Leserstimme zu
München

Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen…

Von: Elke Heid-Paulus
31.01.2018

Wenn es darum geht, aus historischen Fakten und/oder Persönlichkeiten interessante Romane zu kreieren, dann ist man bei dem englischen Autor Robert Harris an der richtigen Adresse. Ganz gleich, ob er die Lebensgeschichte des römischen Konsuls Cicero oder, wie in seinem neuesten Roman, die Ereignisse rund um das Münchner Abkommen von 1938 beschreibt. Das Ergebnis liefert dem historisch interessierten Leser immer eine nicht nur informative sondern auch unterhaltsame Lektüre, die es schafft, auch aktuelle politische Strömungen und Ideen in diesem fiktionalen Rahmen zu verarbeiten. In Harris‘ aktuellem Roman „München“ geht es um nichts weniger als den Weltfrieden. Deutschland rasselt mit dem Säbel, Europa befindet sich an der Schwelle zu dem nächsten großen Krieg, weshalb sich Großbritannien, Italien, Frankreich und Deutschland – vertreten durch Chamberlain, Mussolini, Daladier und Hitler – auf Initiative des britischen Premiers in München treffen, um das Unheil abzuwenden und die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Hitlers Begehr ist das Großdeutsche Reich, und darum möchte er sich die nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Territorien zurückholen. Sein Expansionsdrang geht Richtung Osten, konkret möchte er sich das Sudetenland zurückholen, am liebsten mit Waffengewalt. Und genau das gilt es, mit aller Kraft und sämtlichen Tricks zu verhindern. Soweit die historisch verbürgten Tatsachen, auf die sich Harris in seinem Roman stützt. Fiktion sind die beiden vom Autor hinzugefügten Protagonisten: Hugh Legat (Brite und Privatsekretär Chamberlains) und Paul von Hartmann (Deutscher und Mitarbeiter des Auswärtigen Amts). Sie kennen sich von früher und waren befreundet. Und vielleicht können die beiden über ihre persönlichen Beziehungen den Lauf der Weltgeschichte beeinflussen… Dass dem nicht so war, ist ja hinreichend bekannt, und dennoch lockert gerade dieses fiktionale Element das stellenweise sehr trocken erzählte Prozedere der Konferenz auf und sorgt gleichzeitig durch die thematisierte Septemberverschwörung für eine minimale Dosis Dramatik. Dennoch bleibt dieser Roman doch hinter meinen Erwartungen zurück. Harris hat zwar wie immer gut recherchiert, aber im Großen und Ganzen ist mir das Ergebnis zu langatmig, zu detailverliebt, zu bedächtig – es fehlen die entsprechenden Verwicklungen, die ich von einem spannenden Politthriller erwarte.