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SPECIAL zu Jung Chang, Jon Halliday »Mao«

Die Demontage eines Mythos

Rezension von Karl Hafner

Der große Vorsitzende Mao Tse-tung war viele Jahre lang in westlichen intellektuellen Kreisen so etwas wie eine Mode-Ikone des Klassenkampfes. Während Stalins Verbrechen schnell bekannt wurden, sollte oder wollte man über Jahrzehnte hinweg die Gräueltaten Maos nicht wahrhaben. Vielleicht, weil Mao ein perfekter Propagandist war; vielleicht, weil China so weit weg war…

Ein Monster
Die chinesische Autorin Jung Chang und der britische Historiker Jon Halliday versuchen in ihrer Biographie "Mao - Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes" zu beweisen, dass Mao in erster Linie ein machtbesessenes Ungeheuer war, das bereits während des Studiums Sätze schrieb, die seiner zynischen Weltsicht Ausdruck gaben - Sätze wie diesen: "Es gibt die Behauptung, man sei für die Geschichte verantwortlich. Das glaube ich nicht... Ich kümmere mich nur um meine eigene Entwicklung."

Für Chang und Halliday, die über zehn Jahre für dieses Buch recherchiert haben, hunderte von Interviews führten und zahlreiche Quellen ausfindig machten, die bisher verschlossen waren, gibt es nicht eine einzige positive Errungenschaft der Regierungszeit Maos. Sie beschreiben das Leben und Wirken Maos als ein einziges Blutbad, verursacht von einem ungeheuerlichen Sadisten, der die filmischen Mitschnitte der Folterungen und Hinrichtungen seiner ärgsten Widersacher mit großem Vergnügen in seinen Privatgemächern genossen haben soll. Bereits im ersten Satz erklären die Autoren, Mao sei verantwortlich für über 70 Millionen Tote - und das in Friedenszeiten.

Der Mythos Mao ist spätestens nach diesem Buch demontiert - auch wenn man sich an einigen Stellen mehr Anstrengungen in der Analyse der sozio-ökonomischen und kulturellen Hintergründe Chinas gewünscht hätte. Immer wieder stellt man sich beim Lesen die grundsätzliche Fragen: "Wie konnte das alles geschehen?" Die Antwort scheint in einem ebenso perfiden wie perfekten Überwachungs- und Terrorsystem zu liegen, das das große chinesische Volk mit Angst und Schrecken regierte.

Der Mythos
Geboren und aufgewachsen ist Mao im bäuerlichen Umfeld der Provinz Hunan. Seine erste Anstellung erhielt er als Bibliotheksassistent. Im Alter von 28 Jahren trat er der kommunistischen Partei bei und etablierte diese in der Provinz Jiang-Xi im Südosten Chinas. Nachdem Chiang Kai-Shek, die Leitfigur der Nationalisten, 1927 ein Massaker an den Kommunisten begangen hatte, erklomm Mao die Position als kommunistischer Führer. In seinem Einflussgebiet war er zwischen 1931 und 1935 verantwortlich für die Ermordung von über 700.000 Menschen.

Später dann, 1943, "Der Lange Marsch": Diesen wichtigsten Heldenmythos in der Geschichte des Maoismus entlarven die beiden Autoren als einzigen Betrug, der später durch geschickte Propaganda aufgeblasen wurde zu einem Quasi-Gründungsmythos. Durch den Bruch mit den Nationalisten und der daraus resultierenden Angst, von Chiang Kai-Sheks überlegener Armee vernichtet zu werden, wollte Mao die Rote Armee nach Norden zur russischen Grenze führen, weil er sich dort Sicherheit und russische Militärhilfe versprach. In einem sagenumwobenen Kampf, der geprägt war vom übermenschlichen Zusammenhalt der Truppen, wollte Mao sich später in zahlreichen Kämpfen gegen die Nationalisten zu seinem Ziel durchgeschlagen haben. Chang und Halliday weisen jedoch nach, dass Chiang Kai-Shek die Rote Armee in erster Linie vor sich her getrieben haben muss, ihr jedoch immer einen Ausweg nach Norden ließ, in der Hoffnung, die widerspenstigen Warlords der verschiedenen Provinzen davon überzeugen zu können, welche Bedrohung von Maos Roter Armee ausging. Ihren schlechten Ruf verschaffte sich die Rote Armee dann selbst: durch Plünderungen, Folterungen und Exekutionen. Die wenigen Kämpfe fanden als Alibi-Veranstaltung statt - gegen ein paar Blockhütten, die Chiang Kai-Shek der Roten Armee in den Weg stellte.

Betrug und Propaganda
Auch die legendäre Schlacht an der Brücke über den Fluss Dadu bei Luding, die Mao später immer wieder als heldenhaften Beweis für die Entschlossenheit seiner Roten Armee ins Feld führte, ist wohl frei erfunden. Der amerikanische Journalist Edgar Snow, der später zu einem der wichtigsten Fürsprecher und Propagandisten für Mao im Ausland werden sollte, beschreibt, wie sich Soldaten der Rote Armee an den Ketten der Brücke entlang hangelten, aus einem Maschinengewehrnest vom gegenüberliegenden Brückenkopf unter Beschuss genommen wurden und reihenweise tot ins Wasser fielen. Exorbitante Leistung der Roten Armee: "Der Feind warf Parafin auf die Planken und setzte sie in Brand. Inzwischen bewegten sich etwa zwanzig Rote auf Händen und Knien vorwärts und warfen Granate nach Granate in das Maschinengewehrnest des Feindes", schreibt Snow später - genau so wie Mao es ihm in die Feder diktierte. Fakt ist indessen: Die nationalistische Armee war kurz zuvor von der Brücke abgezogen, um Mao auch diesen Übergang frei zu machen. Es gab keinen Kampf an der Dadu-Brücke, aber der angebliche Schauplatz - eine Hängebrücke über einen reißenden Fluss - war einfach zu spektakulär, um nicht herhalten zu müssen für spätere kommunistische Propaganda.

Nach dem Langen Marsch betrug Maos Truppenstärke 4000 Mann. Gestartet war er mit 80.000. Zu Tausenden verhungerten und erfroren seine Soldaten. Viele davon, weil Mao seine Armee monatelang im Kreis dirigierte, um nicht auf die mächtige Armee eines anderen kommunistischen Generals zu treffen, dem er sich vielleicht hätte unterordnen müssen. Tausende mussten sterben für Maos egoistisches Machtkalkül, während der sich in einer Sänfte über die Berge tragen lies, um mit seinen hochrangigen Kollegen zu beratschlagen, wie er seine wichtigsten Konkurrenten auf dem Weg zur Macht ausschalten könnte.

Hunger und Terror
Die absolute Macht, koste sie, was sie wolle, war laut Chang und Halliday Maos einziges Ziel. Um China zu einer atomaren Supermacht auszubauen, war er nach eigener Aussage willens, die Hälfte der chinesischen Bevölkerung zu opfern. Während des "Großen Sprungs", einem wahnwitzigen Wirtschaftsprogramm, das China innerhalb weniger Jahre auf eine Stufe in der wirtschaftlichen Entwicklung mit den USA stellen sollte, starben weit über 30 Millionen Menschen. Sie starben an Hunger, während Mao ungeheuere Mengen an Nahrungsmitteln in die Sowjetunion exportieren ließ, um Waffen und militärisches Know-how, vor allem zum Bau der Atombombe, zu erwerben. Selbst als die Sowjets allmählich das Ausmaß der Katastrophe in China erkannten und weitere Lieferungen ablehnten, bestand er auf deren Fortsetzung. Die Menge des exportierten Getreides hätte wohl dafür gereicht, dass 30 Millionen Menschen nicht hätten verhungern müssen.

Chang und Hallidays Biografie ist eine Tour de Force der physischen und psychischen Grausamkeiten. Auf beinahe jeder Seite werden "Säuberungen" durchgeführt, Exempel statuiert, Menschen verhört und zu Tode gefoltert. "Spione" innerhalb der Roten Armee wurden enttarnt, indem man willkürlich Menschen herausgriff und sie solange folterte, bis sie gestanden, tatsächlich Spione zu sein und die Namen von zehn weiteren Spionen herausgaben, die man dann wieder folterte, um weitere Namen zu bekommen - solange bis die Menschen das Gefühl haben mussten, dass allein der Gedanke an Widerspruch schon lebensgefährlich sei. Der Terror muss unermesslich gewesen sein.

Während der "Kulturrevolution" in den späten Sechzigerjahren lancierte Mao dann die absolute Anarchie, um die letzten Überbleibsel der "Bourgeoisie" zu entmachten: Lehrer, Künstler, Journalisten und Intellektuelle: "Werft Sänger, Dichter, Dramaturgen und Schriftsteller aus der Stadt." Mao forcierte die Gewaltausbrüche der "Roten Garden", marodierender Jugendbanden, und trieb sie immer weiter dazu an, noch brutaler und konsequenter gegen Kulturschaffende vorzugehen. "Je mehr Bücher man liest, desto dümmer wird man", sagte Mao und befahl Bibliotheken zu plündern, Bücher zu verbrennen und Schriftsteller zum Hohn und Spott des Volkes vorzuführen. Er selbst las leidenschaftlich gerne. Sogar seine Betten ließ er sich so bauen, dass darin noch stapelweise Bücher Platz hatten. Die absolute Gedankenkontrolle war sein Ziel: "Wir brauchen eine Politik nach dem Motto ‚haltet die Leute dumm'", soll er einmal im engen Kreis bemerkt haben. In dieser Zeit entledigte er sich der wenigen verbliebenen Politiker, die es irgendwann einmal gewagt hatten, ihm zu widersprechen. Maos Macht war allumfassend. So konnte er sogar dem Ministerpräsidenten Chou En-lai eine Krebsbehandlung vorenthalten und schaffte es damit, dass Chou vor ihm starb.

Maos Erben
1976 starb Mao. Seine Herrschaft kostete 70 Millionen Chinesen das Leben. Mao war wohl einer der schlimmsten und zynischsten Massenmörder aller Zeiten. Daran sollte es keinen Zweifel mehr geben, denn das dokumentiert dieses lesenswerte Buch auf eindrucksvolle und schockierende Art und Weise. In ihrem Epilog schreiben Chang und Halliday: "Auch heute noch beherrschen Maos Porträt und sein Mausoleum den Tiananmen-Platz im Herzen der chinesischen Hauptstadt. Das derzeitige kommunistische Regime hat sich zum Erben Maos erklärt und ist fest entschlossen, den Mao-Mythos zu bewahren." Nach der Lektüre dieses Buches fragt man sich unwillkürlich: "Wie lange noch?"

Karl Hafner
München, September 2005

Mao Blick ins Buch

Jung Chang, Jon Halliday

Mao

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