Leserstimme zu
Das Mädchen Jannie

Im Kreislauf des Grauens

Von: Ulrike Rosina
06.10.2019

Es ist ein kalter, regnerischer Märztag. Trotzdem muss die zehnjährige Jannie wieder arbeiten. Schonung gibt es für sie nicht. Seit Jahren besteht ihr Leben aus Arbeit, Kälte und Gewalt. Sie kennt es nicht anders, seit ihr Großvater sie an Miro, den Kopf einer rumänischen Bettlerbande, verkauft hat. Zu allem Überfluss muss sie auch wieder den zweijährigen Jakob mitnehmen, der die ganze Nacht nur gehustet hat. Zwei Kinder, eines davon sichtbar krank, davon verspricht sich Miro einen erfolgreichen Tag. Die Menschen sollen Mitleid haben, ihre Türen und ihre Geldbeutel öffnen. Doch es kommt ganz anders. Der Kaninchentöter Am gleichen Tag auf einem einsamen Gehöft in der Nähe. Außer sich vor Wut starrt Dieter auf seinen Laptop. Was fällt dieser elenden Würmin ein, seinen Thriller so zu zerreißen. Wie sie es sich generell zum Hobby gemacht zu haben scheint, aufstrebenden Autoren-Talenten wie ihm auf ihrem Blog die Zukunft zu verbauen. Ihr wird er es zeigen. Doch erst muss er sich um seine Mutter kümmern, die sich nach einem Schlaganfall nur noch im Bett liegen und an die Decke stieren kann. Wäre er nicht auf ihre Rente angewiesen, könnte sie vor ihm aus sofort sterben. Keine Träne würde er der sadistischen Alten nachweinen, die keine Gelegenheit ausgelassen hat, ihrem Kind zu zeigen, wie grausam ein Mensch sein kann. Aber mit dem Schlachten von Kaninchen und Hühnern kann er sich nicht über Wasser halten. Also muss er sie am Leben erhalten. Noch. Bis er von seinen Büchern leben kann. Arno Klinkhammer ist gerade zur Operativen Fallanalyse beim LKA gewechselt. Hier kann er seine Erfahrung, seine Intuition und seine oft unorthodoxe Herangehensweise an neue Fälle einbringen, ohne gleich schief angesehen zu werden. Dank dieser Intuition wird er Jannies Leben retten. Aber das weiß Arno Klinkhammer an diesem kalten regnerischen Herbsttag noch nicht. Im Kreislauf des Grauens Petra Hammesfahr hat mit Das Mädchen Jannie wieder einen herausragenden Roman abgeliefert, der tiefe Einblicke in die brutalen und menschenverachtenden Machenschaften von Menschenhändlern gibt. Das ist keine Erfindung einer Autorin sondern trauriger Alltag vieler junger Frauen und Männer. Auch hier bei uns in Deutschland. Dass Petra Hammesfahr sehr detailliert auf dieses brutale Vorgehen eingeht, mag den einen oder die andere Leserin verstören. Ich fand es richtig und wichtig und gemäßigt. Auch die kleine Jannie steht am Anfang eines solchen Kreislaufs. Petra Hammesfahr schildert zwei Wochen aus dem Leben des Mädchens aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dem von Jannie selbst. Dem von Dieter, ihrem vermeintlichen Wohltäter. Dem der polizeilichen Ermittlungen. Dadurch hatte ich beim Lesen manchmal den Eindruck “Das habe ich doch schon gelesen”, was mich aber überhaupt nicht gestört hat. Gerade weil so anschaulich geschildert wird, wie schwierig es für die Polizei ist, die vielen losen Enden, die sie findet, zu einem Netz zu verknüpfen, in dem sich auch die Hintermänner unentrinnbar verfangen. Ein großartiges Buch. Kaufen, lesen, nachdenken!