Leserstimmen zu
Traumwelten

David Lynch, Kristine McKenna

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Hardcover
€ 25,00 [D] inkl. MwSt. | € 25,70 [A] | CHF 35,90* (* empf. VK-Preis)

Biografien sind und bleiben für mich die großen Anreger in der Literatur. Romane versetzen mich in andere Zeiten oder Gegenden, und es ist ein Spass, mich unter fremden Sonnen oder Monden wiederzufinden. Sachbücher erweitern meinen Horizont (soweit ich sie verstehe), Biografien lese ich seltener, aber auch mit dem Wunsch, einzutauchen, mich in andere Zeiten oder Gegenden hinein zu versetzen. Ende letzten Jahres ist die Biografie von David Lynch mit dem Titel „Traum Welten“ erschienen. Bislang habe ich noch keinen einzigen Film von Lynch gesehen. Gerade mal ein Interview, das es insofern in sich hatte, als ich Lynch sofort „interessant“ fand (offensichtlich etwas – wie ich in dem Buch lesen kann – was sehr häufig passiert). Das Buch an sich: Papier, Format (vor allem die Fotos) und die Überschriften begeisterten mich ebenfalls, kurz, ich habe es mir besorgt und (nein, noch nicht zu Ende) gelesen. Die Idee zu dem Buch ist grandios einfach und auf eine Art auch filmisch gedacht: Denn erzählt wird aus zwei Perspektiven. Kristine McKenna, eine Journalistin und Freundin von Lynch, und David Lynch selbst wechseln sich beim Schreiben ab: Zunächst recherchiert McKenna, spricht mit Freund/innen, Verwandten, später mit Mitarbeiter/innen, Nachbar/innen, was-nicht-alles, und liefert ein spannendes, gut lesbares Kapitel über eine bestimmte Zeit in Lynchs Leben. Danach ist David Lynch dran. Er liest McKennas Text und kommentiert ihn. Nicht „flächendeckend“, sondern spontan: Er nimmt eine Bemerkung auf, ein Zitat, und erzählt noch einmal neu, aus der eigenen Perspektive. So entsteht ein leicht verschobenes Bild, wie bei einer stereoskopischen Fotografie oder einem 3D-Film. Was mich bei der Lebensgeschichte an sich fasziniert, ist dieser Ehrgeiz von Lynch, etwas zu machen, und zwar genauso, wie er es sich vorstellt, und gleichzeitig seine Fähigkeit, Dinge auf sich zukommen zu lassen. Traurigkeit, Melancholie, Verzweiflung spielen eine wichtige Rolle und scheinen tatsächlich auch ein Motor für Lynchs Arbeit zu sein, dennoch bekommen sie keinen zusätzlichen Raum in seinem Leben: Sie sind da, kommen und gehen, werden aber nicht analysiert oder als Erklärungen bzw. Entschuldigungen instrumentalisiert. Mich begeistern seine handwerklichen Fähigkeiten und sein Wille, die Filme in allen Aspekten genau so zu machen, wie er sie haben will – Gleichzeitig jedoch den Mitarbeiter/innen, seien sie vor oder hinter der Kamera, viel Raum zu lassen, ihr eigenes Ding zu entwickeln. Irre ist auch, wie leicht es in den 1970ern noch war, in Hollywood ein Haus oder ein Auto zu kaufen. Es war nicht leicht, im Filmbusiness Fuß zu fassen, und Lynch hat lange und hartnäckig an seiner Vision (man mag es tatsächlich nicht Karriere nennen) gearbeitet. Heute erscheint vieles nicht mehr so offen, viel enger, mit weniger Durchlässen, hierarchischer, abgeschottet regelrecht. Geordnet im Vergleich zu damals, was aus heutiger Sicht tatsächlich noch wie der „Wilde Westen“ erscheint. Dennoch würde ich die Erinnerungen nicht an die einer „guten, alten Zeit“ missverstehen wollen, sondern als Ansporn für ein eigenes, unkonventionelles Leben, auch – und gerade – heute. Vergnüglich an Biografien von Stars oder anderen Berühmtheiten ist – zumindest für mich – aus jenen Zeiten zu lesen, in denen sie noch keine Stars oder Berühmtheiten waren. Wie sie ihr Leben sahen, lebten, wie sie nach und nach andere Berühmtheiten kennenlernten, ganz so, wie ich meine Freund/innen kennenlerne und manchmal eben doch ganz anders. Immer wieder zeigt sich, wie Familie, Herkunft, Zufälle ihre Lebenswege prägen, wie sie aus ihren Erfahrungen Schlüsse ziehen, sich verändern, etwas Neues probieren und unentwegt – übrigens natürlich genauso wie alle anderen auch – ihre Lebensgeschichte spinnen. Bei Lynch ist es zum Beispiel dieser genaue Blick, diese irren Fantasien, die ihn zunächst zur Malerei, aber dann sehr schnell zur Inszenierung und eben zum Film bringen. Er lässt sich nicht beirren, arbeitet dauernd, wenn nicht an den Filmen, dann anderswo, um Geld zu verdienen, und hat sehr früh schon eine eigene Familie, die er jedoch gelegentlich erneuert oder austauscht (je nach Blickwinkel). Ein großer Spass des Buches ist die gute Aufteilung in Kapitel. Vor der Hand geht es chronologisch vor sich, die Biografie wird „ordentlich“, d.h. von der Kindheit bis heute erzählt, dennoch ergeben sich Schwerpunkte, Perspektiven, die – je weiter man liest, desto mehr Raum schaffen, wie ein Kaleidoskop, das man so oder so halten kann, um verschiedene Bilder zu erhalten. Deutlich wird das bei Themen, die mir suspekt sind: Lynchs Engagement für die Transzendentale Meditation zum Beispiel. Er schreibt darüber, er ist begeistert, er glaubt daran, aber dennoch bleibt für mich genug Platz, ihm dort nicht zu folgen, skeptisch zu bleiben, manchmal sogar fassungslos. Auch die Leichtigkeit, mit der es sich von seiner ersten Frau samt Kind trennt (wobei hier natürlich nur eine Leichtigkeit sichtbar ist, tatsächliche Krisen, Kämpfe oder andere Dramen werden nicht thematisiert – dankbarerweise…), verstören mich. Hier scheint ein Motiv auf in seinem Leben: Menschen kommen und gehen. Und Lynch bleibt merkwürdig unbeeindruckt oder eher: er erzählt von den guten Seiten, während die nicht so guten verschwinden. Das ist an sich eine durchaus positive Haltung. Warum sollte man nicht die guten Erinnerungen halten und über die schlechten den Mantel des Vergessens breiten? Ich sehe darin eine Haltung und einen verdammt guten Willen. Komischerweise kommt es für mich nicht hin. Nicht, dass ich gerne schmutzige Wäsche ausgebreitet sehen würde. Nicht, dass ich es nicht bewundere, wie jemand bei den guten Erinnerungen bleibt. Aber irgendwas an der Sache steht für mich schief. Ich bin, wie ich oben erwähnt habe, noch nicht am Ende des – immerhin 760 Seiten starken – Buches angekommen. Nicht aus erlahmenden Interesse, sondern weil so viel passiert und ich gelegentlich eine Pause machen muss, um wieder in mein eigenes Leben einzusteigen. David Lynch ist ein fantastischer Erzähler, auch, wenn er schreibt. Und obwohl sich viele Dinge ob der doppelten Erzählung von McKenna und Lynch wiederholen, ist die Biografie an keiner Stelle langweilig (vielleicht, wenn es um filmische Details geht, etwas kleinteilig, aber da kann man ja auch mal weiterspringen). Ein Interesse am Leben im Amerika der 1950er Jahre bis heute sollte vielleicht da sein, um Freude an der Lektüre zu haben. Wer Lynch mag, wird die Biografie sicher lieben. Aber auch für Menschen, die den Regisseur nicht besonders kennen, fällt vieles ab, vor allem, wenn man Lebenswege mag, die nicht besonders gradlinig daherkommen. Mich beeindruckt, dass Lynch an keiner Stelle versucht, sich zu rechtfertigen. Oder mich als Leserin in seine Welt oder die des Transzendentalen Meditierens herein zu ziehen. Insofern kann ich das Buch nur empfehlen. Genug Regentage für einen dicken Schmöker haben wir ja Mitte März noch vor uns. David Lynch/Kristine McKenna: Traumwelten. Heyne-Encore München 2018. Gebundenes Buch 25,00 €. Ich danke Random House für das Rezensionsexemplar.

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David Lynch und Kristine McKenna Traumwelten Die Lebenserinnerung des berühmten amerikanischen Regisseurs David Lynch, der in Deutschland hauptsächlich durch die Serie „Twin Peaks“ bekannt ist, haben mich allein schon durch die besondere Erzählweise neugierig gemacht. Die Journalistin Kristine McKenna hat sein Umfeld, Verwandte und Freunde, interviewt und David Lynch reagiert auf diese Eindrücke zu seiner Person im folgenden Kapitel. Also Aktion und Reaktion, das macht den Reiz beim Lesen aus und hebt diese Biografie von anderen prominenter Persönlichkeiten ab. Jeder erinnert sich anders, außerdem weiß man, dank moderner Hirnforschung, dass das Gehirn die eigenen Erinnerungen überschreibt. So ist Lynch z. B. erstaunt, dass sein Bruder in ihm als Kind einen Anführer sah. Andere Episoden lösen bei ihm tiefergehendes Nachdenken aus. Man erfährt von kindlichen Streichen wie Schneebälle in Schubladen legen, aber auch Ängsten, wie vorm U-Bahn fahren, was sich später in seinen düsteren Filmen wiederspiegelt. Es beginnt im Amerika der Fünfziger Jahre, jeder rauchte und die Kellnerinnen im Diner trugen noch Häubchen auf dem Kopf wie Krankenschwestern. David Lynch verwendet nicht nur viel selbst Erlebtes, auch Vorbilder und sogar eine Hommage an sein Lieblingskinderbuch fließen in seine Filme mit ein. Auch optisch ist das Buch ein Hingucker, reich bebildert, mit biografischen Fotos, aber auch mit vielen Filmszenen oder Eindrücken vom Set, ist das Buch nicht nur eine Bereicherung für David-Lynch-Fans, sondern gibt einen vielfältigen Einblick in das Erschaffen von „Traumwelten“. Woher kommt die Kreativität, wie entsteht ein Film, wie Wirken die Darsteller in den Szenen zusammen? Wie sieht die Arbeit eines Regisseurs aus? Das Auf und Nieder, das Verwerfen und Schöpfen, jede Menge Insiderwissen hinter die Kulissen von „Blue Velvet“, „Twin Peaks“ und all den anderen preisgekrönten Filmen und Serien. Ein großartiges, liebevoll gestaltetes Buch, nicht nur für Cineasten und Serienjunkies. Buchinfos: Heyne Encore Verlag, Hardcover, 768 S., mit vielen s/w Abbildungen.

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Seit David Lynch mit seiner wundersamen und in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Mystery-Drama-Serie „Twin Peaks“ 1990 die Fernsehwelt revolutionierte und für neue Serien-Formate zugänglich machte, hat er den Cineasten auf der ganzen Welt ebenso verstörende Meisterwerke wie „Der Elefantenmensch“, „Blue Velvet“, „Wild at Heart“, „Lost Highway“, „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“ geschenkt, bevor er im vergangenen Jahr zusammen mit „Twin Peaks“-Co-Schöpfer Mark Frost für „Twin Peaks: The Return“ die surreale Atmosphäre seiner längst zum Kult avancierten Erfolgsserie wieder aufleben ließ. Während seine oft nicht verstandenen Werken in unzähligen Zeitungs- und Magazin-Artikeln wie Büchern seziert worden sind, war von David Lynch selbst gerade hierzulande sehr wenig zu erfahren. Diese Lücke schließen Lynch und seine langjährige enge Freundin Kristine McKenna mit ihrem wunderschön aufgemachten Buch „Traumwelten“, das einen ungewöhnlichen Ansatz wählt, chronologisch die wichtigsten Stationen in Lynchs Leben und Werk aufzuarbeiten. Dazu hat die über zwanzig Jahre bei der Los Angeles Times arbeitende Journalistin und Kritikerin McKenna über hundert Interviews mit David Lynch selbst, aber auch mit seinen Ex-Frauen, Agenten, Schauspielern, Freunden, Produzenten, Mitarbeitern und Musikern geführt, um so ein umfassendes, sehr intimes Portrait eines Mannes zu zeichnen, der sich nur selten vorschreiben ließ, was von seinen Arbeiten für Kino und Fernsehen erwartet wurde, und aus den teils niederschmetternden Erfahrungen – wie bei der Adaption von Frank Herberts Science-Fiction-Epos „Dune – Der Wüstenplanet“ und der zweiten Staffel von „Twin Peaks“ – seine Lehren zog. Nach jedem Kapitel, das die einzelnen Wegpunkte in Lynchs Leben zusammenfasst und dabei Zitate von Lynchs jeweiligen WeggefährtInnen zur Verifizierung und Illustration verwendet, fügt Lynch in eigenen Worten seine Sichtweise der Dinge vor, die einzelne Aspekte der vorangegangenen Ereignisse in der Regel nur ausführt, aber auf diese Weise ein umfassendes Gesamtbild erzeugt. Dabei werden seine glückliche Kindheit in Boise, Idaho, die Freundschaft mit Toby Keeler (dessen Vater Bushnell Keeler Lynch überhaupt auf die Idee brachte, Künstler zu werden), die Realisierung seines Debütfilms „Eraserhead“ (von dem Mel Brooks so begeistert war, dass er David Lynch bei seinem nächsten Film „Der Elefantenmensch“ in jeder Hinsicht seine volle Unterstützung gab) und die problematischen Entwicklungen bei der Produktion all der folgenden Filmen thematisiert. Es wird vor allem deutlich, mit welchem Enthusiasmus Lynch seine Visionen verfolgte, wie entspannt und freundlich er immer am Set gewesen ist, wie sehr er die transzendentale Meditation von Maharishi Mahesh Yogi für sich zu nutzen verstand und immer an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitete, wozu auch die Fotografie, die Malerei, Sounddesign und auf stets improvisierende Weise auch die Musik zählte. Es werden so viele Aspekte angesprochen, die sich in dem umfangreichen Kosmos von David Lynch und seinem Schaffen ereignet haben, dass nicht mal 700 Seiten ausreichen, um sie zu würdigen – wie auch Lynch selbst am Ende des Buches konstatiert: „Wenn ich eine beliebige Seite des Buches aufschlage, denke ich: Mann, das ist ja nur die Spitze des Eisbergs, es gibt noch so viel mehr Geschichten zu erzählen. Man könnte ganze Bücher über einzelne Tage schreiben, und das wäre immer noch nicht genug. Eine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen ist ein Ding der Unmöglichkeit, und was wir uns von diesem Buch bestenfalls erhoffen können, ist ein sehr abstraktes ‚Rosebud‘.“ (S. 694f.) Tatsächlich ist „Traumwelten“ so unterhaltsam geschrieben, dass einem David Lynch nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch sehr sympathisch wird. Das wird aus jeder einzelnen hier wiedergegebenen Episode und aus den Erinnerungen seiner privaten wie künstlerischen und geschäftlichen Weggefährten mehr als deutlich. In diesem Sinne wirkt das Buch aber auch eher wie eine Autobiografie, die wenig Raum für eine kritische Auseinandersetzung lässt, aber verdeutlicht, wie wertschätzend und humorvoll Lynch mit seinen Mitmenschen umgeht, wie sehr er immer wieder versucht, die dunklen Seiten des Lebens in seiner Kunst mit den schönen und wundervollen Dingen zu versöhnen. Wer einen sehr persönlichen Einblick in Leben und Werk des Ausnahme-Künstlers David Lynch gewinnen möchte, wird „Traumwelten“ sehr unterhaltsam und erleuchtend finden. Wunderbare Schwarz-Weiß-Fotografien, eine ausführliche Filmografie und eine Auflistung der Ausstellungen runden diesen intimen Einblick in das Leben und künstlerische Schaffen von David Lynch ab.

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Ein Leben Der 1946 in Missoula, Montana geborene David Keith Lynch ist ein US-amerikanischer Filmregisseur, Filmproduzent, Drehbuchautor, Schauspieler, Maler, Fotograf und Komponist, der speziell durch seine surrealen Filme und die bahnbrechende TV-Serie Twin Peaks große Bekanntheit erlangte. Seine unvergleichbare, teils verstörende Kombination aus albtraumhaften Bildern, bedrohlichen Sounddesigns und einer nicht immer stringenten Erzählweise machten seine Filme zu einem nicht immer leicht verdaulichen, zum Teil inhaltlich maximal deutbaren Filmgenuss, der vor allem eines war: faszinierend! Nun präsentiert David Lynch gemeinsam mit der seit Jahrzehnten befreundeten Journalistin Kristine McKenna seine Biografie. Aber auch hier geht der mehrfach preisgekrönte Filmemacher eigene Wege und findet eine interessante Form des inhaltlichen Aufbaus. Denn er wollte keine gewöhnliche, nach klassischem Muster aufgebaute Biografie, sondern bat McKenna, Weggefährten, Ex-Partner, Familienangehörige, Freunde und Darsteller seiner Filme zu interviewen, um daraus an die jeweiligen Situationen erinnert zu werden und seine Sicht der jeweiligen Situation oder Begebenheit zu schildern. Entsprechend ist jeder Abschnitt, jedes Kapitel zweigeteilt. Die Erzählung der ihn begleitenden Personen und anschließend sein Statement inklusive ergänzender Erläuterungen zu den vorangegangenen Erinnerungen. Und das ist, hat man sich erst mal auf diese ungewöhnliche Erzählform eingelassen, erstaunlich humorvoll, sehr ehrlich und dadurch maximal unterhaltsam. Denn eines wird hier sehr deutlich: David Lynch ist ein sehr zufriedener, glücklicher Mensch, der gedanklich so sprunghaft erzählt, dass man als Leser erkennt, woher der Grundton seiner Filme stammt. Denn auch wenn eine Deutung seiner Filme weiterhin (zum Glück) verweigert wird, beginnt man als Fan zu erkennen, woher die Inspiration kommt und wie seine Sicht auf die Welt aussieht. Denn jede heile Oberfläche hat eine dunkle Schattenseite und so beschreibt er in seinen Momenten einer heilen Vorort-Welt ein verklärtes Bild seiner Kindheit, welche jedoch immer wieder mit dunklen Passagen konfrontiert wird, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens erfährt. Seine Erzählungen und Anekdoten sind dabei so unterhaltsam wie aufschlussreich und erschaffen das Bild eines Künstlers, der eine eigene, manchmal etwas ungewöhnliche Wahrnehmung hat, dass Talent besitzt, diese adäquat in Bilder und Geräusche umzusetzen und dabei den Luxus einer kreativen Autonomie genießt. Traumwelten (Originaltitel: Room to Dream, USA 2018) erscheint als gebundenes Hardcover in einer Übersetzung aus dem Amerikanischen von Robert Brack, Daniel Müller, Wulf Dorn und Stephan Glietsch bei Heyne Encore (768 Seiten, 25€). Neben unzähligen s/w-Fotos befinden sich eine Danksagung von Kristina McKenna, Kurzbiografien der beiden Künstler, eine umfassende Filmografie, Anmerkungen, eine Auflistung seiner Ausstellungen, Bildnachweise und -unterschriften im Anhang und runden die Veröffentlichung perfekt ab. Traumwelten ist ein interessanter Ansatz, sich dem Leben und Werk des prägenden Ausnahmeregisseurs und Künstlers zu nähern. Doch so abwechslungs- und deutungsreich sein Werk, so erzählerisch sprunghaft und wenig greifbar ist die humorvolle und entwaffnend ehrliche Person Lynch, die hier dem Leser viele intime und sehr persönliche Einblicke in ihr Leben gewährt, ohne dadurch das Rätselhafte seines Schaffens zu dechiffrieren. Eine herrlich unterhaltsame, detailverliebte Biografie, die jedoch, wie Lynch selber im Vorwort anmerkt, nur einen kleinen Ausschnitt des großen Ganzen bietet… und dadurch ihn und sein künstlerisches Werk für mich noch faszinierender und spannender gemacht hat! Christian Funke

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Die Idee hinter dieser Biographie und den zugleich persönlichen Erinnerungen um David Lynch herum ist durchaus besonders und gut. Nicht nur verfasst Kristine McKenna eine detaillierte Biographie des Regisseurs und „Traumwelten-Erschaffers“ (der besonderen Art), David Lynch, sondern kongenial ergänzt werden die einzelne Etappen von Geburt und Kindheit bis in die Gegenwart hinein durch ein je sich anschließendes Kapitel von Lynch selbst, in dem er ebenso je seinen Erinnerungen an die entsprechenden Phasen seines Lebens zur Verfügung steht. Wobei vorweggesagt werden muss, dass das Werk zwar immens viele Informationen und „O-Töne“ enthält, sich David Lynch einer konsequenten Einschätzung aber auch nach diesen knapp 750, reichlich bebilderten, Seiten entzieht. Nicht nur das Werk des Mannes also ist versehen mit verstörenden, durchaus gewalttätigen, teils mythischen Elementen, auch die Person selbst weiß es, wesentliche innere Elemente als Geheimnis zu bewahren. Schräg vor allem, bei aller Akribie bei der Arbeit, das verbleibt als Eindruck von David Lynch. Und, gar nicht einmal im unangenehm aufstoßendem Sinne, eher als reiner Fakt, klar wird auch, dass da einer um sich, seine Gedankenwelt und seine Projekte je ausschließlich kreist. So kann der Leser nicht ohne Grund den Eindruck erhalten, dass sich Lynch einerseits vom Moment persönlicher Freiheit getrieben sieht (die hohe Erleichterung der künstlerischen Unabhängigkeit, die irgendwann eintritt, ist den Zeilen dicht anzumerken) und, zum anderen, dass sich der Regisseur intensiv in seine Projekte einlässt, diese atmet und lebt. Davon künden die vielfachen Erinnerungen im Buch von Schauspielern, Schauspielerinnen und Filmcrews, man könnte aber gar meinen, davon künden auch die privaten Beziehungen, Liebeleien, Ehen des Mannes, die interessanterweise mit den konkreten Frauen je während und durch ein Projekt entfachen und dann irgendwann verglühen, wenn das nächste Projekt die Konzentration wieder völlig bannt. Und auch wenn sich am Ende David Lynch gerade durch seine breiten Erinnerungen, die oft doch äußerlich bleiben, immer auch ein Stück entzieht, informativ ist das durchaus, was das Werk mitzuteilen versteht. Dieses oft und oft erkennbare assoziative Angehen, das Lynch eigen ist. Das Finden kongenialer Partner wie Dino de Laurentis oder, ganz wichtig, dass als hoch kreativ im Buch beschriebene Arbeiten mit Mark Frost. Einer kongenialen Gemeinsamkeit, der nicht nur „Twin Peaks“ entsprungen ist. „Dieses eher unkonventionelle Material schaffte es nicht zuletzt deshalb ins Network-Fernsehen, weil Frost sich in dieser Welt auskannte……verstand er Rhythmus und Grenzen dieses Mediums...:“. Wobei dies nur einen kleinen Teil des Schaffens David Lynchs darstellt. Der mit „Blue Velvet“ einen hohen Erfolg vorher bereits verzeichnete (was im Buch ausführlich, bis hin zum überschwänglichen, persönlichen Lob durch Elizabeth Taylor auf einer Oscar-Party minutiös erzählt wird). Lynch selbst verfasst seine Erinnerungen im Buch dabei einfach, klar und direkt, souverän scheint der Mann mit sich, seinem Werk und seinen Haltungen in eins zu sein. Und lässt doch durchklingen, dass die Nähe zwischen „heiler Welt“ und „Unglück durch Gewalt“ jene beiden Seiten der Medaille darstellen, mit der Lynch die Welt sieht und erklärt. So dass weder der Zuschauer seiner Filme noch der Leser dieser Biographie je ganz sicher sein kann, was als nächstes passiert und wie es wirklich innerlich in den Personen aussieht. Ein zunächst eher unspektakulär wirkendes und äußerlich daherkommendes Werk, in dem sich aber im Hintergrund erkennbar die Motive der Selbstwerdung und persönlichen Befreiung (im persönlichen und künstlerischen Sinne) vollziehen. Beides Grundelemente der Person des David Lynch, die sich in und durch seine Arbeit entfaltet haben.

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