Leserstimme zu
Die Ermordung des Commendatore I - Eine Idee erscheint

Nicht das beste Buch von Murakami aber ein sehr gutes!

Von: Martina aus Freiburg
03.01.2020

Murakami liebe ich seit vielen Jahren, das Surreale, Heitere, die vielen Verweise auf verschiedene kulturelle Phänomene und philosophische Fragen, und gleichzeitig die Spannung und das Stimmungsvolle. Ich hatte immer den Eindruck, dass jedes Murakami-Buch anders ist: "Wilde Schafsjagd" eher surreal, "Gefährliche Geliebte" eher wie ein klassischer Liebesroman, "Sputnik Sweetheart" ebenso. Bei der "Ermordung" habe ich mich sehr gefreut, die intellektuellen Spielereien wiederzufinden, die "Wilde Schafsjagd" so intelligent und gleichzeitig so lustig gemacht haben. Der Protagonist des Romans, der in Ich-Perspektive erzählt (seinen Namen erfahren wir nicht) zieht sich nach der Trennung von seiner Frau in das Haus eines berühmten Malers zurück und findet dort auf dem Dachboden ein Bild, das "Die Ermordung des Commandatore" heißt. Gleichzeitig bekommt er von einem reichen Nachbarn den Auftrag, sein Porträt zu malen, und kommt mit ihm ins Gespräch. Beide begeben sich auf die Suche nach der Entstehungsgeschichte des Bildes und nach einer möglichen Tochter des Auftraggebers. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht erzählen, da die Handlung unglaublich kompliziert und vielschichtig wird und man das Ende verraten müsste, um alles Weitere zu erklären – nur soviel sei gesagt: wer auf klare, realistische Plots Wert legt, wird die Bücher eher schnell wieder weglegen; wer aber kulturelle Anspielungen, phantastische Elemente, seltsame Plot-Twists und vielschichtig verknüpfte Handlungsstränge mag, ist gut bedient. Besonders charmant ist bei Murakami immer, dass die Protagonisten das Seltsame, Surreale der Handlung gar nicht besonders wahrzunehmen oder zumindest nicht allzusehr davon berührt scheinen – so als wären sie schon immer gewohnt, in dieser literarischen Welt zu leben, in der alles möglich ist. Auch die japanische Einsamkeit, das Verschlossensein, die nach außen hin scheinbar kalte, emotionslose, makellose Höflichkeit, zu der die Protagonisten sich gezwungen sehen, ist aus westlicher Perspektive – wenn man es denn mag – sehr reizvoll. Murakami verknüpft Japanisches mit Westlichem in diesen Romanen noch stärker als in seinen vorhergehenden Romanen, aber er ist und bleibt immer dezidiert japanisch. Universell verständlich ist jedoch das Aufbrechen der Grenzen von Realität – bei Murakami eine triste, graue, langweilige Angelegenheit – und Idee, dem Reich der Kultur, Fantasie und Historie, das auch den Protagonisten dieser Romane zwingt, aus einem tristen, grauen Alltagstrott auszubrechen – das aber geschieht eher wie nebenbei, auf ganz lapidare, selbstverständliche Weise, unaufdringlich und gerade darin umso kraftvoller. Auch der Leser wird so, auf die diskreteste, sanfteste Weise fast, dazu eingeladen, die triste graue Gedankensphäre der eigenen Alltagsrealität zu verlassen und wiederzuentdecken, welchen Reichtum Traum, Phantasie und Kultur zu bieten haben und wie wertvoll sie damit doch eigentlich für die Menschen sind.