SPECIAL zu Dr. Ruediger Dahlke

Depression – die neue Volkskrankheit?

Dr. med. Ruediger Dahlke über Wege aus der dunklen Nacht der Seele

Oft beschreibt jemand seine Stimmung, wenn er niedergeschlagen ist oder ihn ein Ereignis traurig gemacht hat, mit den Worten: "Ich stecke in einer depressiven Phase", oder "Das hat mich wirklich deprimiert". Mit einer echten Depression haben diese Gefühle in der Regel nichts zu tun. Was unterscheidet eine Depression fundamental von einer depressiven Verstimmung oder Melancholie?
Die Tiefe des Leidens ist einer der entscheidenden Unterschiede. Der Depressive findet keinen Sinn im Leben und kämpft häufig mit Selbstmordgedanken. Bei einer depressiven Verstimmung ist der Leidensdruck viel geringer.

In ihrem Buch führen Sie Zahlen an, die die große Ausbreitung der Depression und das erschreckende Ausmaß an Unkenntnis in Diagnose und Behandlung depressiver Erkrankungen belegen. Was waren Ihre wichtigsten Quellen und wie lange haben Sie zu dem Thema recherchiert?
Bei diesem Buch hab ich eine sehr lange Vorlaufzeit gehabt, denn eigentlich sind all die Therapien mit depressiven Patienten, die ich in den letzten 30 Jahren gemacht habe, Vorbereitung gewesen.
Die Zahlen stammen allerdings aus neuesten Quellen. Dass 25 % der EU-Bevölkerung psychiatrisch behandlungsbedürftig sind und 80 % davon depressiv sein sollen, ist eine EU-Angabe aus diesem Jahr, 2006.

In Hausarztpraxen werden 50% der Depressionen nicht als solche erkannt, auf der anderen Seite befinden sich Patienten wegen einer Depression in Behandlung, von denen ein Drittel gar nicht wirklich depressiv ist. Warum ist es offenbar so schwer, eine Depression richtig zu diagnostizieren?
Das hat viele Gründe. Ein wichtiger ist, dass Männer grundsätzlich kaum dazu neigen, eigene Probleme als seelisch einzustufen, sondern sie stattdessen lieber auf körperliche Bereiche schieben. Wenn man liest, dass die neuesten Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer häufig gut bei Fibromyalgie wirken sollen, müsste man sich in diesen Fällen fragen, ob es sich da nicht von vornherein eher um eine Depression gehandelt hat und nie um eine Fibromyalgie.
Früher kannte man überhaupt den Begriff der larvierten Depression, also einer Depression, die sich hinter einer Larve, beziehungsweise anderen Symptomen verbarg wie etwa Rückenschmerzen.
Schließlich kommt hinzu, dass wirklich fast jeder hin und wieder eine depressive Verstimmung hat und der typische Hausarzt sich gerade einmal fünf Minuten Zeit nehmen kann, um zu einer Diagnose zu kommen. Das liegt - nach meiner Überzeugung - primär nicht an dem Unwillen der Ärzte, sich länger Zeit für ihre Patienten zu nehmen, sondern an dem absurden System, das unser Gesundheitswesen beherrscht.

Etwa 15% der Menschen in einem hoch industrialisierten Land erkranken mindestens einmal in ihrem Leben an einer Depression. Kann jemand erkennen, ob er gefährdet ist, und gibt es Möglichkeiten, einer Depression vorzubeugen?
Es gibt natürlich eine Reihe von anspruchsvollen Tests, mit deren Hilfe man ein Persönlichkeitsbild zeichnen kann, woraus sich wiederum Rückschlüsse auf den Grad der Gefährdung ziehen lassen.
Es gibt aber - nach meiner Erfahrung - auch drei sehr einfache Fragen, die das klären helfen können; nämlich:
1. Macht meine Arbeit Sinn für mich, beziehungsweise mache ich die Arbeit, die mich ruft und mir Berufung ist?
2. Lebe ich mit dem Menschen, mit dem ich wirklich leben möchte?
3. Lebe ich an dem Ort, an dem ich sein möchte?
Wer diese Fragen oder zwei von ihnen mit Nein oder Jein beantworten muss, ist sicher gefährdet. Wer eine Arbeit macht, an die er nicht glaubt, an einem Ort, den er nicht mag und obendrein mit einem Menschen lebt, zu dem er nicht (mehr) passt, läuft Gefahr, den Sinn seines Lebens aus dem Auge zu verlieren.
Die beste Prophylaxe wäre demnach, die Weichen im eigenen Leben so zu stellen, dass man diese drei Fragen aus ganzem Herzen mit Ja beantworten kann.

Warum ist es vor allem die vergleichsweise saturierte Erste Welt, in der Depressionen so häufig auftreten - Menschen in ärmeren Ländern hätten viel mehr Grund, an ihrem persönlichen Schicksal, den Folgen der Globalisierung und ihren Zukunftsaussichten zu verzweifeln?
Menschen in den ärmeren Ländern sind aber in der Regel noch eher religiös eingebunden und haben schon von daher mehr Inhalt und Sinn im Leben. Außerdem leiden sie nicht an einer vergleichbaren Übersättigung, sondern sind oft intensiv damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt sicher zu stellen. Schließlich haben sie meist keine vergleichbare Hektik, die das Innehalten und damit das Finden von Inhalt verhindert. Je mehr Menschen in ihre Tradition eingebunden sind, desto eher werden sie darin Sinn finden und so ein Ziel für ihr Leben haben.

Ein depressiver Mensch zieht sich zurück und ist unfähig, zu anderen Kontakt aufzunehmen oder Verbundenheit mit ihnen zu spüren. Wie können Angehörige und Freunde in dieser Situation helfen?
Vor allem einmal könnten sie es bemerken und die Thematik ansprechen. Am Anfang solcher Phasen sind die Chancen noch viel besser, jemand aus den kreisenden Gedankenschleifen herauszuholen oder noch besser, ihm zu helfen, therapeutische Schritte einzuleiten. Viele Depressive wissen ja eben selbst nicht um ihr Krankheitsbild. Allein schon, wenn man sie auf die richtige Spur bringt, hat man immens geholfen. In dieser Hinsicht wäre auch dieses Buch eine Chance, denn mit seiner Hilfe lassen sich die Zeichen nicht nur erkennen, sondern sogar deuten.

Als schneller Königsweg zu Glück und Erfolg wird heute gern "Positives Denken" propagiert. Dabei wird der Eindruck erweckt, als ließe sich eine positive Grundhaltung zum Leben gleichsam programmieren. Das Negative wird ausgeblendet oder durch Suggestion umgepolt. Steht die Häufung von Depressionen möglicherweise auch in Zusammenhang mit der massiven Propagierung des Positiven Denkens?
Positives Denken beziehungsweise die Arbeit mit Affirmationen, die die dunklen Seiten des Lebens verdrängen, sind sicher eine Quelle von vielen Problemen. Auf diese Weise kann man eine Reihe von psychischen Problemen erschaffen bis hin zu paranoiden Entwicklungen. Auch Depressionen können so gefördert werden. Wer zum Beispiel eine anstehende Trauerzeit ignoriert und sich mit Affirmationen darüber hinweg tröstet, schafft Schatten und muss damit rechnen, irgendwann von diesem eingeholt zu werden.
Dass die Esoterikszene mit ihrem Positiv-Denken die Depressionswelle aber begründet, glaube ich nicht. Sie ist eher Ergebnis der fast schon verzweifelten Suche der Menschen nach Sinn und Inhalt. Dass in dieser Szene einige vom Regen in die Traufe kommen, ist ebenfalls unbestreitbar. Bei der psychotherapeutischen Arbeit im Heil-Kunde-Zentrum zeigt sich sehr deutlich, wie groß der Schatten der Licht-und-Liebe-Szene ist.

Psychische Erkrankungen haben häufig zeitspezifische Ausprägungen. Im 19. Jahrhundert beispielsweise traten häufig Krampfanfälle und hysterische Blindheit auf - Symptome, die heute fast niemand mehr kennt. Was ist an einer Depression so zeittypisch, dass sie im 20. Jahrhundert zu einer derart weit verbreiteten Krankheit wurde?
Da ist sicher an erster Stelle der Verlust von Inhalt und Sinn im modernen Leben zu nennen. An zweiter Stelle würde ich die wachsende Geschwindigkeit und Hektik des heutigen Lebens als Gefahrenquelle sehen nach dem bereits von Mark Twain beschriebenen Motto: Kaum hatten wir das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten wir die Geschwindigkeit. Der Verlust von Zielen, die Sinn machen, leistet Sinnlosigkeitsgedanken Vorschub und diese führen nicht selten zu Suizidgedanken.

In Ihrem Buch "Krankheit als Symbol" erläutern Sie, dass Krankheiten dann ausbrechen, wenn wir uns wichtigen Themen in der persönlichen Entwicklung nicht stellen, sondern sie verdrängen. Das Symptom einer Krankheit ist Ausdruck des Verdrängten und zwingt uns zur Auseinandersetzung damit. Worauf stößt uns die Depression mit ihren Symptomen wie Appetit- und Schlaflosigkeit?
Die Depression zwingt über die Selbstmordgedanken zu einer Auseinandersetzung mit dem Sterben, wenn auch auf der denkbar ungeeignetsten Ebene. Statt über Strick oder Kugel, Gift oder Gas nachzugrübeln, wäre es natürlich ungleich zielführender sich dieser Thematik in religiöser oder philosophischer Weise anzunehmen.
Außerdem ist in Selbstmordgedanken die autoaggressive Komponente des Krankheitsbildes zu erkennen.
Ein Symptom wie die Appetitlosigkeit zeigt, dass die Lust und eben der Appetit aufs Leben verloren gegangen ist. Die Schlaflosigkeit fordert auf, aufzuwachen für den Sinn und die wesentlichen Dinge des Lebens.

Es gibt Kulturen, in denen Depressionen so gut wie unbekannt sind. Wo liegen - hinsichtlich der depressiven Erkrankungen - die wesentlichen Unterschiede zu unserem Kulturkreis?
Kulturen, die völlig eingebunden in einen Kult leben wie zum Beispiel die tibetische, haben keine Depressionen, weil der Tod Teil des Lebens ist und sie in mutiger und offensiver Weise von klein auf damit konfrontiert werden.
Die meisten archaischen Kulturen verfügen über einen Kult, der den Sinn im Leben sicherstellt und die Auseinandersetzung mit dem Sterben als natürlich erscheinen lässt.

Viele Menschen nehmen Psychopharmaka ein, um ihre Stimmung aufzuhellen - allen voran hat das Medikament "Prozac" in diesem Zusammenhang Schlagzeilen gemacht. Diese und ähnliche Medikamente wirken auch bei schweren Depressionen. Hat die Behandlung mit Psychopharmaka hier der Psychotherapie den Rang abgelaufen?
Für die Mehrheit der Menschen war das immer so. Denn es ist doch viel einfacher ein paar Pillen einzuwerfen, als sich mit seinen Schattenthemen zu beschäftigen.
Insgesamt aber müssen wir den Psychopharmaka auch dankbar sein, denn ohne sie wären viele Depressive einer Psychotherapie gar nicht zugänglich.

Durch die Erfolge von Psychopharmaka ist der Eindruck entstanden, es handele sich bei einer Depression in erster Linie um eine Störung des Gehirnstoffwechsels. Ist die Depression nicht vielmehr ein äußerst komplexes Zusammenwirken verschiedenster Faktoren, die erst dazu führen, dass das Zusammenspiel von Hormonen und Botenstoffen im Hirn anders funktioniert als bei Nicht-Depressiven? Oder kurz gefragt: Geschieht nicht zuerst etwas auf geistiger Ebene, das sich daraufhin im Materiellen manifestiert?
Das ist ja generell so und schon in der Bibel verewigt zu Beginn des Johannesevangeliums: "Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott." Und später heißt es weiter "und das Wort ward Fleisch". Die Reihenfolge ist also klar, zuerst das Inhaltliche, Geistig-Seelische und dann erst die Verkörperung. Aber eine materialistische Zeit wie unsere neigt ihrer Natur gemäß dazu, diesen Zusammenhang zu verkennen und die Wirklichkeit im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf zu stellen.

Viele bedeutende Künstler haben zeitlebens unter Depressionen gelitten. Das Ringen mit der Krankheit fand immer wieder Ausdruck in ihren Werken und endete nicht selten im Freitod. Hermann Hesse hat nicht nur ein schriftstellerisches Werk von Weltrang hervorgebracht, sondern auch einen Weg gefunden, bis ins hohe Alter mit starken Depressionen zu leben - in Ihrem Buch haben Sie dies beeindruckend veranschaulicht. Wie kann es einem depressiven Menschen gelingen, das Furchtbare für sich fruchtbar zu machen - auch wenn er keine außergewöhnliche künstlerische Begabung hat?
Jeder Mensch hat die Aufgabe, seine eigene Kunst des Lebens zu entwickeln. Hesses Werk und das vieler anderer depressiver Künstler wie etwa das von Ernest Hemingway waren in erster Linie fruchtbar für die Künstler selbst und erst in zweiter Linie für die Welt. In diesem Sinn könnte Schreiben, Malen oder Komponieren für jeden Menschen zu einem Beitrag zur Lebensbewältigung werden. Aber schon Hemingways Schicksal mit seinem Selbstmordtod zeigt, wie wichtig die Sinnfindung ist. Auch höchste Kunst kann einen Mangel an Lebenssinn nicht ausgleichen. Andererseits aber können alle möglichen künstlerischen Tätigkeiten, auch weit unterhalb des Kunstniveaus, dazu verhelfen, Sinn im eigenen Leben zu entdecken.

Sie erwähnen, dass Sie sich lange gewehrt haben, über Depression zu schreiben. Hat Sie die Arbeit an diesem Thema besonders stark belastet oder haben Sie durch die intensive Auseinandersetzung mit dieser Krankheit auch etwas Wertvolles erfahren?
Als sehr optimistischer Mensch, der sich selbst noch nie mit depressiven Gedanken herumschlagen musste, hatte ich anfangs weniger Lust, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Schließlich aber drängte es sich mir geradezu auf durch den frühen Tod zweier Freunde, aber auch den meines Vaters wie auch durch die dramatische Häufung der Depressionen in der Psychotherapiepraxis des Heil-Kunde-Zentrums in Johanniskirchen. Das Fass zum Überlaufen beziehungsweise mich zum Schreiben brachte schließlich mein Freund und Verlagsleiter Gerhard Riemann.
Rückwirkend betrachtet war die Auseinandersetzung mit dem Thema für mich überaus wertvoll und wichtig. Die entscheidenden Passagen des Buches schrieb ich in einer besonderen und auch für meine Verhältnisse langen Fastenzeit und dort vor allem in den Nächten, da ich in dieser Zeit kaum Schlaf brauchte. So hatte diese Zeit eine ganz außergewöhnliche Stimmung von der auch das Thema mit eingeschlossen wurde. Und obwohl oder auch weil ich erstaunliche Erfahrungen in meinen Traum- und Gedankenwelten im Hinblick auf mein Thema machte, ging es mir bei all dem ausgesprochen gut.

Depression

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