Leserstimmen zu
Marschmusik

Martin Becker

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Mit einem Kurzbesuch bei seiner Mutter, beginnt für den Protagonisten eine Reise in die Vergangenheit. Oder besser: in verschiedene Ebenen, verschiedener Vergangenheiten. So beleuchtet er zum einen die Geschichte seiner Eltern: der Vater beginnt schon als Jugendlicher als Bergmann im Tagebau zu malochen. Die Mutter ist Hausfrau mit verschiedenen Gelegenheitsjobs. Irgendwann kehren sie dem Ruhrpott und dem Bergbau den Rücken, dennoch bleiben sie diesem Leben bis zum Schluss verbunden. Weiterhin beschreibt der Protagonist sein Zusammentreffen mit einem alten Kumpel des Vaters. Diesem stellt er all die Fragen über das Leben als Bergmann, die er seinem Vater nicht mehr stellen konnte. Schließlich beschreibt der Erzähler seinen Versuch aus dem Arbeitermilieu auszubrechen, indem er beginnt, Posaune zu spielen und davon träumt, ein großer Musiker zu werden. All diese Stränge geben ein interessantes Bild von Verlust und Verbundenheit. Der Zerfall dieser Familie verläuft parallel zum Zerfall des Bergbaus im Ruhrgebiet, was das Buch sehr aktuell macht. Die verschiedene Vergangenheitsstränge sind klar strukturiert und werden bis zum Ende des Buches durchgehalten. An einigen Stellen gräbt man sich sehr tief in den Berg ein. Dort fehlten mir ein paar mehr Erklärungen zum Bergbau-Jargon. Das wäre leicht möglich gewesen, weil der Erzähler selbst immer wieder einräumt, nichts mit den Fachausdrücken anfangen zu können. Am Anfang fand ich das Buch zu wehmütig und mitleidheischend, aber das hat sich im Laufe der Geschichte gefangen. Das Buch scheint autobiografisch zu sein und nur so kann ich mir erklären, warum der Marschmusikstrang so unglaublich präsent ist. Hier hatte der Autor wohl noch eine offene Rechnung mit sich selbst. Ich finde, das Buch liefert einen schönen Beitrag zu den Arbeiterkindbüchern der letzten Jahre (Eribon, Louis etc.). Es legt darauf zwar keinen Fokus, aber gerade in den Beschreibungen von Eltern-Kind-Beziehungen und in dem distanzierten Blick, den der Erzähler auf seine Herkunft wirft, erinnert es sehr stark an die berühmten Vorbilder. Für alle die sich für diese Thematik, aber auch die schwindende Welt des Bergbaus interessieren, spreche ich eine klare Leseempfehlung aus.

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