Leserstimme zu
Verlust

Trauerarbeit zwischen reiner Verzweiflung und Rückblenden in die Stadtgeschichte.

Von: Literaturlärm
24.06.2015

[Eher 3,5 statt reine 4 Sterne.] Ein guter Roman, von dem ich zunächst trotzdem leicht enttäuscht war, was aber vermutlich an der deutschen Aufmachung des Buches liegt [die sehr ansprechend ist!, aber]: Sowohl Titel, Rückenzitat als auch Klappentext reden nur von der Trauer, die der Ich-Erzähler Charlie nach dem Tod seiner dreizehnjährigen Tochter Kate und der darauffolgenden Trennung von seiner Frau empfindet. Ich hatte demnach 270 Seiten bodenlose Verzweiflung erwartet, einen Menschen, der am Ende ist, vor Schmerz überhaupt nicht mehr klarkommt, sich in Einsamkeit, Alkohol und Tabletten verliert – »Verlust« eben. Stattdessen reißen mich die Erinnerungen an sein Leben mit Kate, aber v.a. die an seine eigene Kindheit zu zeitig aus dieser Trauer heraus. Die meisten Leser werden sich einig sein, dass ein Protagonist mit gut ausgearbeiteter Vergangenheit zu dessen Glaubwürdigkeit beiträgt und Rückblenden zu Kate sind für den Aufbau einer emotionalen Reaktion unerlässlich – diese persönliche Vergangenheit [und jetzt kommen wir zum englischen Titel] wird aber zu oft unterbrochen von der Geschichte des Ortes »Enon«, in dem das Ganze stattfindet. Wir lernen von Straßen und Hügeln, Menschen, die in jenem Haus wohnten oder diese Standuhr besitzen, früher anwesenden Predigern, etc., und ich sage Danke für die Info, bin aber eigentlich wegen etwas anderem hier. Offen gesagt: Ein Buch mit dem Titel »Enon« hätte mich, im Gegensatz zu »Verlust«, nicht sonderlich interessiert [insofern: Lob an die Marketingabteilung]. Ab der zweiten Hälfte wird es meiner Meinung nach besser. Die Rückblenden werden seltener; stattdessen verbindet sich Charlies Rauschalltag intensiver mit dem Schmerz: Alles erinnert ihn an seine Tochter, was zur sofortigen Einnahme starker Schmerzmittel führt. Er isst tagelang gar nichts oder nur trockene Haferflockenreste, die er irgendwo im Haus finder, spricht monatelang mit keinem einzigen Menschen. Treibt ihn die Not aus dem Haus, entstehen absurde Situationen, die seine Verwahrlosung deutlich machen: Es gibt ein großartig unangenehmes Gespräch mit dem indischen Inhaber eines Ladens und einen Nachtmoment, in dem Charlie zugedröhnt in der Wiese hinter seinem Haus zu angeln versucht. Das sind gute, sehr gute Szenen, die für mich leider etwas zu spät im Buch kommen, um mich nach den Geschichtsexkursen noch zu packen. Aufs Ende hin konnte ich mich dem Abwärtsstrudel aber auch nicht mehr entziehen: Charlies [Tag]Träume zur Erinnerung an seine Tochter ähneln immer stärker düsteren Visionen, seine Handlungen verlieren zunehmend den Bezug zur Realität – alles scheint auf ihn einzustürzen und wir lernen reinen, menschheitsübergreifenden Kummer kennen. Ein Buch, das auf eine komplexe Handlung verzichtet und sich stattdessen auf die Charaktere bzw. deren Emotionen konzentriert, kann für mich mit zwei Dingen punkten: Entweder sind besagte Charaktere wirklich interssant oder die Sprache weiß mit außergewöhnlichen Formulierungen zu überzeugen. Charlie passt eher in die Kategorie 0815 straight white male von nebenan, tendiert leicht Richtung Verlierer [abgebrochenes Studium, Gelegenheitsarbeiten, klein von Wuchs], aber nicht genug, um diesen Aspekt interessant zu machen; sein Leben ist durchschnittlich langweilig. Eine gute Sprache hätte mir gereicht. Ich las schon Büchern, deren Handlung in einem Satz zusammengefasst werden konnte, die ich aber trotzdem mochte, weil der großartige Ausdruck das wettmachte. Für mich war es in der ersten Hälfte von »Verlust« leider nicht genug; ich strich nur eine sprachgewaltige Stelle an – die letzten 150 Seiten weisen aber fast schon alttestamentarische Bilder auf, groß, dunkel, verzweifelt; alles, was ich von Anfang an wollte und was mich letztlich noch mit dem Buch versöhnte.