Leserstimmen zu
Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson

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hrer Cover-Version von Shakespeares Das Wintermärchen stellt die Autorin eine Inhaltsangabe des Originals voran und beginnt ihre Nacherzählung dann damit, dass der verwitwete Shep in La Bohemia, Louisiana, gemeinsam mit seinem zwanzigjährigen Sohn Clo zuerst mit dem Auto in eine Schießerei gerät und dann, einer Eingebung folgend, ein Baby aus einer Babyklappe hebt und mitnimmt. Zwischen dem Baby und der Schießerei besteht ein Zusammenhang, da ist Shep sich sicher. Das Baby hat auch einen Namen, Perdita, und in der Folge erfahren wir, dass sie die Tochter des in London lebenden Investmentbankers Leo und seiner Frau MiMi ist. Kurz vor der Geburt des Mädchens war Leo vollkommen ausgerastet: von der fixen Idee besessen, Xeno, sein engster Freund seit der gemeinsamen Zeit im Internat, sei der Vater des Ungeborenen, hatte er MiMi aus dem Haus getrieben. Mit der irrwitzigen Vorstellung, auf diese Art vielleicht seine Ehe retten zu können, hatte Leo dann seinen Angestellten Cameron beauftragt, den „Bastard“ außer Landes zu schaffen. Dank der Inhaltsangabe haben wir eine ungefähre Vorstellung davon, wie es weitergehen wird. Meine Meinung: Im Interview erzählt Jeanette Winterson, selbst ein Adoptivkind, sie habe die Geschichte des Findelkindes Perdita schon ihr gesamtes Erwachsenenleben lang wie einen Talisman mit sich herumgetragen und sei von ihr getragen worden. Jetzt habe sie den Roman geschrieben, weil sie in ihrem Alter dazu in der Lage sein sollte, meint sie. Und sie ist dazu in der Lage. Im Laufe dieser lebenslangen Beschäftigung mit dem Text hat die Autorin wohl unzählige Ideen gesammelt, die nun in den Roman Eingang gefunden haben. Dieses Mosaik aus Regieeinfällen nach Shakespeare-Motiven, beispielsweise eine Szene in der Pariser Buchhandlung Shakespeare and Co, wirkte zu Beginn auf mich etwas konstruiert, aber dieser erste Eindruck verschwand sehr schnell. Im schon zitierten Interview weist Winterson darauf hin, dass das Original in Shakespeares späte Schaffensperiode fällt, in der er seine Frauengestalten anders als in früheren Stücken am Leben lies. Leo ist rasend eifersüchtig wie Othello, aber MiMi ist nicht Desdemona. Dadurch wird aus der Tragödie der ersten drei Akte eine Komödie, ein anderes Level also. Damit das gelingt, lässt Shakespeare den Gauner Autolycus auftreten. Dieser mutiert bei Winterson zu einem Autohändler. Den Dialog, in dem Autolycus Clo erläutert, wie die Tragödie des Ödipus durch einen Kreisverkehr abzuwenden gewesen wäre, fand ich ebenso witzig wie die Tatsache, dass er Clo einen DeLorean aufschwatzt. Dass Shakespeares Stücke zeitlos sind ist ein Gemeinplatz, aber wer hätte gedacht, dass sich ein Wagen aus Zurück in die Zukunft ebenso gut einfügt wie ein Motiv aus einem Superman-Film oder Textzeilen aus Hits der 50er- bis 80er-Jahre. Auch hier bleibt der Roman Shakespeare treu: dieser lockerte sein Stück mit sechs Gesangs- und zwei Tanzeinlagen auf. Die Liste der Parallelen zwischen Stück und Roman ließe sich bei gründlicher Recherche bestimmt noch lange fortsetzen, aber dann wäre es mit dem sich Verlieren wohl vorbei und der Spaß verdorben, daher zum Schluss nur noch eine Anmerkung zur deutschen Ausgabe: Sabine Schwenk ist eine Übersetzung gelungen, der man die Übersetzung nicht anmerkt. Spaß gerettet.

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#Shakespeare400: Das Wintermärchen – das Original Mit William Shakespears „Das Wintermärchen“ beschäftigt sich die britische Schriftstellerin Jeanette Winterson im Rahmen des Projekts #Shakespeare400 und erschafft dabei mit ihrem Roman „Der weite Raum der Zeit“ eine moderne Familiengeschichte. „Das Wintermärchen“ entstand Anfang des 17. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte des von Eifersucht und Neid getriebenen sizilianischen Königs Leontes, der seine schwangere Frau der Untreue bezichtigt. #Shakespeare400: Der weite Raum der Zeit Leo ist Investmentbanker und er hat alles, was man sich nur wünschen kann: neben viel Geld und Macht ist er Vater eines kleinen Sohnes, den er abgöttisch liebt. Seine Frau erwartet das zweite gemeinsame Kind und Leos Leben könnte problemlos sein, wäre da nicht dieser nagende Zweifel an der Treue seiner Ehefrau MiMi, der sich in Eifersucht verwandelt. Ehe sich Leo versieht, hat seine entbrannte Paranoia nicht nur seine Frau schwer verletzt, seinen besten Freund vertrieben sondern auch seine neu geborene Tochter Perdita in die unbekannte Fremde entsandt. Sie bliebt spurlos verschwunden. Das Wüten eines Mannes: die Zerstörung einer Familie – #Shakespeare400 In blinder Wut zerstört Leo seine gesamte Familie und nicht nur das, auch seinen besten Freund aus Jugendtagen, Xeno, verliert er mit den haltlosen Anschuldigungen. Realität und Wahn verschwimmen aus Leos Perspektive und werden zu einem Gemisch aus Lug und Trug. Seine Eifersucht auf andere macht ihn rasend. Für die Argumente seiner Freunde, wie etwa der lebensfrohen und loyalen Pauline, ist er nicht mehr offen. Mit seiner unüberlegten, aber durchaus perfide geplanten Tat zerstört er nicht nur sein eigenes Lebens, sondern stürzt alle Figuren seiner näheren Umgebung in Chaos, hinterlässt Trauer und Verlust. Das Schicksal: der Beginn einer neuen Familie – #Shakespeare400 Doch aus Lügen, Wahn und Neid kann auch etwas Gutes entstehen. Zufällig oder schicksalhaft sind der klavierspielende Shep, der ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt, und sein Sohn Clo Zeugen als ein Mann mitten auf der Straße zu Tode geprügelt wird. In der nahen Babyklappe liegt ein Mädchen mit einem Koffer voller Geld. Shep nimmt sich der kleinen Perdita an und eine neue Familie entsteht, die dank des Geldes ein besseres Leben führen können. Über Glauben und Moral: die Vergangenheit Die Vergangenheit ist ein wichtiges Element in Jeanette Wintersons Roman, denn „Der weite Raum der Zeit“ erzählt die Geschichte von unterschiedlichsten Figuren, deren Vergangenheit und Gegenwart miteinander kollidieren. Jede Figur hat ihre Persönlichkeit im Laufe dieser Zeitspanne verändert, wie etwa Leo, der von einem draufgängerischen Jugendlichen, der seine wahre Sexualität sucht, zu einem paranoiden Mann geworden ist und im Zuge seiner Taten eine Kettenreaktion ausgelöst hat; er bliebt einsam zurück. Ereignisse der Vergangenheit interpretiert er in einer Art und Weise, die sein Handeln dazu in logische Konsequenz setzen. Aus der einstigen Freundschaft zwischen Leo und Xeno wird ein tödliches Spiel, das auch Xenos Familie zu einer unglücklichen Familie werden lässt. Zu seinem Sohn hat er nur wenig Kontakt, denn seine dauernde Abwesenheit hat die einst gute Beziehung immens getrübt. Stattdessen arbeitet er als Entwickler schon seit Jahren an einem Spiel mit dem Titel „Der weite Raum der Zeit“. Mit diesem Spiel verarbeitet er die Vergangenheit auf, vermischt Fiktion und Realität und lässt die Figuren seines Lebens in Rollen schlüpfen. Perdita hingegen wächst behütet am anderen Ende der Welt auf. Mit ihrem Vater und Bruder führt sie ein gutes Leben, bis sie sich in Xenos Sohn verliebt und die Wahrheit über ihre Herkunft herausfindet. „Der weite Raum der Zeit“ ist ein Spiel der Figuren, der Vergangenheit und – natürlich – auch der Zeit. Bestimmte Momente und Entscheidungen dehnen sich wie eine zähe Masse, lassen das Leben aus den Fugen geraten und der Rückblick auf diese vergangenen Zeitpunkte erscheinen als unveränderliche Gegenwart. Jeanette Wintersons Roman „Der weite Raum der Zeit“ ist ein spannendes Buch, denn es besteht aus mehreren Ebenen und hat tiefgründige Figuren. Keine von ihnen ist schwarz oder weiß, gut oder böse, sie alle sind eine graue Mischung – abgesehen vielleicht von Wintersons Liebespaar, die durch ihre Jugend in das Chaos ihrer Familien hineingeboren wurden. Aber von einer klassischen Liebesgeschichte kann bei „Der weite Raum der Zeit“ nicht die Rede sein, denn Winterson verpackt ihren Roman in ein Familiendrama in der Vergangenheit und lässt die Figuren in der Gegenwart aus dem angerichteten Chaos herauskriechen – jede auf ihre Art. Eine gewisse Sogwirkung entwickelt sich dabei, wenn der Leser die vorangestellten Ereignisse so langsam in den Kontext der Gegenwart setzen kann – spannend, verwickelt und durchaus lesenswert. Mich hat „Der weite Raum der Zeit“ auf sehr positive Weise überrascht. Ich bin in das Buch hineingestolpert und konnte es am Ende nicht mehr weglegen.

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Leons Frau MiMi ist schwanger, doch er ist sich sicher, dass das Kind das Ergebnis einer Affäre mit seinem besten Freund Xeno ist. Nach Perditas Geburt soll das Kind zu Xeno geschafft werden, er will es nicht sehen und glaubt den Unschuldsbeteuerungen seiner Frau kein Wort. Doch Perdita kommt nicht bei Xeno an. Jahre später will Perdita mit ihrem Freund Zel mehr über ihre Vergangenheit herausfinden und stößt auf Leons Geschichte. In „Der weite Raum der Zeit“ bearbeitet Jeanette Winterson Shakespeares „Wintermärchen“ neu und sehr modern. Trotzdem bleibt das Grundkonzept erhalten, die Namen erinnern an die Originale und die Story ist auch sehr ähnlich, wird jedoch in eine moderne, sehr kapitalistische Welt katapultiert. Mir hat der Schreibstil von Winterson besonders gut gefallen, die Story wird dadurch spannend und beim Lesen taucht man völlig ein in die Welt von Perdita und Leon. Die blinde Eifersucht, die ihn treibt und damit MiMi sogar fast das Leben kostet, ist beängstigend und nur schwer nachvollziehbar für mich, aber er zerstört damit nicht nur sein Leben, sondern auch das aller Menschen um sich herum. Nach diesem speziellen Tag, an dem er Perdita weg gibt, ist nichts mehr wie es je war, weder für seine Frau, noch für Xeno oder Leons Sohn Milo. Sehr gut beschreibt Winterson die umfassende Gewalt, die in der der destruktiven Kraft der Eifersucht wohnt. Perdita bildet einen regelrechten Gegenpol, behütet aufgewachsen glaubt sie an die Kraft von Liebe und Vertrauen und ist von ihrer Vergangenheit sehr schockiert. Jeanette Wintersons Bearbeitung von Shakespeares „Wintermärchen“ für das Hogarth Shakespeare Projekt ist spannend, bewegend und sehr modern geschrieben. Auch ohne die Kenntnis vom Originalstoff ist das Buch absolut empfehlenswert.

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Ein Wintermärchen

Von: Petra

10.01.2017

Im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects, im Herbst 2015 anlässlich des 400. Todestages des großen Dramatikers 2016 gestartet, erschien im April 2016 Jeanette Wintersons Adaption von „Das Wintermärchen“ („The Winter´s tale“) unter dem Titel „Der weite Raum der Zeit“ auf Deutsch (Originaltitel: „Gap of time“). Dieses Stück des großen Dramatikers gehört zu den eher seltener gespielten. Zunächst den Komödien zugeordnet, zählt es nun präziser zu den Romanzen Shakespeare. Hier paaren sich durchaus komödiantische Züge mit eher düsteren Themen und Grundkonstellationen. Typisch ist die in lang vergangener Zeit und märchenhaft verfremdeten Orten spielende Handlung.Weiterlesen ... Dabei befinden wir uns zunächst am sizilianischen Königshof. König Leontes wütet, da er seine Ehefrau Hermione des Ehebruchs mit seinem alten Freund Polyxenes verdächtigt. Die neugeborene Tochter Perdita soll zunächst getötet, dann in der Fremde ausgesetzt werden. Sowohl der erstgeborene Sohn als auch Hermione überleben diese Tragödie nicht, Polyxenes kann fliehen. Perdita wird von Schäfern an der Küste (!) Böhmens gefunden und großgezogen. Viele Jahre später trifft sie dort auf Polyxenes Sohn, der sich in sie verliebt und mit ihr vor seinem Vater nach Sizilien flieht. Dort treffen alle Personen aufeinander und nach all den turbulenten Verwicklungen kommt es zu einem großen Happy-End. Diese typisch verworren-verwickelte Geschichte verlegt nun Jeanette Winterson nach London bzw. die USA der heutigen Zeit. Dabei gelingt es der Autorin großartig, die Handlung einerseits zu entwirren und zu klären, andererseits aber auch ganz eng am Original zu bleiben. Leo ist hier der „König“ eines äußerst erfolgreichen Hedgefonds namens „Sicilia“, die Eifersucht auf seinen Freund Xeno treibt ihn in eine regelrechte Raserei, deren Opfer die neugeborene Tochter wird, die (ebenfalls übers Meer) in die Südstaatenregion „New Bohemia“ zum vermeintlichen Vater Xeno gebracht werden soll, aber auch der Überbringer Tony, der dort von Gangstern überfallen und getötet wird. Zuvor gelingt es ihm noch, Baby und Geldkoffer in einer Babyklappe zu platzieren, wo sie von dem Afroamerikaner Shep (!) gefunden und quasi adoptiert wird. Opfer werden auch Leos Sohn Milo, der verunglückt, und Ehefrau MiMi, die den Verlust beider Kinder nicht verwindet und sich völlig von der Welt zurückzieht. Schon dieser Teil der Inhaltsangabe zeigt, wie eng Jeanette Winterson am Original bleibt, und auch der weitere Handlungsverlauf bleibt diesem Ansatz treu. Es ist frappierend, wie scheinbar mühelos die Autorin zu dem 400 Jahre alten Text die zeitgenössischen Äquivalente findet. Das Orakel von Delphi, das über die wahre Vaterschaft entscheiden sollte, wird hier zum DNA-Test, der König zum Hedgefonds-Manager. Das Umfeld ist modern, die Gefühle und viele Reaktionen des Personals archaisch. Wieder einmal ist man überrascht über die Zeitlosigkeit der Werke Shakespeares. Jede Zeit scheint aus ihnen „Ihren“ Shakespeare herauslösen zu können, sei es in Nachdichtungen, Filmen oder auch im Fernsehen). Auch Autoren wie John Updike („Gertrude und Claudius“) oder unlängst Ian McEwan in „Nussschale“ nehmen immer wieder Bezug auf ihn. Einige Rezensenten haben Winterson die allzu enge Anlehnung an das Originalwerk vorgeworfen, die gezwungene Modernisierung des Plots oder auch das allzu glückliche Happy-End. Mir hat gerade diese Transformation ausgesprochen gut gefallen, ich war immer wieder überrascht, wie stimmig die Autorin diese Aktualisierungen hinbekommen hat, wie eng sie am Text entlang schrieb, wie sie auch immer wieder Anspielungen auf Shakespeare einstreut, „Eigentlich ein perfekter Satz, schoss es Cameron durch den Kopf: Adjektiv, Substantiv, Verb, alles eins und alles gesagt. Natürlich kein Shakespeare, aber absolut zweckmäßig.“ . „„Es gibt da einen alten Spruch, erwiderte Pauline. „Wo keine Hilfe ist, sollt´ auch kein Gram mehr sein.“ „Das ist Shakespeare.“, sagte Tony, „Das Wintermärchen.““ „Pausen“ in die Geschichte einbaut, auch die „Zeit“, die in Shakespeares Stück als Chorus einen eigenen Auftritt bekommt, einbindet. Die Zeit, der weite Raum der Zeit, in dem sich Positionen verändern, Vergebung möglich sein kann, die aber niemals angehalten oder gar zurückgedreht werden kann. Auch Xeno, der Spieleerfinder, arbeitet an einem Computerspiel namens „Der weite Raum der Zeit“. Das hat etwas ungemein verspieltes, (sehr amüsant zum Beispiel auch die Ödipus-Nacherzählung von Autolycus – übrigens auch ein Shakespeare-Charakter – für einen völlig unbedarften amerikanischen Jugendlichen), ohne ganz auf kritische, aktuelle Positionen zu verzichten. „Der (Börsen)Crash war nichts anderes als ein Spiel namens Reise nach Jerusalem: Solange die Musik lief, fragte keiner, ob es genug Stühle gab. Wer will schon sitzen, wenn man tanzen kann.“ . „Die Armen wurden ärmer, die Reichen reicher. Menschen schlachten sich gegenseitig ab. Was war das für ein Gott (…)“ Das Buch kann natürlich auch für sich allein stehen. Dennoch ist zumindest eine oberflächliche Kenntnis des Originals zu empfehlen. Nur so sind die vielen Anspielungen, die liebevollen Adaptionen, aber auch der größte Teil des Handlungsverlaufs gänzlich zu genießen. Führ' uns von hier, daß dann mit beßrer Muße Ein jeder frag' und höre, welche Rolle Wir in dem weiten Raum der Zeit gespielt, Seit wir zuerst uns trennten. Folgt mir schnell!" Besonders das Ende ist ohne den Shakespeare-Bezug eher weniger überzeugend. In einem heutigen Buch würde ich ein derartiges Happy-End nicht durchgehen lassen. Aber was wären Shakespeares Dramen ohne den großen Auftritt am Ende, an dem sich alles klärt und sich alle in den Armen liegen (es sei denn, wir sitzen in einer der Tragödien, dann liegen fast alle bereits im Grabe). Winterson hat ein klein wenig früher geendet. Ob es tatsächlich zur Klärung oder gar Versöhnung kommen wird, können wir nicht wirklich wissen, der Boden ist nur bereitet. Ein Zugeständnis an den heutigen Leser. Und so verlassen wir am Ende beglückt mit der Autorin die Personen, die übrigens ganz theatralisch auf einer Bühne, im Londoner Roundhouse, stehen. „Lassen wir sie nun alle samt Musik in diesem Theater zurück. Auf einem der hinteren Plätze habe ich darauf gewartet, was noch geschehen würde, und nun stehe ich draußen in der Sommernacht, der Regen tastend in meinem Gesicht. Ich habe diese Cover-Version geschrieben, weil das Wintermärchen seit mehr als dreißig Jahren ein sehr persönlicher Text für mich ist.“ Noch vier weitere Bücher aus dem Hogarth Projekt werden sich mit den Tragödien Shakespeares beschäftigen. Man darf gespannt sein.

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Ein wahnsinnig rasantes und starkes Buch, welches so viele Eindrücke vereint. Eine Geschichte, die voller Emotionen und sehr klassisch geschrieben ist. Dieses Buch ist Teil eines Projektes aus dem Knaus Verlag, bei dem acht zeitgenössische und international bekannte Autoren ihre persönliche Neufassung eines Werkes von William Shakespeare präsentieren. D.h Nach und nach erscheinen moderne Neuerzählungen. Hier hat die Autorin sich "Das Wintermärchen" ausgesucht. Zu Beginn des Buches erhält man eine kurze Zusammenfassung des Originalstückes, für all diejenigen, die das Stück von Shakespeare nicht vorher kannten. Die Autorin schafft es gekonnt dieses Stück neu zu interpretieren. Sie bleibt bei ähnlichen Charakteren und Handlungsweisen. Man kann regelrecht Vergleiche ziehen, die sie sehr gut neu interpretiert hat. Natürlich ist der Schreibstil nicht einfach, sondern eher komplexer und wortgewandter also manch anderer Roman. Sie schafft es die Themen und Ideen aus Shakepseare's Stück nahezu zeitlos darzustellen. Es ist interessant zu sehen, wie spannend und neu die Geschichte gestaltet wurde, obwohl man das Stück schon kannte. Diese Neuinterpretation ist perfekt umgesetzt und ich bin schon auf weitere Neuauflagen gespannt!

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INHALT: Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird. Jeanette Winterson spielt souverän mit Figuren und Handlung aus Shakespeares "Das Wintermärchen" und erzählt eine verblüffend moderne Geschichte über rasende Eifersucht, blinden Selbsthass und die tiefe Sehnsucht in uns, die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen. COVER: Man könnte fast meinen, dass sowohl Titel als auch Cover des Buches recht unscheinbar sind. Was sich hinter dem Titel und der abgebildeten Feder verbirgt, erschließt sich erst im Laufe des Lesens. Die Autorin hat hier, wie viele andere bereits vor ihr, das Engelsmotiv in ihrem Roman verarbeitet. Das Buch und damit gleichzeitig auch das Hogarth Shakespeare Projekt würde sicher noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit bekommen, wenn ein kleiner Aufkleber auf der Folie angebracht werden würde. Der Zusammenhang zu Shakespeare wird erst ersichtlich, wenn man sich den Klappentext durchliest. MEINUNG: Der weite Raum der Zeit ist der zweite Roman, der im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekt im Knaus Verlag (Teil der Randomhouse Verlagsgruppe) erschienen ist. Das Projekt umfasst acht Neu-Interpretationen von Shakespeares berühmtes Werken geschrieben von acht internationalen Top-Autoren. In diesem Jahr sind bereits drei Romane erschienen: Howard Jacobson – Shylock (basierend auf Der Kaufmann von Venedig), Anne Tyler – Die störrische Braut (basierend auf Die widerspenstige Zähmung) und Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit (basierend auf Das Wintermärchen). Außer Romeo und Julia habe ich leider kein weiteres Werk von Shakespeare gelesen und das ist schon lange her. Ich habe Der weite Raum der Zeit durch Zufall mal im Buchladen entdeckt und es hat mich gleich angesprochen. Vom Knaus Verlag haben ich dieses Exemplar freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen. Ehrlich gesagt habe ich vom Wintermärchen noch nie etwas gehört, aber keine Bange, falls es euch auch so gehen sollte. Zu Beginn des Romans wird die ganze Geschichte, die aus drei Akten besteht, noch zusammengefasst. Dieser Aspekt hat mir sehr gut gefallen und ohne es gelesen zu haben, war ich im Bilde. Natürlich ist von Anfang klar wie die Geschichte beginnt und wie sie endet, aber das Dazwischen ist in dem Fall das Interessante. Jeanette Winterson hat alle Namen der Protagonisten an das Original angelehnt, aber quasi „modernisiert“. Shakespeare Stück spielt eigentlich in Sizilien. In Jeanette Wintersons Adaption spielt die Geschichte in London bzw. in den USA, in New Bohemia (Lousiana) und ist ebenfalls in dreie Teile geteilt, wie das Original. Selten habe ich ein Buch gelesen, was nachdenklich, poetisch, aber gleichzeitig auch vulgär und einfach in der Sprache ist. Das Buch vereint Themen wie Eifersucht, Rache, Vergebung, Sehnsucht, Trauer, Hoffnung, Liebe so harmonisch miteinander, so dass hier keine Seite überflüssig ist und am Ende auch alles gesagt worden ist. Die Geschichte lässt sich leicht und flüssig lesen und klingt trotzdem noch lange nach. Vor allem regt sie zum Nachdenken an und liefert eine interessante Sicht auf die eigene Vergangenheit und mit deren Umgang in der Gegenwart, die ich wirklich „open minded“ fand. Bei Shakespeare steht das Stück auch im unter dem Stern, des Vergebens und des Verzeihens. Der Roman zeigt auf, dass die Fehler, die Menschen begehen und seien sie noch so groß und eigentlich unverzeihlich, trotzdem eines Tages ein gutes Ende nehmen können. Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet und bieten eine bunter Mischung an Hautfarben, sozialen Stand und Sexualität. Dieser Aspekt hat mir sehr zugesagt und spricht auch für die Autorin. Die Geschichte kommt hier ohne Stereotypen aus. Die verschiedenen Erzählstränge, die in den ersten beiden Teilen aufgebaut werden, werden im dritten und letzten Teil zusammen geführt. Die Autorin greift auch innerhalb des Romans viele Anspielungen zu Klassikern, wie z.B. Ödipus auf. Man bekommt also nicht nur eine stimmige Geschichte, sondern kann sich mit diesem Roman auch gleichzeitig noch bilden. ;-) FAZIT: Der Roman von Jeanette Winterson als Teil des Hogarth Shakespeare Projekts bietet allen interessierten Lesern einen Einblick in die bekanntesten Werke von Shakespeare, ohne sich dabei mit der doch sehr anspruchsvollen Sprach- und Schreibweise des bekannten Dramatikers im Detail auseinandersetzen zu müssen. Mir hat der Roman außerordentlich gut gefallen. Ganz besonders die Schreib- und Sprachweise von der Autorin, die sich durch ihre Heterogenität auszeichnet und trotzdem harmonisch und in sich stimmig ist. Ich freue mich auf die weiteren Romane und werde mir auch die beiden bereits erschienen noch besorgen.

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Man nehme talentierte Autoren, eine Legende der Literatur und ein paar seiner Werke, um daraus etwas ganz Besonderes zu machen. "Der weite Raum der Zeit“ von Jeanette Winterson ist die neu interpretierte Version von Shakespeares „Ein Wintermärchen“. Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird. Nach ewiger Quälerei in der Schule durch diverse von Shakespeares literarischen Werken habe ich mich diesmal an die Neufassung herangetraut und es definitiv nicht bereut. Jeanette Winterson erzählt die Geschichte völlig neu, begeistert mit ihrem wunderbaren Schreibstil und bringt somit auch Menschen, die vorher nie viel für die hohe Kunst der Literatur übrig hatten, auf den Geschmack eins der größten Talente unserer Welt. Mich faszinierte nicht nur die Umsetzung des Projekts, sondern auch die Art und Weise, wie sie die Figuren zum Leben erweckt und den Leser mitnimmt in diese Story. Auch wer Shakespeare nie mochte oder mit seinem Stil, seinen Figuren oder Werken nie klargekommen ist, sollte sich dieses Buch vornehmen. Man würde es nie bereuen, im Gegenteil. Es bereichert und begeistert und ich danke dem Knaus-Verlag, dass ich die Möglichkeit hatte, dieses Buch lesen zu können.

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Nach Howard Jakobsons Shylock ist nun der zweite Roman zum Hogarth Shakespeare Projekt erschienen. Der weite Raum der Zeit von Janette Winterson ist ebenfalls bei Knaus erschienen. übersetzt von Sabine Schwenk umfasst es 288 Seiten und erzählt Shakespeares Wintermärchen neu. Leo ist davon überzeugt, dass seine hochschwangere Frau Mimi ihn betrügt. Noch dazu mit seinem besten Freunden, mit dem er selbst eine emotionale Vergangenheit teilt. Als die Lage eskaliert, kommt es zur Frühgeburt. Leo nutzt einen unbeobachteten Moment und lässt das Baby Perdita außer Landes schaffen, zum vermeintlichen Vater, er selbst will mit seinem Sohn ebenfalls das Land verlassen. Doch alles geht schief. Jahre später trifft Perdita, die von einem Witwer großgezogen wurde, auf einen jungen Mann und verliebt sich. Der ist aber ausgerechnet der Sohn von Leos damaligem besten Freund. Zusammen machen sie sich auf, herauszufinden, wo Perdita herkommt und was mit ihren Eltern geschehen ist. Janettes Wintersons Sprache ist wundervoll. Sie lässt den Leser eintauchen in die Geschichte und widmet sich den Figuren sorgfältig. Sehr gut gefallen hat mir die emotionale Hintergrundgeschichte. Die Päckchen, Schuldgefühle, Antriebe, werden so nicht nur in die moderne Zeit geholt, sondern erfahren auch eine neue Tiefe und Stärke. Die Fäden, die sich zwischen den Figuren spannen, die Feinheiten, die der Geschichte wirklich viel geben, haben mich sehr fasziniert. Interessant fand ich auch, wie Perdita mit dem Aspekt ihrer ungewissen Herkunft umgeht. Sie such nicht etwa ihre Eltern, sondern versteht in ihrem Ziehvater ihren Vater, sondern den Teil ihrer Identität, der ihr von Geburt aus gegeben war. Die Verbindungen zwischen ihr und ihren Eltern, die bestehen, bevor Perdita um sie weiß, finde ich sehr schön gezeigt. Gerade die Affinität zur Musik, die bei Mutter und Tochter vorhanden ist, wird geradezu motivisch verwendet. Das große Drama der Geschichte passiert etwa zu der Hälfte. Dass das Buch dann nicht aufhört, sondern sich mit dem danach beschäftigt, ist eine Besonderheit, die Shakespeare auch vielen heutigen Autoren immer noch voraushat. Die Spannungsspitze nicht als Ultimo sehen und dann strikt zum Ende kommen, sondern Raum für die Auflösung lassen. Raum hat in dem Buch nicht nur die Zeit, die Leitmotiv ist und auf mehreren Ebenen, nicht zuletzt durch die zeitlichen Sprünge in der Handlung, essentiell ist, sondern auch Engel und ihre Flügel. Die Frage, wer fliegt, wer fällt und wer am Boden bleiben muss, zieht sich durch die Charaktere, die stetig umeinanderkreisen. Eine wundervolle Umsetzung, die die großartige Vorlage weiterführt, ihr Tiefe gibt und Handlung sowie Figuren mehr Raum lässt. Dieses Buch sollte auf eure Wunschliste. Es ist große Literatur mit Gefühl und Realitätssinn. Eifersucht, Rache, Vergebung, Sehnsucht, Trauer, Hoffnung, Liebe. Alles zwischen zwei Buchdeckel und selten habe ich diese Elemente in so einer stimmungsvollen Komposition gesehen. Lesen!

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