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SPECIAL zu Harald Martenstein

»Computer stürzen ab, Menschen sterben, Beziehungen zerbrechen. Und alles, was wir tun können, ist einfach tief durchatmen und neu booten.«
(Carrie Bradshaw, Sex and the City)

Der leicht ironische Untertitel, „Roman in 23 Paarungen“, gibt den Ton vor: Unsentimental geht es zu in diesem Reigen, häufig auch urkomisch. Zufall und Lust, dem ganzen Repertoire der menschlichen Irrungen und Wirrungen, sind die Protagonisten hier ausgesetzt. Im Mittelpunkt steht N., eine höchst selbstbewusste und in Liebesdingen kundige Frau. 23 Paar-Stationen markieren dieses Liebesleben – von der Schülerin, die ihren Lehrer verführt, bis zur Frau, die während des Urlaubs eine junge Strandbekanntschaft mit nach Hause bringt. Und während wir als Leser en passant auch noch die eine oder andere weitere Paarung beobachten, stellen sich nur allzu häufig Momente der (Selbst-)Erkenntnis ein: Machen wir nicht alle hin und wieder eine komische, manchmal auch traurige Figur, wenn es um die Liebe geht?

O Zeiten, o Sitten
Martenstein klagt nicht über die Zeiten und Sitten, er lässt sie vielmehr lebendig werden. Mit knappen Pinselstrichen zeichnet er leuchtende Miniaturen und schlägt dabei einen Bogen vom Vietnamkrieg über die deutsche Wiedervereinigung bis ins Internetzeitalter, in dem wir – ist eine Beziehung zerbrochen – einfach mal „neu booten“. Martensteins Figuren, von denen einige immer wieder auftauchen und mit der Zeit zum festen Romanpersonal werden, sind mitten aus dem prallen, manchmal aber auch ganz gewöhnlichen Leben gegriffen. Jeder von uns kennt solche Typen, kann Züge dieser Figuren mitunter auch an sich selbst entdecken. Und auch wer die 70er noch nicht bewusst erlebt hat, fühlt sich, als wäre er mittendrin im vergangenen Zeit- und Liebesgeschehen.

Liebe? Nein danke!
„Wenn jemand Sie so richtig mies behandelt, und Sie freuen sich trotzdem, wenn Sie diese Person sehen, dann ist es Liebe. Halten Sie sich davon fern, falls Sie können.“ Diesen Rat gibt uns eine der Romanfiguren, ein Autor, mit auf den Weg. Er ist ein Zyniker – hat er doch zuvor tatenlos und mit einer gewissen Schadenfreude zugesehen, wie „die arrogante, kluge, schöne N.“, die mittlerweile vom Leben ein wenig mitgenommen ist, in völlig betrunkenem Zustand missbraucht wird. Martenstein gelingt hier ein Kabinettstückchen des Abgründigen: „Ich dachte, meine Anwesenheit gibt ihr eine gewisse Sicherheit, ich bin die Garantie dafür, dass nichts wirklich Schlimmes passiert“, sagt seine Figur – die reine Menschenverachtung, getarnt als Selbstgerechtigkeit. Nein, um Liebe geht es meistens nicht in diesem Buch. Eher um Sex, Neurosen, Eifersucht, Narzissmus, Eitelkeiten, mitunter auch um das erbärmliche Spiel von (emotionaler) Abhängigkeit und Ausbeutung.

Stairway to Heaven?
Die meisten dieser 23 „Paarungs-Geschichten“ sind dabei allerdings höchst unterhaltsam und gehen dem Leser zugleich nahe. Dazu tragen nicht zuletzt die atmosphärischen Details bei, etwa Songs wie Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ oder „Get down on it“ von Cool and the Gang. Stücke, die zunächst noch auf Musikkassetten aufgenommen werden – die meisten werden sie noch kennen, diese kleinen Tonbänder in der praktischen Plastikhülle, die man fast nirgendwo mehr kaufen kann und die in Millionen Haushalten dem Vergessenwerden entgegendämmern.

Versöhnlicher Ausblick
Sein Buch beschließt Martenstein, der u. a. als Redakteur beim Berliner „Tagesspiegel“ und als Kolumnist für die „Zeit“ arbeitet, mit einer leicht surrealen Geschichte: N., mittlerweile in die Jahre gekommen, hat im Urlaub den jungen Lamin kennengelernt und ihm einen Handel vorgeschlagen: Sie verschafft ihm ein deutsches Visum, er bindet sich dafür fünf Jahre als „leidenschaftlicher Gefährte“ an sie, bevor sie ihn freigibt. Das Flugzeug, das sie nach Deutschland bringt, landet sicher, doch lassen sich die Türen nicht öffnen und auch die Crew ist verschwunden. Nur der Song „Get down it“ läuft in einer Endlosschleife über die Bordlautsprecher. Die Zustände in Flugzeug werden mit der Zeit immer unerträglicher. Doch Lamin, der junge Liebhaber, hat keine Angst, und es stellt sich tatsächlich – vielleicht zum ersten Mal in dem Roman – so etwas wie „gefühlte Nähe“ ein: „Was auch kommt, dachte er, wir sind zusammen, bis zum Ende.“

Holger Sweers
Literaturtest
Berlin, August 2010

Gefühlte Nähe Blick ins Buch

Harald Martenstein

Gefühlte Nähe

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