Leserstimmen zu
Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Gabriele Tergit

(2)
(2)
(0)
(0)
(0)
€ 11,00 [D] inkl. MwSt. | € 11,40 [A] | CHF 16,90* (* empf. VK-Preis)

Gabriele Tergits Buch mit dem etwas sperrigen Titel "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" erschien ursprünglich 1931 im Ernst Rowohlt Verlag. 1933 emigrierte die jüdische Journalistin mit ihrer Familie nach Palästina, nachdem sie nur knapp einem Überfallkommando der SA entgangen war. Als ehrliche und pointierte Prozessberichterstatterin war sie auf sehr dünnes Eis geraten. Ihr Roman spielt 1929/30, eine unterschwellige Bedrohung liegt zwar in der Luft, aber noch suchen die Zeitungen verzweifelt nach Schlagzeilen. Die Berliner Rundschau veröffentlicht einen Artikel über den mittelmäßigen Varietesänger Käsebier, die anderen Berliner Zeitungen ziehen nach. Aus dem unbekannten Schlagerträllerer wird ein Medienstar, die Ufa dreht einen Film, es wird eigens ein Theater gebaut, es gibt Bücher, Staubtücher, Zigaretten, Gummipuppen mit dem Konterfei Käsebiers, die Massen pilgern zu seinen Auftritten. Bis, ja, bis die Saison zuende ist, der Ufa-Film floppt und die Massen weiterziehen zum nächsten vermeintlichen Superstar. Was zurück bleibt, ist verbrannte Erde. Der Pleitegeier schwebt über allen, die zuviel investiert haben in die angeblich sichere Sache und nur die, die nach oben katzbuckeln und nach unten kräftig treten entkommen dem Ganzen wohlbehalten und womöglich sogar reicher als zuvor. Das ist heute noch genauso aktuell wie damals. In Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" macht man sich genau diese Abläufe zu Nutzen. Filtert aus den Unerfolgreichen, den Möchtegerns den mit der breitesten Publikumszustimmung, hypt ihn für eine Saison und lässt ihn fallen für den nächsten Kandidaten. Eine Verbrennungsmaschinerie ohne Herz und Verstand. Gabriele Tergit versteht es sehr gut das Atemlose, Schnelle der Zeitungswelt zu vermitteln. Kein Wunder, waren ihr die Abläufe, die Themen in den Redaktionen ja zutiefst vertraut, hatte sie ja Vorbilder, auf die sie bei der Gestaltung ihrer Charaktere zurückgreifen konnte. Aber gleichzeitig portraitiert sie auch vortrefflich die Naivität der Menschen, den Wunsch, den Schein zu wahren in einer untergehenden Welt, was dazu führt, dass man beispielsweise trotz drohender Insolvenz den Frankreichurlaub nicht absagt- denn, was würden die Leute nur denken? Für den heutigen Leser interessant und bisweilen auch witzig zu lesen ist der Berliner Slang der 30iger Jahre. An diesen umgangssprachlichen Sätzen erkennt man,wie sehr sich Sprache und Haltung seitdem verändert haben. Nicht jedoch die Machtmechanismen in Geschäftswelt und Politik, das Bestreben erst die eigenen Pfründe zu retten. Und das macht dieses Buch definitiv lesenswert, auch aus heutiger Sicht. Das Nachwort von Nicole Henneberg erhellt ein wenig die Hintergründe des Romans. Sie erzählt vom Leben der Tergit, erzählt von den Umständen der Zeit und darüber, welche Menschen Pate gestanden haben könnten für einige der Charaktere im Buch. Vielleicht hätte man aus dem Nachwort ein Vorwort machen sollen, aber grundsätzlich steht der Roman auch für sich allein. Ein Fenster in eine vergangene Zeit und Welt, das uns aus heutiger Zeit aber zeigt, wie wenig sich manches ändert und das unsere Zeit so modern eigentlich gar nicht ist. Ich danke dem btb-Verlag herzlich für das Leseexemplar.

Lesen Sie weiter

Meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger vom Blog Sätze und Schätze ist schuld: nachdem sie Käsebier erobert den Kurfürstendamm auf dem Blog empfahl, wurde ich neugierig und beschaffte mir flugs den Roman, dessen Autorin mir zuvor völlig unbekannt war. Und schon konnte die Reise ins brodelnde Berlin der 1930er Jahre beginnen. Gabriele Tergit (1894-1982), heute mehr oder minder vergessen, hat mit ihrem Käsebier einen Roman vorgelegt, der wie gemacht für unsere Tage scheint. Ausgangspunkt ist jener Georg Käsebier, ein mediokrer Sänger, der im Berliner Außenbezirk der Hasenheide in einer Art Varieté die Zuhörer mit Lieder wie etwa Mensch muss Liebe schön sein oder Wie soll er schlafen durch die dünne Wand? unterhält. Normalerweise würde sich für diesen im wahrsten Wortsinne cheesy Sänger Käsebier niemand interessieren, wenn die Berliner Rundschau nicht dringend Schlagzeilen bräuchte. Der redaktionelle Trott verlangt nach Auflockerung und Schlagzeilen – und da kommt jener Käsebier gerade recht. Nach einer ersten euphorischen Jubelrezension setzt schon bald ein Run auf den Sänger aus der Hasenheide ein. Systematisch beginnt die Hauptstadtpresse den mittelmäßigen Mann hochzuschreiben, eine Jubelarie jagt die nächste. Ein Run setzt ein, und jeder möchte ein Stück vom Käsebier-Boom abhaben. Presse, Bauspekulanten, gewiefte Unternehmer – alle setzen auf Käsebier, dem sogar eine internationale Karriere zugetraut wird. Liest man sich in jenes Käsebier-Berlin hinein, kommen einem gleich andere Referenztitel in den Sinn. Tergits Buch gehört in die Reihe zu Erich Kästners Fabian, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz und Hans Falladas Kleiner Mann, was nun?. In einer flirrenden und dialoggetriebenen Sprache erschafft Gabriele Tergit ein pulsierendes Berlin voller eindrücklicher Charaktere. Sie zeigt eine Welt im Wandel, in der Zeitungen um die Deutungshoheit und das wirtschaftliche Fortbestehen kämpfen müssen, in der zunächst Wohnungsnot herrscht, dann aber der ganze Bauboom zu einem Platzen der Immobilienblase führt. Höchst aktuelle Themen also, die man in ihrem Roman entdeckt, und der eine Epoche wieder zum Leben erweckt, die uns näher ist, als so manchem lieb sein kann. Im aktuellen Boom der historischen Berlin-Stoffe (man denke nur an den durchschlagenden Erfolg von Tom Tykwers Serienadaption Babylon Berlin der historischen Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher) ist Tergits Roman eine orginelle Wiederentdeckung, die nicht immer ganz leicht zu lesen ist, die aber die geneigten Leser und Kenner der Neuen Sachlichkeit durchaus überzeugen kann. Das pulsierende Zwischenkriegsberlin ist genauso eindringlich gestaltet wie die Szenen, die vom Inneren einer Zeitung der 30er Jahre berichten. Für mich ist es die gelungenste Szene des ganzen Romans, als Tergit beschreibt, wie in der Setzerei aus den einzelnen Artikeln und Lettern schlussendlich durch die kundigen Hände von Metteuren und Co eine Tageszeitung entsteht. Hier zeigt sich Gabriele Tergits beruflicher Hintergrund. Sie war nämlich selbst als Journalistin tätig, unter anderem beim Berliner Tageblatt, ehe sie vor den Nazis flüchten und emigrieren musste. Das informative Nachwort von Nicole Henneberg beleuchtet dazu die Entstehung des Romans und die biographischen Hintergründe von Gabriele Tergit genauer. Sie liefert lesenswerte Informationen und weist unter anderem darauf hin, dass einige der auftretenden Personen tatsächlich an historisch verbürgte Journalisten angelehnt sind. Dies sorgt für eine Abrundung des Romans. Verdient hätte es Käsebier erobert den Kurfürstendamm auf alle Fälle, in der oben genannte Reihe der bekannten Werke der Weimarer Republik Aufnahme zu finden. Tergits flirrendes und pulsierendes Berlin-Gemälde ist vielschichtig und eindringlich – Zeit wird es, dass sie wieder gelesen wird!

Lesen Sie weiter

Faszinierend aktuell ist noch heute der Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" von Gabriele Tergit, der jetzt im Oktober beim btb-Verlag als Taschenbuch erschien. Doch stammt der gesellschaftskritische Bestseller der bekannten Berliner Journalistin und ersten deutschen Gerichtsreporterin schon aus 1931, wurde erst 1975 wiederentdeckt und seitdem alle paar Jahre neu aufgelegt. In ihrer Satire beschreibt Gabriele Tergit äußerst facettenreich und detailgenau das Leben und Treiben im Berlin des Jahres 1929. Es geht um die wachsende Macht der Medien und die zerstörerische Macht des Geldes mit gleichzeitigem Niedergang von Ehre und Moral, Anstand und Bildung. Aus Mangel an interessanten Meldungen veröffentlicht Redakteur Gohlisch in der Berliner Rundschau einen Artikel über einen eigentlich talentlosen Varieté-Künstler namens Käsebier. Andere Zeitungen stürzen sich aufs Thema und pushen Käsebier schnell zum Superstar hoch. Sofort greift das Merchandising: Es gibt Käsebier-Gummipuppen, Käsebier-Staubtücher, Käsebier-Zigaretten, Käsebier-Schuhe und mehr. Käsebier singt auf Schallplatte, es folgt ein UFA-Film und sogar ein Singspiel. Alle Branchen wollen teilhaben an Käsebiers Erfolg. Doch nicht Käsebier ist die Hauptperson in Tergits Roman, sondern die auf dem Vulkan tanzende Berliner Gesellschaft kurz vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und der nachfolgenden Nazi-Herrschaft. Es ist das letzte Jahr der angeblich so Goldenen Zwanziger. „Geist? Wer will Geist? Tempo, Schlagzeile, das wollen die Leute. Amüsement, jeden Tag eine andere Sensation, groß aufgemacht", stellt Redakteur Gohlisch fest. In kurzen Sätzen und noch kürzeren, oft Gedanken überspringenden Dialogen zeigt Tergit die Schnelllebigkeit, die Suche nach Sensationen, zugleich aber oft geistlose Oberflächlichkeit des alt- und neureichen Berliner Großbürgertums bei Hausgesellschaften und Premieren. Bankier Muschler steht kurz vor der Pleite, aber mit Frau Gemahlin fährt er - der Schein muss gewahrt bleiben - wieder nach Cannes, wozu er Kundengelder verurtreut. Muschler und der korrupte Bauunternehmer Otto Mitte ("Ein bißchen korrupte Genialität ist besser als korrekte Unfähigkeit.“) wollen ihr Stück vom Käsebier-Hype und bauen am Kurfürstendamm einen Komplex mit Theater, Läden und überteuerten Wohnungen. Doch Käsebiers künstlich geschaffener Stern sinkt, der Superstar erweist sich als Luftnummer. Die Käsebier-Gummipuppe wird von der Gummi-Mickeymaus abgelöst. Die Weltwirtschaftskrise gibt den Rest. Die Unternehmer retten ihr Vermögen ("Es war eben viel bequemer, mit Schulden in die Schweiz zu ziehen als zu verarmen."), die Mittelschicht und die Kleinen verlieren es. Es kommt zu Zwangsversteigerungen: Berlin wird verramscht. "Hat nichts Bestand? Ist alles Mist, was wir gemacht haben?" fragt sich Geheimratstochter Kohler. Redakteur Gohlisch verkürzt folgerichtig seinen jahrelang gebrauchten Standardgruß "Heil und Sieg und fette Beute!" zeitentsprechend in „Heil und Sieg!" und ergänzt "Fette Beute gibt’s nicht mehr.“ Es ist überraschend und zugleich beängstigend, wie aktuell Tergits Roman noch heute ist. An vielen Stellen gefriert einem das Lachen im Gesicht. Die Zeiten ändern sich, wir Menschen anscheinend nicht. Ich kann diesen Roman unbedingt empfehlen!

Lesen Sie weiter

Ein Hype, Merchandising, eine Blase … von den Machenschaften in der Zeitungsbranche, Pfusch am Bau, schnelles Geld auf Kosten anderer, davon und von noch viel mehr handelt das Buch von Gabriele Tergit: „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“. In atemloser Sprache, so schnell geschrieben wie gesprochen – meist sind es Dialoge oder die Schilderung der Ereignisse im Telegrammstil. Berliner Schnauze wechselt ab mit dem dünkelhaften Getue der High Society. Der Plot ist so einfach wie verblüffend. Aus Verlegenheit, unbedingt auf der ersten Seite einer Berliner Tageszeitung einen Aufhänger zu bringen, wird über einen stümperhaft singenden Schlagersänger – mit Namen Käsebier – berichtet, als wäre es Caruso persönlich. Eine Welle der Werbung, der Vermarktung bis hin zum Bau eines eigenen Theaters für Käsebier am Kurfürstendamm, wird losgetreten. Das Gemauschel, die Absprachen, die Profiteure, man kann es sich lebhaft vorstellen. So läuft es ab hinter den Kulissen der Macht und der Kommunalpolitik. Man denke nur an den neuen Berliner Flughafen und andere verpfuschten Projekte der letzten Zeit. Aber – die ganze Chose spielt 1929 folgende, geschrieben von einer jungen Gerichtsreporterin, veröffentlicht 1931! Nicht zu fassen, wie aktuell dieser alte Roman ist. Ein Leckerbissen auch für Kulturhistoriker und alle, die gerne lebendig über vergangene Epochen lesen. Hier wird ein pulsierendes Berlin am Ende der „roaring twenties“ geschildert, das ich noch nie so plastisch woanders gefunden habe. Alles ist eben aus erster Hand! Dem Schöffling-Verlag ist es zu verdanken, dass der Roman, der zu seiner Zeit sehr erfolgreich war, in den 50iger Jahren aber ziemlich schnell wieder in der Versenkung verschwand, wieder ans Licht gehoben wurde. Unbedingt lesenswert, sehr unterhaltsam und nachdenklich machend. Leben wir in ähnlichen Zeiten?

Lesen Sie weiter