Leserstimme zu
Die Geschichte der getrennten Wege

*+* Elena Ferrante: "Die Geschichte der getrennten Wege" *+*

Von: Irve liest
15.11.2017

„Im Laufe der Zeit war zu viel Schlimmes, teils auch Entsetzliches, geschehen. Und um wieder Vertrauen fassen zu können, hätten wir uns verschwiegene Gedanken erzählen müssen. Aber mir fehlte die Kraft, um sie zu formulieren, und Lila, die diese Kraft vielleicht besaß, hatte keine Lust dazu, sah keinen Sinn darin.“ . So wie „Die Geschichte eines neuen Namens“ nahtlos an „Meine geniale Freundin“ anschließt, so nahtlos ist ist auch der Übergang zu diesem dritten Teil gelungen. Während Lila kaum tiefer fallen kann – sie arbeitet unter schlechtesten Bedingungen in einer Fleischfabrik, lebt in Armut und kann sich kaum um ihren Sohn kümmern – geht Elenas Stern auf. Sie hat ihren ersten Roman veröffentlicht und steht zunehmend im Rampenlicht. Auch privat läuft es bestens für sie. Ihre Hochzeit mit einem ehrbaren Mann aus gutem Hause steht bevor. Aber dieser Mann ist nicht nur ehrbar, er ist auch überwiegend auf sich selbst fokussiert und sehr langweilig. Diese Langeweile überträgt sich schon bald auf das Leben seiner Frau. Die Kinder und ihr Leben als Haus- und Ehefrau füllen sie nicht aus, ihr Schreiben ist blockiert, sodass sie keinen weiteren Roman zu Wege bekommt und ihr aufstrebender, hoffnungsvoller Stern schon bald verblasst und in Bedeutungslosigkeit versinkt. Das alles hätte man mit wenigen Worten dem Hörer vermitteln können. Elena Ferrante breitet es jedoch aus, beleuchtet die inhaltliche Leere ausführlich und überspannt mit ihrem extrem langsamen Erzähltempo für meinen Geschmack sehr den Bogen, wenn sie Elenas Leben derart langatmig mit Belanglosigkeiten aufplustert. Bei den Passagen, die diese Protagonistin betreffen, langweilte ich mich furchtbar. Es passierte einfach nichts, außer dass Elena ihr bisheriges Leben, ihre Überzeugungen, ihre Prinzipien zunehmend in Frage stellt. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich in bestimmten Belangen zurückentwickelte, nicht handelte wie eine Frau um die Dreißig, sondern wie ein kopfloser, liebestoller, verblendeter Teenager, der plötzlich alle Moral und Pflichten über Bord wirft, um anderen massiv vor den Kopf stoßend dem Ruf ihrer Hormone zu folgen. Die Elena, die ich in den ersten beiden Bänden der neapolitanischen Saga so sehr mochte, die mich mit ihrer Strebsamkeit und ihrem abwägenden, kühlen Kopf so sehr für sich gewinnen konnte, trat plötzlich viele meiner Überzeugungen mit Füßen und machte sich damit sehr unbeliebt bei mir. Lila hingegen war mein heimlicher Star dieses dritten Teils. Mal davon abgesehen, wie harsch und dominant sie mit ihrer Freundin umging, gefiel mir ihre Entwicklung sehr. Lila hat schon immer getan, was sie wollte. Sie folgt auch weiterhin stets ihrem Willen ohne Rücksicht auf Verluste und schadet sich dabei gelegentlich auch selbst. Aber sie jammert nicht, sie geht weiterhin ihren Weg und kämpft. So wie die Autorin gesellschaftliche, geschichtliche und soziale Hintergründe Italiens in ihre ersten beide Romane hat einfließen lassen, tut sie es auch hier. In „Die Geschichte der getrennten Wege“ thematisiert sie unter anderem die Komplexe Arbeitsbedingungen und Gewerkschaften sowie die Stellung der Frau - nicht nur am Arbeitsplatz. Hier bekommt Lila eine große Möglichkeit, sich einzubringen, denn sie arbeitet unter schlimmen Bedingungen in einer Fleischfabrik. Sie prangert die dortigen Zustände an – mit Folgen. So hart Lilas Leben zu dieser Zeit auch ist, sie ist eine Kämpfernatur und erkennt ihre Chancen, die sie auch hier zielstrebig nutzt. Egal ob in Bezug auf Arbeit oder ihr Privatleben, sie schafft es, sich ihren Weg zu ebnen, um wieder auf die Erfolgsspur zu kommen. Das imponierte mir sehr. Das gemächliche, durchdringende Erzähltempo der ersten beiden Teile, das mir so sehr gefallen hat, ist eine weitere Spur langsamer geworden, zumindest habe ich das so bei den Parts rund um Elena empfunden. Ansonsten hat mir die Sprache der Autorin wieder sehr gut gefallen und ihr Stil, ihre Ausdrucksweise wussten mich häufig zu begeistern. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema der Sexualität durch den Roman, was zum Zeitpunkt des Geschehenen nicht wundert, denn mit der Pille hatten die Frauen plötzlich die Möglichkeit, in gewissem Maß über ihren Körper zu bestimmen. Ungewollte Schwangerschaften konnte man bzw frau fast zur Bedeutungslosigkeit degradieren. Natürlich muss man dieses Thema ansprechen, schließlich ist es ein Pfeiler des damaligen gesellschaftlichen und sozialen Hintergrunds. Warum ich aber diversen Figuren immer wieder in ihren Schlafzimmern, Gedanken oder sonst wo über die Schulter sehen musste, kann ich nicht nachvollziehen. Das ist in diesem Maße weder relevant für die Entwicklungen im Roman, noch hat es mich gut unterhalten, eher im Gegenteil. Aber vielleicht gefällt gerade diese starke Behandlung des Themas anderen Hörerinnen umso besser. Die getrennten Wege der beiden nach wie vor in einer Art Hassliebe gefangenen Freundinnen führen in zwei ganz verschiedene Welten, wenn nicht gar Universen. Die Schere der Kindheit und Jugend klafft weiterhin stark auseinander, jedoch kehren sich hier die Seiten um. Von Lilas positiven und Hoffnung gebenden Passagen abgesehen, trägt dieser Teil der Reihe überwiegend einen grauen Mantel der Tristesse. Es klingt immer wieder der Tenor durch, dass die Männer der Geschichte nichts taugen, jede Ehe unglücklich ist und Kinder lästig und vernachlässigbar sind. Das ist es, was leider bei mir von diesem Roman hängenbleibt. Sollte es andere Zwischentöne udn Nuancen geben, habe ich sie leider nicht wahrnehmen können. Ich hoffe, dass die Autorin ihren vorletzten Band der Saga bewusst so gestaltet hat, um den Boden für ein großes Finale zu bereiten, das diese Wendungen und Entwicklungen braucht, um „funktionieren zu können“. Immerhin wartet das Ende mit einem fiesen Cliffhanger auf... Obwohl mich „Die Geschichte der getrennten Wege“ recht unbefriedigt zurückgelassen hat, bin ich sehr gespannt auf den abschließenden Teil. Man darf die vier Bände des Gesamtwerkes nicht nur als vier Einzelromane sehen, sondern auch als Teil eines großen Ganzen.... und so bin ich dann doch verhalten vorfreudig auf „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, dessen Titel eine gewisse Dramatik in sich trägt und dementsprechend neugierig macht. Wirklich sehr gut hat mir während des gesamten Hörbuchs die Sprecherin Eva Mattes gefallen. Sie beweist wieder ein großes Gespür für die verschiedenen Stimmungen und liest gewohnt emotional, einfühlsam, legt Begeisterung, Spott und Verzweiflung in ihren Vortrag. Inhalt Elena und Lila, die Mädchen aus "Meine geniale Freundin" und "Die Geschichte eines neuen Namens", sind inzwischen 22 Jahre. Lila, die schon mit 16 heiratete, verlässt ihren Mann, kämpft mit den Problemen einer alleinerziehenden Mutter und versucht sich als Fabrikarbeiterin über Wasser zu halten. Für Elena, die Neapel verließ, öffnen sich neue Türen zur Welt der Wohlsituierten und Intellektuellen. Wir begleiten die Freundinnen durch die Jahre 1968 bis 1976: RAF und Rote Brigaden verbreiten Terror, Studenten gehen auf die Straße. Und die verkrusteten Rollenklischees zeigen erste Risse ... Autorin Elena Ferrante hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans Lästige Liebe 1992 für die Anonymität entschieden. Später veröffentlichte sie Tage des Verlassenwerdens und Die Frau im Dunkeln. Ihre Neapolitanische Saga umfasst Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege sowie Die Geschichte des verlorenen Kindes. Für den vierten und letzten Band der Reihe stand sie auf der Shortlist für den Man Booker International Prize. Sprecherin Eva Mattes kam 1954 am Tergernsee zur Welt. Schon als Schülerin wandte sie sich der Medienwelt zu, allerdings nicht als Schauspielerin. Sie beschäftigte sich mit Sprech- und Atemtechnik und trat zunächst als Synchronsprecherin für Kinderrollen in Erscheinung. Quelle: der Hörverlag