Leserstimme zu
Der Einzelgänger

Child kanns

Von: Michael Lehmann-Pape
10.12.2018

12 Geschichten um Jack Reacher, den wortkargen, harten Kerl herum, der im literarischen Universum seit Jahren frei und nur mit dem nötigsten „bewaffnet“ sich durch die Welt, vor allem durch Amerika, treiben lässt. Geschichten, die durchweg um die physische Härte und die unprätentiöse ausgestaltete Gabe der „Deduktion“ Reachers drehen. Da kommt der Mann schon nahe an einen Sherlock Holmes heran, macht aber nicht so ein Gewese um seine Beobachtungsgabe, sondern achtet mehr darauf, die Dinge praktisch und handfest zu lösen. Ob im Wald mit zwei vermeintlich einfachen, naturbegeisterten Wanderern. Ob im Anblick einer auf einer Seitenstraße hingerichteten „Karrierefrau“ der Army (eine Geschichte, in der Reachers Broder Joe wichtige Anteile hat und damit dem Leser auch der familiäre Hintergrund der nicht immer leicht zu verstehenden Person Reachers nähergebracht wird). Erzählungen, die ab der zweiten Geschichte auch ein stückweit chronologisch vorgehen und den Weg Reachers vom Jugendlichen (mit Vater und Bruder auf irgendeiner fernen Militärbasis) in die Army und aus dieser wieder heraus auf die Straße Schritt für Schritt dem Leser naheführen. Mit einem kleinen, detektivischen Abstecher nach England (Reacher und die Frauen spielen hier eine Rolle) oder einer hochrangigen Ermittlung zur Enttarnung eines russischen Informanten durch den Major der Militärpolizei. All das bewohnt trocken und cool erzählt, jederzeit spannend und klar erkennbar in der Ausrichtung Reachers. Wobei gerade die etwas längeren Geschichten zwar nicht vom Umfang, aber von der Struktur her fast vollwertige Reacher-Romane darstellen. Geschichten, bei denen zwar das schmückende Beiwerk in der Breite ausgelassen wird, wohl aber Beginn, Entwicklung, Ermittlungen, Kämpfe und je das Ende alle Elemente der „echten“ Romane enthalten. Ergänzt durch einige kürzere Geschichten, in denen sich Child auf ein konkretes Element, eine Frage, eine (kleinere) Ermittlung konzentriert. Dennoch kann man sich durchweg bei allen Geschichten leicht vorstellen, wie diese aussehen würden, würde die Kernidee in erweiterter Romanform erscheinen. Der einzige Wehrmutstropfen bei der Lektüre ist gerade diese Fülle an Ideen und Geschichten. Denn da Child doch in gewisser Weise seine Romane um Jack Reacher einander ähnelnd aufbaut und nun das Gefühl entsteht, nicht hier und da einen, sondern auf einen Schlag 5,6 der Romane im Kern vor sich zu haben, wird es doch hier und da ein wenig zu vorhersehbar. Da trifft es sich gut, dass manche der Geschichten (wie gerade der Abstecher nach England) die gewohnten Muster überraschend durchbrechen. So dass, alles in allem, eine rasante, anregende und bestens in Szene gesetzte Unterhaltung mit den 12 Geschichten des Buches geliefert wird.