Leserstimme zu
Die neuen Paten

Mitten hinein ins Herz der Macht

Von: Frank Bürger aus Berlin
08.12.2017

Der bekannte Journalist und Autor Jürgen Roth schloss am 28. September 2017 für immer die Augen. Sarkastisch erscheint es, dass die Medien am Tag darauf berichteten, dass Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder Aufsichtsrat beim russischen Öl-Giganten Rosneft wird. Ausführlich berichtete Zeitonline von diesem umstrittenen Geschäft. Die Kritik von außen war groß. Dass der russische Staatspräsident Wladimir Putin ein guter Freund von Schröder ist, bleibt unumstritten. Freundschaft, das ist kein krimineller Akt, das ist eine Bande, die wirklich zählt und hilft. Die Rückmeldungen bis zum heutigen Tag, Jürgen Roth erlag eines natürlichen Todes, die Beschäftigung mit den Recherchen des Schriftstellers Jurij Felschtinskij lässt Zweifel offen. Aber das Netzwerk der Macht geht weiter. Als Aufsichtsrat bei Rosneft wird Schröder künftig formal die Aufsicht über den Vorstandschef Igor Setschin führen, der wie Schröder ein enger Weggefährte des russischen Präsidenten Wladimir Putins ist und als einer der mächtigsten Männer Russlands gilt. Setschin hat Rosneft mit umstrittenen Methoden zum größten Ölkonzern des Landes gemacht. Kritiker bemängeln, der Kreml nutze Rosneft und Gazprom als Druckmittel in seiner Außenpolitik. Im Bestechungsprozess gegen den ehemaligen russischen Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew soll Rosneft-Chef Igor Setschin als Zeuge aussagen. Das entschied ein Moskauer Gericht vor einigen Wochen laut DPA auf Antrag der Staatsanwaltschaft. Rosneft, das führt auch zurück in die Uckermark. Im Januar 2017 wurde das Unternehmen Mehrteilseigner der PCK-Raffinerie in Schwedt. Laut der eigenen Homepage ist Rosneft das drittgrößte Unternehmen in der Mineralölverarbeitung. Diese aktuellen Entwicklungen werfen Licht auf das „Spinnennetz der Macht“, das Roth in seinem letzten Buch fokussiert und es macht mit aller Deutlichkeit auf die Aktualität der Recherchen aufmerksam. Jede Seite des letzten Buches von Jürgen Roth lässt einen stocken, und dieses Mal geht er mit aller Härte mit den neuen Paten dieser Welt ins Gericht. „Bestürzend für die demokratische Gesellschaft ist, dass in Frankreich, in der Slowakei, in Ungarn, Polen, Österreich, Serbien, Bulgarien, in den Niederlanden und auch in Deutschland Politiker im Aufwind sind, die wahlweise Putin in Russland, die neue US-Regierung unter Trump oder Viktor Orbán in Ungarn zu ihrem Vorbild auserkoren haben und die Demokratie zerschlagen wollen“, schreibt Jürgen Roth am Ende des Buches. Mit vielen Zitaten und Quellenangaben hinterlässt er als Erbe eine besondere Patenschaft und haucht den Phantasien, die man eigentlich nur in einem Bond-Thriller im Buch oder auf der Leinwand verfolgen kann, Leben ein. Spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Jürgen Roth mag das Story-Telling. Die eine Geschichte mitten aus Europa ist so berührend. Bis zu 1600 Menschen sollen in Budapest über Initiativen von lokalen Produzenten, Händlern und Zivilorganisationen unterstützt. Vom Staat sei nichts gekommen. „Dagegen brüstet Orbán sich damit, dass die Kinderarmut durch Einführung eines schulischen Essensprogramms, bei dem die Kinder zwischen Schulspeisung und Sozialhilfe für ihre Eltern wählen müssen, ,praktisch abgeschafft sei´. Die Zahlen von UNICEF sagen etwas anderes. Angesichts der Tatsache, dass Ungarn zurzeit (2017) die Wachstumsrate in Europa hat, ist das Folgende nur schwer erträglich. So erhielten Familien mit einem Monatseinkommen von weniger als 25650 Forint (82 Euro) bisher eine Hilfszahlung von monatlich maximal 45568 Forint (146 Euro), sodass sie am Ende – bei abzugsfreier Auszahlung – mit 330 Euro ungefähr auf den gesetzlichen Bruttomindestlohn eines Arbeitnehmers kamen.“ Dies sei jedoch nur einer von vielen Indikatoren, die dokumentieren, dass die Neuen Paten keinerlei Interesse am Gemeinwohl haben, sondern lediglich ihre eigene Vermögensvermehrung im Blick hätten. Ein Fazit, das Jürgen Roth aus dem Herzen spricht, das nun nicht mehr schlägt.