Leserstimme zu
Sie dreht sich um

Rücken-Ansichten - eine betrogene Frau auf Reisen

Von: Tanja Jeschke aus Stuttgart
02.06.2016

Rezension Angelika Overath: Sie dreht sich um. Roman. Luchterhand, 2014. 279 Seiten. Rücken-Ansichten - eine betrogene Frau auf Reisen Von Tanja Jeschke Eine von ihrem Ehemann frisch betrogene Frau hat üblicherweise folgende Möglichkeiten: Sie kann verzweifeln, Rache schwören, hysterisch werden, cool bleiben, sich meditativ zurückziehen, sich einen Besseren suchen oder abwarten. Vielleicht kommt er ja zurück. Vielleicht will sie ihn dann auch nicht mehr. Angelika Overath beschreibt in ihrem neuen Roman „Sie dreht sich um“ nun eine ganz andere, sehr originelle Version des Verhaltens. Als ihre Protagonistin Anna Michaelis, eine 50jährige Journalistin und Mutter schon erwachsener Kinder, vom Ehebruch ihres Mannes hört, handelt sie kurz entschlossen und fliegt nach Edinburgh, Kopenhagen, Boston, St. Moritz, Paris und das dänische Skagen, um dort die großen Galerien zu besuchen. Es sind ganz bestimmte Frauenbilder, denen sie nachreist, berühmte Gemälde von Gaugain, Hammershoi, Segantini, Ancher usw. Und: es sind lauter Rücken-Ansichten, Frauen, die sich abwenden, die sich auf den ersten Blick nicht zu erkennen geben. Die sich dann – ganz plötzlich eine Stimme aus dem Off! - ihrem zweiten vertiefenden Blick öffnen und zu sprechen beginnen. Ein Gespräch beginnt zwischen Anna und diesen Frauen, die ihre Geschichten erzählen. Was haben sie erlebt, damals als Modell, wie war ihr Verhältnis zum Künstler, was für ein Schicksal umgibt sie wie der Rahmen in der Galerie? Angelika Overath verzichtet bei der Schilderung der Reise, die Anna hier zur eigenen Rettung unternimmt, auf die Beschreibung vom Innenleben Annas, auf Deutungen, auf Gefühle, auf jede Art von Romantik. Mit einer klaren, nüchternen Sprache, die etwas Anpackendes und Zielgerichtetes hat, werden Ortschaften und Gemälde gleichermaßen dargestellt, mit großer Genauigkeit jedes Detail beschrieben. Man kann sie vor sich sehen, die herrlichen Bilder, und wird mit hineingenommen in die Stille, die von ihnen ausgeht. Man hört den Atem der Frauen. Und doch würde man sich wünschen, sie tatsächlich in einem guten Druck zwischen den Seiten des Romans zu finden, um sie mit eigenen Augen betrachten zu können. Das Angewiesensein auf Annas Augen hat mitunter etwas Mühsames, aber die dadurch entstehende Distanz zum jeweiligen Bild passt gut zu dem sachlichen Gesammeltsein, mit dem Anna sich weitertreiben lässt von einer Stadt in die nächste. Der Roman ist etwas Besonderes: Kunstgeschichte begegnet Literatur. Das liest man selten und selten so gelungen.