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SPECIAL zu Klaas Huizing

Romantische Liebe ist nur die halbe Liebe

Rezension von Karl Hafner

Es war eine Zeit, in der man für die großen Ideen lebte, in der die Poesie als universal galt und der Mensch als Genie. Grenzen waren zum Überschreiten da, und am Ende sollte das große Ganze stehen, die Versöhnung von Vernunft und Gefühl. Es herrschte Aufbruchsstimmung, es war die Zeit der Romantik. Intellektuelles Zentrum zum Ende des 18. Jahrhunderts war Berlin. Man traf sich dort in privaten Salons, las und diskutierte die Werke Goethes, unternahm naturwissenschaftliche Versuche und war berauscht von profunden Erkenntnissen über die Welt - und vom eigenen Schöpfergeist. Den wohl wichtigsten Salon der Frühromantik in Berlin unterhielt die Literatin Henriette Herz. Sie war die Tochter eines jüdischen Arztes und Frau von Marcus Herz, einem Arzt und Philosophen und Lieblingsschüler von Immanuel Kant, den sie bereits mit 15 Jahren heiratete.

Diskretion im Salon
Klaas Huizing beschreibt in seinem historischen Roman "Frau Jette Herz" die Zeit des romantischen Aufbruchs aus dem Blickwinkel dieser Frau. Im Mittelpunkt steht die lebenslange Beziehung zwischen ihr und dem Theologen Friedrich Schleiermacher, die wohl nie mehr als platonisch war. Es ist eine innige Liebesbeziehung ohne körperliche Erfüllung, eine "intime Sezession", in der einer dem anderen hilft, ohne allzu große Gegenleistungen erwarten zu wollen. Henriette Herz hat ihre eigenen Aufzeichnungen und Briefwechsel später zum Großteil vernichtet. Sie war wohl zu diskret, das Leben ihrer Freunde und Bekannten für den eigenen literarischen Ruhm auszuschlachten. Sicherlich hätten viele Menschen nur darauf gewartet, Insider-Geschichten und amouröse Verwicklungen aus den bedeutendsten intellektuellen Kreisen zu erfahren. Bei Jette Herz trafen sich die Koryphäen der Zeit, sie wob die Fäden dieses Zirkels und vermittelte zahlreiche Kontakte. Wer etwas war, kam zu ihr in den Salon. Doch wahrscheinlich war ihr Salon auch wegen ihrer Diskretion so beliebt.

Viel Pflicht, wenig Neigung
Huizings Roman beginnt mit einer gesellschaftlichen Zusammenkunft bei Jette Herz. Das erste Mal ist auch Friedrich Schleiermacher anwesend. Er macht auf Jette sofort Eindruck. Sie kann sich kaum noch konzentrieren auf die Experimente, bei denen sie ihrem Mann assistieren soll. Es sind Schleiermachers Augen, die sie so in den Bann ziehen. "In ihnen wohnt eine Sehnsucht, sich mit der ganzen Welt zu verbrüdern, darin siedelten Sinn und Geschmack, Leidenschaft und, ja, das auch, Leidensfähigkeit." Zwar liebt Jette ihren Ehemann Marcus, der ihr den Betrieb des Salons ermöglicht. Doch er redet nach ihrem Geschmack zu häufig von Pflicht und zu wenig von Neigung. Ein Lieblingsschüler Kants eben. Sie habe ihn auch deshalb geheiratet, so erzählt Huizing in seinem Roman, weil sie seinen Nachnamen Herz so schön und passend fand. Ganz anders erscheint da der junge Schleiermacher.

Jette Herz zieht im Hintergrund der Gruppe die Fäden. Bald macht sie Schleiermacher mit Friedrich von Schlegel bekannt. Sie glaubt, die beiden würden sich gut verstehen, und Schlegel könnte Schleiermacher endlich, endlich zum Schreiben bringen. Er vergeude seinen brillanten, durchdringenden Geist in geistreichen Salongesprächen, so die Meinung seiner Freunde. An Schleiermachers 29. Geburtstag wird ihm der Kosename "Schleier" überreicht, das "Machen" bekäme er erst wieder, wenn er etwas zu Papier gebracht habe. Die Zeitschrift Athenaeum wird gegründet, bald veröffentlicht Schleiermacher sein Werk "Reden über die Religion", das ihn bekannt machen sollte.

Sinnliche Erfüllung eines Strickbeutels
"Mein Geschmack für das Unendliche findet bei dir sinnliche Erfüllung", sagt Schleiermacher einmal zu Jette Herz. Huizing empfindet geschickt die Sprache der Romantik nach, verwendet bedeutungsschwere Substantive, blumige Adjektive, spricht von der "Ruhe des Herzens", von "pelzigem Raureif auf dem Gemüt", von Bäumen, die mit tausend Zungen wispern, von Nachtigallen und purpurroten Sonnenuntergängen, ohne dabei altbacken oder gestrig zu wirken. Vielmehr schafft Huizing einen sehnsuchtsvollen Unterton, der auf ironische Weise Jettes unerfüllte Hingabe an Schleiermacher spiegelt, als ob sie sich ihre Welt des Bangen und Hoffens auf die große Liebe selbst schaffen würde.

Schleiermacher und Jette Herz schrammen des Öfteren haarscharf an einer Liebesbeziehung vorbei. Nachdem Marcus Herz stirbt, könnte es soweit sein. Nachdem Schleiermachers Angebetete Elenonore Grunow dann doch im letzten Moment kalte Füße bekommt und ihren aufbrausenden Gatten, einen Berliner Prediger, doch nicht verlassen will - ihr Gewissen -, besucht Jette ihren "Schleier" und hofft erneut. Doch ihre Beziehung wird lebenslang eine rein geistige bleiben, die sie zelebrieren in ausgiebigen Briefwechseln, an langen Teenachmittagen und auf endlosen Spaziergängen. Zu unharmonisch würden sie als Paar wirken, sie bezaubernd schön, groß und elegant, er zwar mit hübschen Locken und feinen Fingern, doch wesentlich kleiner und mit schiefen Schultern. Von einer Karikatur, die ein garstiger Mensch Unter den Linden aufgehängt hat, erholt sich Schleiermachers Selbstwertgefühl in Bezug auf Jette nicht. Auf der Karikatur führt Jette ihn auf der Straße in einem kleinen Netz spazieren, aus dem nur sein Kopf ragt. Darunter die spöttischen Worte: "Die Hofrätin Herz hat sich einen neuen Strickbeutel angeschafft."

Pikanterie braucht der Mann
Als Jette ihrem "Schleier" nach der Absage der Grunow Trost spenden will und ihn deshalb in Halle, wo Schleiermacher mittlerweile Professor ist, besucht, wird Schleiermachers Absage an eine gemeinsame Ehe endgültig. Jette sei zu schön, zu imponierend und zu wenig pikant. Nichts sähe an ihr liederlich aus. Auch das sei notwendig für die Anziehungskraft auf Männer. Huizing beschreibt amüsant und bitter zugleich, wie sich Jette Herz ab diesem Moment immer wieder vergleichen wird mit den Frauen in Schleiermachers Umgebung und ganz artig verstehen will, was Schleiermacher meint. Aufkeimende Eifersucht wird heruntergeschluckt. Das scheint Abmachung ihrer Freundschaft. Das große Ideal der perfekten Frau tritt dann doch zurück, wenn es um die konkrete Körperlichkeit geht.

Im Laufe der Jahre muss Jette auch die Schwächen ihres idealisierten Schleiermachers erkennen, der in seinen Schriften und Predigten so mutig, fordernd und fortschrittlich war, im Privaten jedoch zögerlich und feige. Dennoch wird sie sein ganzes Leben lang zu ihm halten, Freundin, Muse und erste Ansprechpartnerin für ihn sein - in gewisser Weise leben sie das Ideal einer romantischen Beziehung. Nur dass keiner damit richtig glücklich zu werden scheint. Jette wird Schleiermachers Ehe mit der verwitweten Henriette von Willich vermitteln, sich dabei selbst verleugnen, jahrelang beste Hausfreundin des Paares und immer mit helfender Hand zur Seite sein, wenn es kriselt. Sogar um die Kinder kümmert sie sich. Und: Die engsten Freunde wissen, dass aus Schleiermachers Schriften auch oft Jettes Worte und Gedanken sprechen.

Patrioten gegen Napoleon
Die Zeiten werden härter, der Krieg mit Napoleon bricht aus. In der Völkerschlacht bei Leipzig werden die französischen Truppen dann geschlagen. Die Turnbewegung, initiiert vom Nationalisten Friedrich Ludwig Jahn, versucht, die Jugend für die finale Befreiungsschlacht zu patriotisieren. Jette Herz wird in dieser Zeit immer wieder von einem geheimnisvollen Unbekannten angesprochen, der sie auf schmierig-vertrauliche Art wissen lässt, wie sehr Schleiermacher und seine Freunde der Regierung suspekt sind, fordern sie doch tiefgreifende Reformen und wagen es, den König zu kritisieren.

Nach der Ermordung des Dichters und russischen Staatsrats August von Kotzebue durch den Theologiestudenten K. L. Sand muss Jette Herz eine Hausdurchsuchung bei dem gemeinsamen Freund Ernst Moritz Arndt mit ansehen. Die Polizei beschlagnahmt Briefe, die auch ihren "Schleier" belasten könnten, weil er sich darin nicht deutlich genug von dem Attentat distanziert.

Huizing lässt die politischen Umbrüche der Zeit geschickt im Hintergrund seiner Erzählung mitlaufen; man kann immer verorten, was auf der großen politischen Bühne gerade passiert. Das eigentliche Augenmerk liegt dennoch immer auf dem Privatleben Schleiermachers und seinem Verhältnis zu Jette Herz. Auch diese Beziehung wird komplizierter.

Theologie schützt vor Aberglauben nicht
Schleiermachers Frau freundet sich mit der geschwätzigen Hellseherin Karoline Fischer an und gerät bald in eine geistige und religiöse Abhängigkeit von ihr. Im Haus des großen Theologen finden spiritistische Sitzungen statt, Karoline stammelt in geistiger Verzückung ihre Visionen der Zukunft und Schleiermachers Sohn muss diese auch noch protokollieren. Karoline wird zur geistigen Gegenspielerin Jettes, die es immer weniger verstehen kann, dass ihr "Schleier" auf politischer Bühne so brillant agieren kann, es aber nicht zustande bringt, im eigenen Haus für Ordnung zu sorgen. Seine Ehefrau entgleitet ihm. Dann wird die nächste Frau verehrt, Bettine von Arnim, die wohl all das hat, was Jette fehlt, obwohl sie doch so perfekt sein soll. Als Schleiermacher 1834 stirbt, steht Jette vor dem Grabstein ihres Lebens. 35 Jahre geistige Ehe gehen zu Ende, mit "ihrem Mann ohne Unterleib".

Huizing gelingt es wunderbar, am Leben der Jette Herz die Ideen der Romantik zu verdeutlichen, ihre Suche nach der Blauen Blume zu zeigen, nach Liebe und Unendlichkeit. Diese Suche muss eine Suche bleiben. Doch: "Wer hatte das Recht zu unterstellen, sie sei nicht glücklich gewesen."

Karl Hafner
München, Januar 2006