SPECIAL zu António Lobo Antunes

Über das Buch

1961 kam es im westafrikanischen Angola zum Aufstand gegen die portugiesische Kolonialherrschaft. Ein Befreiungskampf begann, der 1975 - nach der friedlichen "Nelkenrevolution" in Portugal - in der Unabhängigkeit des Landes endete. Im Anschluss daran brach ein 27-jähriger Bürgerkrieg zwischen der marxistischen Volksbewegung zur Befreiung Angolas (MPLA) und der Nationalen Union für die völlige Unabhängigkeit Angolas (UNITA) los - und blutete das an Bodenschätzen reiche Land weiter aus.

Der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes war Anfang der sechziger Jahre 27 Monate als Militärarzt in Angola im Einsatz. Dieser Krieg war für ihn eine zutiefst traumatische Erfahrung, die er immer wieder in seinen Büchern verarbeitet. Nur mit literarischen Mitteln kann er das Erlebte in Worte fassen: "Über den Krieg sprechen möchte ich nicht; ich rede nie vom Krieg, weil er zu entsetzlich war."

Der blutige Krieg in Angola war schon in früheren Werken von António Lobo Antunes ein Thema. Mit "Guten Abend ihr Dinge hier unten" hat Antunes nun aber erstmals ein Buch "nur" über Angola geschrieben - einen polyphonen Trauergesang aus dem Herzen der Finsternis, einen literarischen Fieberwahn aus Gewalt und Erniedrigung, Wut und Verzweiflung.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Drei portugiesische Geheimagenten werden nacheinander nach Angola entsandt, um dort gestohlene Diamanten wiederzubeschaffen. Doch keiner von ihnen ist in der Lage, diesen Auftrag zu bewältigen. Durch die Verschmelzung ihrer Erlebnisse mit den persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen von Diamantenschmugglern, Prostituierten und Soldaten entsteht eine schonungslose, ergreifende Geschichte von "unten" - aus der Position der Schwachen und Betrogenen.

António Lobo Antunes hat eine Sprache gefunden, die das eigentlich Unbegreifliche begreifbar machen kann. In atemlosen Sprüngen zwischen Personen und Zeiten, Dialogfetzen und ungefilterten Gedankenströmen entfaltet er eine beklemmende Kakophonie der Verlierer, die dem Leser ein Gefühl davon vermittelt, welche psychischen Zerstörungen der Krieg anrichtet. So zerrissen wie die Seelen der Überlebenden, so zerrissen ist auch Antunes' einzigartige Sprachmelodie. Erst langsam erschließen sich die traumatischen Erlebnisse, die die Erzählenden nicht loslassen, aus den fiebrigen fragmentarischen Sätzen, aus sich immer wieder wiederholenden Gedankensplittern und Geräuschen - dem Tick-tick fallender Wassertropfen, dem "Pseps" eines Vogels.

"'Angola', das ist die Chiffre einer verlorenen Generation, die über Verletzung, Verstümmelung und Verwesung die Lust am Leben verloren hat und diese auch in Friedenszeiten nicht mehr findet. In den ‚killing fields' des südwestlichen Afrika wurde ihr die Seele zerballert. Und wieder zusammenflicken lässt sich das filigrane Organ nicht. Allerdings: Was Angola der Seele des Arztes an Schaden zugefügt hat, das erstattet sie dem Roman an literarischer Größe."
(Neue Zürcher Zeitung)