Leserstimme zu
Der dunkle Weg

Die Deutsche und die rebellischen Iren

Von: Edith N.
01.12.2015

Hamburg, 1912: Wenn sie als Malerin und Illustratorin ernst genommen werden will, muss Ida ihre Heimatstadt verlassen. Das ist ihr klar, seit sie von ihrem Kunststudium aus London zurückgekehrt ist. Hier in Hamburg wird man sie immer nur als die Tochter von Kaufmann Martens aus Rotherbaum sehen. Der Prophet gilt bekanntlich nichts im eigenen Land. Weil ihren Eltern ihre Pläne nicht zu vermitteln sind, nutzt sie einen Besuch bei ihrer irischen Kommilitonin Grace Gifford, um Ihren Traum wahrzumachen. Statt wieder heimzufahren, sucht sie sich in Dublin eine Wohnung, nimmt einen Teilzeitjob als Verkäuferin an und versucht, vom Verkauf ihrer Porträts, von Bühnenbildern und ihren Zeichnungen der einfachen Leute zu leben. Das klappt besser als sie zu hoffen wagte. Dublin scheint ein Dorf zu sein. An jeder Ecke stolpert sie über einen Verwandten ihrer Freundin, der Karikaturistin Grace Gifford oder über einen von deren unzähligen Freunden und Bekannten. Unversehens gerät Ida Martens in eine Szene, mit der sie als behütete hanseatische Kaufmannstochter noch nie zuvor in Berührung gekommen ist. Ihr neuer Bekanntenkreis ist kulturell, sozial und politisch ungeheuer engagiert. Was als soziales Engagement begonnen hat, wird bald zur Gründung einer Freiwilligenarmee, der Irish Volunteers, aus dem Traum von einem freien, unabhängigen Irland werden konkrete Pläne für eine Revolution. Vor allem Joe Plunkett treibt die Sache mit kompromissloser und fieberhafter Eile voran. Aus Gründen. Auch der ruppige, verschlossene und aufbrausende Dr. Cian O’Connor, der sich neben seinen reichen Patienten auch noch aufopferungsvoll um die Menschen in den Elendsvierteln kümmert, gehört zu diesem Freundeskreis. Mit Freiheitskampf hat er allerdings nicht viel am Hut. „Ich bin Arzt (…), kein Politiker“, sagt er. „Ich bekämpfe Krankheit und Armut, die Politik überlasse ich anderen.“ (Seite 148) Schnell wird aus Cian und Ida ein Paar. Wenn er nur mal über seine Familie reden würde! Irgendwas belastet ihn schwer, aber er rückt einfach nicht mit der Sprache raus. Ehe Ida überhaupt in Erwägung zieht, ihn zu heiraten, will sie genau wissen, was er vor ihr verbirgt. Demütig zu warten, bis es ihm geboten erscheint, sich ihr anzuvertrauen, liegt ihr aber nicht. Sie zieht los und forscht selbst nach. Von so viel Eigeninitiative ist der gute Doktor spontan überfordert. Dublin, 1914: Zwei Jahre hat Ida ihre Familie in Deutschland schon nicht mehr gesehen. Die sind zwar allesamt stinksauer, weil sie in Irland geblieben ist, Ida hätte sie aber trotzdem gerne wiedergesehen und ihnen ihren Liebsten vorgestellt. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs macht eine Reise nach Hamburg allerdings unmöglich. Und plötzlich gilt Ida in Dublin als „der Feind“. Sie verliert ihren Job als Verkäuferin, weil sie aus Deutschland stammt. Aus Trotz sichert sie der „Organisation“ radikaler Freiheitskämpfer ihre Unterstützung zu. Auch wenn sie im Wesentlichen nur Schreibarbeiten für die Rebellen macht, ist ihr klar, dass sie hier an Hochverrat mitwirkt. Der Osteraufstand 1916: An Ostern 1916 soll es so weit sein: Die Organisation hat den bewaffneten Aufstand gegen die Engländer geplant. Als es mit Waffenlieferung Probleme gibt, versucht Eoin MacNeill, der Stabschef der Irish Volunteers, die Sache abzublasen, doch der totkranke Joseph Plunkett will und kann nicht länger warten. Trotz mangelnder Ausrüstung und fehlendem Rückhalt in der Bevölkerung stürmen die Rebellen los. Der Aufstand gerät zum Fiasko. Und obwohl Dr. Cian O’Connor und Ida in der Hauptsache aus ehrenwerten Motiven wie Freundschaft, Loyalität, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gehandelt haben, stecken sie jetzt ganz tief drin im gefährlichen Schlamassel … Von den Hauptpersonen sind nur Ida Martens und Cian O’Connor fiktionale Figuren, die anderen sind authentisch, genau wie die politischen Ereignisse. Vor rund 30 Jahren hat Susanne Goga erstmals ein einem Buch über Joe Plunkett und Grace Gifford gelesen. „Schon damals war ich überzeugt, dass diese Liebesgeschichte einen Roman verdient“, schreibt sie im Nachwort zu diesem Buch (Seite 438). Ja, das kann ich gut verstehen. Rund um die irische Freiheitsbewegung tummeln sich eine ganze Reihe faszinierender Persönlichkeiten, die es verdient haben, dass man sich mit ihrer Lebensgeschichte beschäftigt. Es wird sicher nicht das letzte sein, was ich zu diesem Thema gelesen habe, auch wenn ich sonst eher ein Historienmuffel bin. Wenn Unterhaltungsliteratur nicht nur Spannung und Emotionen erzeugt, sondern auch noch auf interessante Weise Wissen vermittelt und beim Leser den Wunsch weckt, sich eingehender mit einem Thema zu befassen, wie das hier bei DER DUNKLE WEG der Fall ist, ist das eine tolle Sache.