Leserstimme zu
Sex und Lügen

"Sex und Lügen-Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt" von Leila Slimani

Von: imsoinlovewithbooks
25.10.2018

Dieses Buch hat viele Themen und doch handelt es von einer ganz bestimmten Sache. Ein Thema, das wir, die wir in der westlichen Welt leben, längst als selbstverständlich angesehen haben. Ein Thema, das hier angesprochen und mehr oder weniger in jeder Form akzeptiert wird. Leila Slimani spricht in ihrem Buch "Sex und Lügen" über genau das. Und nicht nur sie selbst spricht. Vielmehr gibt sie Frauen eine Stimme, die in einer Welt leben, in der Sexualität und ihr eigener Körper von Religion, Politik und Gesellschaft beeinflusst und benutzt wird. Schauplatz ist Marokko, ein Land, in welchem der Islam eine wichtige Rolle spielt, in dem die Religion von der Politik hin und wieder missbraucht wird, um altbewährte Wertvorstellungen durchzusetzen. In diesem Buch sprechen Frauen darüber, wie es ist, in einem islamischen Land aufzuwachsen, in welchem sie Schande über die Familie bringen, wenn sie ihren Partner frei wählen, wenn sie gar keinen Partner wählen oder einen Partner mit dem gleichen Geschlecht. Es geht um Angst, um Erziehung, um Zerrissenheit in dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und der Furcht, dafür hinter Gittern zu landen. Und es geht darum, nicht selbst über seinen eigenen Körper bestimmen zu dürfen und sexuelle Freiheit etwas ist, das es eigentlich gar nicht geben darf. Ich kann dieses Buch nicht analysieren. Sprachliche Besonderheiten hervorheben oder es auf Grundlage des Schreibstils bewerten, eben weil es sich um Geschichten handelt, die die Frauen erzählen. Allerdings lässt Leila Slimani immer wieder eigene Anmerkungen und Erklärungen mit einfließen. Zu Beginn liefert Leila Slimani ein Vorwort, das mir persönlich die Augen geöffnet und mich total in seinen Bann gezogen hat. Man erfährt hier viel über Marokko und die Einstellung und Kultur der Menschen. Der Leser wird eingeführt in grundlegende Punkte, auf welchen die marokkanische Gesellschaft beruht und erfährt, welche Verhaltensweisen in Marokko absolut nicht angebracht sind, auf welche sogar Strafe steht. Dieses Vorwort hat mich negativ beeindruckt. Nicht, weil es schlecht geschrieben wäre. Die Autorin, die selbst aus Marokko stammt, liefert hier Informationen, die ich einfach nicht glauben kann in meiner westlichen Blase der akzeptierten Sexualität. Ich habe mich regelrecht zurückversetzt gefühlt ins Mittelalter und war, obwohl ich es eigentlich wusste, geschockt von der unbeschönigten Realität, in der viele Menschen noch immer leben müssen und die teilwese nicht ausbrechen können oder wollen, weil die Gesellschaft über Missverhalten den Zeigefinger hebt. Sprich: Ich war negativ beeindruckt von meiner eigenen Naivität. Zu den Erzählungen der Frauen möchte ich eine kleine Sache anmerken. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse ähneln sich auf gewisse Weise, unterstreichen dafür aber umso mehr die Missstände, welchen sie ausgesetzt sind. Trotzdem erkennt man klar, wie verschieden diese Frauen sind, welchen sozialen Status sie haben und diese Vielfalt intensiviert die Wirkung hinsichtlich des Hauptthemas in diesem Buch. Was ich zum Abschluss sagen kann, ist, dass die Autorin in diesem Buch ein klares Statement abgibt. Sie hat die Geschichten der Frauen veröffentlicht, um auf die sexuelle Misere in Marokko aufmerksam zu machen. Ich denke, sie will damit etwas erreichen und trotzdem übt sie wenig öffentliche Kritik, sondern lässt den Leser seine eigenen Schlüsse ziehen. In ihrem Schlusswort weißt sie sogar darauf hin, dass die Wünsche und Sehnsüchte, aber auch die Ängste der marokkanischen Frauen durchaus auf die Männer übertragbar sind, die in diesem Buch leider keine Stimme gefunden haben, und verteufelt sie nicht per se. Ein ähnlich aufgebautes Buch mit Geschichten, Erfahrungen und Gedanken der Männer würde mich schon ziemlich interessieren. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, dieses Buch zu lesen. In gewisser Weise wird die westliche Welt, so denke zumindest ich darüber, nicht immer zu Unrecht verteufelt. Wer soll den Menschen in Marokko helfen, wenn nicht wir? Wer soll ihnen Alternativen zu ihrem Leben zeigen? Natürlich spreche ich hier nur von Leuten, die das auch tatsächlich wollen, sich aber nicht trauen. "Sex und Lügen" hat mir persönlich die Augen geöffnet und mir eine Realität gezeigt, die außerhalb meiner Regenbogenwelt liegt und gerade deshalb finde ich, dass das Buch gelesen werden muss.