Leserstimmen zu
Die Anatomie des Erwachens

Eleanor Catton

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Was Eleanor Catton hier mit gerade einmal Anfang zwanzig geschaffen hat, ist wahrlich bewundernswert. Im Fokus dieses Romans über das Erwachsenwerden stehen eine Reihe von Jugendlichen und ihre ersten Erfahrungen im Bereich Beziehung und – wie sollte es auch anders sein – Sexualität, die gleichzeitig aber auch erstickt und beeinflusst wird von den Vorstellungen, Ansichten und Leitlinien der Erwachsenen. Im Fokus des Buches steht ein Skandal. Victoria, eine achtzehnjährige Schülerin, hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Sie wird von der Schule suspendiert, er verliert seinen Job. Der eigentliche Verlauf der Affäre bleibt hierbei im Dunkeln, verborgen hinter einer Reihe von anderen Geschichten und Perspektiven. Letztendlich aber fungiert der Skandal als Bindeglied zwischen zwei Handlungssträngen. Da wären die Saxophonlehrerin und ihr Studio, in dem sie ihre Schülerinnen nicht nur unterrichtet, sondern auch mit fast schon voyeuristischer Begeisterung beobachtet und seziert. Durch die Eltern der Schülerinnen als auch durch die jungen Mädchen selbst – eine davon Victorias Schwester Isolde – wird der Skandal in das Studio getragen, schwingt mit zwischen den Zeilen, vermischt sich mit den Geschichten der anderen Charaktere. Vorhang auf für den zweiten Haupthandlungsstrang: Eine Gruppe von Theaterstudenten nimmt die Affäre als Anlass, ein Stück zu inszenieren. Beweggründe, Verhaltensweisen und Charaktere werden zerlegt, auf körperlicher und emotionaler Ebene. Die Grenzen verschwimmen, Wahrheit und Fiktion vermischen sich. Keiner der Charaktere, die Catton zu Wort kommen lässt, weiß tatsächlich, was zwischen Victoria und dem Musiklehrer geschehen ist. Aus Fragmenten setzen sie sich ihre Version der Dinge zusammen, und auch der Leser selbst ist dazu verdammt, sich diesem Puzzlespiel zu stellen, bei dem Szenen langsam ineinander fallen wie ein Satz Spielkarten. Vergangenheit und Gegenwart überlappen, Imagination wird zu Realität, wenn sich die unterschiedlichen Perspektiven vermischen, und selbst die Ansichtsweisen der Erwachsenen, die in ihrer idealen Rollenwelt gefangen sind, in der sie selbst fehler- und tadellos daherkommen, unzuverlässig erscheinen. Catton testet mit „Die Anatomie des Erwachens“ die Grenzen des Erzählens, die Grenzen ihrer eigenen Fähigkeit als Schreiberin. Der Roman bietet bei aller Liebe keinen leichten Stoff, und gerade zu Beginn fühlt sich der Leser zwischen den einzelnen Fragmenten von Szenen und dem wechselnden Erzählstil, der den Ton der Teenager mit knallhartem Realismus und theatralischem Ausdruck vermischt, vor allem zu Beginn allein gelassen. Doch genau wie man den Charakteren Zeit lassen muss, ihre Ängste und ihr Verlangen zum Ausdruck zu bringen, muss sich der Leser selbst Zeit lassen, hinter die Kulissen zu schauen. In „Die Anatomie des Erwachens“ findet Eleanor Catton ihren ganz eigenen Ton, um eine Geschichte über das Erwachsenwerden zu erzählen. Mit einem Ohr für den Zauber der Sprache und der Macht des geschriebenen Wortes, dem Wissen um die Kraft der Musik und den Zauber des Theaters, hat Catton einen brutalen, ehrlichen und faszinierenden Roman geschaffen, der die eigene Selbstinszenierung und deren Wirkung nach außen untersucht, der wie die Jugendlichen in der Pubertät verschiedene Identitäten untersucht und fallen lässt. „Die Anatomie des Erwachens“ ist vielleicht nicht perfekt, doch was ist schon perfekt? Virtuos geschrieben ist Cattons Roman aber definitiv ein Werk, welches man lesen sollte.

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Schuld und Bühne

Von: Marius

12.02.2017

Bevor Eleanor Catton für ihren überaus wuchtigen Roman Die Gestirne den Man Booker Prize bekam, veröffentlichte sie bereits einen Titel, der nun vom btb-Verlag erneut aufgelegt wurde – Die Anatomie des Erwachens. Darin erzählt sie die Geschichte eines Skandals, der die Schule Abbey Grange erschüttert. Denn die 17-jährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem deutlich älteren Musiklehrer. Als die Beziehung publik wird, planen Schüler ein Stück über diese Affäre aufzuführen. Die Grenzen verschwimmen und man könnte die Vorgänge mit Schuld und Bühne überschreiben. Sie lässt die pubertierenden Schülerinnen und Schüler aufeinanderprallen. Dynamiken nehmen ihren Lauf. Das Ganze ist wie auch schon in Die Gestirne sehr anspruchsvoll geschrieben (Deutsch von Barbara Schaden). Man muss beim Lesen wirklich Geduld und Aufmerksamkeit aufbringen, um die Geschehnisse ganz zu überblicken. Immer wieder springt die Autorin durch ihre Erzählstränge und variiert die Schilderungen. Ein forderndes Buch – wer vor Cattons Opus Magnum Die Gestirne wissen will, ob ihm die Autorin liegt, der könnte hier einen Blick riskieren!

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Probe fürs Leben – Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachsens Eleanor Catton hat offenbar eine Vorliebe für Konstruktionen. Bereits in ihrem Debütroman „Die Anatomie des Erwachsens“, der in Neuseeland 2008 erschien (da war sie 23 Jahre alt) und der bei uns gerade als Taschenbuch herausgekommen ist, hat sie das bewiesen. In ihrem zweiten Werk, dem Goldgräberepos „Die Gestirne“, für das sie 2013 als jüngste Preisträgerin überhaupt den Booker Prize gewann, hat sie es perfektioniert und auf die Spitze getrieben. Dort sind es die Tierkreiszeichen, die sie mit den handelnden Figuren ins Verhältnis setzt. Sogar die Seitenzahlen der Kapitel folgen einem strengen Schema. Cattons großes Talent zeigt sich auch dem Leser von „Die Anatomie des Erwachens“ schon nach wenigen Seiten. Ihr erster Roman ist bereits hervorragend konzipiert, aber natürlich würde das allein nicht ausreichen. Als herauskommt, dass die junge Victoria eine Affäre mit ihrem Lehrer Mr. Saladin hatte, ist der Skandal perfekt. Doch was nun mit beiden geschieht (der Lehrer wird suspendiert, seine Schülerin für eine ganze Weile nicht mehr in der Schule gesehen), das ist nicht Thema von Cattons Roman. Vielmehr richtet sich der Fokus auf Victorias Mitschülerinnen, auf ihre jüngere Schwester Isolde, auf sie alle, die nichts von der Affäre wussten, sich ausgeschlossen fühlen, weil Victoria niemanden eingeweiht hatte. Und die, wie es der deutsche Titel verspricht, „erwachen“, wie aus einem Kindheitsschlaf, die erwachsen werden und vor allem die Sexualität, Liebe, das andere (und auch das eigene) Geschlecht entdecken. Deren Welt sich mit Wucht und ganz plötzlich vergrößert. Das ist spannend, sehr aufregend, aber auch beängstigend und so neu, dass es verwirrend ist. „Später wird sie das Gefühl vielleicht als eine objektlose Form der Erregung identifizieren, als eine ungehörige Forderung, die hin und wieder an ihrem Körper zupft, wie wenn eine Saite, obwohl unberührt, in harmonischem Einklang mit einem Klavier in der Nähe mitschwingt. […] Bisher hat Isolde nichts erlebt, und dieses Gefühl bedeutet deshalb nicht Ich muss heute Abend Sex haben […] Es ist noch kein Gefühl, das sie in eine Richtung weist.“ S. 24f. Wie Catton ihre Geschichte aufbaut, ist ausgeklügelt und so konzipiert, dass der Leser immer wieder verwirrt wird, eine Weile im Dunkeln tappt, bis langsam deutlich wird, wie hier alles zusammenhängt. In großen alternierenden Kapiteln lesen wir auf der einen Seite von den jungen Mädchen, die allesamt Saxophon spielen und bei der gleichen Lehrerin Unterricht nehmen. Diese diskutiert mit ihren Schülerinnen stets auch Privates und immer wieder die Affäre zwischen Victoria und ihrem Lehrer. Und auf der anderen Seite gibt es den zunächst völlig separaten Handlungsstrang um die Anfängerklasse an einer Schauspielschule im direkten Umfeld des Skandals. Aufgabe der Schüler ist es, am Ende ihres ersten Jahres ein Stück komplett allein auf die Bühne zu bringen. Sie wählen sich die Affäre um den Lehrer und seine Schülerin zum Thema. Als Leser muss man sich in Cattons Roman einiges selbst erschließen, und nur so ist es wohl möglich, dass die Geschichte ihre komplette Wirkung entfaltet. Catton zeigt schon in ihrem Debütroman ihr großes Talent, das vor allem immer dann deutlich wird, wenn sie die Gefühle, die Beweggründe, die ganze Komplexität ihrer jungen Protagonistinnen darstellt: In einer bildreichen, oft verästelten, sehr starken Sprache bringt sie stets psychologisch auf den Punkt, was in den jungen Mädchen vorgeht, die ganze Verwirrung, die Ängste, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen. Man staunt über so viel Reife in jungen Jahren. Und auch die Passagen an der Schauspielschule weisen letztlich in die gleiche Richtung: Über den Fragen, was Schauspielkunst wirklich ist, über die Gegensätze zwischen Imitation, Abbildung und dem Problem, wie nah man der dargestellten Figur kommen kann, schwingt auch hier immer die Frage nach der eigenen Identität mit, die die sehr jungen Schauspielschüler noch suchen. Cattons Ton, ihr kreativer Schreibstil, ihr haarscharfer psychologischer Blick erinnert mich an die ebenfalls noch sehr junge Emma Cline, die mich mit ihrem Roman „The Girls“ vor kurzem so begeistert hat: Beide Romane, obwohl komplett unterschiedlich und mit sehr verschiedenen Themen, schaffen es sehr gut, die Gefühle, Sorgen, Nöte von jungen Mädchen darzustellen. Beide Autorinnen sind große Talente, wenn man auch beiden vorwerfen könnte, dass sie es manchmal etwas übertreiben, man ihren Stil zuweilen überfrachtet empfinden könnte. Das ist aber Kritik auf hohem Niveau. „Die Anatomie des Erwachens“, im Original schlichter, aber sehr passend mit „The rehearsal“ übertitelt, ist eine fesselnde, sehr unterhaltsame und kluge Geschichte. Man darf gespannt sein, was von Eleanor Catton als nächstes zu lesen sein wird.

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Mit diesem Roman zeigt Eleanor Catton erneut, wie meisterhaft sie die Verwebung der Figuren beherrscht. Alles ist verbunden – jede Aussage, jede Situation steht im Zusammenhang. Werden die Leserin und der Leser am Anfang in das Geschehen geworfen, findet man sich schnell ein und verfolgt anschließend mit großem Interesse den verschiedenen Handlungssträngen, die immer wieder zueinander führen. Im Vordergrund stehen die High-School-Schülerin (und die kleine Schwester Victorias) Isolde und der Theaterstudent Stanley, die beide in ihrer Selbstständigkeit und in ihrer Sexualität „erwachen“. Die knallhart ehrlichen Figuren, die scheinbar längst erwacht sind – die Saxofonlehrerin, der Bewegungsleiter etc. – bleiben namenlos. Sie ziehen oftmals im Hintergrund die Fäden und manipulieren die Schüler, wie es ihnen beliebt, wodurch sie nicht unbedingt zu Sympathieträgern werden. Der Handlungsort Schule wird zum Theater. Die Figuren werden in ihrer Pubertät zu Rollen, die sie in der Gruppe ausleben müssen – jeder hat seinen Platz. Versucht Stanley sich als Schauspieler zu beweisen, ist es bei Isolde der Kampf mit den eigenen Gefühlen, die immer im Schatten ihrer Schwester stehen. Wen kann man sich anvertrauen? Wen seine wahren Gefühle offenbaren, ohne, dass diese benutzt werden? Catton gelingt eine fabelhafte Erzählweise, die mit zeitlichen Ebenen spielt und in der man sich nie richtig sicher sein kann, wo man eigentlich gerade steht. Fazit: Catton hat mich mit der Neuauflage ihres ersten Romans nach „Die Gestirne“ erneut überzeugt. Ich vergebe 4 von 5 Sternen und bin gespannt, was die Autorin als nächstes veröffentlichen wird.

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