Leserstimme zu
Geschichte wird gemacht

Ar/Gee Gleim: „Geschichte wird gemacht“ (Heyne Hardcore)

Von: Christian Funke
10.03.2019

Deutscher Underground in den Achtzigern Richard Gleim, besser bekannt unter seinem Pseudonym ar/gee gleim, ist ein deutscher Fotograf, der Ende der 1970er Jahre als Szenefotograf in der Düsseldorfer Punkszene aktiv war (aus dieser zeit stammt auch sein Künstlername). Den Zugang zur damaligen, gerade wachsenden Szene bekam er durch die Bekanntschaft zur Band Der Plan, Seine Fotografien wurden schnell bekannt und wurden zudem in dem gerade entstandenen Magazin SPEX veröffentlicht. Seine Fotografien gelten als Zeitdokumente und waren Bestandteil zahlreicher Ausstellungen. Unter dem Titel Geschichte wird gemacht, einer Textpassage des Songs Es geht voran der Düsseldorfer Band Fehlfarben, erscheint nun bei Heyne Hardcore ein weiterer spannender Bildband mit zum Teil vorher unveröffentlichten Bildern, der einen interessanten und stilprägenden Bereich der Musikgeschichte aufleben lässt. Ein Spruch sagt, dass derjenige, der sich erinnern kann, nicht dabei gewesen war. Wenn dem so ist, ist es umso erfreulicher, hier nun einen Blick auf eine so wilde wie wegweisende Ära der deutschen Musikgeschichte zu bekommen. Rüchblickend verbindet man die 80er Jahre häufig mit einem merkwürdig anmutenden Kleidungsstil und klebrigen Synthi-Sounds. Doch völlig zu Unrecht, waren sie doch gleichzeitig eine zeit des Pogos, des Punks, des aufkommenden New Waves und des selbstbewussten Auflebens deutschsprachiger, experimenteller Musik. Für mich, der aufgrund der späten Geburt nur noch die letzte Phase miterleben konnte, ist es eine Zeit, die nach einer kurzen Findungsphase meinen Musikgeschmack, aber auch meine Sicht auf gesellschaftliche und politische Dinge maßgeblich geprägt hat und einen für mich entsprechend hohen Stelllenwert besitzt. Der vorliegende Bildband, der zudem viele umfangreiche und hochspannende Essyas enthält, zeigt mir Momentaufnahmen von Auftritten von Künstlern wie Andreas Dorau, Die Krupps, DAF, Blixa Bargeld, Gudrun Gut oder die Humpe-Schwestern, die man selber alle das ein oder andere mal selber live erleben durfte. So wirkt das Buch wie ein persönliches Fotoalbum, welches vielleicht nicht immer die selbst erlebte Momentaufnahme, aber eine vergleichbare aufzeigt. ar/gee gelingen dabei in all dem Lärm stille, ehrfuchtsvolle und poetische s/w-Bilder, die das damalige Gefühl perfekt eingefangen und auch heute noch eindrucksvoll wiedergeben. Es war eine Zeit des kulturellen Aufbäumens, der Lossprechung alter Werte und der Aufbruch zu etwas Neuem! Eine spannende Zeit, die hier wunderbar in einem Buch zusammengefasst und wiederbelebt wird! Geschichte wird gemacht erscheint als quadratisches, großformatiges Hardcover bei Heyne Hardcore (244 Seiten, €30,00). Neben 100 s/w-Fotografien gibt es interessante Texte und Essays von Frank Spilker, Peter Glaser, Alexander Kühne, Xaõ Seffcheque und vielen anderen Begleitern dieser Zeit, zudem befindet sich hinten im Buch eine CD, die frühe Songs von Die Ärzte, Andreas Dorau, Palais Schaumburg, Family*5 und Der Plan enthält. Zudemgibt es bebilderte Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren, sowie Informationen zu den Bands der beiliegenden CD im Anhang. Der Bildband Geschichte wird gemacht ist eine literarische Dokumentation über die Entstehung des deutschen Punk und New Wave, welche Mitte der 1970er bis Mitte der 1980er wie eine Explosion über das ahnungslose und unvorbereitete Deutschland hereinbrach und die deutsche Musiklandschaft nachhaltig verändern sollte. Für all die interessant, die einmal einen kleinen Überblick über die Szene erhalten wollen, unverzichtbar jedoch für diejenigen, die diese Zeit aktiv miterlebt haben! Christian Funke