Leserstimme zu
Paradies

Authentisch und lebensnah

Von: Gilda Laske aus Limburg
05.10.2018

Vier Frauen, vier Charaktere, in jeder ein Stück vom eigenen Ich Eine Wellnesswoche auf einer Insel, Sommer Sonne, Entspannung und ein Guru. Hat es doch alles schon gegeben, denkt die geneigte Leserin und beginnt nicht gerade engagiert zu lesen. Die einzelnen Damen kennenzulernen weckt dann aber doch erstaunlich schnell die Neugier und die Erwartungshaltung, was denn nun wohl passieren wird. Amelie Fried hat es verstanden, durch das sehr geschickt gewählte Vorwort einen Spannungsbogen zu erzeugen, der bis zum Schluss anhält. Sie beschreibt, wie eine weiß gekleidete Frauenleiche aus dem spanischen Meer gezogen wird. Jede der vier Frauen hat eine sehr eigene Motivation, diese Wellnesswoche zu buchen. Wir haben die engagierte und nicht zu Kompromissen bereite Aktivistin. Es gibt die Schönheit, die natürlich unglücklich ist, die Ausrangierte und vom Leben gebeutelte und selbstverständlich die Angepasste, die immer nur über Jahrzehnte für ihre Familie da war. Und doch steckt in jeder Frau ein bisschen von einem selbst und man kann nicht anders, als sich mit jeder einzelnen Persönlichkeit zu identifizieren. Man möchte ihnen während des Lesens Rat geben, ihnen zurufen, wie blöd sie doch sind, weil sie nicht bemerken, was der Leser weiß. Man möchte sie schütteln, damit sie aufwachen und man möchte ihnen Mut zusprechen. Es wäre eine perfekte Woche, wenn nicht plötzlich alles schiefginge. Die Aktivistin mischt sich in das Inselleben ein, das Personal verschwindet, ein Sturm entfacht die Naturgewalten, die Versorgung bricht zusammen. Nun zeigt sich die wahre Stärke der Gruppe. Sie müssen sich arrangieren und es ist Schluss mit Wellness und Luxus. Am Ende dieser Woche ist wirklich nichts mehr wie es war. Die Starken lernen ihre Schwächen kennen, die Schwachen überbieten sich selbst und die Angepassten werden renitent. Der Guru erweist sich als gewöhnlicher Mensch und die Gruppe wächst zusammen. Alles in allem hat dieses Buch Spaß gemacht. Ich habe gerätselt und war lange Zeit ziemlich sicher, wer die Frauenleiche war, aber das hat Amelie Fried sehr geschickt ausgehebelt. Ich war geneigt, Petras Mann anzurufen und ihm zu sagen, dass er ein Idiot ist, gleichwohl wollte ich Petra das Gleiche sagen. Und Anka, der schönen und unglücklichen Frau wollte ich unbedingt sagen, dass sie sich darauf besinnen soll, etwas für sich zu tun und nicht auf ihre Außenwirkung fixiert zu sein. Und Suse, die strenge Suse, jung und unnachgiebig, hätte ich am liebsten geschüttelt, damit sie gelassener wird. Und Jenny? Jenny hätte ich am umarmt und ihr gesagt, sie soll die Vergangenheit vergessen und im Hier und Jetzt leben und nehmen, was ihr angeboten wird. Ich habe inmitten der Yogagruppe gestanden, habe den Guru verspottet, habe in den Zimmern der Frauen auf der Bettkante gesessen und ihren Gesprächen gelauscht, habe zugehört, wie sie geplant und gefeiert haben. Habe miterlebt, wie sie sich verändert haben. Packend, authentisch und lebensnah. Schade, dass ich nur ein Wochenende gebraucht habe, um dieses Buch durchzulesen. Gerne hätte ich mehr Zeit mit den Charakteren verbracht.