Leserstimme zu
Der kleine Buchladen der guten Wünsche

Das könnte mein Lieblingsbuchladen werden

Von: Susanne Edelmann
21.12.2019

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich mich bei einer Rezension mokiert hatte über Bücher, deren Titel beginnt mit „das kleine Café / die kleine Bäckerei / der kleine Buch-, Tee-, Brautladen“ usw. Warum ich nun dennoch wieder einmal zu einem Buch mit solch einem Titel gegriffen habe, lässt sich ganz einfach erklären: Es spielt in der Rhön. In der Rhön, genauer gesagt in Bad Brückenau, lebte früher meine Oma und die haben wir in meiner Kindheit häufig besucht, meist in den Herbstferien zu Allerheiligen, deshalb verbinde ich mit der Rhön viele Kindheitserinnerungen. Ähnlich geht es auch Josefine, der Protagonistin dieses Romans. Sie verbringt ihre Schulferien meist bei ihrer Großtante Hilde in einem kleinen Dorf in der Rhön. Dort führt Hilde einen Buchladen der guten Wünsche: Nach den Ereignissen des 11. September geht Hilde nämlich dazu über, in ihrem Laden nur noch solche Bücher anzubieten, die den Lesern Hoffnung geben und sie fröhlicher machen, sie wieder aufbauen. Dazu schickt sie jedem Kunden im Stillen einen guten Wunsch hinterher. Zwanzig Jahre später ist Josefine selbst Buchhändlerin geworden. Zusammen mit ihrem Freund Mark, einem Autor, führt sie einen Buchladen in der Kölner Innenstadt und kämpft dort täglich ums Überleben in einer Zeit, in der der Buchhandel in einer tiefen Krise steckt. Oftmals machen Mark und Josefine mit Non-Books den meisten Umsatz, dennoch müssen sie scharf rechnen und können es sich nicht leisten, eine Vollzeitkraft einzustellen, um selbst einmal auszuspannen und sich Zeit für ihre Beziehung zu nehmen, die deshalb von einer Liebes- immer mehr zu einer Geschäftsbeziehung mutiert. Da erreicht Josefine die Nachricht, dass ihre Großtante Hilde gestorben ist und ihr den Buchladen in der Rhön vermacht – allerdings unter einer Bedingung: Josefine muss den Laden ein halbes Jahr führen, erst dann gehört er ihr wirklich und sie kann damit machen, was sie will. Hält sie nicht so lange durch, fällt das Erbe an Johannes, Hildes Nachbarsohn und Josefines Freund aus Kindertagen. Zuerst will Josefine rundheraus ablehnen: Sie ist ein Stadtmensch, was soll sie in der einsamen Natur, in einem Dorf, in dem beinahe jeder zweite Laden leersteht und die Jungen wegziehen? Außerdem: Sie kann doch den Laden in Köln nicht so lange alleine lassen! Doch Mark überredet sie schließlich, das Wagnis einzugehen. Seine Überlegung: Wenn Josefine ein halbes Jahr durchhält, kann sie den Buchladen in der Rhön verkaufen und damit die Schulden in Köln begleichen, was beiden ein angenehmeres Leben ermöglichen würde. So willigt Josefine schließlich ein, doch das Leben in der Rhön hält einige Überraschungen für sie parat… Was mir an der Geschichte besonders gut gefallen hat, war die Tatsache, dass die Arbeit in einem Buchladen nicht romantisch verklärt wird, sondern genau so dargestellt wird, wie sie eben (leider) auch ist: Ein täglicher Kampf ums Überleben, gegen Onlineriesen und Lesemuffel. Auch die Situation in strukturschwachen Gegenden wird geschildert, genau so habe auch ich sie bei meinem letzten Besuch in Bad Brückenau erlebt: Viele Läden, die ich aus meiner Kindheit noch kannte, stehen inzwischen leer, das Ortszentrum verwaist, stattdessen entstehen Ansiedlungen von Discountern auf der grünen Wiese. Die jungen Leute wandern in die größeren Städte, z.B. nach Würzburg, Fulda oder Frankfurt, ab, zurück bleiben nur die Alten. Keine guten Voraussetzungen, um einen Laden zu führen, der Gewinn abwirft. Dabei ist Bad Brückenau durch seinen Status als Staatliches Heilbad noch vergleichsweise gut dran, anders als das (fiktive) Dorf Heufeld im Roman. Kein Wunder also, dass der Bürgermeister des Dorfes seine Hoffnungen in einen Investor setzt, der in Heufeld eine Wellnessoase plant, der aber leider ein Großteil des alten Ortskerns weichen müsste. Diese Pläne sorgen im Dorf für viele Diskussionen und konträre Meinungen. Ich habe diese Geschichte mit großer Spannung gelesen, fand die Handlung jederzeit nachvollziehbar, die Protagonisten sympathisch und authentisch, so dass ich vor allem mit Josefine die ganze Zeit über mitgefiebert und mitgelitten habe. Ganz nebenbei entführt der Roman an einige schöne Orte der Rhön, auch wenn der eigentliche Handlungsort Heufeld fiktiv ist, im Gegensatz zu vielen Ausflugszielen der Region, die im Buch erwähnt werden. Außerdem erfährt man durch die Figur von Johannes auch einiges über Bienen und die Imkerei, was ich sehr schön fand. Das Buch ist kein ausgewiesener Weihnachtsroman, aber da es in einem Zeitraum von Herbst bis Frühjahr spielt, kommt natürlich auch das Weihnachtsfest in der Geschichte vor und spielt durchaus eine wichtige Rolle für die Handlung. Außerdem ist der Roman ein wunderbares Plädoyer für den lokalen Buchhandel, was ich aus tiefster Überzeugung unterstützen kann (mehr dazu in diesem Beitrag). Alles in allem also eine ganz klare Leseempfehlung.