Leserstimme zu
Totenfrau

Eine Geschichte wie ein Feuerwerk

Von: Literaturchaos
07.09.2017

Grundsätzlich ist es ja - zumindest bei mir persönlich - nun einmal so, dass es zuallererst nicht auf den Inhalt eines Buches ankommt, sondern auf den Schreibstil des/der Autors/Autorin. Über den Inhalt kann ich mir nach drei Seiten noch kein Urteil bilden, über den Schreibstil aber sehr wohl. Und so gibt es Autoren, bei denen ich nach den ersten Seiten bereits völlig genervt bin und das Buch dann in den meisten Fällen unter "abgebrochen" verbuche, während ich wiederum bei anderen Autoren sofort gepackt werde und das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Bernhard Aichner ist einer der Autoren, deren Schreibstil seinesgleichen sucht, bei dem ich gleich auf den ersten Seiten das Atmen vergessen habe. Der mit seinem einzigartigen Stil von kurzen und noch kürzeren Sätzen, die stakkatoartig und wie ein Maschinengewehrfeuer daherkommen, den Puls bei mir hochschnellen liess. Vor lauter Mitfiebern. Und vor Begeisterung. Vor Begeisterung darüber, dass der Autor den Leser nicht eine Minute zur Ruhe kommen lässt, da die unterschwellige Bedrohung, die in diesem Thriller allgegenwärtig ist, im nächsten Moment schon wieder zuschlagen könnte. "- Du bist wie ein schöner Satz. - Ein Satz? - Ein wunderschöner Satz. Einer, der dich berauscht, der dich verzaubert, einer, der dich nicht mehr loslässt. Ein Satz, den man spürt. Kein Wort zu viel, einfach und klar." Zitat Seite 54 Doch er kann auch poetisch, der Herr Aichner! Inmitten des Gemetzels, der Angst und Brutalität in dieser Geschichte finden sich solche Sätze. Leise und berührend und in diesem Fall eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich je gelesen habe. Die Gespräche zwischen den Protagonisten in diesem Thriller sind auch so eine Sache, denn sie sind anders, als wir Leser es von jeher gewohnt sind. Aber bedeutet anders = schlecht? Für einige Rezensenten offensichtlich schon, denn gerade diese Gespräche gaben in vorhergehenden Buchbesprechungen oft Anlass zur Kritik, da sie zu "einfach" erscheinen. Eine Unterhaltung findet hier grundsätzlich immer nur zwischen zwei Charakteren statt und es gibt weder Anführungszeichen noch "er sagte..., sie meinte...., ....antwortete er, .....schrie sie". Der Gesprächswechsel wird hier nur ganz schlicht mit einem Bindestrich deutlich gemacht. Zu Anfang durchaus gewöhnungsbedürftig, dann aber freute ich mich geradezu auf jedes Gespräch, denn auch hier schafft es der Autor immer, in kurzen und knappen Sätzen die Emotionen seiner Charaktere zum Ausdruck zu bringen. In dieser Geschichte gibt es viel Leid, viel Trauer, Blut, Leichen und Selbstjustiz. Die Hauptprotagonistin Blum, von Beruf Bestatterin und liebevolle Mutter zweier Töchter, wird durch ein einschneidendes Ereignis völlig aus der Bahn geworfen. Ihr wird sozusagen der Boden unter den Füssen weggezogen. Und obwohl auch Blum einige Leichen im Keller hat (nicht nur von Berufs wegen) und ein eher schwieriger und melancholischer Mensch ist, verbündet man sich als Leser mit ihr und wünscht ihr, dass sie denjenigen findet, der ihr DAS angetan hat. Ermittelnde Polizisten spielen in "Totenfrau" eine eher untergeordnete Rolle, was ich sehr begrüßenswert finde, da Blums persönlicher Rachefeldzug den Leser schon genug gefangen nimmt. Dass hier Selbstjustiz am Werk ist, verdrängt man, da man aufgrund dieses außergewöhnlichen Schreibstils Blums Beweggründe absolut nachvollziehen kann. Denn das Buch ist zwar in der dritten Person geschrieben, trotzdem hatte ich als Leserin die ganze Zeit das Gefühl, in Blums Kopf zu sein und ihre Gedanken zu lesen. Dieser Thriller ist anders als alle, die ich bisher gelesen habe. Und er ist einfach bemerkenswert großartig! Und das Beste: es ist der Auftakt einer Trilogie! Somit wird mir Blum noch länger erhalten bleiben und ich freue mich auf jeden einzelnen Satz der Fortsetzungen.