Barbarotti und der schwermütige Busfahrer von Håkan Nesser

Inspektor Barbarotti ermittelt auf Gotland.

Gegen Inspektor Barbarottis Polizeikollegin - und neue Lebensgefährtin - Eva Backman wird in Stockholm intern ermittelt. Sie musste bei einem Einsatz zur Schusswaffe greifen, um Schlimmeres zu verhindern, was für einen der Beteiligten allerdings böse endete. Um Abstand zu gewinnen, beschließen Barbarotti und Backman, sich in die herbstliche Abgeschiedenheit Gotlands zurückzuziehen. Doch die Ruhe ist trügerisch. Barbarottis kriminalistische Instinkte werden geweckt, als er in einem Fahrradfahrer jenen rätselhaften Busfahrer zu erkennen glaubt, der vor sechs Jahren Opfer eines Verbrechens wurde, ohne dass man seine Leiche je gefunden hätte ...

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Prolog

Kommetjie, Kapprovinz, Südafrika, Juni 2010

»Für den Holländer ist es also an der Zeit, in den Norden zurückzukehren?«
Sie hielt seine beiden Hände fest in ihren und sah ihn mit einem unsicheren Lächeln und
feuchten Augen an. Ihre Trauer über seine Abreise war unübersehbar. Es war so viel Zeit vergangen.
Fast fünf Jahre hatte er in ihrem von Bougainvilleen umwachsenen Haus gewohnt,
mehr als fünfzehnhundert Tage mit seinem Frühstückskaffee auf ihrer großzügigen Terrasse gesessen
und aufs Meer geblickt. Das immer Gleiche und doch niemals Gleiche.
Auch die frühen Abendstunden hatte er auf der Terrasse verbracht. Mit seinen Leinwänden und Farben. Oder schreibend an seinem Computer. Kein Wunder, dass es einem seltsam vorkam.
Nicht nur ihr.
»Ich möchte dir etwas sagen. Ich bin eigentlich gar kein Holländer, ich bin Schwede.«
»Du kommst aus Schweden?«
»Ja.«
»Du hast fünf Jahre bei mir gewohnt und mir das nie erzählt?«
»Ich finde, Nationalitäten spielen eigentlich keine Rolle.«
Sie lachte. »Da hast du recht, so sollte es jedenfalls sein. Aber es ist ein Traum, dass wir alle
Weltbürger sind. Ein sehr optimistischer Traum. Außerdem hast du einen niederländischen Pass.«
»Dafür gibt es Gründe. Aber morgen lande ich in Stockholm, nicht auf Schiphol.«
»Du fliegst über Addis?«
»Ja.«
Sie nickte. Es brachte nichts, ihn zu viel zu fragen, das hatte sie gelernt. Seine Privatsphäre war ihm heilig. So wie ihre eigene ihr selbst vielleicht auch.
»Ich werde dich vermissen.«
»Das geht mir mit dir genauso.«
»Und der Transport der vielen Bilder ist sicher?«
»Das will ich hoffen. Aber die Gemälde, die ich hierlasse, gehören dir. Verkauf so viele, wie du willst.«
»Das käme mir niemals in den Sinn.«
Er zuckte mit den Schultern. Sie ließ seine Hände los und umarmte ihn lange.
»Jetzt geh schon, bevor ich noch losheule. Und versprich mir wiederzukommen.
The Cottage steht dir immer offen, das weißt du.«
»Danke. Du hast mich nicht zum letzten Mal gesehen, die Vorhersage wage ich.«
»Wenn wir am Leben bleiben.«
»Dann lass uns gemeinsam beschließen, dass wir das tun.«
Sie nickte ernst. »Ja, warum nicht? Leb wohl, mein schwedischer Holländer.«

Oktober – November 2012


1
Kleckse und Späne, fünfundzwanzigster Oktober

Ich sollte nicht leben. Der Meinung sind viele, und ich kann sie verstehen.
Manchmal brennt mein Lebenslicht so schwach, dass ich das Gefühl habe, mich vor einen Spiegel stellen und es auspusten zu können. Es ist ein seltsamer Gedanke, aber seit dem Unfall
sieht es in meinem Kopf so aus. Eigentümliche Bilder. Verwirrte Überlegungen.
Ideen und Gedankengänge, die darin niemals auftauchten, bevor es passierte.
Natürlich nicht ständig, aber von Zeit zu Zeit. Vor allem nachts, in diesem unangenehmen Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Vielleicht auch in meinen Träumen, aber das weiß ich nicht; in den allermeisten Fällen kann ich mich inzwischen nicht mehr daran erinnern, was ich geträumt habe.
Auch das war früher anders, aber ich habe eine Reihe von Therapeuten und Psychologen aufgesucht, und alle scheinen der Auffassung zu sein, dass nach einem schweren Trauma letztlich alles normal ist.
Dass sich Denken und Wahrnehmung im Grunde in jede Richtung verändern können,
wenn man etwas erlebt hat wie das, was ich durchmachen musste.
Dass man in gewisser Weise ein anderer wird als der Mensch, der man vorher war.
Aber das ist meine eigene Schlussfolgerung.

Ich schreibe, damit zumindest eine Erklärung zurückbleibt. Falls etwas passieren sollte.
Will sagen, meine Erklärung, meine Erzählung.
Vielleicht wird sich keiner dafür interessieren, sie zu lesen, und wenn das so ist, akzeptiere ich es.
Mir ist bewusst, dass es schwerfällt, meinen Worten zu glauben, wenn ich von dem zu erzählen versuche, was tatsächlich vor sich geht. Womit ich mich konfrontiert zu sehen glaube.
Bisher habe ich nur mit Karin darüber gesprochen, merke aber, dass sie mir nur aus Mitleid zuhört und eigentlich denkt, ich würde mir etwas einbilden.
Oder zumindest, dass ich übertreibe; die Existenz der Briefe kann sie natürlich nicht leugnen,
das ist unmöglich, aber sie findet, dass ich ihnen zu viel Bedeutung beimesse.
Die Welt ist voller bedrohlicher Irrer, hat sie einmal gesagt. Würde man etwas auf sie geben,
man würde verrückt. Das war im August, als ich ihr die beiden Mitteilungen gezeigt habe,
die ich zu diesem Zeitpunkt erhalten hatte. Seither sind zwei weitere eingetroffen, die ich ihr allerdings nicht mehr vorgelegt habe. Ich habe sie nicht einmal erwähnt. Ich will nicht, dass sie denkt,
ich würde allmählich paranoid. Paranoid und wahnsinnig.
Unsere Beziehung ist auch so schon zerbrechlich genug.

Aber ich sollte von vorn anfangen.
Oder zumindest ein gutes Jahrzehnt zurückgehen. Ja, das tue ich, denn hier bestimme ich.
Damals, in den Jahren um die Jahrtausendwende, wohnte ich mit meiner ersten Frau Viveka in einem Reihenhaus am Stadtrand von Uppsala. Wir arbeiteten beide an der Universität, sie als Theologin,
ich als Ideenhistoriker; wir hatten uns im Studium kennengelernt und waren während unserer
gesamten Laufbahn zusammengeblieben. Über den Magisterabschluss, die Doktorandenstellen,
die Arbeit an unseren Dissertationen und schließlich unsicheren Stellen an unseren
jeweiligen Instituten hinweg. Meine waren unsicherer als ihre. Sie promovierte, ich wurde niemals fertig.
Wir bekamen keine Kinder. Mitte der neunziger Jahre war Viveka einmal schwanger, erlitt jedoch in der vierzehnten Woche eine Fehlgeburt. Danach kam es nie wieder dazu, obwohl wir es versuchten, und als wir Anfang dreißig waren, akzeptierten wir den Stand der Dinge. Eltern zu werden ist kein Menschenrecht, dessen waren wir uns beide bewusst.
Meine Karriere als Ideenhistoriker war erheblich ins Stocken geraten, und nach ein paar Jahren verloren ein Kollege und ich die Forschungsmittel, die uns über Wasser hielten,
seit ich meine Stelle am Institut angetreten hatte. Wir beantragten neue Mittel bei allen nur
erdenklichen Geldgebern, gaben am Ende jedoch auf. Die einzige Chance, die akademische Laufbahn fortzusetzen und meine Dissertation zu beenden, hätte darin bestanden, eine schlecht bezahlte
und befristete Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität von Oslo anzunehmen.
Viveka und ich sprachen tatsächlich darüber, unsere Siebensachen zu packen, aber ihre Aussichten,
dort eine Arbeit zu finden, die ihrer Qualifikation entsprach, gingen mehr oder weniger gegen null.
Schließlich beschlossen wir, dass ich mich nach einer Stelle außerhalb der Universität umsehen würde.
So wurde ich Busfahrer.

Ich sehe, dass es kurz vor eins ist, aber Karin schläft wie immer tief und fest in unserem Schlafzimmer, deshalb mache ich noch etwas weiter. Ich wäre natürlich niemals auf die Idee gekommen, einen
Bus zu fahren, wenn die Umstände es nicht verlangt hätten. Die Umstände und Tommy.
Er war Vivekas älterer Bruder, ich schreibe war, da er vor ein paar Jahren gestorben ist.
2002 lebte er allerdings noch, und ihm gehörten zwei Drittel eines erfolgreichen Busunternehmens
mittlerer Größe, das Reisen innerhalb Skandinaviens und manchmal auch ins europäische Ausland anbot.
Tommy hatte die akademische Welt und den Mann, den seine Schwester geheiratet hatte, also mich,
seit jeher verachtet. Er machte häufig Witze über uns »Klugscheißer«; so nannte er mit Vorliebe Menschen, die in theoretischen Berufen arbeiteten. Als es offensichtlich wurde, dass ich meine Stelle an der Universität verloren hatte, war er jedoch wirklich für mich da, das kann ich nicht anders sagen.
Er bot mir an, für seine Firma zu fahren, sogar die erforderliche Ausbildung zu finanzieren, um den Busführerschein sowie die Lizenz dafür zu erwerben, Fahrgäste kreuz und quer durch unser langgestrecktes Land und jenseits seiner Grenzen befördern zu dürfen.
Viveka und ich besprachen die Sache natürlich eingehend. Sie hatte nie viel von ihrem Bruder gehalten, und natürlich war es in gewisser Weise demütigend, seinen Vorschlag zu akzeptieren.
Dennoch schlug ich ein. Ein halbes Jahr später war ich bei ihm angestellt und fuhr meine erste Tour als geprüfter Busfahrer: eine Gruppe kunstinteressierter Rentner aus der Region um Stockholm auf einer viertägigen Reise nach Skagen in Dänemark.
Ich merkte praktisch sofort, dass mir meine neue Arbeit gefiel, die der etwas faden Wirklichkeit der akademischen Welt so fern war. Ich durfte Orte sehen, die ich sonst niemals besucht hätte: Tromsö, den Skiort Riksgränsen, Lugano, Krakau, Madrid, Sankt Petersburg, um nur einige zu nennen.
Es war erstaunlich, aber so war es einfach. Es gefiel mir außerordentlich gut, Busfahrer zu sein,
ein Beruf, den ich nur ein Jahr zuvor als Erwerbsmöglichkeit niemals ernsthaft in Betracht gezogen hätte.
Nun gleitet mir allerdings der Stift aus der Hand, und die Gedanken gleiten aus dem Kopf.
Ich warte mit der Fortsetzung bis zur nächsten schlaflosen Nacht.

Kleckse und Späne, siebenundzwanzigster Oktober

Viveka und ich führten einige Jahre ein schönes Leben. Zumindest sehe ich das in der Rückschau so. Sicher, wir hatten die eine oder andere kleine Krise, aber im Großen und Ganzen durchlebten wir keine schwerwiegenden Konflikte in unserer Ehe. Charakterlich passten wir gut zusammen, keiner von uns jagte großen Erlebnissen im Leben hinterher, wie viele andere es tun.
Uns reichte ein einigermaßen ereignisloses Dasein, dessen Leitsterne Ruhe und Ordnung waren.
Unser Bekanntenkreis war nicht besonders groß, aber wir trafen uns regelmäßig mit einigen anderen Paaren, die wir in unseren ersten Jahren in Uppsala kennengelernt hatten.
Hasse und Ingela, beide Ärzte. Ingvar und Paula, Pfarrer beziehungsweise Gymnasiallehrerin.
Oliver und Katarina, Katarina war Psychologin und eine alte Schulfreundin Vivekas, Oliver pendelte nach Stockholm und arbeitete im Außenministerium.
Im Sommer reisten wir ins Ausland, jedes Jahr zu einem anderen Reiseziel, und im Februar oder März fuhren wir eine Woche in die Berge. Hasse und Ingela besaßen ein Ferienhaus in Vemdalen, das sie uns überließen, manchmal waren wir auch gemeinsam mit ihnen dort.
Natürlich brachte meine Arbeit als Busfahrer mit sich, dass ich eine Anzahl von Nächten nicht daheim war, aber es waren selten mehr als sechs oder sieben im Monat, und es beeinträchtigte unsere Beziehung nicht. Im Gegenteil, ich weiß noch, wie schön es war, sich nach einigen Nächten Trennung wiederzusehen,
und bin mir sicher, dass Viveka es genauso empfand. Wenn ich ein paar Tage fort gewesen war,
hatten wir in der ersten gemeinsamen Nacht fast immer Sex. Ja, wenn ich heute zurückblicke, bin ich mir sicher, dass ich diese Jahre vor dem Unfall nicht falsch einschätze.
Es ging uns gut, unsere Beziehung war harmonisch, wir führten ein anspruchsloses und geborgenes Dasein und waren zufrieden mit unserem Leben. Bekäme ich die Chance, einen Abschnitt meiner Zeitspanne auf Erden noch einmal zu leben, würde ich mit Sicherheit diese Zeit wählen.
Ungefähr die Jahre zwischen 2003 und 2006; natürlich würde ich rechtzeitig die Notbremse ziehen und vor dem März 2007 aus dem Zug springen, aber solchen Gedanken gebe ich mich im Grunde nicht hin.
Es ist mir einfach nur als denkbare Illustration dafür in den Sinn gekommen,
dass mein Leben einmal völlig anders aussah als heute.
Bevor ich zu dem Unfall komme, muss ich allerdings noch etwas Trauriges erwähnen, das sich im Dezember 2006 ereignete, am dreizehnten Dezember, dem Tag des Luciafestes.
Meine Mutter wurde von einem Motorradfahrer angefahren und dabei so schwer verletzt, dass sie am nächsten Tag im Krankenhaus starb.
Es passierte in Karlstad, wo meine Eltern seit den achtziger Jahren lebten und wo ich meine Jugendzeit verbracht hatte. Ihr plötzlicher Tod war ein schwerer Schlag für meinen Vater, der gerade in Pension gegangen war, nachdem er sein ganzes Leben als Lehrer und Schulleiter verbracht hatte, und ich weiß,
dass die beiden sich auf ihre Jahre als rüstige Rentner gefreut hatten, auf die Möglichkeit,
zu reisen und in den Tag hineinzuleben. Meine Mutter hätte nur noch wenige Monate bei der Bank arbeiten müssen, die beiden waren fast vierzig Jahre verheiratet gewesen.
Zur Beerdigung und um meinem Vater beizustehen, reiste ich nach Karlstad.
Ich habe keine Geschwister, was mir in dieser schwierigen Situation als großer Mangel erschien.
Aber ich tat, was ich konnte, und in dem Winter besuchte Vater uns außerdem mehrere Male in Uppsala. Zum Beispiel zwischen den Jahren. Es war ihm deutlich anzumerken, wie traurig er war,
und ich weiß noch, dass wir befürchteten, er könne vorhaben, sich das Leben zu nehmen.
Viveka und ich sprachen darüber, und es gelang uns, ihn zu überreden, in Karlstad zu einem Therapeuten zu gehen, aber ob dies seinen Zustand verbesserte, ist unklar. Er hatte eine jüngere Kusine,
die Psychologin war und im nahegelegenen Filipstad wohnte; sie versuchte, sich um ihn zu kümmern, aber die beiden hatten nie ein gutes Verhältnis zueinander gehabt, und ich glaube nicht,
dass sie mit ihren Versuchen, ihn wieder auf die Beine zu bringen, besonders erfolgreich war.
Diese ersten Monate des Jahres 2007 waren alles in allem eine harte und sorgenvolle Zeit,
aber das alles wurde bei mir persönlich noch von dem überschattet,
was am zweiundzwanzigsten März geschah.

Kleckse und Späne, erster November

Es war eine Skireise.
Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Alles andere wäre wohl auch seltsam.
Über die Sache ist in praktisch allen Medien im Land ausführlich berichtet worden, aber ich kann sie natürlich auch nicht einfach überspringen. Es ist kurz nach ein Uhr nachts. Karin schläft, ich sitze in einem Korbsessel in dem Erker, der auf den kleinen Waldstreifen hinausgeht, der unser Grundstück von dem des Nachbarn trennt. Der Himmel ist finster, es wird bald regnen. Ich wappne mich, rücke die Stehlampe zurecht und beschließe, das Geschehene wiederzugeben, ohne Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
Trocken und nüchtern wie ein Gerichtsprotokoll, ich habe das eine oder andere gelesen.
Wie gesagt, eine Skireise. Eine Gruppe von Neuntklässlern aus einer Schule in Stockholm, die gemeinsam mit zwei Elternvertretern und zwei Reiseleitern vom Verein für Sportförderung eine Woche in Duved verbringen sollte. Es war bei Weitem nicht das erste Mal, dass ich einen solchen Auftrag hatte.
Zwei halbstündige Pausen mit eingerechnet musste man mit gut acht Stunden Busfahrt rechnen.
Neun oder zehn, wenn das Wetter und die Straßenverhältnisse schlecht waren.
Ich holte die Gruppe wie verabredet gegen neun Uhr morgens am Norra Bantorget ab, und eine Stunde später fuhren wir los. In Stockholm war schönes Wetter, Temperaturen um den Gefrierpunkt und ein aufklarender Himmel und abziehende Wolken, aber der Wetterbericht hatte vor Schnee und auffrischendem
Wind weiter nördlich und später am Tag gewarnt. Gegen Abend sollten wir dennoch auf jeden Fall ankommen, es bestand also kein Grund zur Eile oder Sorge. Kein Grund, schneller zu fahren,
als die Umstände es erlaubten.
Das tat ich auch nicht, und man hat es mir auch niemals vorgeworfen.
Aber ein oder zwei unglückliche Sekunden reichen völlig, um ein Leben auf den Kopf zu stellen.
Oder enden zu lassen.
Es passierte zehn Minuten hinter Svenstavik. Es war dunkel und schneite. Nicht besonders stark,
aber so viel, dass ich lieber etwas vom Gas ging. Als dieses Tier dann auf die Straße sprang, fuhr ich nicht mehr als knapp siebzig Kilometer in der Stunde, so stand es im Abschlussbericht, und es stimmt mit
meiner Auffassung überein. Um einen Zusammenstoß zu vermeiden, lenkte ich nach links und geriet leicht
ins Schleudern, und im selben Moment tauchte aus einer Kurve ein entgegenkommender Fernlaster auf.
Ich versuchte, auf die richtige Straßenseite zurückzulenken, aber die Reifen fanden keinen Halt,
und wir kollidierten mit dem schweren Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn.
Nicht frontal, eher seitlich, aber mit so viel Wucht, dass ich die Kontrolle über den Bus verlor.
Ich bremste, es war zwecklos. Wir rutschten ins Gelände und stürzten zwanzig Meter einen Verwerfungshang hinunter. Mehr als fünfzig Meter von der Stelle entfernt, an der wir von der Straße abgekommen waren, landeten wir zwischen massiven Felsblöcken,
der Bus wurde bis zur Unkenntlichkeit zusammengedrückt und fing Feuer.
Später an jenem Abend erwachte ich im Krankenhaus und erfuhr, dass bei dem Unfall siebzehn Schüler und eine Mutter umgekommen waren. Vier weitere lagen mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus, nur ein halbes Dutzend hatte den Unfall ohne Blessuren überstanden.
Ich lege den Stift weg und schließe mein Notizbuch.
Bleibe noch einen Moment sitzen und richte den Blick in die Dunkelheit.
Es lassen sich keine Anzeichen eines Morgengrauens erspähen.
Nein, ich sollte wirklich nicht leben.

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Sprecher Dietmar Bär begibt sich mit Gunnar Barbarotti auf die Spur eines rätselhaften Todesfalls:

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Håkan Nesser
© Andreas Ortner / Trunk Archive

Ein begnadeter Krimiautor!

Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt in Stockholm und auf Gotland.

Dietmar Bär
© Uwe Tölle

"Ich lese Nesser, weil Håkans Geschichten sind wie er: ironisch, warm intelligent."

Dietmar Bär ist mit dem Genre Krimi eng verbunden. Für seine Rolle als Tatort-Ermittler Freddy Schenk erhielt er den Deutschen Fernsehpreis. Als Hörbuchsprecher hat er sich mit seinen Lesungen der Romane von Stieg Larsson und Håkan Nesser einen Namen gemacht.

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