Leserstimme zu
Eine gute Schule

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Erschreckende Klarheit

Von: Thomas Lawall
27.04.2016

William Groves Eltern sind schon lange geschieden. Er wächst bei seiner Mutter auf, welche einen nicht unproblematischen Lebenswandel pflegt. Bereits in jungen Jahren war er sich ihrer Schwächen bewusst, doch man arrangiert sich. "In einer Art und Weise, die weder hilfreich noch besonders angenehm war, gereichten sie und ich einander zum Trost." Kontakt und Verhältnis zum Vater gestalten sich reserviert, da dieser seine väterlichen Gefühle stets auf die größere Schwester fixiert. Er und sein Vater sind "ständig voneinander irritiert", was William zu der Überzeugung führt, sich seit der Scheidung im "Besitz seiner Mutter" zu befinden. Wegen einer entsprechenden Anfrage gibt sich der Direktor der Dorset Academy in Connecticut, W. Alcott Knoedler, persönlich die Ehre eines Besuches, da er ohnehin gerade in New York weilt. Williams Mutter verspricht sich von einer Einschulung in diese Schule sehr viel, da ihr der Gedanke an ein Sprungbrett in bessere Kreise nicht weichen will. Nur 125 Schüler, ein Direktor, der an Individualität glaubt, und der damit verbundene Mehraufwand an persönlicher Zuwendung könnte die Weichenstellung für eine erfolgreiche Zukunft entscheidend beeinflussen. Schließlich wurde die Schule von einer Millionärin gegründet. Abigail Church Hooper verfolgte in den Zwanzigerjahren den Gedanken, eine Schule "für die Söhne der besseren Leute" aufbauen zu müssen. Probleme sind insoweit vorprogrammiert, wenn ein Junge mit proletarischen Wurzeln die Bühne betritt. Auf der verzweifelten Suche nach Anerkennung muss William die schlimmsten Demütigungen ertragen, bis er (wie sein Schöpfer) das Schreiben entdeckt. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, und er ist nicht der einzige, der in dieser Schule mit großen Problemen zurechtkommen muss. Auch in der Lehrerschaft brodelt es gewaltig. Allen voran vegetiert der unglückliche, an Kinderlähmung erkrankte Chemielehrer Mr Draper dahin, dessen Ehefrau ein Verhältnis mit dem Französischlehrer Frenchy La Prade zu unterhalten pflegt ... Das ganze Elend des Krüppels wusste Richard Yates auf Seite 135 in einem emotionalen Rundumschlag gnadenlos realistisch aufs Papier zu bringen. So wie er es auch mit anderen Figuren tut und auch mit scheinbaren Nebensächlichkeiten, die in ihrer entlarvten Funktion plötzlich ganz andere Gewichtungen erhalten. Bereits im Vorwort fallen unübersehbare autobiographische Bezüge auf, denn bei den erwähnten Eltern handelt es sich ganz offenbar nicht (nur) um die seiner Romanfigur William Grove (die auch er selbst sein könnte), sondern um seine eigenen. Wie der Vater im Buch, arbeitete sein eigener im wirklichen Leben tatsächlich als Vertreter bei General Electrics und hatte alle Mühe, von seinem bescheidenen Gehalt Unterhalt und Schulgeld für seinen Sohn abzuzweigen. Auch "William Groves" Mutter ähnelt der tatsächlichen Mutter des Autors, denn auch sie versuchte in Kreise aufzusteigen, die letztlich für sie unerreichbar blieben. Der völlig überzogene Anspruch, eine berühmte Bildhauerin zu werden, scheiterte ebenfalls kläglich. Insofern handelt es sich bei "Eine gute Schule" um ein noch vielschichtigeres Werk, als der Leser zunächst vermuten mag. Es ist auf der einen Seite eine sehr amerikanische Internatsgeschichte, angesiedelt in den 40er Jahren, die in ihrer Gesamtheit die damaligen Verhältnisse eindrucksvoll skizziert. Auf der anderen Seite wird eine Vielzahl von Charakteren beschrieben, welche die vermeintliche Hauptfigur fast etwas in den Hintergrund drängen. Gefühle von Heranwachsenden, deren Gedanken und Irrtümer, sich abzeichnende Lebenslügen, philosophische Erwägungen, Knüpfen von Freundschaften und das Zerbrechen derselben, erste (grandios beschriebene) körperliche Kontakte mit Mädchen ("romantische Dilemmas") und die ganzen pubertären Wirrungen vermochte Richard Yates in fast erschreckender Klarheit zu formulieren. Zudem beleuchtet das Buch nicht unwesentliche autobiographische Stationen im Leben des Autors, dem das sogenannte Schicksal in seinem Streben nach Anerkennung seines Werkes überaus übel mitgespielt hat. Anerkennung und der ganz große Durchbruch blieben im zeitlebens verwehrt. Er starb in ärmlichen Verhältnissen. Doch das ist eine andere Geschichte ... Was bleibt, ist eine ebenso faszinierende wie behutsame Zeitaufnahme der amerikanischen Vorkriegsjahre aus der Sicht von Heranwachsenden, die in ihrer scheinbaren Unbekümmertheit "reifen", sich ihre Hörner abstoßen, langsam erwachsen werden und dennoch nicht den Hauch einer Ahnung haben, was sie erwartet! Insgesamt nicht nur eine "gute Schule", sondern ein idealer Einstieg in das Werk des 1992 verstorbenen Schriftstellers und Essayisten.