Leserstimme zu
Dunkelsommer

Verzweiflung

Von: clematis aus Wien
01.02.2020

Auf dem Fensterbrett starb schweigend eine Topfpflanze.“ Pos. 239 Lennart Gustafsson, genannt Lelle, fährt jede Nacht im nordschwedischen Sommer bei flach einfallendem Sonnenlicht den Silvervägen entlang, um jede noch so kleine und verwachsene Abzweigung zu kontrollieren, jede noch so entlegene verfallene Hütte zu überprüfen. Denn vor drei Jahren ist seine Tochter Lina verschwunden und die Polizei hat wohl nicht genau genug hingesehen. In der Nähe zieht Meja mit ihrer Mutter Silje ein, in der Hoffnung, hier endlich ein ordentliches Zuhause und Geborgenheit zu finden. Als der Herbst naht, die Nächte dunkler und länger werden, verschwindet ein weiteres Mädchen und die Schicksale von Lelle und Meja finden auf ungeahnte Weise zusammen. Von der ersten Seite weg fasziniert Stina Jackson mit ihrem Stil, klar und fließend, nüchtern und doch bildhaft und berührend. Die düstere Stimmung in Norrlands ausgedehnten Wäldern, die Ruhe und Einsamkeit spiegeln Lelles Seelenqualen wider. Seine Frau Anette hat sich von ihm getrennt, zu unterschiedlich sind ihre Herangehensweisen, mit dem Verlust der einzigen Tochter umzugehen und Trauer auszudrücken. Immer mehr zieht sich Lelle zurück, vernachlässigt Haus und Körperpflege, trinkt und raucht Kette. Nur noch wenige Menschen finden überhaupt noch Zugang zu ihm und versuchen, ihn aus seinem Selbstmitleid, aus seiner abgrundtiefen Verzweiflung herauszuholen. Mit jeder Fahrt, in jeder Nacht spürt der Leser die intensiven Gefühle, die hier so deutlich vermittelt werden, dass man das Buch am liebsten gar nicht mehr weglegen möchte. Neben diesem Handlungsstrang gibt es noch – in regelmäßiger Abwechslung – die Geschichte von Meja, deren Mutter ihre Liebhaber und Wohnsitze ständig wechselt und nirgends zur Ruhe kommen kann. Während die 17jährige in der neuen Nachbarschaft drei etwas sonderbare Burschen kennenlernt, wird am Campingplatz ein junges Mädchen vermisst. Für Lelle ist die Ähnlichkeit zu seiner Lina mehr als auffällig. Die Hauptfiguren, aber auch jene am Rande sind überzeugend und lebensecht beschrieben, Menschen, Natur und Gefühle stellen ein stimmiges Gesamtbild dar. Wahrscheinlich ist es gerade die ruhige Schreibweise der Autorin, welche die Stimmung so greifbar werden lässt. Dieser Roman besticht nicht durch Tempo und Hektik, vielmehr ist es die Zähigkeit der Suche – nach der verlorenen Tochter, nach einer „richtigen“ Familie -, die alles so authentisch wiedergibt. Ich wurde an einem Ort am Rande der Welt geboren, einem Ort, an dem Kälte, Dunkelheit, archaischer Wald und Stille herrschen. Ein Ort, an dem niemand ein Wort zu viel spricht, an dem die Einwohner scharf die Luft zwischen den Zähnen einziehen, statt mit Ja zu antworten. Ein Ort, den viele verlassen, aber den niemand vergisst. Jahre nach meinem Verschwinden von dort begann ich, mich meinen Wurzeln wieder anzunähern, durch das Schreiben. Bald schon wurde daraus eine Obsession, die gespenstische Landschaft meiner Kindheit mit einem neuen Blick zu entdecken, dem Blick einer Emigrantin. Um sie mir zurückzuerobern. Stina Jackson. Quelle: Produktseite bei Amazon Da kann ich nur sagen: gelungenes Debut! Von mir gibt es fünf Sterne samt Leseempfehlung!