Interview mit Petra Reichling zu "Tatort Schulhof" (Heyne)

Über Petra Reichling

Petra Reichling ist Kriminalhauptkommissarin und stellvertretende Dienstgruppenleiterin der Kriminalwache Düsseldorf. Sie ist eine gefragte Ansprechpartnerin zum Thema Kriminalität an Schulen und spricht u.a. auf Tagungen von Lehrerverbänden und auf Schulleiterkongressen.

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Petra Reichling
© Random House / Kay Blaschke
1. Warum haben Sie sich dazu entschieden, ein Buch über Kriminalität an Schulen zu schreiben?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein bisschen weiter ausholen: Ich bin im Jahr 2015 von einem Gewerkschaftskollegen im Deutschen Beamtenbund gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, einen Workshop auf dem Deutschen Schulleiterkongress zu leiten. In dem Workshop wollte ich den Schulleitungen ein gewisses Maß an Rechtssicherheit vermitteln, habe aber sowohl bei der Vorbereitung als auch im Workshop selbst realisiert, dass es in diesem Bereich keine Rechtssicherheit gibt. Auch in verschiedenen Interviews wurde mir langsam immer mehr bewusst, wie wichtig das Thema Rechtssicherheit an Schulen für Menschen ist, die nicht täglich mit Straftaten an Schulen zu tun haben.

2. Warum jetzt? Gab es einen Auslöser?

Durch die mediale Aufmerksamkeit, die durch den Kongress entstanden ist, hat mich ein Agent aus München angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, zu diesem Thema ein Buch zu veröffentlichen. Der Zeitpunkt war demnach nicht bewusst von mir gewählt, allerdings stelle ich fest, dass es ein guter Zeitpunkt ist, weil das Thema aktueller denn je ist.

3.Wen möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

In erster Linie möchte ich Schulleitungen, Lehrkräften, Eltern und auch Polizei ein Stück weit Handlungssicherheit vermitteln, da es in diesem Bereich noch erhebliche Lücken gibt. Wichtig ist mir außerdem, dass die beteiligten Stellen anfangen zusammenzuarbeiten, um gemeinsam Lösungen zu finden.

4.Der Untertitel zu Ihrem Buch lautet „Warum Schulen kein geschützter Raum mehr für unsere Kinder sind“. Kann man Schulen Ihrer Ansicht nach wieder zu einem solchen geschützten Raum machen, wenn ja, wie?

Das hoffe ich. Ich denke, dass schon ein großer Schritt getan ist, wenn den verantwortlichen Personen bewusst wird, dass sie handeln müssen. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, die dazu führen, dass alle beteiligten Personen die entsprechenden Rechts- und Handlungssicherheiten erlangen. Das könnten bundes- und / oder landesweite gesetzliche Regelungen, unterstützende Programme und Fortbildungen und / oder örtliche und überörtliche Kooperationen sein.

5. Wer steht Ihrer Meinung nach in der größten Verantwortung, damit ein Umbruch gelingt?

Wir alle. Aus meiner Sicht können wir das Problem nur in den Griff bekommen, wenn wir zusammenarbeiten.
Natürlich kommt der Politik dabei die größte Verantwortung zu, da nur sie in der Lage ist, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen.


6. Dass sich die Qualität der Straftaten an Schulen geändert hat, ist eine Ihrer Kernaussagen. Inwiefern haben sich Straftaten im Vergleich zu früher verändert?

Aus meiner Sicht haben sich – insbesondere männliche Kinder und Jugendliche – immer schon geprügelt und körperlich gemessen. In meiner Kindheit war es allerdings so, dass man aufgehört hat, wenn einer am Boden lag. Heute ist es so, dass nachgetreten wird, oft auch gegen den Kopf, und dass Gegenstände wie Messer, Flaschen oder Schlagstöcke eingesetzt werden.

7. Warum haben sich Straftaten geändert?

Ich glaube die Ursachen sind vielfältig. Allem voran habe ich die Wahrnehmung, dass der Respekt vor anderen Menschen und vor dem Eigentum anderer stark abgenommen hat. Junge Menschen wollen Grenzen austesten, wenn sie jedoch nie Grenzen erfahren, werden sie immer weiter machen. Das bedeutet, dass jedes Fehlverhalten angemessen und konsequent geahndet werden muss, damit die Betroffenen Respekt lernen. Denn wer ungestraft davon kommt, wird keinen Respekt entwickeln.
8. Sie sehen unter anderem auch die Öffnung der Grenzen für eine Vielzahl von Einwanderern und Flüchtlingen als eine Ursache für die Verschärfung des Problems. Inwiefern verschärft die Zuwanderung das Problem der Kriminalität an Schulen?

Viele Flüchtlinge haben in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht Gewalt erfahren, gesehen oder zumindest davon gehört. Wenn Kinder und Jugendliche wie selbstverständlich an Waffen kommen, wenn man miterlebt, wie der Vater getötet oder die Mutter vergewaltigt wird, dann macht es auf jeden Fall etwas mit dem Menschen. Gewalterfahrungen lassen die Hemmschwellen sinken oder ganz fallen, insbesondere, wenn Gewalt zur „Normalität“ gehört. Hinzu kommen auch die verschiedenen kulturellen Hintergründe. Wenn manche Jungs und Männer lernen, dass Mädchen und Frauen nicht mit Respekt behandelt werden müssen, woher sollen sie es dann wissen? Respekt vor Lehrkräften, Schulleitungen oder auch Polizei lernen diese Kinder nur durch konsequentes Handeln. Dabei ist die Sprachbarriere ein großes Problem. Man kann nicht konstruktiv und konsequent mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, wenn Kinder und Eltern nicht ausreichend der deutschen Sprache mächtig sind. Außerdem denke ich auch, dass manche Zuwanderer die deutsche Polizei nicht ernst nehmen.

9. Was soll und kann die Politik dagegen unternehmen? Wie kann man dieses Problem sinnvoll lösen?

Verpflichtende Deutschkurse sind aus meiner Sicht das Allerwichtigste. In diese Kursen könnte man gleichzeitig auch die Unterrichtung unserer Werte und Normen integrieren. Außerdem brauchen wir auch klare und konsequente Regeln. Jedermann sollte Regeln kennen und wissen, was für Konsequenzen es hat, wenn man sich nicht daran hält. Neue Schulfächer oder veränderte Lehrmethoden könnten auch sinnvoll sein.

10. Wer steht noch in der Verantwortung?

Die „Gesellschaft“ als Ganzes: Gesetzgebung, Justiz, Polizei, Schulpersonal, Eltern.

11. Sexualität spielt ein zentrales Thema in Ihrem Buch. Warum ist Sexualität in unserer heutigen aufgeklärten Gesellschaft und besonders auch an Schulen immer noch ein solches Tabu-Thema?

Durch Internet, Medien und Werbung sind Kinder und Jugendliche täglich und überall von Sexualität und Nacktheit umgeben. Es ist für sie ein leichtes, sich knallharte Pornografie anzusehen. Pornografie ist Normalität. Bestimmte Schönheitsideale und Körpermaße werden zum Maßstab und jeder, der davon abweicht, gilt als geringwertig. Zudem werden unsere Kinder mit ihren Gefühlen, Fragen und Problemen oft allein gelassen, weil manche Eltern und Lehrkräfte mit den Kindern nicht frei über Sexualität reden können. Es fehlt der positive Aspekt von Intimität und Sexualität.

12. Wie kann man dem entgegenwirken?

Ich wünsche mir, dass man den Sexualkundeunterricht überarbeitet. Neben den wichtigen Aspekten der biologischen Abläufe und der Hygiene sollten auch die Emotionen und Werte mehr beachtet werden. Man könnte beispielsweise den Ethik- oder Sozialkundeunterricht mit dem Biologieunterricht verbinden.

13. Sie sagen, die Verantwortung für Übergriffe liegt manchmal nicht alleine beim Täter und dass junge Frauen sich häufig nicht eindeutig verhalten. Wie sieht Ihrer Meinung nach ein klares Verhalten, ein klares Nein aus?

Ein ernstes klares Nein wäre schon mal ein Anfang. Menschen neigen dazu, zu lachen, wenn sie sich unsicher fühlen. Wenn eine junge Frau nein sagt, aber dabei lacht, wirkt sie nicht authentisch. Wenn die gesamte Körperhaltung andere Signale sendet, verstehen die Täter das anscheinend nicht als nein.

14. Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen? Was ist Ihre zentrale Botschaft?

Der Opferschutzaspekt steht für mich über allem. Ich wünsche mir, dass das Leid der Opfer mehr in den Blick gerät, damit sich alle Verantwortlichen einig sind, dass Opfer besser geschützt werden müssen. Ich hoffe, dass ich Betroffenen ein Stück Rechts- und Handlungssicherheit vermitteln kann oder dazu anregen kann, dass man solche gemeinsam erarbeitet. Außerdem möchte ich, dass man sich mit dem Thema beschäftigt. Verantwortliche Personen sollen hinsehen, das Leid der Opfer erkennen und den Entschluss fassen, dass man etwas ändern muss. Dabei ist mir wichtig, dass man die gesamtgesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt. Keine der beteiligten Personengruppen kann das Problem alleine lösen, alle Professionen müssen konstruktiv und effektiv zusammenarbeiten. Ich möchte Verantwortliche in Politik und Justiz auffordern, sich die Thematik genauer anzusehen.

Tatort Schulhof

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