Leserstimme zu
Junge Hunde

Beste Freunde auf der Suche nach sich selbst...

Von: Buecherphilosophin
16.12.2015

In ihrem zweiten Roman “Junge Hunde” erzählt Cornelia Travnicek von zwei ungleichen Freunden auf der Suche nach sich selbst. Der aus China nach Österreich adoptierte Ernst zieht auf unbestimmte Zeit in die Fremde, um dort seine Familie zu finden und mehr über die genauen Umstände seiner Adoption zu erfahren. Seine beste Freundin aus Kindertagen Johanna bleibt derweil in der Heimat zurück, wo sie das Haus des an Demenz erkrankten Vaters ausräumen und anschließend verkaufen muss – ein Vorgang, der sie dazu zwingt sich mit der eigenen Vergangenheit, ihrer Kindheit im Allgemeinen und der komplizierten Beziehung ihrer Eltern im Besonderen, auseinander zu setzen. Insofern ist die Erzählung an sich zweigeteilt. Mal schaue ich Johanna über die Schulter und reise dann wieder mit Ernst durch China, wobei Johanna und ihrer Geschichte zwischen den Buchdeckeln der meiste Platz eingeräumt wird. Manchmal wünsche ich mir es wäre umgekehrt, erlebt Ernst doch einiges mehr als Johanna, die im Grunde ihren Alltag weiterführt und deren Entwicklung zum größten Teil in Kopf und Herz statt findet. Die Leserin ist eingeladen bis ins kleinste Detail an Johannas inneren Prozessen teilzuhaben, während man sich in den Passagen, die von Ernsts Chinareise erzählen oft etwas außen vor, etwas ausgeschlossen vorkommt. Während der reisewütige Ernst seinen Teil der Geschichte vor allem alleine oder im Kreise von Fremden, die ihn mehr schlecht als recht verstehen, bestreitet, schart sich um Johanna ein ganzer Schwarm von Figuren. Zunächst einmal ist da ihre Nachbarin Julia, eine Sängerin und allein erziehende Mutter, für die Johanna ab und zu babysittet und die im Laufe des Romans zu einem Teil von Johannas Familie wird. Im Haus gegenüber wohnt Herr Glantz mit seinem kleinen Hund, ein flüchtiger Bekannter, dessen Herzlichkeit Johanna über den Verlust des Vaters hinweg tröstet. Nicht zu schweigen von das Elternpaar, das der nestflüchtige Ernst zurück gelassen hat, und das sich nun fast schon etwas verzweifelt an Johanna klammert. Sie alle verleihen der Erzählung einen ganz besonderen Charme. Die alltäglichen Begegnungen Johannas mit den sie umgebenden Figuren treiben zwar die Handlung des Romans voran, lassen jedoch oft die von dieser Leserin erhoffte Spannung vermissen. Mitte des Romans kommt ein Geheimnis ans Licht, welches das Potenzial hätte das Leben der Hauptfiguren gehörig über den Haufen zu werfen. Doch Cornelia Travnicek lässt diese Chance die Handlung zu beleben leider ungenutzt. Somit lässt der Roman als solches oft zu Wünschen übrig, und diese Leserin wünscht sich etwas mehr Farbe und etwas weniger Alltäglichkeit, schließlich habe ich davon schon selbst genug. Ab und zu lausche ich gerne leisen Tönen und Cornelia Travniceks Erzählung flüstert, selbst dann wenn es etwas von den Dächern zu rufen gäbe. Insgesamt gibt es aber weniger an “Junge Hunde” auszusetzen als es im vorangegangenen Abschnitt den Anschein haben mag. Der Roman ist kein lebens- und leserveränderndes literarisches Werk, nicht für mich jedenfalls und scheinbar nicht einmal für die Autorin selbst. Dennoch verdient er ein Publikum, das bereit ist das Besondere im Alltäglichen zu entdecken. “Junge Hunde” erzählt keine große Geschichte, Cornelia Travnicek konzentriert sich lieber auf die Figuren und ihr Erlebnis der Welt, als durch eine Handlung zu jagen, die man so nur in Romanen finden kann. Insofern kann sich die Leserin als Person in der Geschichte wiederfinden, als Tochter, als Freundin, als Nachbarin, als junge Frau auf der Suche nach dem ihr vorbestimmten Platz in dieser Welt.