Leserstimme zu
Cambridge 5 - Zeit der Verräter

Spionage an der Eliteuniversität

Von: Susanne Martin aus Leinfelden
21.10.2018

Wer hier einen actionreichen Agententhriller à la James Bond erwartet, der wird von diesem Buch enttäuscht sein. Hannah Coler spinnt ein feines Netz verschiedener Handlungsstränge, die zeigen, wie Spione akquiriert wurden, mit welcher Virtuosität sie teilweise ihr Doppelleben führten und wie belastend dieses auf Dauer war. Am überzeugendsten gelingt ihr das für mich in den Passagen über Kim Philby, einen Agenten, der aus der britischen Oberschicht stammte und der schon als Stundent zum überzeugten Kommunisten wurde. Über 25 Jahre arbeitete er als Doppelagent und seine Enttarnung 1963 ist bis heute ein Trauma für die Briten. Die Verknüpfung dieser historischen Fakten mit den fiktionalen Handlungsebenen ist durchaus auch spannend zu lesen, hat mich allerdings nicht hundertprozentig überzeugt. Vor allem im ersten Drittel war es für mich etwas mühsam, die verschiedenen Ebenen zusammen zu führen, hier hätte ich mir etwas längere Abschnitte der Handlung in der Gegenwart gewünscht. Zum Ende hin wurde es jedoch immer spannender und fokussierter. Hannah Coler zeigt, wie sehr die Eliteuniversitäten auch heute noch von Spionen durchsetzt sind: Inzwischen geht es allerdings längst nicht mehr nur um Politik, sondern vor allem um Wirtschafts- und Wissenschaftsspionage. Und die Auftraggeber sitzen nicht nur in Russland, sondern auch in Ländern wie China oder den USA. Ganz nebenbei erhalten wir außerdem einen Einblick in die intrigante Welt des Wissenschaftsbetriebes in Cambridge. Interessant ist auch die Rolle der Frauen, wie sie von Hannah Coler beschrieben wird. In einem Interview sagt sie, daß Frauen in der Welt der Geheimdienste keineswegs, wie immer wieder in der Literatur dargestellt, nur als Sexfallen galten. Im Gegenteil: Sie waren oft an wichtigen Operatinen beteiligt und zeigten weniger Nerven als ihre männlichen Kollegen. Das gilt selbstverständlich auch für die Protagonistinnen ihres Romans! Fazit: Ein Roman, der mir nach anfänglichen Schwierigkeiten gut gefallen hat und der mir richtig Lust gemacht hat, in meinem Bücherschrank mal wieder nach den Romanen von John le Carré oder Graham Greene zu kramen!