Leserstimmen zu
Agaat - Die Kinderfrau

Marlene van Niekerk

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Milla Redelinghuys leidet unter einem Nervenleiden, welches sie nach und nach lähmt. Mit dem Tod vor Augen, führt sie den Leser nun durch ihr Leben. Was sie gefühlt, erlebt, gedacht und gequält hat. Doch es ist nicht sie allein, die ihre Erlebnisse wiedergibt. Da wäre vor allem die Haushälterin Agaat, welche seit Jahren stets an ihrer Seite verweilt und mit ihr durch dick und dünn geht. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Letztlich ist aber aber nicht Milla oder Agaat, die hier über viele Seiten eine stürmische Lebensgeschichte von sich gibt. Es ist ihr Sohn, der von ihr berichtet. Der Sohn, der sie nach 11 Jahren wieder sieht. An ihrem Sterbebett. "Alles wird seinem üblichen Trott weitergehen, alles so sein wie immer, [...]. Schon einen Tag nach meinem Tod werden überall wieder die normalen Geräusche ertönen, als wäre nichts geschehen." (S.77) Was im ersten Moment schwer verdaubar und zugleich äußerst verwirrend klingt, ist es nicht im Geringsten. Die zwanzig Kapitel sind alle nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: Zunächst befinden wir uns in der Gegenwart. Milla liegt im Bett und wird von Agaat versorgt. Diese Szenen spricht Milla selbst und man kommt ihr sehr nah dabei. Spürt ihr Ängste, die von Tag zu Tag schlimmer werden. Es ist aber nicht die Angst vor dem Tod, sondern eher, dass man sie nicht versteht und es ihr immer schwerer fällt, sich auszudrücken. Wenn man nur noch blinzeln kann, ist das wahrlich kein Zuckerschlecken. "Mein Haus kann mehr Geräusche machen als ich." (S. 123) So ist es Agaat, die ihr alles von den Augen abliest und ihre rechte Hand ist. Sie kümmert sich rührend um Milla und das, obwohl die beiden in den frühreren Jahren eher gegen- als miteinander gelebt haben. Zu Beginn merkt man als Leser deutlich das neue Machtgefühl von dem Hausmädchen über ihre Herrin. Die kleinen Spitzen zwischen den beiden sind dabei recht amüsant zu lesen. Da keine nachgeben will und ja, auch "schweigsame" Menschen können Giftspritzen abgeben! Diese kommen vor allem dann zu Wort, wenn Milla Besuch am Krankenbett hat und man sich scheut ihr entgegen zu treten oder wie sie meint "den Topf auskratzen" will. "Was würde sie wohl noch von sich sagen, um mich daran zu erinnern, wer sie ist? Glaub sie, ich wäre durch das Stillliegen vollkommen verblödet?" (S.320) Nach dem innigen Einblick in Millas Gedankenwelt, geht es mit der Du-Perspektive weiter. Hier erfährt man vieles über ihre jungen Jahre. Ihre Ehe mit Jak. Die schweren Momente mit einem Mann, von dem sie glaubte, dass es die wahre Liebe ist und dann bitter enttäuscht wird. Da half auch nicht der Notanker einer Schwangerschaft. Nur die Schläge hörten zu der Zeit auf. Die Liebe sucht man vergebens. Und Milla fühlt sich schwach. Schwach als Mutter. Schwach als Ehefrau. Agaat kümmert sich derweil um Jakkie, zieht ihn quasi allein groß. Da sind Reibungen nicht ausgeschlossen. Zumal noch ein Bauernhof von der kleinen Familie versorgt werden muss. Im letzten Teil jedes Kapitels folgen eigene Worte und kurze Tagebucheinträge von Milla. Sie beginnen im Jahre 1960 und werden fortlaufend chronologisch wiedergegeben. (Das Buch selbst spielt übrigens in den 90ern.) Es sind quasi die älteren Gedanken von der jungen Milla. Erst gegen Ende gibt es hier dann eine Abwechung von der Norm und einen Sprung noch weiter in die Vergangenheit zurück. Man bekommt also wirklich die volle Ladung eines langen Lebens präsentiert. Bis hin zu seinem traurigen (?) Ende. "Ich bin eine Suite letzter Atemzüge. Soloatem. Mein Atem lastet auf mir. [...] Mein Atem ist Blei, das Gegenteil von dem, was Atem sein sollte." (S. 436) Schon abgeschreckt? Oder eher angefixt? Zugegeben, die vielen Seiten wirken im ersten Augenblick recht abschreckend. Doch es lohnt sich, das Buch zur Hand zu nehmen. Die Lebens- und zugleich Leidensgeschichte der beiden Frauen ist ein interessantes und intensives Leseerlebnis. Neben ihren täglichen Problemen, kommen noch die der Gesellschaft hinzu. Dabei geht es nicht nur um die Anerkennung als Frau selbst, sondern vor allem der, als schwarzer Frau. Das Buch sehe ich als absolute Leseempfehlung! Es war für mich mal etwas komplett anderes. Und es hat mich wirklich auf jeder einzelnen Seite unterhalten. Von Anfang bis Ende. Ein einziges dickes Manko hab ich schließlich dennoch: Es zieht sich einfach. Ab dreiviertel des Buches möchte man nur noch zum Ende kommen. Egal wie informativ und unterhaltsam der Inhalt auch sein mag und danach auch noch ist. Irgendwann ist eine Grenze erreicht. Abgebrochen hab ich es aber natürlich nicht. Dafür war es mir widerum zu schade ;)

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