Leserstimme zu
Der weite Raum der Zeit

spannende Neuinterpretation

Von: Märchenbuch
19.09.2016

Der weite Raum der Zeit“ von Jeanette Winterson ist Teil eines spannenden Projektes des Knaus Verlages, bei dem acht zeitgenössische und international bekannte Autoren die Möglichkeit bekommen, ihre persönliche Neufassung eines Werkes von William Shakespeare zu präsentieren. Zum 400. Geburtstag des großen englischen Dramatikers erscheinen also nach und nach moderne Neuerzählungen seiner Klassiker. Jeanette Winterson hat sich dem Spätwerk „Das Wintermärchen“ angenommen und die Handlung sowie die Figuren in die moderne Gegenwart verlegt. Wer Shakespeares Theaterstück „Das Wintermärchen“ nicht kennt, kann sich gleich zu Beginn des Buches über eine komprimierte Zusammenfassung des Werkes freuen. In aller Kürze erfährt der Leser mehr über die Geschichte rund um den eifersüchtigen König Leontes, der seiner schwangeren Frau Hermione vorwirft, ihn mit seinem Freund Polixenes zu betrügen. Als das Kind, Perdita zur Welt kommt, glaubt Leontes nicht an seine Vaterschaft, verstößt seine Frau und lässt das Baby Perdita verschwinden. Jeanette Winterson greift die Handlung und die Charaktere auf und erschafft eine beachtliche Neuinterpretation. Aus König Leontes, wird der erfolgreiche, londoner Investmentbanker Leo, der mit seiner hübschen Frau Mimi das zweite Kind erwartet. Rasend vor Eifersucht und blind vor Hass, verdächtigt er Mimi eine Affäre mit seinem homosexuellen Jugendfreund Xenos zu haben. Als die kleine Perdita geboren wird, will er das Mädchen nicht als seine Tochter anerkennen und lässt das Baby von seinem Gärtner entführen. Der soll Perdita zum vermeintlichen Vater Xenos nach Amerika bringen, doch Leos Plan geht schief. Perdita landet schließlich in einer Babyklappe und wird von dem schwarzen Musiker Shep gefunden und groß gezogen. Viele Jahre später verliebt sich Perdita in Zel, Xenos Sohn und das Schicksal führt alle Protagonisten wieder zusammen. Mit „Der weite Raum der Zeit“, zeigt die Autorin in gekonnter Art und Weise, wie aktuell und zeitlos die Themen aus Shakespeares historischem Werk sind und wie neuartig eine Verlegung der Schauplätze auf den Leser wirken kann. Die zentralen Themen Liebe, Eifersucht, Neid und Missgunst werden in die Neuinterpretation aufgenommen und vor allem die Vergebung findet, wie beim Originalstück, am Ende der Geschichte ihren Platz. Besonders gefesselt war ich allerdings von Leos verrückten Wesenszügen. Es war sehr interessant seine absurden Wahnvorstellungen mitzuverfolgen und seine derbe Ausdrucksweise war abstoßend und schockierend zugleich. Auch die anderen Protagonisten wurden gut beschrieben und durch die verschiedenen Handlungsstrenge gekonnt miteinander verwoben. „Der weite Raum der Zeit“ ist eine unterhaltsame, spannende und eigenständige Geschichte, doch unter dem Aspekt der modernen Neuinterpretation eines Shakespeare Werkes, war die Lektüre für mich noch mal um ein Vielfaches interessanter.