Leserstimme zu
Letzter Ausweg Tempelhof

Harter Großstadtkimi voll Trauma und Gewalt

Von: Eva Krafczyk
20.06.2019

er auf leichte Spannungskost steht und harmoniebedürftig auf ein happy end für die Gerechtigkeit wartet, ist mit Hilkje Hänels Berlin-Krimi "Letzter Ausweg Tempelhof"nicht richtig bedient. Hier geht es hart und düster zu wie sonst vor allem in skandinavischen Krimis. Depremierend ist schon der erste Mordfall, zu dem das Team des Berliner LKA gerufen wird: Zwei tote Flüchtlingskinder und ihre erhängt aufgefundene Mutter. Alles weist auf einen erweiterten Suizid hin, der in der tristen Flüchtlingsunterkunft in einer Halle auf dem früheen Flughafen Tempelhof stattgefunden hat. Ermittlungschef Lepke steht vor einem Rätsel: warum hat die Frau, die schon so viel durchgestanden hat, an einem Ort ihr Leben beendet, an dem sie nach geglückter Flucht auf einen Neuanfang hoffen konnte? Weitere tote Kinder und tote Frauen werden im Verlauf von "Letzter Ausweg Tempelhof" die Ermittler beschäftigen. Alexandra Gode, gerade erst wieder nach einem langen Krankenhausaufenthalt als Folge der Begegnung mit einem psychopatischen Killer zurück in den (Innen-)Dienst gekehrt, kann so einen Fall eigentlich nicht gebrauchen: Sie soll den traumatischen Vorfall - offenbar Inhalt des Vorgängerbandes - mit Hilfe eines Psychologen verarbeiten. Ihre mütterliche Freundin, die ihr den Weg zur Kripo geebnet hat, ist unerwartet gestorben, ihre Freundin ist offenbar auf Tauchstation gegangen. Statt dessen fühlt sich Gode beobachtet und verfolgt. Da ist es um so frustrierender, wenn die Ermittlungen ins Leere laufen. Tote oder schweigende Zeugen, ein zweifelhafter Sicherheitsdienst mit Rechtsttendenzen und ausländerfeindlichen Sprüchen ausgerechnet in der Flüchtlingsunterkunft, Gerüchte über sexuelle Gewalt, über verschwundene Frauen und Kinder. Allzu viel geht schief, ohne dass die Ermittler Fortschritte machen. Statt dessen gibt es plötzlich Einmischung von ganz oben, in Form des Leitenden Oberstaatsanwalts und des Innensenators.... Spröde, düster und gewalttätig geht es zu in diesem Krimi, bei dem die Autorin offenbar nicht dem Drang widerstehen konnte, einiges dermaßen auf die Spitze zu treiben, dass es ein bißchen zu viel des Guten wurde, um noch glaubwürdig zu wirken. Da wäre weniger mehr gewesen, oder vielleicht ein bißchen gründlichere Recherche über den Geheimnisdrang in Pädophilen-Netzwerken. Ähnlich ist es mit der Person von Alexandra Gode, die von klein auf ein solch gerütteltes Maß an Schicksal und Gewalt abbekommen musste, dass sie zur Mutter aller Schmerzen gerät. Und das alles nur, um den Label toughe Großstadtpolizistin zu erhalten? Diese Detektivin wirft eher die Frage auf, wie sie im realen Leben jemals die psychologischen Einstellungstests für die Polizei bestanden hat. Da ist die Phantasie mit der Autorin ein bißchen durchgaloppiert. Wer sich daran nicht stört, kann sich an spröder Großstadtprosa und einem trotz aus meiner Sicht unnötiger Überdramatisierung über einen spannenden Plot zu einem aktuellen Thema freuen.