Leserstimmen zu
Leaving Berlin

Joseph Kanon

(2)
(1)
(0)
(0)
(0)
€ 15,99 [D] inkl. MwSt. | € 15,99 [A] | CHF 19,00* (* empf. VK-Preis)

Eigentlich bin ich kein Fan von Thrillern, zu viele Tote dürfen in meinen Büchern nicht vorkommen – doch bei “Leaving Berlin” von Joseph Kanon überwog wieder die Neugier: Der Roman spielt 1949 zur Zeit der Luftbrücke in Berlin. Noch steht die Mauer nicht, doch die Spannungen sind dadurch nicht geringer. Ein wahrer Schmöker! Dass Berlin, in das Alex Meier 1949 aus seinem Exil in den USA zurückkommt, ist ein besonders graues und traurig anzuschauendes: Der zweite Weltkrieg hatte die Stadt zu großen Teilen zerstört, die Paläste und Monumente in Trümmer verwandelt, unzähligen Familien ihr Zuhause zerschossen. Der Sowjetsektor hat kurz zuvor alle Zugänge zu West-Berlin blockiert, weshalb die Amerikaner im Minutentakt Kohlen und Lebensmittel für die hungernden West-Berliner in Flugzeugen nach Tempelhof bringen – die berühmte Luftbrücke. Wieso kommt der Schriftsteller, der gebürtige Berliner ist und vor dem dritten Reich wilde Zeiten in der Stadt feierte, überhaupt zurück? Es ist der Kulturbund des Ostsektors, der Meier – einen offenen Kommunisten – zu einem Aufenthalt in seiner Heimatstadt einlädt. Durch sie erhält er Privilegien, von denen die restlichen (Ost-)Berliner nur träumen können: Eine Wohnung in der schmucken Rykestraße in Prenzlauer Berg, ein Telefon und Kontakt zur geistigen Elite des Nachkriegsdeutschland. So diskutiert Meier mit Bertolt Brecht über dessen Theaterstück “Mutter Courage” und schmeichelt Anna Seghers, die u.a. mit den Romanen Das siebte Kreuz und Transit, geschrieben im mexikanischen Exil, berühmt geworden war. Und dann taucht auch noch seine Jugendliebe Irene auf, die sich den russischen Befehlshabern gefügig hält, um sich ein besseres Leben zu sichern. 9783570101797_CoverEin gefährliches Unterfangen Doch Alex Meier spielt eine Doppelrolle: Er ist nicht nur auf Einladung des Kulturbundes hier, sondern ebenfalls als Spion für die USA tätig: Dort war er zuvor wegen seiner kommunistischen Überzeugung festgenommen und erpresst worden. Wolle er seinen kleinen Sohn jemals wiedersehen, so müsse er kooperieren. Meier bleibt nichts anderes übrig und so spielt er vordergründig den harmlosen Exilanten, um an wertvolle Informationen zu kommen, die er hinterrücks an die Westmächte verplappert. Ein gefährliches Spiel, dass noch riskanter wird, als er über seine ehemalige Freundin Irene an deren Gönner Major Markowski kommen soll, der offenbar für Zwangsarbeiterlager im Erzgebirge zuständig ist. Und natürlich lodern seine Gefühle für die hübsche Frau erneut auf… Ähnlich wie Lilli Berlin von Ulf Miehe oder Die letzte echte Frau von Claus Cornelius Fischer ist auch Leaving Berlin von Joseph Kanon bis zum letzten Satzzeichen mit Details und Informationen gefüllt, die allesamt für das Verständnis des Geschehens wichtig sind. Es ist also auch hier von Vorteil, wenn man sich zum einen etwas mit der Geschichte Berlins auskennt, zum anderen mit den Wirren es Kalten Krieges und den diversen Spionen, die – das passiert nämlich auch Alex Meier – womöglich noch als Doppelagent arbeiten. Doch auch wenn einem das ein oder andere entgeht, bleibt dieser Roman ein wahrer Thriller, den man, um den spannenden Lesefluss nicht zu unterbrechen, am liebsten mit unter die Dusche nehmen möchte! Joseph Kanon: Leaving Berlin. Aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel. C. Bertelsmann, 2015. Gebunden, 448 Seiten, 19,99€. ISBN: 978-3-570-10179-7

Lesen Sie weiter

Berlin 1949. Die Konflikte zwischen westlichen Besatzungsmächten und östlicher Besatzungsmacht sind seit längerem offen ausgebrochen. Die Luftbrücke fliegt und versorgt die Stadt, die Strukturen der DDR beginnen, sich erkennbar zu formen, auch das „K5“, der Vorläufer der späteren Stasi, damals bereits mit Erich Mielke in herausragender Position, beginnt sich, zu formieren. Eine Zeit, in der das östliche Deutschland auch Kunstschaffende von Ruf ins eine Reihen holt, allen voran Bertold Brecht, der sich mit seiner Frau Helen Weigel in Ostberlin einrichtet. Und der Protagonist dieses Romans, Alex Meier, reist ebenfalls in die neue Hauptstadt der DDR, inmitten sich verhärtender Verhältnisse bei einer noch offenen Stadt. Und er reist nicht nur mit der Einladung der Führung des russischen Sektors in der Tasche, sondern auch mit einem Auftrag, der seinen neuen Gastgebern besser nicht wirklich bekannt werden sollte. Die CIA hat ihn rekrutiert, nicht ganz freiwillig von seiner Seite aus, die Ohren weit offen zu halten. Als Druckmittel wird sein Sohn benutzt, der im Rahmen der Trennung von seiner Frau droht, ihm verloren zu gehen. Was die Strippenzieher sehr wohl wissen, Alex Meier aber erst vor Ort erfahren wird ist, dass seine Jugendliebe, seine enge Freundin aus der Familie, die ihm selbst zur Familie und zu Freunden damals geworden war, ebenfalls in den neuen Machtkreisen in Ostberlin verkehrt. Eng verbandelt ist mit einem hochrangigen russischen Offizier. Es kommt, wie es kommen muss und doch ein wenig anders, als erwartet. Zwar entflammt Meiers Leidenschaft für Irene wieder, aber hinter den Kulissen scheinen noch ganz andere Kräfte zu wirken. Irenes Bruder, Erich, damals ebenfalls im engen Kreis um Alex Meier herum, gelingt die Flucht aus einem Kriegsgefangenlager in Wismut. Mit brisanten Informationen über das, was dort an gefährlicher, tödlicher Arbeit unter Bedingungen moderner Sklaverei vorangetrieben wird. Und findet ein Versteck durch Irene und Alex Meier. Irenes „offizieller“ Geliebter, der russische Offizier wird informiert. Während bereits ein Anschlag auf Alex Meier von ihm gerade so überstanden worden war. Finte und Gegenfinte, undurchschaubare Interessen, Spionage und Gegenspionage, all dies eskaliert darin, dass Blut fließen wird und Tote hinterlassen werden. Die Frage ist nur, wer eigentlich wirklich welches Spiel hüben und drüben spielt und ob und wie es Alex Meier gelingen kann, dem allen zu entkommen. Kanon stellt eine intensive, den Leser mit in diese Zeit des beginnenden kalten Krieges und der „Stadt in Trümmern“ hineinnehmende Atmosphäre durchs seine breit beschreibenden und bildkräftige Sprache her, lässt die kaum beleuchteten Straßen im Winter 1949, gesäumt von Ruinen, wiederauferstehen. In seiner dabei oft dialogisch vorangebrachten Geschichte rückt das Augenmerk allerdings ebenso breit auf das Zwischenmenschliche, die Aufarbeitung der Vergangenheit, die alten Leidenschaften und Freundschaften, die sich im neuen Nachkriegsleben nicht wirklich bewähren werden. Gewisse Längen sind bei dieser breiten Sicht auf das Liebesverhältnis doch im Raum, auch wenn der ein oder andere Spannungsmoment von Kanon lebendig im Buch dargestellt wird (wie auch vor allem eine Kampfszene im Schlafzimmer detailliert und mitreißend den Leser mit in Atem hält). Flüssig verfasst gibt dieser Thriller Einblick in die unmittelbare Nachkriegszeit in Berlin, das gegenseitige Belauern der Mächte dort, die Tricks, mit denen gearbeitet wird und den Blick auf Menschen mehr als Schachfiguren in einem größeren Spiel. Trotz einiger Längen in der breiten Darstellung eine interessante und, in Teilen, spannende Lektüre.

Lesen Sie weiter

Der amerikanische Autor Joseph Kanon lieferte mit „In den Ruinen von Berlin“ die literarische Vorlage zu dem Steven Soderbergh-Film „The Good German“ mit George Clooney und Cate Blanchett, der mit Sicherheit einem breiteren Publikum bekannt sein dürfte. Kanon schreibt Spionagethriller, die üblicherweise in der Zeit zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und den fünfziger Jahren spielen, die Handlungsorte differieren. Oft bedient er sich realer Ereignisse und Personen, um den Hintergrund seiner Geschichte realitätsnahe darzustellen. Nun ist kürzlich Kanons neuester Roman „Leaving Berlin“ im C. Bertelsmann Verlag in der deutschen Übersetzung erschienen, und einmal mehr ist Berlin Dreh- und Angelpunkt der Story. Wir schreiben das Jahr 1949, es ist die Anfangszeit des Kalten Krieges. Großteile der Stadt sind zerstört, Nahrungsmittel sind knapp und werden im Wesentlichen auf den Schwarzmärkten verhökert. Die sowjetischen Besatzer blockieren die Verkehrswege nach Berlin, aber die westlichen Alliierten richten eine Luftbrücke ein und versorgen mit ihren „Rosinenbombern“ die Menschen im Westteil mit dem Lebensnotwendigen. Der Ostteil Berlins ist abgeschnitten, und der im Werden begriffene neue sozialistische Staat verwaltet den Mangel. Hierher kehrt der jüdische Schriftsteller und Sozialist Alex Meier zurück. 1933 hat er in den Vereinigten Staaten Schutz vor den Nationalsozialisten gesucht, aber mittlerweile hat dort die Clique um den Kommunistenhasser McCarthy das Sagen. Und so muss Meier seine Familie und das Land verlassen, das ihm mittlerweile zur Heimat geworden ist. Für die Amerikaner ist er zwar nun persona non grata, aber die CIA macht ihm ein verlockendes Angebot: Spioniere deine Schriftstellerkollegen aus und verrate uns ihre Geheimnisse, dann darfst du zurück zu Frau und Kind in die Vereinigten Staaten. Er willigt ein, ist sich aber über die Konsequenzen seines Handeln nicht im Klaren, denn natürlich kommt zu Spionage und Verrat auch noch Mord hinzu… Joseph Kanon ist mit „Leaving Berlin“ ein äußerst spannender und lebendiger Spionagethriller gelungen. Und das liegt nicht nur an der Tatsache, dass das Zeitkolorit stimmig transportiert und der Alltag sowie das Leben in der Stadt, die faktisch bereits geteilt ist, anschaulich beschrieben wird. Einen zusätzlichen Kick erhält die Story durch die Einbindung quasi historischer Persönlichkeiten aus dem Ostberliner Künstlermilieu wie beispielsweise Bertolt Brecht. Wesentlich interessanter allerdings finde ich das moralische Dilemma, in dem sich die Hauptfigur Alex Meier befindet, steckt er doch in der klassischen Zwickmühle und wandelt auf schmalem Grat. Einerseits würde er alles tun, damit er zurück zu seiner Familie kann, auf der anderen Seite sind da aber auch eine alte Liebe und natürlich seine politische Überzeugung, deren Verrat permanent für ihn im Raum steht. In dieser Situation das Richtige zu tun, ohne die eigenen Werte und Überzeugungen zu verraten, stellt die eigentliche Herausforderung für den Protagonisten dar.

Lesen Sie weiter