Leserstimmen zu
Meine deutsche Literatur seit 1945

Marcel Reich-Ranicki, Thomas Anz

(6)
(1)
(0)
(0)
(0)
€ 26,99 [D] inkl. MwSt. | € 27,80 [A] | CHF 37,50* (* empf. VK-Preis)

Eine besonders zu empfehlende Darstellung der Literatur nach 1945, die ebenso unterhaltsam wie interessant zu lesen ist, ist Marcel Reich-Ranickis „Meine deutsche Literatur seit 1945“. Herausgegeben vom Professor für Neuere Deutsche Literatur in Marburg Thomas Anz, ist dies eigentlich genau genommen eine Sammlung von Beiträgen, Essays und Kritiken Reich-Ranickis über die wichtigsten bzw. bedeutendsten Autoren seit dem Jahr 1945. Marcel Reich-Ranicki ist nicht nur aufgrund seines Ansehens als Literaturkritiker bekannt, auch kennt man ihn durch das „Literarische Quartett“, eine Sendung in ZDF und ORF, in welcher Literatur besprochen wurde, bei deren Produktion er in den Jahren 1988 bis 2001 sowie 2005 und 2006 mitwirkte. Geboren in Polen und aufgewachsen in Berlin wird er aufgrund seiner jüdischen Konfession in ein Warschauer Ghetto deportiert. Nach Deutschland kehrt er erst 1958 wieder zurück, wo er auch erstmals als Kritiker einer Tagung der Gruppe 47 beiwohnt – zahlreiche weitere Teilnahmen folgen in den Jahren danach. (Dass er die Zusammenkünfte der Gruppe mitsamt deren Konventionen der Literaturkritik durchaus kritisch betrachtete, ist auch dem zweiten bis vierten Kapitel von „Meine deutsche Literatur seit 1945“ zu entnehmen.) „Solange es eine deutsche Literaturkritik gibt, so lange zweifelt sie an sich selber. Und stellt immer wieder sich selbst in Frage.“ (S.40) Ab 1960 war er als Literaturkritiker bei der Zeit, ab 1973 als Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig. Reich-Ranicki gilt wohl als der prominenteste Literaturkritiker der Bundesrepublik Deutschland, veröffentlichte seine Rezensionen und Essays in zahlreichen Büchern und verfasste schließlich 1999 seine erfolgreiche Autobiographie Mein Leben. 2013 verstarb er im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main. In seinen Essays und Kritiken, die Thomas Anz in „Meine deutsche Literatur seit 1945“ gesammelt herausgibt, zeichnet Reich-Ranicki jeweils Porträts der ausgewählten Schriftsteller, die für ihn auf die eine oder andere Art und Weise besonders aus der Geschichte der Literatur hervorstechen. Nicht unwesentlich dabei ist mitunter auch das WIE, denn durchaus öfter schlägt ein polemischer Ton durch, wenn er beispielsweise Christa Wolf als „gesamtdeutsche Mahnerin vom Dienst“ bezeichnet, deren Literatur er als „gut gemeint“ und zunehmend „blasser und geschwätziger“ darstellt. (S.462 f.) Sicherlich kann jedem einzelnen der teils auch relativ kurzen Kapitel mitunter auch eine Form der Wertung und Bewertung unterstellt werden, legitimiert durch die Nennung einzelner Werke, Passagen, Aussagen oder anderer Zusammenhänge – sehr oft mit einer Portion Humor und mittels amüsanter Wortwahl und nicht immer ganz ohne einen Funken Sarkasmus. Durchaus interessant ist auch die Anordnung der Essays: der Herausgeber geht dabei chronologisch im Bezug auf die zentralen Thematiken der jeweiligen Essays ein und ordnet die Artikel schließlich inhaltlich chronologisch an, damit auch dem Leser die zeitliche Orientierung bzw. Eingliederung leichter fällt. Die tatsächlichen Daten der Veröffentlichungen mitsamt genauer Quellenangaben findet man im Anhang des Buches nachstehend der Literaturhinweise und der editorischen Notiz. Dieses Werk, das man wohl durchaus auch als „Sammlung“ bezeichnen könnte, ist bestimmt keine Lektüre für Zwischendurch und ist auch weniger dafür geeignet, am Stück gelesen zu werden. Und natürlich ist die Lektüre mancher Kapitel, mancher Essays lediglich dann sinnvoll, wenn man das besprochene Werk kennt, gelesen hat oder sich zumindest dafür interessiert – Ist dies jedoch der Fall, ist eine Lektüre in jeder Hinsicht bereichernd und mitunter durchaus auch ziemlich unterhaltsam! Eine bereichernde Darstellung der Deutschen Literaturgeschichte ab 1945, die ich jedem und jeder, der/die sich mit den Größen der Literatur der Nachkriegszeit befasst, ans Herz legen möchte!

Lesen Sie weiter

Der Titel ist das Programm. In diesem Band finden wir Essays von Marcel Reich-Ranicki zu Literatur nach 1945. Marcel reich-Ranicki zu bewerten ist ziemlich schwer, fast unmöglich. Man kann sich einfach auf die Texte einlassen und sich unterhalten fühlen von der Art Reich-Ranickis mit den Texten und Werken umzugehen. Oftmals nimmt er kein Blatt vor den Mund, er ist kritisch und pflückt alles auseinander, webt aber auch alles in den großen gesamten Kontext in Bezug auf Politik und Weltgeschehen. Mich hier zum Schreibstil zu äußern ist vermessen. Ich denke, da muss man den Namen einfach für sich sprechen lassen. Es ist interessant Werke und Texte besprochen zu sehen, die man vielleicht selber schon gelesen hat und wie er darauf eingeht – besprochen werden Größen wie Günter Grass, Heinrich Böll, Martin Walser und Christa Wolf. Ein schönes Stück Literatur zum nachschlagen, schmökern und immer wieder lesen!

Lesen Sie weiter

Marcel Reich-Ranicki war ein halbes Jahrhundert lang einer der erfolgreichsten und bedeutendsten aber auch einer der umstrittensten deutschen Literaturkritiker. Er hat die literarische Nachkriegszeit wie kein anderer bis in das 21. Jahrhundert geprägt. Er war Teil der „Gruppe 47“, schrieb Kritiken für Feuilletons einflussreicher Zeitungen und war Teil des populären „Literarischen Quartett“ das wohl jeder von uns Buchfreunden kennt. 2014 erschien bereits der Band zur Geschichte der Literatur seit dem Mittelalter. „Meine deutsche Literatur seit 1945“, das von Thomas Anz herausgegeben wurde, beschäftigt sich mit der Literatur der Nachkriegszeit und DDR bis hin zur Gegenwart, also mit der tpyischen Gegenwartsliteratur. „Das außergewöhnliche intensive Interesse deutscher Autoren Anfang der sechziger Jahre für psychiatrische Motive ist also vollauf begreiflich – und dennoch beunruhigend. Bisweilen will es nämlich scheinen, dass wir es hier mit zwar naheligenden, aber auch bequemen literarischen Lösungen zu tun haben.“ (S. 34) – Aus Die deutschen Schriftsteller und die deutsche Wirklichkeit. Wir haben eine hervorragende und bunt gemsichte Auswahl an Essays und Kritiken von Marcel Reich-Ranicki vor uns, die zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören. Wir bekommen Einblicke in Lobreden, die bei ihm wahrlich selten sind, und seine Verrisse bekannter, für uns sehr großer Schrifsteller, die mit viel Ironie und Sarkasmus gespickt sind. Dabei sind sie aber immer ehrlich, tiefgründig und gerecht. Trotz teilweiser sehr harrscher Worte kann man Reich-Ranicki doch nie böse sein, denn er nimmt ein Buch richtig auseinander. Er zersetzt es, analysiert es, setzt es wieder zusammen und bringt es ihn den geschichtlichen, gesellschaftlichen Kontext und berücksichtigt dabei immer auch das Gesamtwerk und die Lebensgeschichte, den Werdegang eines jeden Autors. Nachrufe, Laudatien und Berichte aus Treffen der Gruppe 47 sowie Teile aus dem berühmten Literarischen Quartett runden diese exzellente Auswahl ab. „Neben dem Hang zum Sachlichen und zum Nüchternen kann man den Debütanten der sechziger Jahre auch einen sicheren Blick für reale Gegebenheiten und für konkrete gesellschaftliche Milieus nachsagen.“ (S. 36) – Aus Die deutschen Schriftsteller und die deutsche Wirklichkeit. „Meine deutsche Literatur seit 1945“ ist kein leichtes Buch, dass man einfach mal zwischenrein liest. Es ist ein Zeugniss der deutschen Literaturgeschichte. Hautnah erleben wir den Wandel in der Literatur der Nachkriegszeit bis heute, die viel die Kriegszeiten und die DDR als Rahmen hat. Egal ob Verriss oder Lobrede, Reich-Ranicki bleibt sich dabei immer treu, ganz egal, ob das Buch bereits gelobt wurde oder nicht. Er steht zu seinem Standpunkt und begründet dabei jedes Detail, das ihm wichtig ist. Gerade die Kritiken zu Beginn des Buches schweifen dabei oft sehr ausführlich in die Umwelt ab und in die Gegebenheiten unter denen die Geschichte entstand. Sehr interessant waren für mich vor allem die Aritkel, in denen es um die Literatur und Literaturkritik selbst geht, wie beispielsweise „Kritik auf den Tagungen der Gruppe 47“. „Dieses Buch ist eine Provokation und eine unglaubliche Zumutung. Dieser Anfänger ist eine ganz große Hoffnung.“( S. 65) – Aus Ein Eisenbahner aus der DDR: Zu Uwes Johnsons Roman „Mutmaßungen über Jakob“. Zwar habe ich mehrer Wochen gebraucht, um diese Auswahl von Marcel Reich-Ranickis wichtigsten Texten zu lesen, aber es waren einige spannende Wochen durch die Welt der deutschen Literatur seit 1945. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der einen Einblick in Reich-Ranickis Gedanken und in die deutsche Literaturgeschichte der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart möchte. „[…] Er wird immer wieder geschwätzig. Wäre der Roman um mindestens zweihundert Seiten kürzer, es wäre – wenn auch sicher kein bedeutendes Werk – doch weit besser.“ (S. 70) – Aus Auf gut Glück getrommelt: Spielereien und Schaumschlägereien verderben die Zeitkritik des Günter Grass.

Lesen Sie weiter

Der vorliegende Band enthält Essays und Kritiken aus dem Zeitraum von 1960 bis 2008. Es fehlen also Reich-Ranickis ganz frühen, noch polnisch geschriebenen Artikel; und man muss sich immer vor Augen halten, dass Auswahl ebenso wie der irreführende Titel des Buchs wohl kaum von ihm selber stammen. Fehlende Statements sind nicht dem ursprünglichen Autor anzurechnen; ich werde aber im Folgenden manchmal einfachheitshalber trotzdem so argumentieren. In der ersten Abteilung befasst sich Reich-Ranicki vorwiegend mit der (west-)deutschen Literatur der Nachkriegszeit. Natürlich schreibt er auch über die Gruppe 47, der er angehörte. Er ist sich der Problematik sofortiger, mündlicher Kritiken an Kollegen durchaus bewusst, kann sich aber 1977, anlässlich des Berichts vom letzten Treffen der Gruppe, doch einer leisen Nostalgie nicht enthalten. Gegenüber Böll zeigt sich Reich-Ranicki etwas reserviert, dessen Katholizismus ist nichts für ihn. Günter Grass mag er von Beginn weg nicht so richtig; bereits in der Kritik zur <em>Blechtrommel</em> (1961) empfiehlt er ihm, das Werk doch um 100 Seiten oder mehr zu kürzen. Schnurre hingegen, den man heute nicht mehr kennt, rechnet er, ebenfalls 1961, zu <em>den besten deutschen Erzählern der Nachkriegszeit</em>. (Ich für meinen Teil habe Schnurre nicht so grossartig in Erinnerung.) An Uwe Johnsons <em>Mutmaßungen über Jakob</em> verzweifelt MRR schier ob der Langeweile und Unklarheit, die ihm der Roman beschert: <em>Dieses Buch ist eine Provokation und eine unglaubliche Zumutung. Dieser Anfänger ist eine ganz große Hoffnung.</em> Max Frisch wirft er vor allem die Unwahrscheinlichkeiten seiner Plots vor, was bei Frischs Werken aus den 1950er und 1960er Jahren durchaus seine Berechtigung hat. Leider findet sich in der vorliegenden Auswahlausgabe nichts mehr über Frischs Alterswerk. Beim einzigen andern Schweizer, den wir ausser Frisch finden, Dürrenmatt, ist es hingegen ganz eindeutig so, dass Marcel Reich-Ranicki als im Grunde genommen bodenständig gebliebener Mensch dessen theologisch-metaphyischen Clownerien nicht fassen konnte. Nur so kann ich mir erklären, dass er es bedauert, wenn Dürrenmatt seine Zeit an Kriminalromane verplempert. (Allerdings bespricht MRR mit <em>Justiz</em> auch den schwächsten.) Koeppen sähe er gern mehr gefördert, mit Andersch kann er noch weniger anfangen als mit Dürrenmatt. Thomas Bernhardt umkreist er vorsichtig und von weitem. Andere Autoren dieser Periode, über die wir etwas finden, sind Siegfried Lenz, Martin Walser, Rolf Hochhuth, Rolf Dieter Brinkmann und Marie Luise Kaschnitz. Arno Schmidt beurteilt er 1967 (<em>Selfmadeworld in Halbtrauer</em>) noch vorsichtig positiv, auch da fehlen spätere Kritiken, wo das bedeutend weniger der Fall war. (Allerdings hat m.W. Reich-Ranicki bis an sein Lebensende daran geglaubt, dass Schmidt ein Studium der Astronomie und Mathematik abgebrochen hätte. Dieser Mythos wurde ja seinerzeit von Arno Schmidt selber lanciert. Es mag also neben objektiven literarischen Kriterien bei Reich-Ranickis Abneigung gegenüber Schmidt durchaus auch eine Rolle gespielt haben, dass Reich-Ranicki, der gerne studiert hätte, aber als Jude nicht durfte, und der wohl auch gerne eine akademische Karriere gemacht hätte, dass MRR also mit fundamentalem Unverständnis auf einen reagieren musste, der - seiner Meinung nach - die Möglichkeit eines Studiums leichtfertig vertan hatte.) Elias Canetti wird ebenfalls vorsichtig positiv besprochen - allerdings mit den <em>Stimmen von Marrakesch</em> anhand eines Nebenwerks. Daneben kümmert sich Reich-Ranicki schon im ersten Teil recht intensiv um die Literatur und die Autoren der DDR: Nebem dem bereits erwähnten Johnson finden wir Wolf Biermann (den er als Kritiker begleitet bis zu dem Moment, wo der Autor aus der DDR hinaus komplimentiert wird), Hubert Fichte, Christa Wolf, Günter Kunert sowie den heute unbekannten Franz Fühmann. Der zweite Teil bringt weitere Artikel zu bereits genannten Autoren (Johnson, Böll, Wolf, Biermann, Bernhardt und Dürrenmatt) und Auslassungen zu weiteren Mitgliedern des modernen Kanons: Herrmann Kant, Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Ulrich Plenzdorf, Jurek Becker, Nicolas Born, Sarah Kirsch, Wolf Wondratschek, Erich Fried oder Botho Strauß. Noch immer wird die DDR also keineswegs vernachlässigt, auch wenn Marcel Reich-Ranicki ganz deutlich in Frage stellt, dass Verfolgung kreativ machen solle. Interessant in dieser Epoche vielleicht die Rezension von Hermann Burgers <em>Die Künstliche Mutter</em>. Burger war ja ein Protégé Reich-Ranickis, aber diesem Roman gegenüber war offenbar auch der Grosskritiker hilflos. Er konnte nicht gut sagen, dass er misslungen sei (was er ganz eindeutig ist), und so beschränkte er sich mehr oder weniger darauf, den Inhalt zu referieren. Im Übrigen finden wir zusehends Laudatien (was Reich-Ranickis zunehmende Anerkennung als Grossmeister der deutschen Literaturkritk widerspiegelt), so z.B. auf Hilde Spiel oder Elisabeth Borchers. Ebenso gesellen sich erste Nachrufe dazu, z.B. auf Manès Sperber. Teil 3 schliesslich betrifft eine literarische Epoche, die mir zugegebenermassen nur rudimentär bekannt ist. Ich lebte zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung auf einem andern Kontinent, hatte dort den Kontakt mit dem deutschen Feuilleton völlig verloren und nach meiner Rückkehr, offen gesagt, nicht mehr gesucht. Erst seit ein paar Jahren höre und lese ich wieder Namen von Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur - nun aber zum Teil bereits Namen, die Marcel Reich-Ranicki nicht (mehr) kannte oder nannte. Insofern ist der dritte Teil für mich der uninteressanteste - auch, weil es Reich-Ranicki nicht gelingt, mich für eines der besprochenen Werke zu begeistern. Zu simpel und plakativ ist seine Kritik bereits geworden. Wohl kommt ein Grass auch hier nochmals zum Handkuss eines Verrisses. Es ist jener zum <em>Weiten Feld</em> von 1995, der Reich-Ranickis Entfremdung vom links-liberalen Teil der Leser- und Autorschaft (u.a. Peter Rühmkorf) mit sich brachte. Ansonsten habe ich von den im dritten Teil besprochenen Büchern nur noch Genazinos <em>Ein Regenschirm für diesen Tag</em> gelesen, allerdings zu wenig Erinnerung daran, um etwas über Reich-Ranickis Kritik sagen zu können. Maxim Biller wird besprochen. Die übrigen Namen, die genannt werden, sind: Christoph Hein, Ruth Klüger, Ingo Schulze, Monika Maron, Birgit Vanderbeke, Brigitte Reimann, Judith Hermann, Elke Schmitter, Sven Regener, Undine Gruenter und Peter Maiwald (ein Nachruf). Ob das weibliche Übergewicht der Auswahl des Herausgebers zu verdanken ist, oder ob Reich-Ranicki in der deutschen Literatur des 21. Jahrhunderts tatsächlich ein solches gesehen hat, kann ich nicht beurteilen.

Lesen Sie weiter

„Aber ich möchte auch ganz offen sagen: Ich nehme diesen Preis nicht an. Ich hätte das, werden Sie denken und sagen, früher erklären sollen. Natürlich! Aber ich habe nicht gewusst, was hier auf mich wartet, was ich hier erleben werde. Ich gehöre nicht in diese Reihe, der heute, vielleicht sehr zurecht Preisgekrönten. Wäre der Preis mit Geld verbunden, hätte ich das Geld zurückgegeben. Aber er ist ja nicht mit Geld verbunden. Ich kann nur diesen Gegenstand, der hier verschiedenen Leuten überreicht wurde, von mir werfen oder jemanden vor die Füße werfen. Ich kann das nicht annehmen. Und ich finde es auch schlimm, dass ich hier vier Stunden das erleben musste.“ Das ist meine prägnanteste Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki. Diese Worte sprach er im Herbst 2008 zum Publikum, als er den deutschen Fernsehpreis verliehen bekommen sollte. Eigentlich war es doch keine große Überraschung, dass er diese Auszeichnung ablehnte. Im „Literarischen Quartett“ mimte er ständig den alten Mann, der über neuste Romane polterte und sie verbal über den Jordan jagte. Diese schimpfende, garstige Seite von Marcel Reich-Ranicki ist in bester Erinnerung, aber eigentlich war er ganz anders als Literaturkritiker. Und genau diese Seite zeigt das Buch „Meine deutsche Literatur seit 1945“. Thomas Anz hat hierfür eine ausgezeichnete Auswahl an Rezensionen und Essays aus Reich-Ranickis Kuli gesammelt. Der gerechte Lumpenhund Während einer Tagung der „Gruppe 47“ in den sechziger Jahren beleidigte Martin Walser Marcel Reich-Ranicki und alle anderen Literaturkritiker als Lumpenhunde. Aber eigentlich ist das keine Beleidigung für einen Kritiker und so führte Reich-Ranicki aus: Goethe war schon der Meinung, dass Literaturkritiker Hunde seien, die schleunigst totgeschlagen werden sollten. Tolstoi hielt Personen, die Kritiken verfassen, für nicht normal. Und das genialste Beispiel liefert Charles Dickens, als er Kritiker verglich mit einer mit Pygmäenpfeilen bewaffneten Laus in der Gestalt eines Menschen und dem Herz eines Teufels. Dieses Bild muss man sich an dieser Stelle bitte auf der Zunge zergehen lassen. Ganz langsam. Pygmäenpfeile sind übrigens hochgiftig. Die Bezeichnung Lumpenhund ist für einen Literaturkritiker eine Auszeichnung, jeder der ernsthaft Kritik übt, wird dies bestätigen können. Es ist nunmal nicht immer möglich, Texte zu loben und auf einem goldenen Tablett bis in den Himmel zu heben. Häufig ist es viel mehr angebracht, Schnapsideen zu verurteilen und den Autoren seine Unfähigkeit vorzuwerfen. Dies ist vielmehr der wahre Dienst eines guten Kritikers: Es ist schwerer und benötigt mehr Rückgrat, einen Verriss zu schreiben. Und sind wir alle einmal ehrlich zu uns selbst, aus den begangenen Missgeschicken konnte man bisher immer noch mehr herausholen für den nächsten Versuch als aus einem knappen Lob. Marcel Reich-Ranicki – Michael Jackson der Literatur Beim Lesen von „Meine deutsche Literatur seit 1945“ habe ich mich häufig gefragt, was bleibt denn jetzt eigentlich vom Literaturpapst? Die Erinnerung an einen leidenschaftlichen Leser und darüber hinaus auch dessen Wirken für die deutsche Gegenwartsliteratur zur damaligen Zeit. Auf jeder Seite spürt man die Liebe Marcel Reich-Ranickis zum geschriebenen Wort. Seine Rezensionen waren sehr ausdifferenziert, er war ein aufmerksamer Leser und Schreiber. Bis ins kleinste Detail nahm er die Werke von Autoren auseinander und fügte sie wiederzusammen. Vor der Rezension eines Buchs las Reich-Ranicki das Gesamtwerk des Autors. In die Beurteilung floss also nicht nur der Status quo ein, sondern auch die Entwicklung des Schrifterstellers und die aktuelle gesellschaftliche Gegenwart ein. Marcel Reich-Ranicki machte sich ziemlich viel Arbeit mit der Gegenwartsliteratur, des macht niemand, der nicht dafür brennt. Er gehört zu den Leidenden, den Besessenen und Verzweifelnden, zu jenen, die von fixen Ideen beherrscht und von Obsessionen geplagt werden, zu den Schriftstellern, die ihre Ziele mit monomanischer Unbedingtheit verfolgen. – S. 274 Es ist für mich nicht verwunderlich, dass die Literaturszene in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts so geprägt war vom Literaturpapst. Er begleitete Autoren auf ihrem Weg, hofierte und protegierte, legte oft ein gutes Wort für Debütanten ein. Spätestens seit dem „Literatrischen Quartett“ war er sogar mehr als ein Literaturpapst. Die niveauvollere Gegenwartsliteratur wurde einem breiten Publikum bekannt gemacht und durch die etwas schrullige Art Reich-Ranickis auch gut verkauft. „Meine deutsche Literatur seit 1945“ ist mehr als ein Querschnitt durch das Leben eines Kritikers, es vermittelt einen sehr guten Eindruck der Zeitgeschichte und der Literatur von 1945 bis 2008. Besonders spannend waren für mich die Texte „Die deutschen Schriftsteller und die deutsche Wirklichkeit“ und „Kritik auf den Tagungen der Gruppe 47“. In diesen Essays beschäftigte sich Marcel Reich-Ranicki mit der Literatur und der Literaturkritik im Allgemeinen. Und da bleibt für mich nur zu fragen, was kann ich als Literaturblogger vom Papst der Lumpenhunde lernen? Fazit Thomas Anz ist mit „Meine deutsche Literatur seit 1945“ eine großartige Sammlung der Texte von Marcel Reich-Ranicki gelungen.

Lesen Sie weiter

Der 2013 verstorbene Marcel Reich-Ranicki hatte das Zeug zu einer Literaturkritikerlegende – und hat es genutzt. Seine Kritiken waren heiß erwartet und gefürchtet und er wusste ob der seltsamen Hassliebe zwischen Kritikern und Literatur. Reich-Ranicki war eine Stimme der Leserschaft. Eine geschulte gewaltige wichtige Stimme. In Meine deutsche Literatur seit 1945, herausgegeben von Thoman Anz bei DVA in diesem Jahr mit 570 Seiten, sind 71 Beiträge des Urgesteins der Literaturkritik gesammelt, darunter nicht nur Kritiken, sondern auch Artikel, die allgemeiner die deutsche Literaturlandschaft ins Auge fassen. Die ersten Texte sind dabei ursprünglich im Polnischen erschienen und später übersetzt worden. Zeitliche umfasst die Sammlung die Arbeiten Reich-Ranickis von 1957 bis 2008. Die Texte sind nicht nach Alphabet oder Datum sortiert, sondern, so weit möglich, thematisch. Am Ende finden sich auch einige verschriftliche Kritiken aus dem Literarischen Quartett, jener Literaturkritiksendung des ZDF, die jetzt wiederbelebt wurde. Bereits ein flüchtiger Blick über das Inhaltsverzeichnis stellt fest, dass gleich mehrere Romane Grass’s besprochen sind, doch auch andere Namen finden sich öfter, manchmal auch versteckt in anderen Texten. Dürrenmatt, Bernhard, Johnson. Mir ist außerdem aufgefallen, dass gerade bei den älteren Arbeiten eher Männer besprochen wurden, die jüngeren auch öfter Autorinnen zum Thema haben. Ein Zufall bei der Auswahl – kann sein, glaube ich hier nicht. Ein (unterstellter) Wandel der Zeit und eine Stärkung weiblicher Schriftsteller – vermute ich einfach eher. Die Kritiken sind beeindruckend. Ausführlich werden die Romane besprochen, die Angst vor „Spoilern“, die jedem Buchblogger geläufig ist, gibt es hier nicht. Ein Roman wird besprochen – bis zum Ende. Und darüber hinaus. Denn Reich-Ranicki bespricht nie einfach nur einen Roman, er analysiert bisweilen, zeigt andere Werke des Autors oder der Autorin auf, setzt das Werk in einen biografischen, historischen und werkimmanenten Zusammenhang. Gerade die älteren Kritiken sind dabei oft auch länger, schweifen ab, liefern dabei aber ein runderes Bild von der Umwelt des vorgestellten Werkes. Das gilt für lobende wie vernichtende Kritiken, denn Reich-Ranicki lässt vielleicht manches aus, argumentiert aber bis zum Schluss und über jeden Punkt, der ihm wichtig erscheint. Der Wandel der Zeit geht dabei auch an ihm nicht vorbei. Liest sich die Rezension der Blechtrommel beispielsweise ernüchternd (ich persönlich mag das Buch sehr), gesteht er dem Roman bei der Besprechung von Katz und Maus zu, eine „Sensation“ gewesen zu sein. Er zeigt sich tatsächlich einsichtig, wenn auch der Erfolg des Romans nichts an seiner persönlichen Meinung geändert hat. Er bleibt sich treu. Diese zwei Eigenschaften halte ich für die wichtigsten in der Kritikerwelt. Freilich ist Meine deutsche Literatur seit 1945 kein Buch für jeden. Es ist kein Roman, sondern eine Sammlung von Beiträgen. Für Literaturwissenschaftler, Kritiker, Historiker – und alle die sich mit diesen Dingen in ihrer Freizeit auseinandersetzten – dagegen ist das Buch eine Pflichtbesatzung fürs Bücherregal. Denn neben der persönlichen Entwicklung des Kritikers sehen wir hier die Entwicklung eines Literaturmarkts über ein halbes Jahrhundert hinweg. Thematisch, stilistisch und gesellschaftlich können wir viel an den Kritiken von Reick-Ranicki ablesen. Vielleicht betrifft dies vor allem den „hohen“ Literaturbetrieb. Aber der entwickelt sich immer mit der Welt mit.

Lesen Sie weiter

Wenn im Buch von der „Finsteren Wollust aus Österreich“ eines Thomas Bernhard die Rede ist, wenn Reich-Ranichki im Blick auf Erich Fried von dessen Sehnsucht nach Anerkennung spricht und aus dieser Motivation heraus dessen tiefe Einwurzelung in die „westdeutsche Linke“ erklärt, und wenn ebenso von der „Angst des Peter Handke beim Erzählen“ die Rede ist, dann vermeint der Leser fast, die leicht knorrige, schnell sprechende, lispelnde Sprachform des Literaturkritikers im Raum zu hören. Schmallippig, analytisch, äußerst kritisch, kein Blatt vor den Munde nehmend, durchaus auch da lobend, wo es ihm zusagt (in nicht allzu vielen Fällen), immer auch mit den Hinweisen auf den Gesamtkontext, das Gesamtwerk des einzelnen Autors versehen, so lesen sich vielfachen Essays in dieser Essay-Sammlung über die deutsche Literatur nach 1945. Thomas Anz folgt mit als Nachlassverwalter, nach seiner vorhergehenden Sammlung an Essays über die Literatur des Mittelalters bis zur Gegenwart nun chronologisch weiter dem Strang des Nachlasses. Wobei klugerweise nicht nur konkrete Personen den Kern der einzelnen Essays ausmachen (wenn auch die überwiegenden Essays sich den einzelnen Schriftstellern zuwenden), sondern auch Kommentierungen und Einordnungen von Gesamtströmungen („Die Literatur des kritischen Psychologismus“, „Die Gruppe 47“, „Deutsche Unterhaltungsliteratur“ u.a.) zum Thema gesetzt werden. Das Reich-Ranicki einen umfassenden Blick auf „sein Thema“, die deutsche Literatur, sehr fundiert besaß, dass er in der Lage war (neben persönlichen Eitelkeiten und durchaus auch hier und da verdeckt gesetzten persönlichen Angriffen) einzelne Werke oder einen Gesamtblick auf das Werk eines Autoren , davon zeugt jedes einzelne der Essays in teils fast überbordender Weise. Oft und oft verbleibt das Gefühl, dass neben dem Geschriebenen noch Seitenweise weitere Einordnungen, Informationen, kritische Betrachtungen hätten zugefügt werden können. Auch was diesen Graben zwischen „Schund und Kunst“ angeht, wie es Ranicki im Blick auf die Unterhaltungsliteratur schon 1962 formuliert hat. Eine literarische Sammlung, die für den literaturinteressierten Leser in Deutschland fast ein „Muss“ darstellt und einen hohen Erkenntnisgewinn beinhaltet. So man im Kopf behält, dass Reich-Ranicki einen grundlegend subjektiven Ansatz zur Literaturkritik bevorzugte und man in der abschließenden Bewertung nicht immer einer Meinung mit ihm sein muss.

Lesen Sie weiter