Leserstimme zu
Wir werden erwartet

Dat Kenk von nem Prolete

Von: Erika Mager
30.10.2017

Der Tod - Der Kampf - Das Fest. So die drei Abteilungen in Ulla Hahns neuem Buch "Wir werden erwartet". Die ersten beiden Teile sind etwa gleichlang, das dritte sehr kurz und wie angehängt, ein Epilog nur. Ein schweres Buch, das wohl auch der Autorin nicht leicht gefallen ist. Es ist der Abschluss ihrer persönlichen Geschichte von der Kindheit in den 50iger Jahren in einfachen, streng katholischen Verhältnissen aus denen sie sich aus eigener Kraft und wissbegierigem Willen herausentwickelt über die Studentenjahre in Köln der späten 60ger bis zu ihrer Hinwendung zum Marxismus-Leninismus in den Siebzigern in Hamburg. "Die Zeit drängt. Drängt mich hinein in das Ende dieser Geschichte, ein Ende, vor dessen Anfang ich zurückschrecke wie der Arzt vor dem Schnitt. Ohne Betäubung." (S.9) Ulla Hahn scheint sich mit den drei Vorgängerbänden frei geschrieben zu haben, bevor sie sich an das wirkliche Thema ihres Lebens wagen konnte: wie konnte es dazu kommen, sich vom Sowjetkommunismus materialisieren zu lassen? Was Ulla Hahn hier wirklich gelungen ist, ist die plausible Darstellung, wie sich ein junger Mensch ab 1968 für den Kommunismus begeistern und radikalisieren konnte. Wir stehen fassungslos vor dieser biographischen Schilderung, in der die jugendliche Wut und der aufrichtige Glaube an eine bessere Gesellschaft für eine menschenverachtende Politik missbraucht wurde. "Dass die DDR der bessere Staat war, friedliebender, gerechter, sozialer, bezweifelte ich kaum. Trotz Mauer und Schießbefehl? Ja. ... In meinen Augen war sie vor allem ein Schutzwall gegen die Flucht der Ewiggestrigen, damit den aufrechten Genossen ihr neues Land nicht kaputtging." (S.516) Dass sie am Ende, im kurzen Kapitel "Das Fest", auch wieder herausfand aus der Verblendung, ist tröstlich. Selten habe ich so große Schwierigkeiten mit einem Buch gehabt. Und das, obwohl ich ein Fan von Ulla Hahn bin und alle drei Vorgängerbände, die nun mit "Wir werden erwartet" eine abgeschlossene Tetralogie* bilden, sehr geschätzt habe. Eigentlich ist mir die Geschichte Hilla Palms nämlich auf den Leib geschrieben. Ich bin am gegenüberliegenden Ufer von Hilla Palms Dondorf (Ulla Hahns Monheim) aufgewachsen. Piwipp war auch unsere Fähre hinüber. Ich habe angefangen in Köln Germanistik zu studieren, um dann nach Hamburg zu gehen. Selbst mein Elternhaus war ähnlich kleinbürgerlich, streng katholisch, wie in Ulla Hahns Büchern trefflich gezeichnet. Nur dass ich den Weg der Protagonistin etwa 15 Jahre später angetreten bin. Das hat natürlich schon vieles erleichtert. Aber - ich kenne sie alle und ich spreche ihre Sprache - alle Figuren in Ulla Hahns autobiographischen Büchern sind mir vertraut, sogar wenn sie Rhein, Elbe und Alster sprechen lässt. Immer da, wo sie von ihrer persönlichen Geschichte ihrer engsten Familie erzählt - von der Entwicklung ihrer Mutter, von der Zuneigung zu ihrem Vater, vom tragischen Tod ihres Verlobten Hugo, kann das Buch begeistern. Bei der langatmigen, haarkleinen Schilderung ihrer politischen Entwicklung im Kapitel "Der Kampf" hätte sie sich für meinen Geschmack ruhig kürzer fassen können. Was mir auch nicht wirklich gefällt, ist die Art, wie oft sie bemüht poetische Sätze hervorbringt. Schön - aber zu viel. "Wie sie mir zusprachen, die Bücher, die Bäume, die Wellen, wie sie mich zur Räson brachten, die klugen Begleiter, uralte Vorfahren und Zeitgenossen in einem, allen voran der unerbittliche Wellenschlag der Elbe." (S.343) Außerdem hat die Autorin ein Faible für Wiederholungen. Immer wieder lässt sie den Großvater "Lommer jonn" sagen und in die Luft greifen, um zu prüfen, ob schon Zeit zum Säen oder Ernten wäre. Das nervt dann irgendwann. Ich fürchte, ich tue dem Werk ein wenig Unrecht mit meiner Kritik, aber so habe ich es empfunden. Wahrscheinlich wird es viele begeisterte Leser und Leserinnen finden, die den Stil Ulla Hahns gerne mögen.