Leserstimme zu
What Does This Button Do?

Frei von Allüren und Selbstbeweihräucherung

Von: Thomas Lawall
31.03.2018

Tja, so kann's gehen. Der Rezensent besitzt eine einzige Platte von IRON MAIDEN: "The X-Factor". Und er findet die Platte von 1995 heute immer noch so brutal geil wie damals ... als er nicht wusste, dass eine gravierende Umbesetzung am Ständer stattfand. Fans der ersten (naja, eher der zweiten) Stunde mögen die Nase rümpfen, denn Bruce Dickinson wurde ja damals und für insgesamt sechs Jahre von Blaze Bayley vertreten. Zur Strafe musste ich mich meiner selbstauferlegten Auflage beugen, die Autobiografie von Herrn Dickinson genauestens und vollständig durchzuarbeiten. Und siehe da: Es ist gar keine Strafe! Die ebenso unterhaltsame wie intelligente Schreibe des Maiden-Sängers kommt weitaus besser als erwartet, zumal sie mit einigen Besonderheiten daherkommt ... Apropos Sänger: Das war früher anders. Ganz anders. Die knappe, auf einen Zettel geschriebene Beurteilung eines Lehrers soll hier nicht verraten werden. Erwähnt soll nur werden, dass die Textstelle den ersten, und in gewisser Weise maßgeblichen, Höhepunkt bildet. Schon irgendwie interessant, wie klein so ein abgefahrenes Leben begonnen hat. Im Fall von Bruce Dickinson als Einzelkind, aufgewachsen bei den Großeltern. Fünf Jahre sollten sie sich um ihn kümmern, während seine Eltern in Nachtclubs mit einer Hundeschau unterwegs waren, bis Schwesterchen (deren spätere Karriere nicht unerwähnt bleibt) geboren wurde. Welche Qualen in der ersten Schule in Sheffield und später im Internat in Oundle zu ertragen waren, ist aus heutiger Sicht kaum nachzuvollziehen, egal ob es sich um handfestes Mobbing der Mitschüler handelte oder um die offiziell dazu autorisierten Lehrer, allesamt "Sadisten und gescheiterte Elite-Uni-Dozenten". Doch es gab ja auch jene "anständigen Exzentriker", die einen wirklich weiterbrachten und die Ideen in Dickinsons Kopf wie "Popcorn in der Pfanne explodieren" ließen. Auf der anderen Seite explodierte mitunter auch seine Wut gegen allzu brutale Methoden der anderen Fraktion, die überzeugt war, mit Prügel den "Charakter zu formen". Einem Hausleiter des Internats ließ Dickinson zwei Tonnen eines besonderen Materials vor dessen Haus abladen. Eine weitere Aktion ging noch etwas weiter, was ihm die sofortige Entlassung aus dem Internat einbrachte. In einer Gesamtschule in Sheffield, die unter einer völlig anderen Führung stand, begann sich der Wind zu drehen. Dickinson erzählt von seinem geringen Interesse am Unterricht und von beginnender und stetig wachsender Beschäftigung mit seinem "Kopfkino", die Bühnenpräsenz einer Band betreffend. "Paradox" hieß die erste. Das Equipment ließ viele Wünsche offen. Auch beim Mikrofon musste improvisiert werden. Man schnitt es von einem tragbaren Kassettenrecorder ab. Diese Zeiten waren nicht einfach, gewinnen durch die pointierte Ausdrucksweise des Autoren aber einen hohen Unterhaltungswert. Beispielsweise was den Sound in einem Übungsraum betraf: "Es hörte sich an, als würde man in einer Keksdose spielen." Mit einer ganzen Palette weiterer umwerfender Metaphern unterstreicht er seine Fähigkeit, die Dinge bildhaft darzustellen. Die Lieblingsstelle des Rezensenten ist jene Szene, gegen Ende des Buches, in einem "Fokker-Dreidecker". Die Gefühle, die Dickinson beim Steuern dieser Maschine hatte, sind ein echter Brüller ... Nebenbei schaffte er den Schulabschluss, alsdann ging es mit einem "Geschichtsstudium" im Queen Mary College an der University of London weiter. Sein ganz spezieller "Plan", Kontaktfreudigkeit und kreative Unternehmungslust brachten ihn schnell in die Unterhaltungsbereiche des hohen Hauses. Bei dortigen Veranstaltungen lernte er die richtigen Leute kennen, organisierte und schleppte Boxen u.a. für Hawkwind, und kam bei Gelegenheit auf die Idee, eine Anzeige im Melody Maker zu veröffentlichen ... ... und spätestens jetzt stellen sich beim geneigten Maiden-Fan die ersten Gänsehautattacken ein. Allerspätestens an jener Textstelle, die das Erscheinen von Rod Smallwood, dem Manager von Iron Maiden, beschreibt, der sich mit einem gewissen Anliegen an Bruce wandte ... Was dann begann, beschreibt Dickinson im Kapitel "Schussfahrt" und den darauf folgenden. Eine Achterbahnfahrt im jahrelangen Dauerbetrieb. Doch neben dem kometenhaften Aufstieg mit IRON MAIDEN fand der Tausendsassa noch Zeit zum Schreiben von (Dreh-)Büchern, zur Teilnahme in Dokumentarfilmen, dem Entwickeln eigener Biermarken, dem Erwerb diverser Pilotenlizenzen und für den Ausbau seiner Fechtkunst. Die eingangs erwähnten Besonderheiten bestehen darin, dass Dickinson auf eine Aufzählung von Kuriositäten rund um den Bandbetrieb weitgehend verzichtet und sich auf einige, den Rahmen nicht sprengende Episoden beschränkt. Sein Anliegen war es, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen und keine leblose Aufzählung. Voyeure aus der Abteilung für Frauengeschichten und sonstige Komplikationen müssen gar gänzlichen Verzicht üben. Wie das geht? Wie das alles zusammenpasst? Wie die Story trotzdem funktioniert? Lesen! Fazit: Aller Anfang war schwer. Nicht nur das Problem mit den offenen Rechnungen. Der Autor nahm es leicht: "Eines Tages wird das alles in einem Buch stehen." Hier ist es nun. Sympathisch, ohne Allüren und Selbstbeweihräucherung erzählt. Und am Ende gibt's noch eine knackige Pointe. Alles inklusive. Für Fans besagter Kapelle ein absolutes Muss, aber auch für Beobachter der Szene höchst erbaulich. Ob sich der Rezensent zum Erwerb einer weiteren Platte aus dem reichhaltigen Angebot der Band entscheiden kann, ist jedoch ebenso fraglich wie zweitrangig. Von seiner chronischen Abneigung gegen Autobiografien hat ihn Bruce Dickinson jedoch vollständig befreit.