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Amanda Brooke »Das Geheimnis der Monduhr«

Interview mit Amanda Brooke zu »Das Geheimnis der Monduhr« - Goldmann Verlag

Interview mit Amanda Brooke

Amanda Brooke
© privat

Frau Brooke, "Das Geheimnis der Monduhr" ist Ihr erster Roman – wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden?
Der Wunsch zu schreiben war wohl schon immer da, doch mir fehlte das Selbstvertrauen, um tatsächlich damit anzufangen. Ich hatte viele Ideen für Geschichten und eine äußerst lebhafte Phantasie, aber die Zeit verging, und irgendwann sagte ich mir, dass ich schon längst etwas in dieser Richtung unternommen hätte, wenn es mir mit dem Wunsch Schriftstellerin zu werden wirklich ernst gewesen wäre. Der Verlust meines Sohnes Nathan änderte alles. Als bei ihm Leukämie diagnostiziert wurde, konnte ich kaum noch sprechen, nicht etwa weil ich nicht wollte, sondern weil ich einfach kein Wort mehr herausbrachte. Das war der Moment, als ich anfing zu schreiben. In Form von Gedichten fand ich einen Weg, meine Gefühle auszudrücken, außerdem führte ich ein Tagebuch im Internet.

Als Nathan schließlich starb, schrieb ich nicht einfach nur weiter, sondern ich stürzte mich förmlich in die Arbeit. Es war mir ein großes Bedürfnis, über Nathan zu schreiben, jede wertvolle Erinnerung zu bewahren. Irgendwann merkte ich dann, dass ich nicht mehr mit dem Schreiben aufhören wollte. Im Rahmen meiner Trauerarbeit hatte ich den Traum Schriftstellerin zu werden wiederentdeckt, und dafür bin ich Nathan sehr dankbar.

Wie sind Sie auf die Idee mit der Monduhr gekommen?
Ich liebe diese Momente beim Schreiben, wenn auf einmal scheinbar aus dem Nichts ein Gedanke auftaucht und wie von Zauberhand die einzelnen Elemente zusammenfügt. Die Monduhr war so ein Einfall. Als ich das erste Kapitel in Angriff nahm, hatte ich noch keine genaue Vorstellung davon, wie die Monduhr aussehen sollte oder wie genau sie funktionieren würde. Ich wusste, dass ich etwas brauchte, das die geheimnisvolle Kraft besaß, Holly in die Zukunft zu transportieren, und irgendwie schien die Nacht der richtige Zeitpunkt für eine Zeitreise zu sein, also ergab sich die Verbindung mit dem Vollmond ganz von selbst. Erst als ich darüber nachdachte, wie der Mond das Licht der Sonne reflektiert, und der Gegenstand, den ich mir ausdenken wollte, wiederum das Licht des Mondes reflektieren sollte, kam mir die Idee, dass auch Zeit reflektiert werden könnte. Plötzlich fügte sich alles zusammen, und die Monduhr war geschaffen.

Die Entwicklung der Regeln, nach denen die Monduhr sich richtet, nahm wesentlich mehr Zeit in Anspruch. Je länger ich darüber nachdachte, wie Holly die Zukunft beeinflussen könnte, desto klarer wurde mir, dass ich ihr zu viel Macht über ihr Schicksal zugestand. Ich erfand die Regeln, um meine Geschichte vor dem Chaos zu bewahren, und die Ein-Leben-für-ein-Leben-Regel war dabei besonders wichtig, denn sie legt fest, dass Holly sich nur zwischen diesen beiden Möglichkeiten entscheiden kann: Ihr Leben oder das von Libby.

Sie haben eine sehr lebhafte Phantasie. Gab es für das Haus oder die kleine Stadt ein reales Vorbild?
Das Torhaus und das Städtchen Fincross sind frei erfunden. Das Haus hat sein Vorbild in den vielen, über ganz England verstreuten Häusern dieser Art, die irgendwann von den großen Anwesen separiert wurden, über die sie einst wachten. Das Städtchen geht wohl eher darauf zurück, dass ich zu viele dieser „Unser neues Zuhause“-Dokusoaps im Fernsehen gesehen habe.

Die Atmosphäre des Torhauses hingegen, die Stimmung, die es zu einem perfekten Zuhause für Holly und Tom machen könnte, gründet sich auf einen realen Ort, nämlich das Haus meiner Großeltern. Ich bin in einem Reihenhaus in Liverpool aufgewachsen, und obwohl meine Großeltern ganz in der Nähe wohnten, schien ihr Haus unendlich weit weg zu sein. Sie wohnten in einer typischen Doppelhaushälfte, und dort gab es etwas, was wir nicht hatten – einen Garten. Ich verbinde mit diesem Garten einige meiner liebsten Kindheitserinnerungen und kann mich so lebhaft daran erinnern, wie ich in den mit Werkzeug vollgestopften Tischlerschuppen meines Großvaters schlich, oder wie ich Obst pflückte, damit wir Marmelade und Obstkuchen daraus machen konnte. An einem Apfelbaum, den meine Mutter als Kind gepflanzt hatte, hing eine Schaukel, auf der ich endlose Stunden verbrachte. Es war eine idyllische Umgebung, die zwar in der Stadt verwurzelt war, die man aber ebenso gut aufs Land hätte verpflanzen können.

Ein Buch zu schreiben erfordert wohl einiges an Planung, und der Text muss sicher immer wieder überarbeitet werden. Wie sind Sie an das Projekt "Das Geheimnis der Monduhr" herangegangen?
Die Grundidee für den Roman hatte ich eigentlich von Anfang an. Ich wollte eine Geschichte erfinden, die den Leser zu jenem entscheidenden Punkt führt, als Holly klar wird, dass sie ihr eigenes Leben für das ihres Kindes opfern muss. Natürlich musste ich das Konzept mit der Zeitreise sorgfältig aufsetzen, damit Gegenwart und Zukunft immer synchron ablaufen können. Aber nicht alles war von Beginn an vorgesehen. Die Figur von Jocelyn zum Beispiel ist definitiv ein Element der Geschichte, das erst während des Schreibprozesses entstand, und mit einigen anderen Ideen ging es mir genauso. Mein ursprüngliches Konzept beinhaltete zwar die Eckpunkte der Geschichte, aber ich fühlte mich nicht sklavisch daran gebunden.

Während der Phase der Redaktion brachten mein Agent und mein Lektor Vorschläge und eigene Ideen ein, die ich auch eingearbeitet habe. Mir war klar, dass meine Geschichte mit jedem Durchgang noch dichter und ausgefeilter wurde. Einfach war dieser Überarbeitungsprozess natürlich nicht. Das Schwierigste daran war, die einzelnen Handlungsstränge aufzutrennen und zu hoffen, dass ich am Ende alle wieder zusammenführen konnte. Ich hätte nie erwartet, dass das so anstrengend sein kann, und ich frage mich ernstlich, wie es meine Tochter Jess in dieser Zeit mit mir ausgehalten hat. Aber wenn ich dann den entscheidenden Einfall hatte, und sich in der Geschichte damit eins ins andere fügte, waren alle Mühen vergessen.

Was ist Ihre früheste Erinnerung an das Schreiben?
Wie ich schon sagte, habe ich mit dem Schreiben erst dann ernsthaft angefangen, als Nathan krank wurde. Davor habe ich allenfalls Limericks über meine Familie gedichtet, die ich an Weihnachten in unsere selbst gebastelten Knallbonbons steckte. Nach Nathans Tod verspürte ich das dringende Bedürfnis zu schreiben, und so beschloss ich, einen Kurs für Kreatives Schreiben zu belegen. Ich wollte sicher gehen, dass ich der Geschichte, zu der er mich inspiriert hatte, auch gerecht werden konnte. Als ich das Tagebuch abgeschlossen hatte, fing ich an, Kurzgeschichten zu schreiben, um in Übung zu bleiben. Mein erstes längeres Manuskript war der Versuch eines Kinderbuchs. Die Idee dafür trug ich schon jahrelang mit mir herum, hatte sie aber nie umgesetzt. Die Geschichte war auf drei Teile ausgelegt, und ich schrieb gerade am zweiten Teil, als sich die Idee für Das Geheimnis der Monduhr in meinem Kopf festsetzte. Da konnte ich nicht anders, als alles stehen und liegen zu lassen und mit diesem Roman zu beginnen.

Fühlen Sie sich einer Figur aus Ihrem Roman besonders verbunden und wenn ja, welcher und aus welchem Grund?
Aus vielen Gründen fühle ich mich vor allem Holly verbunden, zum Beispiel weil sie ordentlich und diszipliniert, aber gleichzeitig kreativ ist. Diese Eigenschaften widersprechen sich oft, aber wenn man ein Manuskript fertigstellen will und eine Deadline einhalten muss, kann diese Kombination durchaus hilfreich sein. Genau wie Holly mag ich Kunst und versuche mich manchmal im Zeichnen, obwohl ich darin nicht annähernd so gut bin wie andere in meiner Familie. Einer der ersten Entwürfe, den Holly für Mrs Bronson macht, geht auf ein Bild zurück, das ich gezeichnet habe, als Nathan ein Baby war. Es zeigt drei im Kreis angeordnete Figuren, die mich mit meinen beiden Kindern darstellen sollen.

Im Gegensatz zu Holly bin ich aber kein Planungstyp, und es würde mir nie einfallen, einen Fünf-Jahres-Plan aufzustellen. Nicht weil ich dafür zu spontan wäre, wie beispielsweise Tom, sondern weil ich einfach nicht darauf vertraue, dass Dinge wirklich eintreffen, bis es tatsächlich so gekommen ist, vor allem wenn es sich um positive Ereignisse handelt … Daher kann ich es auch immer noch nicht recht glauben, dass ich es tatsächlich geschafft habe, meinen ersten Roman zu veröffentlichen.

Glauben Sie an Schicksal und an die Vorstellung, dass jeder von Geburt an einem vorherbestimmten Lebensweg folgt?
Ich habe ein Kind verloren und stelle mir natürlich oft die Frage nach dem „Was wäre wenn…?“. Ich könnte mich mit jeder Entscheidung, die während Nathans Krankheit getroffen wurde, herumquälen. Es wäre daher wohl am tröstlichsten, es mit Jocelyn zu halten und daran zu glauben, dass die Welt gar nicht so chaotisch ist, wie wir meinen, und dass es keine richtigen und falschen Entscheidungen gibt, sondern nur unterschiedliche Wege zum selben Ziel.

Tatsächlich glaube ich aber schon, dass das Leben chaotisch ist, daher würde ich nie dafür eintreten, das Schicksal anzunehmen und kampflos aufzugeben. Mein Sohn hat das auch nicht getan.

Können Sie uns schon etwas über Ihr nächsten Buch verraten?
Mein nächstes Buch handelt von eine jungen Frau, die gegen eine Krebserkrankung kämpft. Sie hoffte, den Krebs bereits besiegt zu haben, als er erneut ausbricht. Sie fühlt, dass ihr ihre zweite Chance genommen wird, und beginnt aufzuschreiben, wie ihr Leben hätte verlaufen können, und wie sie es hätte leben wollen. Bald stellt sich heraus, dass sich die Ebenen ihres Schreibens und ihres Lebens vermischen, und sie ist sich nicht sicher, ob das eine Nebenwirkung ihres Gehirntumors ist oder reine Magie. Auch die Idee für diese Geschichte geht auf meinen Sohn zurück.

Nathan war erst drei Jahre alt, als er starb. Deshalb kann ich mich nur an die Dinge halten, die er in seinem kurzen Leben getan hat, um mir vorzustellen, was aus ihm geworden wäre, wenn er hätte aufwachsen dürfen. Er hat sich zweimal verliebt, einmal in die Freundin meines Neffen und einmal in eine Krankenschwester auf der Krebsstation. Er war sehr höflich und zurückhaltend, gleichzeitig schummelte er aber beim Kartenspielen und bestand darauf, auf dem Weg in den Operationssaal seine Thomas-die-kleine-Lokomotive-Sonnenbrille zu tragen. Als ihn einmal eine ältere Dame nach seinem Namen fragte, antwortete er „Sexy“. – Ich muss einfach immer wieder darüber nachgrübeln, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, und meiner neuen Protagonistin geht es genauso …