Leserstimmen zu
89/90

Peter Richter

(4)
(8)
(1)
(0)
(0)
€ 19,99 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)

Titel: "89/90" Autor: Peter Richter Verlag: btb Seitenzahl: 411 Cover: Unscheinbar in sommerlichen Farben gehalten und es ist ein Softcover. Schreibstil: Es liest sich sehr flüssig und alles was unverständlich geschrieben wurde, wurde mit Fußnoten erklärt. Man merkt richtig, dass es dem Auto wichtig ist, dass zu erzählen was ihm wichtig ist. Es ist ihm gelungen. Handlungen, Personen und Gegenständen wurden so beschrieben und erzählt das man es sich sehr gut vorstellen kann. Er schreit aus der ich und allgemeinen Perspektive. Inhalt: Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter. Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden? Von der Unschuld des letzten Sommers im »Tal der Ahnungslosen« bis zu den Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit: Peter Richter beschreibt in seinem autobiografischen Roman das chaotische Ende der DDR aus der Sicht eines damals Sechzehnjährigen – pointiert, authentisch und sprachlich brillant. Coming of Age im Schatten von Weltgeschichte. Meinung Ich bin ein kleiner DDR Fan, ja richtig gelesen. Ich mag diese Zeitepoche, warum? Alles hatte seinen Platz, es gab alles was man benötigte und keine wirklich keiner wurde zurückgelassen. Sicherlich musste man Abstriche machen, aber das müssen wir heute auch, oder? Ich mag dieses wir Gefühl. Und dieses Buch beschreibt es einfach auf den Punkt! Wenn man es liest, und diese Zeit auch noch erlebt hatte, wird man sich definitiv wieder finden…und auch AHA-Momente haben…oder auch die Flashbacks. Ich hatte es so schnell durchgelesen, dass ich total überrascht war. Ich könnte jetzt stundenlang weiterschwärmen und euch erzählen, dass zu dieser Lektüre Hallorenkugeln oder Knusperflocken hervorragend passen und auch noch viele andere (auch inhaltliche Dinge), aber lest es selber und ihr landest mit 100% Wahrscheinlichkeit zurück im Sommer 89/90…. Nur möchte ich gerne wissen wer dieser S. ist…hm…

Lesen Sie weiter

Inhalt Der Roman erzählt aus der Sicht eines fast 16-Jährigen die Erlebnisse rund um die Wendezeit in Dresden. Er beginnt Ende April 1989 und endet mit der Wiedervereinigung - wobei deutlich wird, dass der Ich-Erzähler auf die Ereignisse von damals zurückblickt, wie einige Vorausdeutungen verraten: "Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde?" (S.19) Der namentlich nicht genannte Protagonist schildert aus der Ich-Perspektive in kurzen, assoziativen Episoden seinen Alltag, seine Freundschaft mit S. und die Beziehung zu L. Alle Figuren im Roman werden jeweils nur mit einem Großbuchstaben bezeichnet, was den Lesefluss und das sich Merken der Figuren erschwert, aber Authentizität vermittelt, so als ob die Personen anonymisiert werden müssten. Ausgangspunkt der Handlung ist ein Freibad, in dem sich nachts die unterschiedlichsten Cliquen treffen und in dem der Ich-Erzähler zum ersten Mal L. sieht, die mit 18 Jahren in die SED eintreten will. "Ich glaube, ich musste kurz stehen bleiben, als sie das sagte. Sicher ist, dass ich Lust hatte, einen Knoten in die Straße zu machen, um mir Zeit und Ort auf immer zu merken. Denn das war die Nacht, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Kommunistin traf. Also: eine echte, eine, die nicht nur sagt, sie sei eine, weil sie das gerade sagen muss, und auch keine Pionierleiterin oder FDJ-GOL-Sekretärin, die damit ihr Geld verdient." (...) Im Grunde waren wir von Anfang an in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es bei uns trostlos war - aber es war eben bei uns, und das war nun einmal der Ort, wo das Abenteuer unseres Aufwachsens stattfand. (...) Und L. nun war tatsächlich der erste Mensch in meinem Alter, der ganz privat und ungefragt bekannt gab, dafür zu sein, wo privat und ungefragt eigentlich alle immer nur dagegen waren." (S.24/25) Der Ich-Erzähler, 1973 geboren - ebenso wie der Autor selbst-, liebt Punkmusik und ein Großteil des Romans kreist um den Wunsch gemeinsam mit S. eine Band zu gründen und einen entsprechenden Namen zu finden. Wer im Osten aufgewachsen ist, wird die verschiedenen Bands, von denen die Rede ist, kennen. Am Beispiel der verordneten Demonstration zum 1.Mai verdeutlicht der Ich-Erzähler die Stimmung der Jugendlichen unmittelbar vor dem Mauerfall: "Die große Mai-Demonstration wurde im Wesentlichen von wehrlosen Oberschülern wie uns bestritten, von Rentnern mit Parteiabzeichen und von ein paar traurigen Gestalten, die sich nicht rechtzeitig aus der Affäre ziehen konnten oder zu verkatert waren, um etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzufangen." (S.51) Der Ich-Erzähler gehört auch zur letzten Generation, die in ein Wehrlager fahren musste: "In ein Lager, in dem die Jugend eines Landes fit gemacht werden sollte für den Kampf gegen jene, die nicht wollen, dass alle gleich sind, gleiche Rechte, gleiche Pflichten und gleiche Chancen haben." (S.121) Ironischerweise darf der Ich-Erzähler wegen des Berufs seiner Eltern (Ärzte) nicht auf die Oberschule wechseln. Nur weil er eine zusätzliche Prüfung in Russisch absolviert, ist es ihm erlaubt einen altsprachlichen Zweig zu besuchen - "gleiche Chancen." Während sich der Widerstand in der DDR formiert und die Montagsdemonstrationen beginnen, geht der Alltag für die Jugendlichen mit Schule und Unterricht weiter, denn "die Weltgeschichte schreibt einem keine Entschuldigungszettel für den Alltag" (S.183), auf den der Ich-Erzähler einen unkonventionellen, oftmals komischen Blick wirft. Denn am Morgen nach dem Mauerfall ist erstmal eine Leistungskontrolle in Physik angesagt. Doch dann verändert sich mit der Maueröffnung der Alltag des Ich-Erzählers nachhaltig. Immer mehr Menschen verlassen die DDR und im 2.Teil des Romans (1990) steht der aufkommende Rechtsradikalismus im Vordergrund. Der Ich-Erzähler, der selbst zu den Linken gehört - eine sogenannte "Zecke", schildert schonungslos die Straßenkämpfe zwischen rechts und links und wie aus ehemaligen Freunden im Freibad erbitterte Feinde werden. In dieser Dichte und Intensität ist das wirklich erschreckend zu lesen, wie das Leben in Dresden von den Neonazis bestimmt wurde. Während der erste Teil mit vielen komischen Szenen aufwartet, bleibt bei diesen Szenarien ein Gefühl des Entsetzens zurück, das bis zum Ende des Romans anhält. Bewertung Der Roman nimmt uns direkt mit nach Dresden in die Wendezeit und zeigt konkret am Beispiel einiger Jugendlicher die Auswirkungen dieser geschichtsträchtigen Zeit auf ihr Leben. Die geschichtlichen Ereignisse dienen dabei als "Folie", die den Alltag bestimmt. Leider weist der Roman einige Längen auf. Zudem verhindern die assoziativ aufeinander folgenden Episoden teilweise einen kontinuierlichen Lesefluss, der auch von den - vom Ich-Erzähler eingefügten - Erklärungen in Fußnoten unterbrochen wird. Andererseits sind gerade diese Fußnoten sehr informativ - vor allem für diejenigen, die im Westen aufgewachsen sind. Insgesamt gelingt es dem Autor mit den erzählten Episoden, die wie "Blitzlichter" den ostdeutschen Alltag der Jugendlichen beleuchten, den Leser/innen einen tiefen Einblick in die Wendezeit zu ermöglichen.

Lesen Sie weiter

89/90

Von: Miss.mesmerized

26.07.2016

Das Leben läuft in den geordneten Bahnen der DDR für den 15-jährigen Erzähler im Frühsommer 1989 in Dresden. Die Schule folgt den Vorgaben von Margot Honecker, auch der militärische Drill darf nicht fehlen, doch es mehren sich die Zeichen nach Veränderung. Bis die in der Plattenbausiedlung aber ankommen, dauert es. Den Nachrichten entnimmt man die gravierenden Ereignisse – oder auch nicht. Das Tal der Ahnungslosen bleibt bis tief in den Herbst hinein in seinem Trott. Doch dann kommt auch dort das an, was man später die Wende nennen wird. Zwar läuft der Alltag und die Schule weitgehend weiter bis bisher, aber Westtouristen, neue Freiheiten und vor allen Dingen Skinheads stellen den Jugendlichen und seine Freunde vor veränderte Vorzeichen. Selbst im Sommer 1990 – als alle DDR-Welt gen Westen in Urlaub strömt – begeben sie sich nochmals in den tiefen Osten und erleben das Ende der DDR auf ihre ganz eigene Weise. Eins von vielen Büchern pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum. Die Thematik ist vielfach verarbeitet worden, was bei Richter überzeugen kann, ist der Blickwinkel des Jugendlichen, der wohl zum Teil nur ahnt, zum Teil auch versteht, was da passiert, aber manchmal auch einfach die große Politikwelt ausblenden kann, um sich auf seine wenig erfolgreiche Band und die Mädchen seiner Umgebung zu konzentrieren. Diese typisch jugendliche Sicht gelingt ihm ebenso wie der Plauderton, der glaubwürdig für den 15/16-jährigen Erzähler wirkt. Auch die Darstellung Dresdens und der DDR allgemein wird weder völlig überzogen noch idyllisiert, sondern findet in kleinen Nebensätzen und Beobachtungen genau die richtige Dosis, um die Handlung zu verorten und authentisch wirken zu lassen. Fazit: unterhaltsamer Blick auf den Niedergang der DDR.

Lesen Sie weiter

Während sich das halbe Leseland auf der Leipziger Buchmesse gütlich tut, sitze ich krank auf dem Sofa. Es ist frustrierend! Dabei habe ich es nicht weit. Ich wohne ja vor Ort! Doch es nützt alles nichts - vielleicht geht es mir morgen gut genug. Dass ich mir vorerst keine neuen Bücher ins Wohnzimmer schaufeln kann, ist vielleicht auch gar nicht so schlecht. Denn auch ich habe davon nicht eben wenige und etliche warten noch auf ihre Rezension. Dann beginne ich eben damit, meinen Schuldenberg abzutragen. Ich fange mit Peter Richters "89/90" an. Obwohl mich dieser Wenderoman schon kurz nach seiner Veröffentlichung bezaubert hatte, war die Rezension liegengeblieben. Wie es im Leben so ist. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Geschichte setzt ein in einem Vorwendesommeridyll in Dresden. Man trifft sich im nachts im Freibad und für den Erzähler und seine Freunde sind echte Kommunisten schon exotischer als Transvestiten. Natürlich ist die ganze Szenerie komplett ostig. Als Übersetzungshilfe für Westler und Nachgeborene mit fehlender Kulturkompetenz gibt Richter ein ganzes Arsenal an Fußnoten, die beispielsweise erklären warum das Wort 'Fete' dem Wort 'Party' vorgezogen wurde, was Abkürzungen wie POS oder EVP bedeuten oder warum man in einem bestimmten Alter unbedingt einen Hirschbeutel brauchte. Wer sich eine zusätzliche Dimension Lebensgefühl einschalten möchte, kann die Playlist zum Buch auf der Seite des Luchterhand-Verlages anklicken. Was für einen fundamentalen Einschnitt in die Lebenswelt die Wende bedeuten würde, war jedenfalls für die Jugendlichen im Schwimmbad nicht zu erahnen: Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde? Hätte man damals schon herumgehen können und sagen Du, mein Freund, wirst mal den Drogen zum Opfer fallen, und du da wirst sie ihm verkaufen; du daneben wirst mit Immobilien viel Geld verdienen, du hier wirst vorher für ihn auf den Strich gehen, du dort drüben wirst in München eine Karriere machen, während der dahinten in zwanzig Jahren Mülltonnen nach Pfandflaschen durchsucht...? (Seite 19) Damit zeigt Peter eine ähnliche Situation wie schon Clemens Meyer in Als wir träumten. Tatsächlich denke ich, dass die Lebensgeschichten der Jugendlichen in Leipzig und in Dresden in dieser Zeit viele Parallelen aufweisen. Im luftleeren Raum ohne erwachsene Bezugspersonen entdecken die Kids Gewalt, Drogen und Waffen. Aber eigentlich trifft sie die Wende in einer Situation, in der sie scharf sind auf ihre erste Freundin und eben hganz normale pubertäre Probleme haben. Das alles wollte erstmal eingeordnet werden, zwischen dem neuen Stundenplan, neunen Bekanntschaften und dem Spielplan der Fußball-Oberliga. (Seite 157) Dabei musste ich beim Wiederlesen an den Siebtklässler Mirco Watzke aus Mawils Kinderland denken, der nach dem Mauerfall ganz und gar keine Zeit hat, mit seinen Eltern in den Westen zu fahren, weil er VERDAMMTNOCHMAL ein Tischtennisturnier zu organisieren hat. Später, im Jahr 1990, gerät das Jugendleben völlig aus den Fugen. Der Erzähler und sein Freund S. werden mit einer Übermacht an Neo-Nazis konfrontiert, sie man sich im Westen, aber auch im heimischen Elternhaus kaum vorstellen kann. Der Techno vereint später die verschiedenen Subkulturen. Den Krieg der Nazis gegen die Zecken kenne ich selbst noch aus Leipzig Mitte der 90er Jahre. Das Thema ist ja auch dieses Jahr wieder akutell gewesen. Peter Richters Roman kann ich jedem empfehlen: sowohl denen, die dabei waren, als auch denen, die noch die davon gehört haben. Er bringt alles zusammen.

Lesen Sie weiter

Deutschland 2015 89/90 Autor: Peter Richter Veröffentlichung: 09.03.2015 bei Luchterhand Genre: [Fingierter] Zeitzeugenbericht, Slice of Lfe, Tragikomödie "Auf der Straße roch es nach Gärten, die einen Tag voller Sonne hinter sich hatten, es war zwar erst Ende April, aber schon so warm, wie manchmal im Juli nicht, und auf den Serpentinen zur Grundstraße hinunter, wo S. schon stand und eine rauchte, eine Alte Juwel, die er mit dem Daumen und dem Zeigefinger hielt und mit dem Mittelfinger wegschnipsen würde, bevor er mir auf die Schultern haute, da wusste ich: Wenn jetzt das Leben enden müsste, dann von mir aus; besser konnte es gar nicht mehr werden. Wir würden sechszehn werden in diesem Sommer, erst S. und dann ich, und dann wäre der Spaß vorbei, da waren wir uns sicher. Dann entfiele der Kitzel, glaubten wir, die Furcht, einem Lada der Volkspolizei vor die Scheinwerfer zu geraten, wenn wir mit Wein und Whisky und Wermut aus dem Keller vom Vater auf dem Weg waren zu irgendwelchen Mädchen, in deren Zimmer wir einstiegen, weil die auch noch nicht schlafen wollten. Denn wir waren viel zu jung zum Schlafen damals, wir kamen gar nicht dazu, jedenfalls nicht in den Nächten. Dafür drückte uns dann tagsüber die Müdigkeit den Kopf auf die Schulbank." - 89/90, Peter Richter, Luchterhand Es kommt nicht häufig vor, dass ich das Titel-Zitat für meine Besprechung bereits auf Seite 1 finde. Das Buch, welches, hört man den Titel zum ersten mal, eher an eine Konfektionsgröße oder ein Preisschild denken muss. Die Bedeutung des Titels von Peter Richters Roman, einem gebürtigem Dresdner, ist aber wesentlich tiefsinniger und doch so simpel zu erklären. Mit 89/90 sind zwei entscheidende Jahre in der deutschen Geschichte gemeint, der Mauerfall und die Wiedervereinigung. Am heutigem Tage, den 03. Oktober 2015, jährt sich das Ereignis bereits zum 25. mal. Und theoretisch müsste man meinen, es gibt so viele noch immer junge Zeitzeugen, Dokumentationen, Filme und Musik über diese entscheidenden Jahre, da müsste doch mittlerweile jeder über den Fall der DDR bescheid wissen. Zurecht habe ich jedoch nicht die Literatur in meine Aufzählung mit einbezogen. Ich will nicht bestreiten, dass es keine Literatur über die letzten Jahre der DDR gibt, genau so bin ich mir sicher, es gibt umso mehr bierernste Zeitzeugenberichte aus diesen Jahren, aber gibt es auch ein vergleichbares Werk wie 89/90? 89/90 ist nicht die Geschichte von den großen Namen, die mit dem Mauerfall in Verbindung gebracht werden. Es ist auch kein langwieriger historischer Roman der noch einmal die alten Geschichten aufwärmt. Stattdessen ist 89/90 die Geschichte eines fünfzehnjährigen Teenagers, der diese Ereignisse aus seiner Sichtweise noch einmal erzählt. Und Peter Richter, der es mit seinem Roman auf die Longlist des diesjährigen deutschen Buchpreises geschafft hat, tut dies auf eine charmante weise, wie man sie in der Literatur vermutlich all die Jahre vermisst hat, was diese Thematik angeht. Autobiografisches scheint 89/90 nicht zu sein, zumindest nicht komplett. Das Alter des namenlosen Protagonisten deckt sich zwar mit dem des Autors (Peter Richter war 1988 genau fünfzehn Jahre alt), und dennoch wird man viele Inhalte in dem Buch auch mit einem Augenzwinkern sehen müssen. Da ich zur damaligen Zeit aber selber erst zwischen 2-3 Jahre alt war, werde ich gar nicht damit anfangen, irgendetwas anzuzweifeln. Aufgeteilt ist der Roman in zwei Parts. Part 1 kümmert sich um das Jahr 89, Part 2 logischerweise um das Jahr 90. Erzählt wird die Geschichte von einem namenlosen Ich-Erzähler. Und namenlos ist bereits ein gutes Stichwort, denn in bester Franz Kafka Manier bekommt jeder wichtige Charakter, der in der Geschichte vorkommt, lediglich einen Buchstaben als Name spendiert. Aufgebaut ist 89/90 als klassischer Zeitzeugenbericht inklusive Fußnoten des Ich-Erzählers. Dieser macht bereits auf den ersten Seiten klar, zukunftsorientiert waren die Gedanken von ihm und seiner Clique nicht. Man lebte für das Jetzt, für den Moment. Man ahnte zwar etwas, aber im Augenblick waren nächtliche (illegale) Besuche im Freibad wichtiger, Musik war wichtiger, und, am allerwichtigsten, und es gab nichts, was mehr Priorität verdient hatte, waren Mädchen. Da ist sich der Erzähler gemeinsam mit seinem besten Kumpel S. sehr schnell einig. Eines Abends, als mal wieder Nacktbaden im nächtlichen Freibad ansteht, lernt der Protagonist die gleichaltrige L. kennen, die überzeugte Kommunistin ist und vor hat, sobald sie das 18. Lebensjahr gefeiert hat, in die SED eintreten will. In diesem Sommer beginnt für die Clique eine Zeit des Umbruchs, und Peter Richters Protagonist erzählt in seiner Chronik, wie die Wende ein ostdeutscher Teenager erlebt hat. "Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde? Hätte man damals schon herumgehen könne und sagen: Du, mein Freund, wirst mal den Drogen zum Opfer fallen, und du da wirst sie ihm verkaufen; du daneben wirst mit Immobilien viel Geld verdienen, du hier wirst vorher für ihn auf den Strich gehen, du dort drüben wirst in München eine Karriere machen, während der dahinten in zwanzig Jahren Mülltonnen nach Pfandflaschen durchsucht - und du, kleiner D., wirst bald gar nicht mehr unter uns sein? Noch wussten wir nicht, wie alles kommen und was alles verschwinden würde. Noch galten bewaldete Achseln als begehrenswert, Noch wusste keiner, wie schnell sich selbst das ändern würde." - 89/90, Peter Richter, Luchterhand 89/90 haftet ein großes Stück Mono no aware an. Die Vergänglichkeit der Dinge. Das Ende der Jugendjahre, das Ende von Freundschaften, Angst vor einer ungewissen Zukunft (auch wenn man diese ständig abstreitet), Angst, dass die Mädchen aus der Nachbarschaft ihren ersten Sex mit Wessis haben werden. Das Ende einer Ära steht bevor, und während der Protagonist und S. mit dem nostalgischen M. durch ostdeutsche Lande spazieren, die mindestens genau so nostalgisch sind wie dieser ältere Herr selbst, ist den Jugendlichen dieses Ende dieser unbesorgten Zeit bewusst. Auf sehr unterhaltsame, aber auch nachdenkliche weise erzählt Peter Richter die Schicksale dieser Teenager. Resümee Um an 89/90 Gefallen zu finden, wird nicht einmal Vorausgesetzt, in dieser Zeit geboren zu sein oder sie Live miterlebt zu haben. Grundvoraussetzung ist, einmal 15 oder 16 Jahre alt gewesen zu sein. Denn diese Figuren, die man in Peter Richters Buch findet, mit denen haben wir es bestimmt selbst schon einmal zu tun gehabt. Oder, noch besser, bestimmt finden wir uns in einen von ihnen wieder. Auf eine sehr sympathische und kurzweilige art werden wir an zwei entscheidende Jahre erinnert, die uns auch in den kommenden Jahrzehnten weiter begleiten werden. Ohne in Selbstmitleid oder Patriotismus zu versinken, werden wir auf eine kleine Zeitreise mitgenommen, die endlich auch mal auf literarischer Ebene zündet. 89/90 ist ein Titel, der einen Platz auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2015 mehr als verdient gehabt hätte.

Lesen Sie weiter

<b>Der gebürtige Dresdner Peter Richter, heute Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in New York, erzählt von den Wendejahren 1989/90 in seiner Heimatstadt. In aller Drastik wird eine Adoleszenz vorgeführt, die vom Verschwinden einer gesamten Gesellschaftsordnung geprägt ist. Der große Wenderoman ist es allerdings nicht geworden.</b> Thomas Brussigs Maueröffnungsphantasie „Helden wie wir“, Uwe Tellkamps behäbige Bildungsbürger-Saga „Der Turm“, Lutz Seilers virale Hiddensee-Memorabilie „Kruso“: All dies sind mögliche Antworten auf die Erwartungshaltung an den „Großen Wenderoman“ über das Ende der DDR. Nun also kommt Peter Richter mit „89/90“. Das Buch passt allerdings schon deshalb nicht in diese Reihe, weil es strenggenommen kein Roman ist. Denn es fehlen dessen Deutschlehrer-Definitionsmerkmale: Keine Entwicklung der Hauptfigur, sie ist zwischen 15 und 17 Jahre alt, schwerst frühreif und verbringt ihre Tage und vor allem Nächte rauchend, saufend und bisweilen klauend aushäusig; die Schule ist zum Schlafen da. Und sie bewegt sich dabei in Milieus, von deren Existenz die meisten Leser wohl nicht einmal ahnten. Und es gibt auch keinen Spannungsbogen, wenn man mal davon absieht, dass hinterher alles anders ist als vorher. Nein, kein Roman, aber eine stark autobiografische Anekdotensammlung über ein Aufwachsen in einem Lande im freien Fall. Der Ich-Erzähler und seine Punk-Clique hat für die untergehende Kleinbürger-DDR nichts übrig und muss sich dennoch von Neonazis verprügeln lassen, die in ihm eine linke Zecke ausmachen. In den Plattenbaugebieten von Dresden erlangen die Skinheads schnell die Straßenhoheit – dass es in der DDR keine Rechtsradikalen gegeben habe, war immer nur ein frommer Wunsch der Staatsführung. Umgekehrt sind seine eigenen Leute auch nicht zimperlich: Sie knacken die gerade vom Gebrauchtwagenbetrüger für teures Westgeld erworbenen Kadetts und Escorts und fahren sie mutwillig gegen die nächste Wand – weil der Besitzer einen „Deutschland“-Aufkleber einer rechtsextremen Partei draufgepappt hatte. Linke und rechte Jugendgangs sind die eine Welt – die DDR-„Normalbürger“ die andere. Für diese „Schimmelmenschen“ hat der Protagonist nur fassungslose Verachtung übrig. Sie tragen dauergewellte Vokuhila-Frisuren, Schnauzbart und stone-washed Jeans – Schimmeljeans eben. Die Schimmelmenschen bejubeln Helmut Kohl im Dezember 89 an der Frauenkirche, feiern die Währungsumstellung wie Silvester und werfen dabei ihre wertlos gewordenen Alu-Pfennige wie Konfetti in die Luft. Sie kaufen Westmarken und wundern sich, dass sie bald arbeitslos werden. Sehr schön liest sich das bei Richter am Beispiel der Bierpreise: „Das Coschützer oder Feldschlösschen kosteten jetzt auch in der Kneipe nicht mehr 55 Pfennig das Glas, gewissenlose Wirte wollten auf einmal bis zu zwei Mark West dafür. Wer noch den Schwarzmarktkurs von früher im Kopf hatte, kam auf irgendwas zwischen 14 und 18 Mark für ein Bierchen. Da strich sich der Schimmelmensch verdutzt über den Schnauz, das hatte er irgendwie nicht bedacht bei der ganzen Sache.“ Richter beobachtet respektive erinnert genau, vor allem die Kleinigkeiten des Alltags, darin Walter Kempowski nicht unähnlich. Mit der großen staatstragenden Erzählung von der Wiedervereinigung in Einheit und Freiheit kann dieser damals Sechzehnjährige nichts anfangen, vielmehr wird hier in aller Drastik und mit viel Dresdner Lokalkolorit eine Gegenerzählung aufgemacht, die oftmals urkomisch und immer erhellend ist. Die große Pointe dabei: Die schimmeligen Einheitsjubler sind zu Wendeverlierern geworden; der Protagonist und seine Clique haben hingegen ihre neuen Möglichkeiten genutzt, waren mobil, waren im Ausland, haben jetzt interessante Jobs. Und ihren Frauen, die nicht in diesem kleinen, sonderbaren Land DDR aufgewachsen sind, haben sie einiges zu erzählen.

Lesen Sie weiter

Dresden, die Stadt und das Umland dazu, die derzeit in aller Munde ist. Wegen Flüchtlingsdebatten, Schmarotzervorwürfen und braunem Gedankengut. Diese Stadt, die ich als meine Heimat bezeichne (nicht ganz genau, denn ich bin im 30km entfernten Meißen aufgewachsen), ist der Schauplatz zu Peter Richters autobiographischen Roman “89/90″ mit Peter Richter als Chronist der Ereignisse in dieser Zeit und dieser Stadt. Ein lesenswertes Buch über pubertierende Jugendliche, die mit der Wende nicht so richtig etwas anfangen konnten, über Jugendkultur in der DDR und wie junge Menschen trotz aller Geschichte einfach ihr Leben leben. Wie will man ein Buch über die Wende schreiben, dass es noch nicht gab oder Dinge beleuchtet, die noch nicht beleuchtet wurden? Entweder man lässt es bleiben, weil es eigentlich nicht geht, oder man versucht den Weg von Peter Richter zu gehen, der seine eigenen Erlebnisse in diesen (Tatsachen)- Roman verarbeitet hat. Peter Richter tritt in diesem Fall als Ich- Erzähler auf und lässt alle anderen Figuren nur mit Vornamensabkürzungen (V.) oder Spitznamen (Kiste) auftreten. Der Zeitraum, in dem das Buch spielt, ist durch den Titel schon gegeben. Es spielt sich alles in Dresden und Umgebung ab. Peter Richter stellt uns in diesem Buch sein jüngeres Ich vor. Wir lernen ihn als 16 Jahre alten Jungen kennen, der alles macht, was Jungs in diesem Alter nun mal machen. Sie schauen den Mädels nach, hören Musik, tricksen die Eltern aus und mogeln sich irgendwie durch die Schule. Doch etwas ist für die Jugend der DDR anders. Zum einen bekommt man in der Schule immer wieder eingebläut, wie schlecht der Westen ist und wie gut die DDR. Man bekommt das System in den Kopf gehämmert. Es gibt dann eben jene Schüler, die das alles annehmen und die, die diese Art Unterricht hinnehmen und dann einfach nicht hinhören. Zur zweiten Sorte gehörten eigentlich die meisten. Auf der anderen Seite wartete vor allem für die Männer immer die NVA und die ganzen Vorbereitungslager, so zum Beispiel das Wehrlager, dass Peter Richter und seine Freunde als letzter Jahrgang mitmachen mussten. Und doch ist in dieser Zeit etwas anders. Die Stimmung ist gegen das System gerichtet. Langsam kommt die ganze Wucht ins Spiel, die die Wende ausgelöst hat. Geschichte tropft von den Seiten und doch ist es noch nicht politisch, denn dass, was in den Geschichtsbüchern steht wird aus den Augen Peter Richters und seinen Freunden geschildert, die mitten im Geschehen sind. So zum Beispiel als es zu den Ausschreitungen mit der Polizei auf der Prager Straße kam. Und dann kam das Jahr 1990 und plötzlich waren alle Dinge, die diese Jugend geprägt haben, verschwunden. Wurden abgelöst durch Treuhand, Begrüßungsgeld und Punkrock aus dem Westen. Die alten Freunde, die 89 noch die Chance zur Flucht genutzt hatten, kommen wieder und sind total verändert und atmen schon nach dieser kurzen Zeit die Luft des Kapitalismus. Und noch etwas ist anders. Peter Richter als Punk bekommt das besonders zu spüren. Die Rechten mit ihren Springerstiefeln inklusive weißen Schnürsenkeln, Bomberjacken und Glatzen machen Jagd auf alles was andersartig ist und nicht ihrem Deutschbild entspricht, seien es Punks oder Ausländer. Die Stimmung ist aufgeladen, gereizt und in dieser turbulenten Zeit scheint sich niemand dafür zuständig zu fühlen, dieses braune Aufleben einzudämmen. Somit regiert in der neuen Zeit, in die man aufgebrochen ist, die Dinge anders anzupacken, die Angst und Resignation, die sich auch im Herbst 1990 nicht aufzulösen scheint. Will man die Dinge verstehen, die heute so durch Dresden geistern (pegida, Fremdenfeindlichkeit), kommt man um „89/90“ nicht herum. Es beleuchtet die Zeit in den Jahren 1989 und 1990. Eine Bestandsaufnahme dieser Zeit, in der sich nicht nur für die Elterngeneration (also 30 plus) viel änderte sondern auch für die jungen Menschen, die kurz vor ihren Schulabschlüssen stehen und mitten in diesen Umbruch hinein geschmissen werden. Pupertät ist auch so schon ein schwieriges Alter. Dort noch Geschichte mitschreiben zu müssen, macht diese Zeit nicht einfacher. Peter Richter arbeitet sich gerade im Herbst 1989 in sehr amüsanter Weise an diesem Punkt ab und bringt mir, der zu diesem Zeitpunkt in derselben Gegend wohnte, aber 8 Jahre jünger war, das Leben dieser Jugend näher. Vieles erkenne ich in seinen Beschreibungen wieder (Prager Straße = Rue, viele Marken der DDR und manche Sprüche, die sich über meine Eltern erhalten haben), haben mich erheitert und zum nachdenken angeregt über diese Zeit, die mir heute so fern und fremd erscheint, da ich sie nicht richtig begreifen konnte. Die Ausschreitungen auf der Prager Straße und am Dresdner Hauptbahnhof beschreibt der Autor sehr realistisch und von Erzählungen meines Vaters, der da auch vor Ort war, konnte ich mir davon ein wenig ein Bild machen. Geschichte in Realform sozusagen. Was Peter Richter aber dann für das Jahr 1990 beschreibt kann man heute wieder oder immer noch beobachten. Jedenfalls ist der Grundstein für heutige Pegida- Züge und braune Gedanken damals gelegt worden. Diese Beschreibungen klingen dann nicht mehr so lustig, wie der erste Teil. Wenn Peter Richter Jagdszenen auf sich und seine Kumpels auf das Papier bringt, wird einem mulmig in der Magengegend. Ebenso wie sich der Freundeskreis plötzlich in die linke und rechte Ecke des politischen Spektrums orientiert und das plötzlich manche, mit denen man früher noch auf dem Schulhof in der Pause eine geraucht hat, im nächsten Moment einem eine in die Fresse hauen wollen. Für alles benutzt Peter Richter eine Art realistische Sprache mit teilweise Anleihen an Jugendsprech der damaligen Zeit. Was beim Lesen aber irritiert sind die Namensabkürzungen, die man so im ganzen Buch hinnehmen muss und die ganzen Fußnoten, die gewisse Dinge wie Markennamen oder DDR- typische Begriffe beschreiben. Das unterbricht den Lesefluss ungemein und man kann an manchen Stellen nicht so richtig in die Geschichte abtauchen beziehungsweise die Charakteristiken zu den jeweiligen Buchstaben zuordnen. Da kommt man immer durcheinander. Besser hätte ich zum einen gefunden die Fußnoten in ein abgetrenntes Kapitel am Ende des Buches zu stecken damit diejenigen, die es interessiert, diese nachlesen können und zum anderen hätte ich nicht die Namen abgekürzt sondern mir Spitznamen ausgedacht, wie bei manchen, die wahrscheinlich die richtigen Spitznamen derjenigen Personen waren. Ob es nun ein Stilmittel ist oder dazu gedacht, gewisse Personen zu schützen, weiß nur der Autor, aber für mich war es somit schwierig, mit den Figuren mitzugehen. Trotz dieser Schwächen hat Peter Richter aber eine Art Roman vorgelegt, in der Geschichte wieder lebendig wird. Man wird förmlich hineingezogen in diese Art Rausch, die diese jungen Leute damals befallen hat, die an Parolen wie „Wir sind das Volk“ nicht recht glaubten, die aber trotzdem mitmachten. Eine sehr realistische Lektüre, die man als Roman und/oder als Sachbuch ansehen kann. Es beschreibt zwar nur einen kleinen Blickwinkel der Wende und doch steckt in diesem kleinen Ausschnitt alles drin, was damals ausschlaggebend war, dass es funktioniert hat. Für alle die in Geschichte nicht aufgepasst haben, die dafür zu klein waren (wie ich) oder zur Erinnerungsauffrischung – mehr als eine lohnenswerte Lektüre, die das Thema Wende stilistisch mal etwas anders anpackt und dadurch richtig interessant wird. Für alle Dresdner + Umland (zugezogen oder da geboren) ist es in meinen Augen sogar eine Pflichtlektüre.

Lesen Sie weiter

Peter Richter hat ein grandioses Buch über die Zeit der Wende geschrieben, dass ich trotzdem nicht zu Ende lesen kann. 042_87462_153640_xlEine kindlich unbeschwerte, pubertäre Stimmung herrscht in Dresden 1989. Man rebelliert ein bisschen und versucht doch angepasst genug zu sein, um die gewünschte Schulform besuchen zu dürfen. Jungsfreundschaften und zarte Mädchenbande sind der Rahmen, in dem sich das Leben des Protagonisten bewegt, doch der Zeitpunkt des Umsturzes rückt näher und wird Biographien verändern. Richter tritt aufs Gas und lässt wieder bedächtige Ruhe einkehren, er mischt kurze Viertelseiten-Episoden mit längeren Passagen. Der Autor ist ungeheuer klug, was man, wenn nicht aus Deutsches Haus oder Über das Trinken, dann zumindest aus seinen Texten für diverse Zeitungen, inzwischen der Süddeutschen Zeitung, weiß. "Und weil im Westen die ganzen alten Nazis schon wieder beziehungsweise immer noch in den Behörden, den Gerichten, den Schulen und den Universitäten saßen, während im Osten mal was Neues angefangen wurde. Und weil es ganz so aussah, als ob das auch das Bessere sei, wenigstens moralisch. Und weil Leute wie Anna Seghers oder Bertolt Brecht das auch so sahen. Weil damals die Deutsche Reichsbahn dafür sorgte, dass man nach einer Aufführung in Brechts Berliner Ensemble mit dem Spätzug noch nach Hause kam. Und natürlich, weil dieses Zuhause der absolut schönste Ort der ganzen Welt sein konnte..." Der Grund dafür, dass ich das Buch trotz solcher Passagen der Hellsichtigkeit und solcher des besten Humors nicht zu Ende lesen kann ist trivial. Mir fehlt, zu spät geboren, das Hintergrundwissen der kleinen DDR-Schnurren und großen -Sünden, die zwar allesamt in unterhaltsamen Fußnoten erläutert werden, aber meinen Lesefluss zu sehr bremsen. Gleiches gilt für die Marotte R.s seine Personen nicht mit vollen Namen zu benennen sondern grundsätzlich abzukürzen. Die Ungeduld hält mich von 89/90 ab. Ich habe nun aber das Buch meiner Mutter gegeben, sie wird es lieben, wie sicher viel andere, denen ich den Lesespaß von Herzen gönne. "[…] der Abschied von der Ideologie des Zweittaktmotors war damit eingeleitet. Der Zweitaktmotor war in jenem Land so sakrosankt gewesen wie der Führungsanspruch der SED. Dass jetzt hier Viertakter verbaut wurden, hätte einem im Prinzip schon Symbol genug sein müssen für das nahende Ende. Aber wir sahen das trotzdem nicht. Wir freuten uns auf Porschemotoren für den Trabant."

Lesen Sie weiter