in fremde Hände geraten könnte. Die Vorstellung hat mich lange Zeit zur Verzweiflung gebracht.
Ich erinnere mich an eine Lehrerin, die für meine Geschichten auf eigene Faust einen Kinderbuchverlag fand und damit mir, neun Jahre alt, Angst und Schrecken einjagte. Ich musste dazu übergehen, meine Texte zu verbrennen. Aus Sicherheitsgründen. Es tat nicht weh, sondern war eine Erleichterung.
Noch besser wäre natürlich gewesen, gar nichts mehr zu fabrizieren und das Schreiben einfach einzustellen. Aber das habe ich nicht geschafft, das Spezialgefühl war und ist zu verlockend.
Heute habe ich längst meinen Frieden mit allem geschlossen, zum Glück. Ich schreibe weiterhin viel und veröffentliche manches, denn ich habe herausgefunden, wie entspannt es sein kann, nicht ständig gegen sich selbst vorzugehen.
Wobei sich die Vernichtungsmöglichkeiten seit damals skurril entwickelt haben. Heute können Sie einen Text löschen, ohne vorher Feuer zu legen.

Wie finden Sie Ihre Themen?
Ich finde keine Themen, sondern die Themen schnappen nach mir. Immer neue Figuren schrauben sich aus den Bodendielen, wenn ich nicht aufpasse und zum Beispiel in Gedanken vertieft am Küchenfenster stehe. Die Figuren sprechen mich an, werden aufdringlich und verlangen, dass ich aufschreibe, was sie erzählen. Wort für Wort muss ich notieren und immer bei der Wahrheit bleiben. Bei ihrer Wahrheit, selbstverständlich, da kann ich mich
nicht wehren.

An welchem Buch arbeiten Sie gerade?
Gerade läuft das Lektorat vonDas Mädchen aus der Severinstraße.
Die Geschichte beginnt 1937 in Köln. Eine junge Frau, Maria Reimer, will raus aus der naziverseuchten Stadt und bewirbt sich als Modell in einem Fotoatelier. Tatsächlich steht ihr bald eine Karriere offen, aber sie läuft anders als gedacht. Denn Maria darf nicht etwa nach Paris reisen und ihr Foto kommt auch nicht auf die Seiten der Vogue, sondern die blonde Maria soll zum Vorbild für die neue reichsdeutsche Frau werden. Viel zu spät bemerkt sie, unter welchem Einfluss das Atelier steht. Zu spät auch für den Fotografen, dem sie
nähergekommen ist, als es die Rassegesetze erlauben.
Jahrzehnte später, am Ende ihres Lebens, entdeckt Maria in ihrem Haus ein kleines Vermögen. Gold war in der Wand versteckt, es scheint von damals zu stammen, aber warum wusste Maria nichts davon? Sie kann es nicht fassen: Ihr eigener Ehemann könnte etwas Ungeheuerliches getan haben.

Welche Szene daraus war bisher am schwierigsten zu schreiben?
Überhaupt keine. Die Geschichte floss aufs Papier, vermutlich weil ich meine eigene Großmutter vor Augen hatte. Sie hieß Maria Reymer, war ein Mädchen aus der Kölner Südstadt und hatte sich vor dem Krieg tatsächlich als Fotomodell beworben. Für kurze Zeit stand sie auch unter Vertrag, bis ihr genervter Vater ihr das Arbeiten verbot – und damit erst recht ihren Trotz provozierte. Meine Großmutter war vom Charakter her wie die Maria aus dem Roman. Ihr Leben ist allerdings anders verlaufen, als ich es dem Mädchen aus der Severinstraße angedichtet habe.
Allerdings habe ich für den Roman viel recherchiert und ich muss sagen, dass ich die Geschichte der Stadt Köln noch einmal neu entdeckt habe. Köln war eine Hochburg des Nationalsozialismus und wollte sich vor der Führung des Deutschen Reichs hervortun, sei es mit einem Außenlager des KZs Buchenwald, das in Köln-Deutz eingerichtet wurde, oder mit einer besonders brutalen Verfolgung von sogenannten Mischehen. Auch der Karneval stand unterm Hakenkreuz. Als ich herausfand, wie geschmeidig sich mancher Kölner Industrielle oder NS-Politiker selbst nach dem Krieg in den Klüngel einfügte, bekam ich Albträume. Aber beim Schreiben dachte ich: Jetzt erst recht!

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Alle Szenen im Roman hängen zusammen. Für mich ist der Text ein Netz, das sich nicht auftrennen lässt, und so gibt es keine Lieblings- und keine Sorgenszenen. Wenn ich beim Schreiben eine solche Aufteilung feststellen würde, würde ich annehmen, dass etwas nicht stimmt, und daran arbeiten.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Bei den Figuren verhält es sich ähnlich. Jede einzelne Figur stützt die Geschichte und ist beim Schreiben für mich lebendig gewesen. Dadurch hatten auch die unangenehmen Typen einen Platz in mir und ich gestehe, das war nicht immer schön.

Haben Sie weitere Texte veröffentlicht
Bei Ullstein/List sind drei Bände einer Krimi-Reihe erschienen: Es geht um die
Friedhofsgärtnerin und ehemalige Kommissarin Gesine Cordes: Kaninchenherz (2015), Fuchskind (2016) und Wildeule (2017). Von Kaninchenherz gibt es auch ein Hörbuch und eine französische Übersetzung bei Robert Laffont, Paris: Coeur de lapin (2016). Außerdem wurden die Filmrechte zu Kaninchenherz optioniert.
Vorher habe ich zwei literarische Romane veröffentlicht: Die Beerdigung ihrer Mutter (Konkursbuch 2006) und Goldene Zeiten (Horlemann 2014).
Im Rahmen zweier Literaturwettbewerbe sind zwei Erzählungen erschienen: Pause einer Gärtnerin (in: Risikoanalyse, die besten Geschichten aus dem MDRLiteraturwettbewerb 2013, Poetenladen Verlag 2013) und Erlösung (in: Vor der Revolution. Die Siegertexte aus dem Literaturwettbewerb Stockstadt.)

Sind Sie für Ihr Werk bereits mit Preisen ausgezeichnet worden?
Es sind nur kleine Preise. Ich habe 2013 bei zwei Wettbewerben mitgemacht, dem MDRKurzgeschichten-Wettbewerb und dem Literaturwettbewerb Stockstadt. In Stockstadt habe ich den zweiten Preis gewonnen, beim MDR wurde mein Text in die Anthologie der besten Beiträge aufgenommen.

Gibt es bestimmte geographische Orte, zu denen Sie oder Ihr Buch einen besonderen Bezug haben?
Das Buch hat einen Bezug zum Rheinland, vor allem zu Köln, aber auch zu Reims in der Champagne. Ich selbst stamme aus Ostwestfalen, aus Paderborn.
Da ich lange Zeit das WDR2-Mittagsmagazin moderiert habe, mag mich in NRW manche Radiohörerin und mancher Hörer kennen – zumindest kennt man meine Stimme, die auch immer noch in den Nachrichten auftaucht.

Was lesen Sie selber gerne?
Ich lese meist drei Bücher gleichzeitig. Etwas Ernstes, etwas Leichtes und etwas
Kompliziertes. Gern mag ich die Literatur der Gegenwart aus Deutschland und Frankreich, aber auch aus dem englischsprachigen Raum, aus Spanien und Afrika.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?
Schauen Sie in meine Regale. Suchen Sie eine verschollene Erzählung von Annie Proulx? Sie finden Sie garantiert bei mir. Oder darf es ein Roman sein, der in Deutschland irgendwann einmal Aufsehen erregt hat, und sei es nur für zwei Stunden vor zwanzig Jahren? Ich habe ihn gekauft und aufbewahrt.
Meine Lieblingsautorinnen und -autoren wechseln. Was bleibt, sind ihre Bücher, die ich offenbar nicht wegwerfen kann.

Wer sind Ihre liebsten Romanhelden/-heldinnen?
Alle, die ihr Leben in die Hand nehmen und sich nicht darum kümmern, was über sie geredet wird oder welche gesellschaftlichen Aussichten sie haben. Sie treten in allen guten Geschichten auf, ob bei Chimamanda Ngozi Adichie oder bei Dörte Hansen.

Möchten Sie uns 3 Bücher für die einsame Insel empfehlen?
Bitte packen Sie ein Notizbuch ein. Mit Stift. Außerdem zwei Ratgeber: Essbare Pflanzen und Fischen mit dem Speer bei Nacht. Denn was nützt Belletristik, wenn Sie verhungern?

Was ist für Sie die größte Versuchung?
Ein Sofa mit Wolldecke.

Verraten Sie uns Ihr Lieblingsrezept?
Ja, sobald ich mich auf ein einziges Rezept festlegen kann.

Was ist für Sie die optimale Entspannung?
Stille. Segeln. Oder ein Sofa mit Wolldecke.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Immer neugierig bleiben.

Gibt es eine Person, die Sie persönlich fasziniert?
Jede Person. Jeder Mensch. Und je fremder er mir ist, umso faszinierender finde ich, was er an der Tag legen kann – ohne dass ich es unbedingt gut finden muss.

Welche menschliche Leistung des letzten Jahrhunderts bewundern Sie am meisten?
Die Entdeckung, dass alle Menschen gleich sind und dass sich Diskriminierung auch als Toleranz getarnt anschleichen kann. Denn Toleranz ist keine Akzeptanz.

Welche Organisation oder welches Projekt würden Sie gerne unterstützen – oder tun dies bereits?
Ich unterstütze UNICEF und engagiere mich bei Autoren helfen.

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen:
1. Ich lese gern nachts.
2. Ich kann mauern. Geben Sie mir einen Sack Mörtel und Ziegelsteine.
3. Ich repariere im Haus alles selbst. Nach Möglichkeit.
4. Ich bin gern allein.
5. Ich freue mich über Gesellschaft.

Möchten Sie Ihren Leser/-innen noch etwas mitteilen?
„Da sind Sie ja! Wussten Sie, dass unsere Bücherregale wahrscheinlich viele Gemeinsamkeiten haben? Überhaupt könnten wir uns ähnlich sein: gleiche Schuhgröße (41), gleiche Vorliebe für schöne Stifte. Ich schreibe ein Buch, Sie lesen darin, und auch wenn es sich anhört, als seien das sehr unterschiedliche Tätigkeiten, sind es im Grunde zwei Seiten derselben Kunst. Eine Geschichte verlässt meinen Kopf, Sie nehmen sie auf und siedeln sie in
Ihrem Kopf neu an. Das finde ich toll. Danke schön!“

Ihre
Annette Wieners

Das Mädchen aus der Severinstraße

(4)
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