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Im Gespräch mit Stefanie Stahl

Stefanie Stahl über ihr neues Buch "Jeder ist beziehungsfähig"

Frau Stahl, der Titel Ihres Buches „Jeder ist beziehungsfähig“ enthält eine starke und ermutigende These. Wir sind also zum ewigen Singledasein oder Beziehungs-Hopping verdammt, weil wir verlernt haben, wie das geht mit der Beziehung?

Erst einmal ist es nicht richtig, dass die Menschen beziehungsunfähiger würden. Die Studienlage spricht dagegen und meine persönlichen Erfahrungen in meinem Umfeld auch. Dort erlebe ich, dass viele junge Leute sich früh binden und auch eine gefühlte Ewigkeit zusammen bleiben. Das hat es in meiner Generation nicht gegeben. Außerdem möchte ich an die 1960er-Jahre erinnern, da lautete der Slogan: Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Das ging damals auch schon ganz ohne Internet. Menschen mit Beziehungsängsten gab es schon immer – und nur, weil man ein Leben lang verheiratet ist, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass man beziehungsfähiger wäre als jemand, der allein lebt. Ehen von schlechter Beziehungsqualität hat es schon immer gegeben. Allerdings sind zunehmend weniger Frauen geneigt, in einer unglücklichen Versorgungsehe auszuharren. Die Ansprüche an die Beziehungsqualität sind gestiegen, deswegen trennt man sich heutzutage häufiger und das ist auch in Ordnung so.
Eine glückliche Beziehung gelingt, wenn die Beteiligten eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz finden, oder anders formuliert: zwischen Bindung und Autonomie. Viele Menschen assoziieren mit Beziehung einen gewissen Freiheitsverlust, der sie zögern lässt, sich wirklich einzulassen. Innerlich sind sie überzeugt, sie müssten, um geliebt zu werden, zu viele Erwartungen ihres Partners erfüllen. Sie denken, entweder bin ich in einer Beziehung oder ich bin frei. Das ist ein großer Trugschluss. Wenn sie lernen, dass sie in einer Beziehung und frei sein können, dann können sie sich auch einlassen. Im Kern geht es eigentlich nur darum, dass ich meine eigenen Bedürfnisse innerhalb der Partnerschaft vertreten und gesunde Grenzen setzen kann.

Sie sind Psychologin und ausgewiesene Expertin für Bindungsangst. Worauf kommt es denn Ihrer Erfahrung nach an bei einer Beziehung?

Die Partner müssen sich auf Augenhöhe begegnen und sowohl kompromissfähig, als auch durchsetzungsfähig sein. Es geht um ein Auspendeln der eigenen Wünsche und jenen des Partners. Menschen, die Probleme in Beziehungen haben, sind entweder zu konfliktscheu oder zu stur und eigensinnig. Die richtige Balance zu finden zwischen Bindung und Autonomie bedeutet, die Fähigkeiten, die ich für beide Pole benötige, auszubauen. Zur Bindung gehört, dass ich mich anpassen, nachgeben und Kompromisse schließen kann. Autonome Fähigkeiten hingegen sind, dass ich mir eigene Ziele setze und meine Interessen vertrete, notfalls auch ohne die Zustimmung meines Partners. Wenn beide Partner diese Fähigkeiten besitzen und dann auch noch hinsichtlich ihrer Interessen und Werte einige Gemeinsamkeiten aufweisen, dann gelingt auch die Beziehung.

Mit Ihrem Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“ haben Sie unzähligen Menschen vermittelt, wie man die positiven und negativen Prägungen der Kindheit erkennt und mit ihnen umgeht. Was können wir aus diesem Modell für unseren Umgang mit Beziehungen lernen?

Unsere Prägungen aus der Kindheit bestimmen unser – häufig unbewusstes – Beziehungsprogramm. Wenn ich mich als Kind beispielsweise zu sehr anpassen musste, um die Liebe meiner Eltern zu erhalten, dann nehme ich diese Erfahrung als Beziehungsmuster mit in mein Erwachsenenleben. Ich bin dann überzeugt: Wenn ich geliebt werden will, muss ich deine Erwartungen erfüllen. Ich kann dann also nicht mit guten Gefühlen ich selbst sein. Entweder folge ich dann meinem inneren Programm und mache meinem Partner möglichst alles recht, sodass ich irgendwann das Gefühl habe, mich selbst zu verlieren. Oder ich entwickle ein Antiprogramm und mache gerade das nicht, was von mir erwartet wird. Häufig pendeln die Betroffenen zwischen Überanpassung und trotziger Verweigerung.

Was raten Sie heute jungen Menschen, die auf der Suche nach einer Beziehung sind, aber bei sich selbst oder beim potenziellen Partner große Bindungsängste entdecken?

Ich rate ihnen, sich mit ihrem inneren Liebesprogramm auseinanderzusetzen. Eine wichtige Frage ist hier: Was muss ich tun, um geliebt zu werden? Genüge ich so, wie ich bin, oder muss ich mich verstellen, verbiegen oder gar jemand anders sein? Zentral ist das Selbstwertgefühl: Wenn ich befinde, dass ich gut bin, so wie ich bin, dann kann ich in einer Liebesbeziehung offen und authentisch sein und dies ist die Grundvoraussetzung für eine glücklich Partnerschaft. Die Betroffenen müssten also zunächst lernen, sich selbst anzunehmen, mit ihren Schwächen, denn erst dann können sie im zweiten Schritt darauf vertrauen, dass auch ein anderer Mensch sie gut findet unter der Bedingung, dass sie sie selbst sind. Denn nur, wenn ich mich frei verhalten kann, kann ich mich in einer Liebesbeziehung wohl und aufgehoben fühlen.

Keine Beziehung ohne Liebe, keine Liebe ohne Liebeskummer, noch so ein Klischee. Oder kommt Liebeskummer gar nicht vor, wenn man Ihre Ratschläge befolgt und alles „richtig“ macht?

Liebeskummer muss man in Kauf nehmen, wenn man sich auf eine nahe Liebesbeziehung einlassen will. Die ständige Sorge verletzt und verlassen zu werden, verhindert, dass ich meinem Partner vertraue und mich öffne. Wenn ich aber genügend Selbstvertrauen aufweise, ein etwaiges Scheitern zu verkraften, dann kann ich auch das Risiko echter Nähe eingehen. Menschen, die beziehungsfähig sind, weisen die tiefste innere Überzeugung auf: Wenn mein Partner mich verlässt, werde ich zwar einige Zeit todtraurig sein, aber ich werde irgendwann darüber wegkommen und auch wieder einen neuen Partner finden! Menschen, die hingegen meinen, sie „überleben“ diese Verletzung nicht, halten auf die eine oder andere Weise immer einen gewissen Sicherheitsabstand zum Partner ein. Das heißt, die Angst vor Liebeskummer kann eine glückliche Beziehung verhindern.

Haben Sie selbst auf Anhieb den passenden Partner gefunden, oder mussten Sie auch suchen …?

Nein, weit gefehlt. Ich hatte eine Serie von schwierigen Partnerschaften, deswegen konnte ich die Bindungsangst nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis studieren. Wie viele Frauen hatte ich ein etwas fatales Beuteschema und habe mich gern in die besonders „coolen“ Typen verliebt, die sich dann aber schnell als bindungsängstlich erwiesen. Ich musste erst reifen, um zu erkennen, dass der Richtige mein langjähriger bester Freund war – und mit dem bin ich heute sehr glücklich. Eine Harry-und-Sally-Story sozusagen.

Autorenfoto © Roswitha Kaster/roswithakaster.de

Jeder ist beziehungsfähig Blick ins Buch

Stefanie Stahl

Jeder ist beziehungsfähig

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